

Schallendes Gelächter hallte durch das Haus. Mein Mann öffnete die Tier zu unserem Lesezimmer einen Spalt, spähte herein und fragte „Na, was liest Du denn da, das so witzig ist?“. Ich blickte von meiner Lektüre auf und antwortete lachend „Einen Opernführer!“. Er schaute mich fragend an. Dann hielt ich ihm den Titel des Buches entgegen. Ein Blick genügte, und er schloss verständnisvoll lächelnd wieder die Tür.
Bekanntermaßen war Loriot alias Vicco von Bülow ein großer Freund und Bewunderer der Oper im Allgemeinen und der Werke von Richard Wagner im Besonderen. Doch dieser Umstand ließ ihn weder vor Ehrerbietung zur Salzsäule erstarren, noch fehlten ihm vor Ergriffenheit die Worte. Vielmehr spornte ihn diese Liebe zu humoristischen Höchstleistungen an, getreu dem bekannten und (zugegeben) von mir zurechtgebogenen Motto „Was man liebt, das neckt man!“.
Über viele, viele Jahre war Loriot der Moderator der Berliner Operngala, die nach wie vor jährlich zugunsten der Deutschen AIDS-Stiftung in der Deutschen Oper Berlin stattfindet. Loriots Moderationstexte sollten später als Grundstock für diesen witzigen Opernführer dienen.
Nur noch einige wenige Vorstellungen: Dann ist der letzte Ton gesungen, der Taktstock wird zur Seite gelegt, und der Vorhang fällt zur Sommerpause. Doch für mich ist die Musiktheater-Saison an „meinem“ Stamm-Theater nun bereits beendet. Und so nutze ich diese Rezension auch, um voller Dankbarkeit einen liebevollen Blick auf die vergangene Spielzeit zu werfen. Dank der Original-Texte aus diesem Büchlein erinnerte ich mich abermals an die vielen äußerst unterhaltsam im Theater verbrachten Stunden und kann mir so die nun kommende theaterlose Zeit ein wenig versüßen.
Ein Aufenthalt in Rom ist nur dann ein Gewinn, wenn man sich bei täglichen Unternehmungen nicht überanstrengt. Die Sängerin Floria Tosca beispielsweise und ihr Bekannter, der Kunstmaler Mario Cavaradossi, verhelfen vormittags in der Kirche Sant’ Andrea della Valle einem gesuchten Staatsfeind zur Flucht, ermorden nachmittags im Palazzo Farnese den Polizeipräsidenten und treffen sich abends auf der Engelsburg zur standrechtlichen Erschießung. Das ist für den Anfang einfach zuviel. Darum endet der Tag auch eher enttäuschend.
Loriot wäre nicht Loriot würde er nicht auch die hehre Kunstform „Oper“ durch die ironisch-schelmische Brille des Humors betrachten. Dabei wirft er einen sehr genauen Blick auf die Sujets, die voller Liebe, Leid, Aufopferung und Entbehrung nur so triefen, und stößt diese vom hohen Sockel der überbordenden Emotionen hinunter auf die Stufe der banalen Normalität. Und plötzlich – nüchtern betrachtet – entwickelt die Tragik eine höchst erfrischende Komik.
Die Teichnixe Rusalka – nach Nixenart halb Frau, halb Fisch – empfindet im Hinblick
auf eine ersehnte Liebschaft mit dem ortsansässigen Prinzen, ihren Unterleib als unzweckmäßig. Nach Rücksprache mit einer sachkundigen Hexe und Umwandlung in eine Menschenfrau versucht sie, dem Prinzen Appetit zu machen. Doch diesem, einem Mann mit feiner Zunge, ist nicht nach Fisch, und Rusalka plumpst mit Schwanz in ihren Teich zurück. Von dort bezaubert sie uns – nun gewissermaßen als Verflossene – mit ihrem Lied „Du lieber Mond“. Übrigens wird das Werk in der Originalsprache gesungen, aber soviel tschechisch werden Sie ja wohl noch können.
Dabei outet sich der Autor mit diesen kleinen, höchst pointierten Inhaltsangaben als versierter Kenner der Materie. Denn nur mit einer fundierten Kenntnis der Opern-Literatur hätte er so spitzfindig wie -züngig und gleichzeitig auf das Wesentliche reduziert die Handlung so gekonnt auf den Punkt bringen können. Und doch spürte ich beim Lesen dieses Ulks auch den tiefen Respekt, den Loriot gegenüber dieser „Kunst der Widersprüche“ hegte.
