MONTAGSFRAGE #113: Wie hoch ist euer Leseanteil in einer Fremdsprache, und warum lest ihr nicht die Übersetzung?

Die heutige MONTAGSFRAGE lässt sich schnell beantworten:

Mein Leseanteil in einer Fremdsprache beläuft sich auf NULL Prozent,
weil ich prinzipiell und ausschließlich Übersetzungen lese.

Die Gründe hierzu liegen für mich auf der Hand, wie ich es in meiner Antwort zu einer der früheren MONTAGSFRAGEN schon formuliert hatte und hier zitieren möchte:

Ich bin und bleibe ein Fremdsprachen-Legastheniker: Französisch hatte ich als Schulfach schnellstmöglich abgewählt, und als beste Note in Englisch konnte ich mit einer 4 „glänzen“. Dafür hat mein Mann ein Faible für Sprachen, war als Austauschschüler in Frankreich, frischte im Rahmen eines Bildungsurlaubes sein „Französisch“ auf und hatte zum Zwecke der urlaubsbedingten Völker-Verständigung auch schon Dänisch und Schwedisch gelernt. So kommt es, dass ich ihn in fremd(sprachig)en Gefilden immer vorschicke, während in der Heimat immer ich voran stürme. Aber ich vermisse auch nichts: Meine Kernkompetenzen liegen definitiv auf anderen Gebieten.

Und obwohl ich so gar nicht sprachaffin bin, finde ich es ganz wunderbar, dass es so viele unterschiedliche Sprachen gibt. Zeugt dies doch von einer immensen kulturellen Vielfalt auf unserer großen, bunten Welt.

So ziehe ich meinen imaginären Hut vor all den talentierten Übersetzer*innen, denen ich es verdanke, auch als Fremdsprachen-Legastheniker an dieser kulturellen Vielfalt teilhaben zu dürfen. Die Arbeit der Übersetzer*innen darf nicht unterschätzt werden: Tragen sie doch eine große Verantwortung am Erfolg eines literarischen Werkes im jeweiligen Land.

Als ich die erste Übersetzung von Edgar Allan Poes Gedicht „Der Rabe“ las, war ich etwas enttäuscht und fragte mich, warum dies nun eines der bekanntesten und beliebtesten Werke von Poe sein sollte. Meine Recherche ergab, dass im Laufe der Jahrzehnte mindestens 10 unterschiedliche deutsche Übersetzungen entstanden sind. So begab ich mich weiter auf die Suche nach einer Fassung, die den von mir erhofften Rhythmus von Sprache und Reime wiedergab, und fand sie glücklicherweise in der Übersetzung von Carl Theodor Eben.

Vor einiger Zeit habe ich zur Anthologie „Nichts als Weihnachten im Kopf“ aus dem Kampa Verlag eine Rezension veröffentlicht. In dieser wunderbaren Anthologie findet sich auch eine meiner liebsten Weihnachtsgeschichten „Das Geschenk der Weisen“ von O. Henry. Schon nach wenigen Sätzen wurde mir klar, dass es sich hier um eine Neu-Übersetzung (von Regina Roßbach/ 2019) handeln musste. Dabei erscheinen die Veränderungen zur älteren Übersetzung von Theo Schumacher aus dem Jahre 1994 nur marginal. Aber gerade diese kleinen Feinheiten nehmen Einfluss auf den Tonfall der Geschichte, bringen diese sprachlich zum Funkeln und würden mich somit immer die ältere Übersetzung wählen lassen,…

…und so trägt die Qualität der Übersetzung eine nicht unerhebliche Rolle, ob ich besagte Geschichte für eine meiner Lesungen auswähle, und sie mich so zu einer flüssigen Interpretation animiert.

…und bevorzugt Ihr das Original, oder greift Ihr doch eher zur „Fälschung“??? 


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

4 Kommentare zu „MONTAGSFRAGE #113: Wie hoch ist euer Leseanteil in einer Fremdsprache, und warum lest ihr nicht die Übersetzung?

  1. Hallo Andreas,
    beim Thema Übersetzungen/ Übersetzer vergleichen bist du mir definitiv weit voraus 😉 Ist aber definitiv ein interessanter Punkt, dem ich vielleicht auch mehr Zeit widmen sollte, wenn ich nach deutschen Übersetzungen schaue. Bei mir ist es häufig so, dass ich schon froh bin, wenn ich für meine „Wunschkandidaten“ überhaupt Übersetzungen finde, weil die Bücher manchmal doch recht unbekannt sind. Aber ich gebe dir definitiv recht, mit der Qualität einer Übersetzung steht und fällt einiges. Lese momentan auch mal wieder ein Buch auf Deutsch und „bereue“ es fast ein wenig, es nicht im Original (Englisch) gelesen zu haben, weil die Übersetzung meiner Meinung nach das reinste Durcheinander ist. Da war ich wirklich enttäuscht.

