[Rezension] Vratislav Manák – MIT WITTGENSTEIN IN DER SCHWULENSAUNA. Soziologische Betrachtungen

Ich schäme mich nicht, es offen zuzugeben: Das Cover dieses Buches hatte mich sofort gepackt, noch ehe ich etwas über dessen Inhalt wusste. Da bestaunte ich auf dem Titel ausgiebig die schönen muskulösen Männerkörper in grünen Fluten, bevor mir der Gedanke kam, ich sollte mich vielleicht auch mit dem Geschriebenen im Inneren beschäftigen. „Sex sells!“ eben auch in der Buchbranche, und auch ich bin nicht vor ihm gefeit. Der Inhalt kann in seiner Komplexität aber durchaus mit dem appetitlichen Cover mithalten.

Aspekte schwulen Lebens im heutigen Mitteleuropa: Nicht nur Ludwig Wittgenstein, auch Didier Eribon, Claudio Magris und viele andere stehen Vratislav Manák zur Seite, wenn er männliche Homosexualität im gegenwärtigen Mitteleuropa untersucht und zu deren sexuellen Wurzeln zurückkehrt. Er weist auf, dass Themen, die üblicherweise mit dem Leben schwuler Männer verbunden werden, durchaus Erfahrungen der Mehrheitsgesellschaft entsprechen können. Warum erregt uns das Überschreiten eines Verbots? Wie erleben wir unseren Körper? Und wo verlaufen die Grenzen der Männlichkeit? Antworten sucht Vratislav Manák in sieben delikaten Texten, die soziologische Reportage mit literarischem Essay verbinden. Hierzu besucht er Orte, die als gay spaces bezeichnet werden können, unter anderem in Berlin, Wien und Budapest. Vratislav Manák zeichnet ein vielschichtiges Panorama schwuler Lebenswelten jenseits stereotyper Vorstellungen und lädt mit seinen Essays dazu ein, Identität, Begehren und Kultur neu zu betrachten – mit Offenheit und Neugier.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

In sieben Essays beleuchtet der Autor das schwule Leben im heutigen Mitteleuropa und findet dazu recht unterschiedliche, voneinander abweichende Vorgehensweisen. In seinem Vorwort betont er ausdrücklich, dass „das Buch dreht sich nicht um die queere Identität in der ganzen Vielfalt und Ausprägung, sondern um die männliche Homosexualität. Eine solche thematische Wahl mag heute ein wenig altmodisch wirken; die schwule Identität selbst ist es jedoch keineswegs.“. Und er erhielt meine volle Zustimmung, als er beichtete „Gerade weil die queere Welt nicht eindimensional ist, wollte ich mir keinen Moment lang eine Stimme anmaßen, die mir nicht zusteht.“. Wobei seine benannten Themen nicht nur den schwulen Mann betreffen, sondern durchaus auf Menschen aus unterschiedlichen sozialen Strukturen übertragen werden können: Wie nehmen wir unseren eigenen Körper aber auch fremde Körper wahr? Was macht den Reiz beim Überschreiten von Verbote aus? Kann Männlichkeit zweifelsfrei so klar definiert werden, wie konservativ Denkende es gerne hätten? Bedient der schwule Mann tatsächlich gängige Klischees oder bricht er vielmehr mit ihnen?

Vratislav Maňáks Beiträge speisen sich aus Erfahrungen und Betrachtungen, die er höchst persönlich bei seinen Reisen nach Budapest, Bratislava, Wien, Prag und Berlin machen durfte. Dass solche Texte stets auch eine Momentaufnahme darstellen, beweist der aktuelle politische Wechsel in Ungarn. Einige Beiträge werden dank ihrer literarischen Kraft (Ludwig Wittgenstein/Wien) für einen langen Zeitraum allgemeingültig bleiben, andere wirken eher wie Auszüge aus einem Reiseführer (Prag), die mit Insider-Tipps punkten. Dann bemüht der Autor die griechische Mythologie als Basis für die Situation vor Ort (Bratislava) oder erklärt, wie ein literarisches Werk (LEB WOHL, BERLIN von Christopher Isherwood) den Boden bereiten konnte für die anhaltende Faszination Berlins auf den schwulen Mann.

Beinah anachronistisch wirkte in dieser Runde auf mich Maňáks kurzweiliges Essay über die unverbrüchliche Liebe des schwulen Mannes zur Kunstgattung Oper. Sein Nachwort beschäftigt sich mit der Wahrnehmung und der Einflussnahme schwuler Identität im sozialen Kontext zwischen Popkultur und Populismus und den daraus resultierenden Widersprüchen.

Vratislav Maňák schreibt abwechslungsreich, spannend und informativ, dann schwelgerisch, ausufernd und detailverliebt. Dabei schaut er abwechselnd mal durch die poetische, mal durch die analytische Brille und zeichnet so gekonnt ein vielschichtiges Porträts des schwulen Lebens abseits gängiger Stereotypen.

Gerade in Zeiten, in denen der Rechtsruck so deutlich spürbar ist und immer wieder Versuche unternommen werden, die Rechte, die queere Menschen über Jahrzehnte hart für sich erkämpft haben, einzuschränken, brauchen wir solche Texte, die – in diesem Fall – das schwule Leben in den Fokus rücken. Dinge, die vor einigen Jahren bereits selbstverständlich waren, werden bedauerlicherweise nun wieder in Frage gestellt. Umso wichtiger ist es, dass wir sichtbar bleiben, am besten, indem wir Flagge zeigen – eine Flagge, die in all ihren wundervollen Farben des Regenbogens die Vielfalt feiert. ❤️🧡💛💚💙💜


erschienen bei Karl Rauch / ISBN: 978-3792002438 / in der Übersetzung von Lena Dorn
Ich danke der Presseagentur Politycki & Partner herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!