
Schlagwort: Loriot (Vicco von Bülow)
[Rezension] Loriot – LORIOTS PETER UND DER WOLF & DER KARNEVAL DER TIERE (Hörbuch)
Es gibt Stimmen, die mit ihrem Klang unwillkürlich ein Lächeln auf meine Lippen zaubern. Loriot hatte so eine Stimme, auf die ich auch noch heute mit positiven Gefühlen reagiere. Da ist es gar nicht nötig, dass ich den gesprochenen Text rein akustisch verstehe. Allein dieses unverkennbare Timbre, die Modulation der Wörter und seine höchst eigene Diktion genügen, um mich in den Zustand einer wohltuenden Erheiterung zu versetzen.
Als versierter Klassik- und vor allem Opern-Liebhaber erstarrte er keineswegs voller Ehrfurcht vor der hehren Hochkultur. Dafür liebte er sie allzu sehr, als dass er sich von einem Zuviel an Ernst den Spaß hätte verderben lassen. Er hatte durchaus Respekt vor Komponist*innen, Kompositionen und Künstler*innen, aber Respekt muss sich ja nicht in ehrerbietiger Zurückhaltung äußern.
Hier nun hat er sich zwei Kompositionen zur Brust genommen, die insbesondere für ein jüngeres Publikum eine wunderbare Möglichkeit darstellen, sich der klassischen Musik zu nähern. Aber auch ein älteres Publikum, zu dem ich mich durchaus zählen würde, wird seinen Spaß an diesen beiden Aufnahmen haben.
PETER UND DER WOLF von Sergei Prokofjew (1982) / Text (frei nach Prokofjiew) & Erzähler: Loriot / English Chamber Orchestra / Dirigent: Daniel Barenboim
HINWEIS: Bei der obigen Aufnahme handelt es sich nicht um Ausschnitte aus der besprochenen CD. Es ist eine ältere Aufnahme und dient nur dazu, einen Eindruck von der Musik zu vermitteln.
DER KARNEVAL DER TIERE von Camille Saint-Saëns (1984) / Text & Erzähler: Loriot / Klaviere: Julius Katchen & Gary Graffmann / Violoncello: Kenneth Heath / London Symphony Orchestra / Dirigent: Skitch Henderson
HINWEIS: Bei der obigen Aufnahme handelt es sich nicht um Ausschnitte aus der besprochenen CD. Es ist eine ältere Aufnahme und dient nur dazu, einen Eindruck von der Musik zu vermitteln.
Nun kann die Fallhöhe bei so bekannten Werken durchaus erschreckend sein. Schließlich haben viele renommierte Orchester unter der musikalischen Leitung bekannter Dirigenten diese Kompositionen bereits eingespielt, und sie wurden von einer stattlichen Anzahl an internationalen wie heimischen Sprecher*innen verschönt. Da haben die geneigten Zuhörer*innen die Qual der Wahl und können ganz nach persönlichem Gusto wählen: Es darf ebenso den Stimmen von David Bowie, Sting, Alice Cooper oder Dame Edna Everage gelauscht werden wie denen von Otto Walkes oder Reinhard Mey. Und selbst Sissi und Franzl aka Romy Schneider und Karl-Heinz Böhm haben jeweils eine eigene Fassung eingesprochen.
Doch Loriot brauchte sich nie um „Fallhöhe“ zu sorgen: Dafür ist er in seiner Kunst der unschlagbare Meister der humoristischen Feinheiten, der sprachliches Vermögen mit literarischer Expertise vereinte. So hat er sich in seiner unnachahmlichen Art den Originaltext von Sergei Prokofjew zur Brust genommen und diesen mit Ingredienzien seines Sprachschatzes gewürzt. Bei Camille Saint-Saëns konnte er weitaus freier agieren bzw. interpretieren. Er hielt sich durchaus an der vorgegebene Reihenfolge bei den Auftritten der Tiere, gönnte uns allerdings eine höchst individuelle Interpretation und verfeinerte diese mit einer Vielzahl an amüsanten Petitessen. Ich hätte nie zu träumen gewagt, dass ich je einen Satz wie „Der Mehlwurm wirft den Schildkröten Kusshändchen zu.“ hören würde, der mich zudem in schallendes Gelächter ausbrechen ließ.