    Tatsächlich lese ich recht viel in anderen Sprachen, sei es weil es keine Übersetzung gibt, weil ich zufällig schneller an die nicht-Deutsche Ausgabe gekommen bin, oder aus Preis- / optischen Gründen. Und manchmal auch, um mein Sprachverständnis zu verbessern, was dann aber nur auf Sprachen zutrifft, die nicht Englisch sind.

    Liebe Grüße
    Lotti

    Gefällt 1 Person

    1. Moin Lotti!
      Vielen Dank für Deinen netten Kommentar…!

      Ich ziehe hochachtungsvoll meinen (imaginären) Hut vor Dir und Deinem Sprachtalent: Da kannst Du literarisch natürlich deutlich üppiger aus den Vollen schöpfen. Ich hingegen bin und bleibe auf Übersetzungen angewiesen.
      Mein Vergleich von Übersetzungen hatte einen ganz pragmatischen Grund: Ich lese sehr gerne vor! Darum möchte ich nicht behaupten, dass die von mir präferierte Übersetzung auch die ist, die dem Original am nächsten kommt. Es ist einfach die Übersetzung, die mir am besten gefällt und meinem (Vor-)Lese-Stil entspricht.

      Herzliche Grüße
      Andreas

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  2. Guten Tag Herr Kück,
    ooh, so eine interessante Frage. Hier ein paar Überlegungen dazu:
    Ich habe das Glück, gut Englisch zu können und diese Sprache außerdem sehr zu lieben – so lässig, so schwungvoll, so COOL 🙂 – und lese deshalb was ich kann im englischen Original. Alles verstehe ich aber natürlich auch nicht, viele Wörter kenne ich nicht und „überlese“ sie halt einfach, manches muss ich auch zweimal durchgehen, um mitzukommen, je nach Schreibstil der Autorin/des Autors. Stoße ich dann auf die deutsche Übersetzung, ist es häufig so, als würde ich nach Jahren unbemerkter Kurzsichtigkeit plötzlich eine Brille aufzusetzen: Endlich kann ich alle Farben und Details deutlich sehen und erhalte einen vollständigen Eindruck des Romans.
    Diese Hürden führen aber nur selten dazu, dass ich die deutsche Übersetzung zuerst lese: Dazu interessiert mich die Originalstimme desjenigen, der schreibt, einfach zu sehr, und dafür mag ich Englisch einfach zu sehr. Überhaupt: Sprachen. Der unterschiedliche Ton, die Haltung zum Leben, die sich darin ausdrückt, wie und welche Wörter wir verwenden. Übersetzen stelle ich mir genau deshalb so großartig (und so schwer) vor: Wie diese Haltung aus einer Sprache in die andere übertragen? Was ist wichtiger, der genaue Inhalt oder der Klang der Worte? Ist es richtig, Dostojewskis „Schuld und Sühne“ als „Verbrechen und Strafe“ zu übersetzen, weil das dem Originaltitel nun einmal näher kommt – oder verzichtet man auf den biblischen Ton des klassischen Titels, den wir alle kennen? Fragen über Fragen:-) Ich höre jetzt auf.
    Danke für diese gute Montagsfrage, und herzliche Grüße,
    die Flocke

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    1. Moin Flocke!
      …so eine wunderbare Ausführung: Vielen Dank dafür!

      Auch ich habe mich durchaus früher (in einem Land vor unserer Zeit 😄) ans englische Original gewagt. Leider war ich mit mir und dem Text nicht so entspannt wie Du es bist. Bei einem unbekannten Wort konnte ich eben nicht einfach drüber lesen. Vielmehr war ich genervt, habe nachgeschlagen und somit den Lesefluss zerstört (Ich musste sehr viel nachschlagen!). Darum: Ein Hoch auf all die talentierten Übersetzer*innen. Doch ich bin ebenso der Meinung, dass es mit einer 1:1-Übersetzung nicht getan ist. Vielmehr ist der Übersetzer gefordert, von der Geschichte den passenden Ton, die passenden Farben zu wählen, um so die Atmosphäre des Ausgangstextes widerzuspiegeln und die Intension des Autors zu treffen.

      Herzliche Grüße
      Andreas

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