[Rezension] Ethel Lina White – DIE FRAU IM ZUG

Der „Master of Suspense“ Alfred Hitchcock griff bei der Wahl seiner Film-Sujets gerne auf literarische Vorlagen zurück. So entstand u.a. einer seiner bekanntesten Stummfilme DER MIETER/THE LODGER (1927) nach einem Roman von Marie Adelaide Belloc Lowndes. Seine DIE 39 STUFEN/THE 39 STEPS (1935) nach dem gleichnamigen Roman von John Buchan erfreuen sich auch Jahre später als aberwitzige Bühnenfassung großer Beliebtheit. Auch Daphne Du Mauriers Roman REBECCA (1940) schaffte es dank Hitchcock auf die große Kinoleinwand. Und auch der Roman IMMER ÄRGER MIT HARRY/THE TROUBLE WITH HARRY von Jack Trevor Story amüsiert das Publikum weiterhin als schwarzhumorige Filmkomödie (1955).

Nur zwei Jahre nach Erscheinen des Romans EINE DAME VERSCHWINDET/ THE LADY VANISHES von Ethel Lina White nahm sich Alfred Hitchcock dieser Geschichte an und schuf daraus den gleichnamigen Mystery-Thriller (1938).

Warum nun der Dörlemann-Verlag bei der aktuellen Neuauflage des Romans den eher neutralen Titel DIE FRAU IM ZUG wählte (Die vorliegende Übersetzung von Leni Sobez erschien bereits im Jahre 1996 unter dem bekannten Titel im Heyne Verlag), wird wohl ein Mysterium bleiben.

Die junge Urlauberin Iris Carr unterhält sich im Zug nach Triest mit der wie sie aus England stammenden Gouvernante Miss Froy. Doch als Iris nach einem kurzen Schläfchen aufwacht, ist die Mitreisende verschwunden, und deren ehemalige Arbeitgeberin, die im selben Zug reist, bestreitet, sie je darin gesehen zu haben. Bald zweifelt Iris, die vor der Abreise einen Sonnenstich erlitten hat, an ihrem eigenen Verstand. Aber sie sucht weiter nach der verschwundenen Frau, und allmählich wird klar, dass auf dieser Reise etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Es beginnt eher unspektakulär: Die reiche und verwöhnte Weise Iris Carr verbringt gemeinsam mit ihren „Freunden“ den Sommerurlaub in einem Berg-Hotel irgendwo in Europa. Diese Meute junger Menschen frönt dem guten Leben, nervt mit ihrer Oberflächlichkeit und verärgert durch ein unverschämtes und rücksichtsloses Verhalten sowohl ihre Mit-Gäste als auch das Hotelpersonal. Ausgerechnet die Gönnerin dieser Meute Iris Carr verspürt überraschenderweise den Wünsch nach Ruhe und ist dieser Meute überdrüssig. So bleibt sie alleine im Hotel zurück, um mit dem Zug erst am nächsten Tag abzureisen. Gegenüber den noch anwesenden Gästen verhält sie sich so wenig taktvoll, dass sie deren Unmut erregt. Doch eben jenen Menschen wird sie später im Zug wieder begegnen.

Da hatte ich bereits 100 Seiten gelesen, und es war bisher nichts Spektakuläres passiert. Oft hätte ich an diesem Punkt der Lektüre abgebrochen. Doch irgendwie spürte ich, dass die Autorin Ethel Lina White diesen langen Vorlauf bewusst verfasst hatte, um die Reaktionen der Personen auf die nachfolgenden Geschehnisse zu begründen. Ich sollte Recht behalten. Unsere Heldin wie auch die Nebenrollen werden gar wunderbar charakterisiert und liefern uns so glaubhafte Begründung auf ihr späteres Verhalten im Zug. Warum sollten sie Iris diese irrwitzige Geschichte einer verschwundenen Frau glauben, wo dieses verwöhnte Balg schon im Hotel so unhöflich ihnen gegenüber war? Zudem haben alle Mitreisende höchst persönliche Beweggründe, sich nicht in diese fragliche Entführungsgeschichte hineinziehen zu lassen.

Raffiniert spielt die Autorin mit den Tücken der objektiven Wahrnehmung: Im Laufe der Handlung war auch ich mir nicht mehr sicher, ob die besagte Miss Froy tatsächlich „real“ existiert, oder ob sie als Trugbild dem durch einen Sonnenstich in Mitleidenschaft gezogenem Gehirn von Iris entsprungen war – zumal alle logisch erscheinenden Indizien dagegen sprachen. White kreierte ein im Krimi gern bemühtes Setting, das auch diesmal seine Wirkung nicht verfehlte, und schuf durch die ablehnende Haltung der Mitreisenden gegenüber unserer Heldin eine beklemmende Atmosphäre. So spitzten sich die Ereignisse weiter zu und nahmen schnell an Fahrt auf, ebenso wie der Zug, der rasant durch die Landschaft raste, um pünktlich seinen Zielbahnhof zu erreichen.

Unvermittelt schwenkte die Autorin den Fokus auf die Familie von Miss Froy, und schlagartig wurde mir als Leser bewusst, dass sie nicht Iris Phantasie entschlüpft war, sondern tatsächlich in Gefahr schwebte. Diese Gegenüberstellung der angespannten Situation im Zug zu der schlichten Freude Miss Froys Familie auf ein baldiges Wiedersehen hatte etwas Rührendes und zutiefst Menschliches und erhöhte die Tragik.

Iris Carr hatte mit der vehementen Suche nach ihrer Reisebekanntschaft in ein Wespennest gestochert. Und ebenso wie die aufgescheuchten Wespen verhielten sich auch die Menschen im Zug: Während die Verbrecher sich verzweifelt um Vertuschung bemühten, und die unschuldigen Mitreisenden mit ihrem Gewissen kämpften, wagte Iris eine letzten verzweifelte Tat und rettete so Miss Froy das Leben…!

Wir Lesende haben so ein Glück, dass die Verlage die guten klassischen Krimis wiederentdecken: Uns wären so viele spannende Geschichten von tollen Autor*innen wie auch vergnügliche Lesestunden durch die Lappen gegangen.

Das wäre doch äußerst bedauerlich, oder?


erschienen bei Dörlemann (Alibi) / ISBN: 978-3038201960 / in der Übersetzung von Leni Sobez
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

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