Die Deutsche Grammophon verfügt über ein umfangreiches musikalisches Archiv, und so sind beide Einspielungen auf höchstem Niveau und schenkten mir als Zuhörer den vollendeten Musik-Genuss.
Stellt sich schlussendlich vielleicht nur noch die Frage, ob dies nun ein Hörbuch ist, das mit klassischer Musik untermalt wurde, oder ob ist es sich um eine klassische symphonische Aufnahme handelt, bei der auch ein wenig gesprochen wurde? Für alle, die eine klare Zuordnung benötigen, sei folgendes gesagt: Ich weiß es nicht, und es ist mir auch schnuppe! Fakt ist, dass ich sehr viel Freude an dieser CD hatte.
HINWEIS: In der nächsten Saison wird PETER UND DER WOLF im Stadttheater Bremerhaven beim 3. FAMILIENKONZERT des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven unter der musikalischen Leitung von Hartmut Brüsch und mit dem Schauspieler Kay Krause als Erzähler zu Gehör gebracht.
Bereits im Jahre 2020 stand das Stück auf dem Spielplan des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven: Die Karten waren geordert, doch dann machte der Corona-Lookdown Konzert- und Theateraufführungen unmöglich. Kurzerhand produzierte das Orchester bzw. das Stadttheater Bremerhaven ein Video, das für eine begrenzte Zeit zur Verfügung stand. Damals war ich so dankbar für diese wunderbare Möglichkeit, Kultur erleben zu dürfen. Doch nichts geht über das Live-Erlebnis: Ich freue mich schon sehr auf dieses Konzert!
erschienen bei Deutsche Grammophon / EAN: 0028943964821
[Rezension] NOCH 24 MAL SCHLAFEN. Ein literarischer Adventskalender/ ausgewählt von Ron Mieczkowski
Manchmal ist es recht interessant, die eigene verschriftlichte Meinung aus der Vergangenheit nochmals zu lesen. Da stolperte ich schon so manches Mal über Aussagen, die ich getätigt hatte, die ich heute so nicht mehr – oder zumindest nur in einer abgemilderten Form – äußern würde. Da schmetterte ich doch vor sieben Jahren folgende Worte voller Überzeugung heraus…
„Literarische Adventskalender brauche ich ungefähr so nötig wie eine verschleppte Bronchitis! – Nein, das wäre jetzt übertrieben und klingt, als würden mich „Literarische Adventskalendern“ in irgendeiner Art und Weise emotional berühren. Sie tun es nicht! Sie sind mir schlicht und ergreifend egal! Denn: Warum sollte ich Häppchen konsumieren, wenn ich den ganzen Happen haben kann. Will sagen: Warum sollte ich mir ein Büchlein mit 24 Zitaten Hermann Hesses zulegen, wenn ich für das gleiche Geld einen wunderbaren Gedichtband erwerben kann?“
Treuen Leser*innen meines Blogs wird es nicht entgangen sein, dass ich in den vergangenen Jahren – vornehmlich gerne bei der Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST – auf Anthologien zurückgegriffen habe, die Geschichten mehrerer Autor*innen enthielten. Zwar stand nicht explizit „literarischer Adventskalender“ auf dem Cover, doch das Prinzip war schon sehr ähnlich. Somit senke ich demutsvoll mein Haupt und leiste Abbitte.
In diesem Jahr reiht sich beim Diogenes-Verlag in der langen, erfolgreichen wie kurzweiligen Reihe der Weihnachtsbücher mit NOCH 24 MAL SCHLAFEN ein echter literarischer Adventskalender ein, der sich deutlich von den ironisch-heiteren LAMETTA-Büchern abhebt. Wobei ausgerechnet die ersten drei Geschichten mich bedauerlicherweise nicht packen konnten und beinah meine Vorurteile in Bezug auf literarische Adventskalender noch befeuerten. Dabei maße ich mir nicht an, die literarische Qualität dieser Geschichten anzuzweifeln: Sie trafen schlicht und ergreifend nicht meinen Geschmack.
