[Rezension] Josephine Tey – DER FALSCHE ERBE

Faszination „Hochstapler“: Es gab sie immer und wird sie auch weiterhin geben – Menschen, die sich für etwas ausgeben, das sie nicht sind. Da wird in andere Berufe und Identitäten geschlüpft – manchmal weniger, oft höchst erfolgreich. Hinter dieser Fassade skrupelloser Lügen bleiben die Hochstapler erschreckend lange unentdeckt. Sollte ihr feingesponnenes Konstrukt dann tatsächlich zusammenbrechen, fragt man sich „Wie konnte es soweit kommen? Warum wurde er nicht schon früher enttarnt? Wie konnten die Menschen im jeweiligen Umfeld nur so dumm sein, um darauf reinzufallen?“

Es sind Fragen, die durchaus berechtigt erscheinen. Aber ist es nicht genau das, was uns auf diese charmanten und phantasievollen Persönlichkeiten, die außerhalb jeglicher Moral operieren, hereinfallen lässt: Der schöne Schein! Niemand von uns ist davor gefeit, sich blenden zu lassen, da wir eine innere moralische Hemmschwelle haben und voraussetzen, dass diese auch bei unserem Gegenüber vorhanden ist. Und wie sollten wir auch als Mensch und Gesellschaft weiter miteinander interagieren, wenn wir voller Misstrauen alles und jede*n hinterfragen müssten?

Der schöne Schein! Funktionieren Teile der modernen Blogger- und Influencer-Szene nicht genau nach diesem Prinzip? Filter drauf und aus dem grauen Mäuschen wird eine Beauty-Queen, KI bemüht und der Gernegroß präsentiert seinen Sportwagen.

Auch in der Literatur finden sich höchst faszinierende Hochstapler, sei es DER HAUPTMANN VON KÖPENICK von Carl Zuckmayer (1931), Thomas Manns BEKENNTNISSE DES HOCHSTAPLER FELIX KRULL (1954) oder auch Patricia Highsmiths DER TALENTIERTE MR. RIPLEY (1955), dem sie noch vier weitere Romane widmen sollte.

Doch Josephine Tey lässt ihren Held Brat Farrar in DER FALSCHE ERBE (1949) aus der Reihe der Archetypen herausstechen. Ihr Hochstapler zeigt Skrupel gegenüber denen, die er zu täuschen versucht…

Latchetts, ein Anwesen in Südengland, das seit mehr als dreihundert Jahren von der wohl­habenden Familie Ashby bewirtschaftet wird. Als der letzte Herr von Latchetts und seine Frau bei einem tragischen Flugzeugunglück ums Leben kommen, hinterlassen sie fünf Kinder. Die zwei ältesten, die Zwillinge Patrick und Simon, sind dreizehn Jahre alt; der wenige Minuten früher geborene Patrick soll einmal alles erben. Doch kurz nach dem Tod der Eltern verschwindet er, auf einer Klippe findet man seine Kleidung und einen Abschiedsbrief. Die Familie versucht, ihren Frieden mit seinem Entschluss zu machen, mit der Zeit verblassen die Erinnerungen an den tragischen Tag – bis Jahre später, kurz vor der Volljährigkeit Simons, ein charmanter junger Mann auftaucht, der dem künftigen Erben zum Verwechseln ähnlich sieht und behauptet, Patrick zu sein. Er kennt Details aus der Vergangenheit der Familie und jeden Zentimeter des Anwesens. Alle glauben, dass der Mann Patrick ist. Alle, bis auf Simon.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Keine Unsicherheit, kein Zweifel, keine falsche Fährte: Von Anfang an spielte Josephine Tey mit offenen Karten und weihte mich, ihren Leser in die wahre Identität des Hochstaplers ein. Ich wusste, welche Person sich wirklich hinter der Fassade des vermeintlichen Patrick Ashby verbarg. So machte sie mich zum stummen Verbündeten in dieser Scharade. Schmälerte dies etwa die Spannung in der Geschichte oder meine Freude an der Lektüre? Nein, ganz im Gegenteil! Ich begleitete Brat Farrar auf Schritt und Tritt, wie er sachte in das Familienleben der Ashbys involviert wurde.

Tey strickte um ihn eine so raffinierte Biografie, die sein Handeln nachvollziehbar, ja sogar entschuldbar machte. Sie zeichnete das Bild eines einnehmenden Charakters, bei dem mir nichts anderes übrig blieb, als ihm meine volle Sympathie zu schenken. Ihr Hochstapler ist eloquent, empathisch, mitfühlend und mit einem wahrhaftigen Interesse an seinen Mitmenschen ausgestattet. Somit war ich gänzlich auf Brad Farrars alias Patrick Ashbys Seite und zitterte gemeinsam mit ihm bei jeder Situation, bei der die Gefahr bestand, dass seine Tarnung auffliegen könnte.

Gleichzeitig schwebten immer die nicht unwesentlichen Fragen über der Szenerie, die sie in eine flirrende Unsicherheit tauchten: Was passierte wirklich mit dem wahren Patrick Ashby? War er tatsächlich durch einen Selbstmord ums Leben gekommen, oder hatte er diesen inszeniert, um unterzutauchen? Oder war er Opfer eines gewaltsames Todes, und wer aus seinem näheren Umfeld war daran beteiligt?

Josephine Tey erwies sich abermals als scharsinnige Erzählerin, die ungewöhnliche und vielschichtige Charaktere schuf. Sie spannte ein feines Netz aus Andeutungen, Vermutungen und Ahnungen, in dem ich mich als Leser heillos verfing. Ein Entkommen war mir nicht möglich, und so ließ ich mich dank ihrer exzellenten Erzählkunst durch eine spannende Handlung bis zum unausweichlichen „Grand Finale“ treiben.


erschienen bei OKTOPUS (Kampa) / ISBN: 978-3311300861 / in der Übersetzung von Harry Kahn & Christina Müller
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

Hinterlasse einen Kommentar