Dieses Werk hat ein ungewöhnliches Verdienst:
es zeigt die Männer als solche von ihrer dämlichsten Seite. Nur der jugendliche
Liebhaber hat unsere Sympathie, und den singt eine Frau!
Sonderbar: Man gewöhnt sich an alles…
Der Kunsthistoriker und Musikschriftsteller Oskar Bie formulierte in seinem 1913 erschienen Werk „Geschichte der Oper“ sieben Widersprüche. „Die Oper ist die Kunst der Widersprüche.“ äußerte er und meinet damit, dass es für uns völlig selbstverständlich ist, dass wir bei der Oper Unlogik oder auch Irrationales akzeptieren und nicht hinterfragen. Im realen Leben würde eben genau dies für Verwirrung und Irritationen sorgen. Die Oper als Kunstform funktioniert entgegen (oder vielleicht auch vielmehr: aufgrund) aller Widersprüche.
Loriot besaß die Dreistigkeit und beraubte die Opernsujets von all diesem Schnickschnack, und so lachen wir nicht nur über die manchmal allzu hanebüchenen Handlungen. Nein, wir lachen auch über uns selbst, da wir uns diesen Bären haben widerstandslos aufbinden lassen. Doch seien wir ehrlich: Auch bei unserem nächsten Opernbesuch wird sich besagter Bär wieder fest auf unseren Buckel schnüren. Und warum lassen wir es zu? Weil es sooo schön ist, die Grenzen der Logik ausblenden zu dürfen und nichts hinterfragen zu müssen!
Beim Schmökern in den 56 Inhaltsangaben, dem Exkurs „Rund um die Oper“ und einem Interview „“Statt eines Nachworts“ stellte ich mir vor, wie einst der Meister des Humors dies alles mit einem wissenden aber auch verständnisvollen Lächeln zu Papier brachte, während aus den Boxen seiner Stereo-Anlage die holden Töne von Wagners „Götterdämmerung“ flossen und die Fensterscheiben zum Klirren brachten. 🙃🙂
Es blaut die Nacht. Die Sternlein blinken.
Schneeflöcklein leise niedersinken.
Auf Edeltännleins grünem Wipfel
häuft sich ein kleiner weißer Zipfel.
Und dort, vom Fenster her durchbricht
den dunklen Tann‘ ein warmes Licht.
Im Forsthaus kniet bei Kerzenschimmer
die Försterin im Herrenzimmer.
In dieser wunderschönen Nacht
hat sie den Förster umgebracht.
Er war ihr bei der Heimespflege
seit langer Zeit schon sehr im Wege.
So kam sie mit sich überein:
Am Nicklausabend muss es sein.
Und als das Rehlein ging zur Ruh‘,
das Häslein tat die Augen zu,
Erlegte sie – direkt von vor’n
– den Gatten über Kimm‘ und Korn.
Vom Knall geweckt rümpft nur der Hase
zwei-, drei-, viermal die Schnuppernase.
Und ruhet weiter süß im Dunkeln,
Derweil die Sternlein traulich funkeln.
Und in der guten Stube drinnen,
da läuft des Försters Blut von hinnen.
Nun muss die Försterin sich eilen,
den Gatten sauber zu zerteilen.
Schnell hat sie ihn bis auf die Knochen
nach Waidmanns Sitte aufgebrochen.
Voll Sorgfalt legt sie Glied auf Glied
– was der Gemahl bisher vermied –
Behält ein Teil Filet zurück,
als festtägliches Bratenstück.
Und packt zum Schluss – es geht auf vier –
die Reste in Geschenkpapier.
Da dröhnt’s von fern wie Silberschellen.
Im Dorfe hört man Hunde bellen.
Wer ist’s, der in so tiefer Nacht
im Schnee noch seine Runde macht?
Knecht Ruprecht kommt mit goldenem Schlitten
auf einem Hirsch herangeritten!
»Heh, gute Frau, habt ihr noch Sachen,
die armen Menschen Freude machen?«
Des Försters Haus ist tief verschneit,
doch seine Frau steht schon bereit:
»Die sechs Pakete, heil’ger Mann,
’s ist alles, was ich geben kann!«
Die Silberschellen klingen leise.
Knecht Ruprecht macht sich auf die Reise.
Im Försterhaus die Kerze brennt.
Ein Sternlein blinkt: Es ist Advent.
Loriot