Aber so ist es nun einmal: Licht und Schatten liegen bei Anthologien oft dicht beieinander. Und vielleicht braucht es auch den Schatten, damit ich als Leser das Licht mehr würdigen kann. Denn bereits die vierte Geschichte WAS DER TEEKESSEL SUMMT von Else Ury katapultierte mich in „die gute alte Zeit“, wo Traditionen gepflegt wurden. Es folgte mit Evelyn Waughs MISS BELLA GIBT EINE GESELLSCHAFT eine bittersüße Erzählung um eine einsame Dame, die ein pompöses Weihnachtsfest plant. Anton Čechov lässt über die Weihnachtstage zwei KNABEN einen absonderlichen Plan schmieden, und Patricia Highsmith erzählt in ZUM VERSAGER GEBOREN die anrührende Geschichte eines stillen Helden. In DAS TRIPTYCHON VON DEN HEILIGEN DREI KÖNIGEN von Felix Timmermans erleben drei absonderliche Kauze an Heiligabend höchst Ungewöhnliches.
Beim Drehbuch zu Loriots Sketch VERTRETERBESUCH brach ich in schallendes Gelächter aus, da ich natürlich beim Lesen die Bilder vor Augen hatte. Doch bereits bei DAS CHRISTKIND von Rainer Maria Rilke liefen mir Tränen der Ergriffenheit über die Wangen, da das Schicksal dieses kleinen Menschenkindes mich so sehr rührte. Kristof Magnusson berichtet in EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE sehr einfühlsam doch ganz unprädiziös von den letzten Tagen im Leben seiner Mutter, und Hans Fallada beschenkt uns in DAS VERSUNKENE FESTGESCHENK mit einer ganz wunderbar warmherzigen Novelle. Und auch Hans Christian Andersen lässt DAS KLEINE MÄDCHEN MIT DEN SCHWEFELHÖLZCHEN von einer schöneren Welt voller Wärme und Licht träumen.
Herausgeber Ron Mieczkowski hat in diesem Büchlein eher die stillen, melancholischen Geschichten versammelt, die zum Innehalten und Nachdenken anregen. Dabei wird die Heiterkeit durchaus auch bedient, allerdings feiner, subtiler und weniger plakativ lärmend. So schlich sich so manche Erzählung eher langsam in mein Herz, um mich dann so sehr zu begeistern, dass ich spontan begann, laut vorzulesen. Dies ist immer ein gutes Zeichen und bedeutet, dass mich das Gelesene vollumfänglich gepackt hat.
Auch in diesem Jahr hat der Diogenes-Verlag mit NOCH 24 MAL SCHLAFEN wieder eine bunte Pralinenschachtel mit literarischen Köstlichkeiten für Nachkatzen zusammengestellt, die eher die Geschmacksrichtung „zartherb“ bevorzugen.
erschienen bei Diogenes / ISBN: 978-3257248197
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!
[Rezension] VIVA LA DIVA. Geschichten von der Oper/ ausgewählt von Silvia Zanovello & Adrian Asllani
🎼 Heute ist der WELTOPERNTAG! 🎼
Vor Jahren bezeichnete ich mich primär als Musical-Fan: Aufführungen von Oper und Operette habe ich „so nebenbei“ besucht. Doch in der Zwischenzeit hat mit der Zahl der besuchten Inszenierungen die Oper gemeinsam mit ihrer kleinen Schwester der Operette das Musical deutlich überholt. Somit würde ich mich nun eher als Fan des Musiktheaters betiteln. Ich liebe das Musiktheater so sehr, da ich hier, wie nirgends sonst, alles um mich herum vergessen kann. Oder wie Elke Heidenreich es in ihrem Beitrag OPER IST AUFRUHR so treffend, so wahr und wahrhaftig beschrieb…
„Ich hatte noch nie eine Koloratur gehört, aber ich habe sofort gefühlt, was das ist: sinnlicher Überfluss, Verschwendung, Tanz mit Tönen. Und ich war schon bei der Ouvertüre wie verwandelt. Ich hörte hier zum ersten Mal Musik im Dunkeln, in diesem Saal, in diesem Augenblick für mich gespielt – was für ein unbeschreiblicher Luxus!“
…und genau diesen Gefühlswirbelsturm empfinde ich ebenso, und es stürmt nie weniger.
Gibt es etwas Aufregenderes als die Oper? Man tritt ein: die goldenen Logen, der rote Plüsch, das Orchester beim Stimmen. Der Vorhang geht auf, und der Alltag verschwindet. Es zählen nur noch die Musik und das Geschehen auf der Bühne. Große Gefühle in Liebesduetten, bei Gefangenenchören und in Sterbearien. Zuletzt der Schlussapplaus, überbrüllt mit Bravo- und Buhrufen.
(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)
Neben Elke Heidenreich meldet sich eine äußerst illustre Schar an Literat*innen aus Gegenwart und Vergangenheit zu diesem Thema zu Wort: Gleich zu Beginn dieser Text-Sammlung gibt uns Donna Leon DREI OPERNTIPPS FÜR EINSTEIGER. Doris Dörrie schildert nachdrücklich wie DER BLAUE MÜLLSACK die Karriere einer Requisite dramatisch beendete. Meister Mozart persönlich lässt uns mit MEINE OPERA GEHT IN SCENA einen Blick in seine Korrespondenz werfen und so erahnen, dass das Leben eines musikalischen Genies nicht immer ein Zuckerschlecken war. Bei Ewald Arenz bricht ein verheerendes FEUER in einem Theater aus und verändert damit das Leben des Protagonisten.
Petra Mosbach erzählt in DER KORREPETITOR von den Höhen und Tiefen dieses Berufes an einem eher kleineren Stadttheater. An die große Pariser Oper mit ihren legendären Geschichten entführt uns Gaston Leroux mit DIE DIVA UND DAS PHANTOM DER OPER. Shelly Kupferberg berichtet in ihrer hinreißenden Geschichte DISSONANZEN über einen öffentlichen Vortrag zum Thema „Kultur und Kritik des Kunstgesangs“, der eine Ehekrise wie auch eine Gerichtsverhandlung nach sich zog. Loriot lässt mit einer gar köstlichen Szene AN DER OPERNKASSE – wie schon so oft – mein Zwerchfell vor Lachen erzittern. Mit dem SCHWANENGESANG beendet Agatha Christie nicht nur diese Anthologie sondern auch eine besondere Aufführung von „Tosca“, bei der auf offener Bühne eine späte aber effektvolle Rache geübt wird.
Auf dem Umschlag des Buches wird mit „einer exklusiven Erzählung von Vea Kaiser“ geworben: Leider konnte gerade diese Erzählung mich nicht gänzlich überzeugen. Wobei ich eh der Meinung bin, dass das Schreiben einer Kurzgeschichte eine Kunst für sich und somit eine besondere Herausforderung darstellt. Vea Kaiser schätze ich dafür umso mehr für ihre wunderbar epischen und warmherzigen Familiengeschichten.
Neben den bereits Genannten gibt es zudem Textbeiträge von E.T.A. Hoffmann, Wolfgang Schlüter, Barbara Villiger Heilig, Irene Diwiak, Mark Twain, Ethel Smyth, Charles Lewinsky, Franz Werfel, Lukas Hartmann und Giulio Zanni zu entdecken.
Die thematischen Anthologien aus dem Diogenes-Verlag sind immer ein Garant für gute und abwechslungsreiche Unterhaltung. Dieses Konglomerat an Geschichten in VIVA LA DIVA spiegelt die Vielfalt der Oper so treffend wieder, mit all ihren Höhen und Tiefen, mit fulminanten Triumpfen und erschreckenden Dramen, mit launigen Anekdötchen und handfesten Skandalen, mit einem verklärten Blick in die Vergangenheit und einem ernüchternden Blick in die Gegenwart (oder auch umgekehrt).
Doch genau dies alles – und noch viel mehr – ist es, was ich an der Oper so sehr liebe!
erschienen bei Diogenes / ISBN: 978-3257248210
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!
APHO·RI·SI·A·KUM…

[Rezension] Loriot – LORIOTS KLEINER OPERNFÜHRER
Schallendes Gelächter hallte durch das Haus. Mein Mann öffnete die Tier zu unserem Lesezimmer einen Spalt, spähte herein und fragte „Na, was liest Du denn da, das so witzig ist?“. Ich blickte von meiner Lektüre auf und antwortete lachend „Einen Opernführer!“. Er schaute mich fragend an. Dann hielt ich ihm den Titel des Buches entgegen. Ein Blick genügte, und er schloss verständnisvoll lächelnd wieder die Tür.
Bekanntermaßen war Loriot alias Vicco von Bülow ein großer Freund und Bewunderer der Oper im Allgemeinen und der Werke von Richard Wagner im Besonderen. Doch dieser Umstand ließ ihn weder vor Ehrerbietung zur Salzsäule erstarren, noch fehlten ihm vor Ergriffenheit die Worte. Vielmehr spornte ihn diese Liebe zu humoristischen Höchstleistungen an, getreu dem bekannten und (zugegeben) von mir zurechtgebogenen Motto „Was man liebt, das neckt man!“.
Über viele, viele Jahre war Loriot der Moderator der Berliner Operngala, die nach wie vor jährlich zugunsten der Deutschen AIDS-Stiftung in der Deutschen Oper Berlin stattfindet. Loriots Moderationstexte sollten später als Grundstock für diesen witzigen Opernführer dienen.
Nur noch einige wenige Vorstellungen: Dann ist der letzte Ton gesungen, der Taktstock wird zur Seite gelegt, und der Vorhang fällt zur Sommerpause. Doch für mich ist die Musiktheater-Saison an „meinem“ Stamm-Theater nun bereits beendet. Und so nutze ich diese Rezension auch, um voller Dankbarkeit einen liebevollen Blick auf die vergangene Spielzeit zu werfen. Dank der Original-Texte aus diesem Büchlein erinnerte ich mich abermals an die vielen äußerst unterhaltsam im Theater verbrachten Stunden und kann mir so die nun kommende theaterlose Zeit ein wenig versüßen.
Giacomo Puccini – TOSCA
Ein Aufenthalt in Rom ist nur dann ein Gewinn, wenn man sich bei täglichen Unternehmungen nicht überanstrengt. Die Sängerin Floria Tosca beispielsweise und ihr Bekannter, der Kunstmaler Mario Cavaradossi, verhelfen vormittags in der Kirche Sant’ Andrea della Valle einem gesuchten Staatsfeind zur Flucht, ermorden nachmittags im Palazzo Farnese den Polizeipräsidenten und treffen sich abends auf der Engelsburg zur standrechtlichen Erschießung. Das ist für den Anfang einfach zuviel. Darum endet der Tag auch eher enttäuschend.
Loriot wäre nicht Loriot würde er nicht auch die hehre Kunstform „Oper“ durch die ironisch-schelmische Brille des Humors betrachten. Dabei wirft er einen sehr genauen Blick auf die Sujets, die voller Liebe, Leid, Aufopferung und Entbehrung nur so triefen, und stößt diese vom hohen Sockel der überbordenden Emotionen hinunter auf die Stufe der banalen Normalität. Und plötzlich – nüchtern betrachtet – entwickelt die Tragik eine höchst erfrischende Komik.
Antonín Dvořák – RUSALKA
Die Teichnixe Rusalka – nach Nixenart halb Frau, halb Fisch – empfindet im Hinblick
auf eine ersehnte Liebschaft mit dem ortsansässigen Prinzen, ihren Unterleib als unzweckmäßig. Nach Rücksprache mit einer sachkundigen Hexe und Umwandlung in eine Menschenfrau versucht sie, dem Prinzen Appetit zu machen. Doch diesem, einem Mann mit feiner Zunge, ist nicht nach Fisch, und Rusalka plumpst mit Schwanz in ihren Teich zurück. Von dort bezaubert sie uns – nun gewissermaßen als Verflossene – mit ihrem Lied „Du lieber Mond“. Übrigens wird das Werk in der Originalsprache gesungen, aber soviel tschechisch werden Sie ja wohl noch können.
Dabei outet sich der Autor mit diesen kleinen, höchst pointierten Inhaltsangaben als versierter Kenner der Materie. Denn nur mit einer fundierten Kenntnis der Opern-Literatur hätte er so spitzfindig wie -züngig und gleichzeitig auf das Wesentliche reduziert die Handlung so gekonnt auf den Punkt bringen können. Und doch spürte ich beim Lesen dieses Ulks auch den tiefen Respekt, den Loriot gegenüber dieser „Kunst der Widersprüche“ hegte.
Richard Strauss – DER ROSENKAVALIER
Dieses Werk hat ein ungewöhnliches Verdienst:
es zeigt die Männer als solche von ihrer dämlichsten Seite. Nur der jugendliche
Liebhaber hat unsere Sympathie, und den singt eine Frau!
Sonderbar: Man gewöhnt sich an alles…
Der Kunsthistoriker und Musikschriftsteller Oskar Bie formulierte in seinem 1913 erschienen Werk „Geschichte der Oper“ sieben Widersprüche. „Die Oper ist die Kunst der Widersprüche.“ äußerte er und meinet damit, dass es für uns völlig selbstverständlich ist, dass wir bei der Oper Unlogik oder auch Irrationales akzeptieren und nicht hinterfragen. Im realen Leben würde eben genau dies für Verwirrung und Irritationen sorgen. Die Oper als Kunstform funktioniert entgegen (oder vielleicht auch vielmehr: aufgrund) aller Widersprüche.
Loriot besaß die Dreistigkeit und beraubte die Opernsujets von all diesem Schnickschnack, und so lachen wir nicht nur über die manchmal allzu hanebüchenen Handlungen. Nein, wir lachen auch über uns selbst, da wir uns diesen Bären haben widerstandslos aufbinden lassen. Doch seien wir ehrlich: Auch bei unserem nächsten Opernbesuch wird sich besagter Bär wieder fest auf unseren Buckel schnüren. Und warum lassen wir es zu? Weil es sooo schön ist, die Grenzen der Logik ausblenden zu dürfen und nichts hinterfragen zu müssen!
Beim Schmökern in den 56 Inhaltsangaben, dem Exkurs „Rund um die Oper“ und einem Interview „“Statt eines Nachworts“ stellte ich mir vor, wie einst der Meister des Humors dies alles mit einem wissenden aber auch verständnisvollen Lächeln zu Papier brachte, während aus den Boxen seiner Stereo-Anlage die holden Töne von Wagners „Götterdämmerung“ flossen und die Fensterscheiben zum Klirren brachten. 🙃🙂
erschienen bei Diogenes / ISBN: 978-3257261738 (diogenes deluxe)
ebenfalls erschienen bei Diogenes / ISBN:978-3257064827 (Hardcover) und ISBN: 978-3257235951 (Taschenbuch)
[Noch ein Gedicht…] Loriot – ADVENT
Es blaut die Nacht. Die Sternlein blinken.
Schneeflöcklein leise niedersinken.
Auf Edeltännleins grünem Wipfel
häuft sich ein kleiner weißer Zipfel.
Und dort, vom Fenster her durchbricht
den dunklen Tann‘ ein warmes Licht.
Im Forsthaus kniet bei Kerzenschimmer
die Försterin im Herrenzimmer.
In dieser wunderschönen Nacht
hat sie den Förster umgebracht.
Er war ihr bei der Heimespflege
seit langer Zeit schon sehr im Wege.
So kam sie mit sich überein:
Am Nicklausabend muss es sein.
Und als das Rehlein ging zur Ruh‘,
das Häslein tat die Augen zu,
Erlegte sie – direkt von vor’n
– den Gatten über Kimm‘ und Korn.
Vom Knall geweckt rümpft nur der Hase
zwei-, drei-, viermal die Schnuppernase.
Und ruhet weiter süß im Dunkeln,
Derweil die Sternlein traulich funkeln.
Und in der guten Stube drinnen,
da läuft des Försters Blut von hinnen.
Nun muss die Försterin sich eilen,
den Gatten sauber zu zerteilen.
Schnell hat sie ihn bis auf die Knochen
nach Waidmanns Sitte aufgebrochen.
Voll Sorgfalt legt sie Glied auf Glied
– was der Gemahl bisher vermied –
Behält ein Teil Filet zurück,
als festtägliches Bratenstück.
Und packt zum Schluss – es geht auf vier –
die Reste in Geschenkpapier.
Da dröhnt’s von fern wie Silberschellen.
Im Dorfe hört man Hunde bellen.
Wer ist’s, der in so tiefer Nacht
im Schnee noch seine Runde macht?
Knecht Ruprecht kommt mit goldenem Schlitten
auf einem Hirsch herangeritten!
»Heh, gute Frau, habt ihr noch Sachen,
die armen Menschen Freude machen?«
Des Försters Haus ist tief verschneit,
doch seine Frau steht schon bereit:
»Die sechs Pakete, heil’ger Mann,
’s ist alles, was ich geben kann!«
Die Silberschellen klingen leise.
Knecht Ruprecht macht sich auf die Reise.
Im Försterhaus die Kerze brennt.
Ein Sternlein blinkt: Es ist Advent.
Loriot




