[Rezension] Simon Van Booy – EINE MAUS NAMENS MERLIN

Die ersten 58 Seiten waren gelesen: Nachdenklich legte ich das Buch zur Seite. Ich war mir nicht sicher, ob ich es bis zum Ende lesen wollte. Ich las von der Monotonie im Leben der Hauptperson, die für mich beinah spürbar war. Detailliert schilderte der Autor ihre tagtäglich sich wiederholenden Rituale. Es gibt wahrlich Spannenderes zwischen zwei Buchdeckeln.

Die ersten 58 Seiten waren gelesen: Ich hatte schon Bücher nach weniger Seiten abgebrochen. Doch in diesem Fall tat ich es nicht. Irgendetwas an dieser Geschichte rührte mich und ließ mich weiterlesen. Ich hoffte, dass es zwischen den Schilderungen des wöchentlichen Einkaufs am Montag, des Anschauens von alten Filmen und des täglichen Bades in der Wanne doch noch mehr gebe – auch im Leben einer reiferen Protagonistin…

Helen Cartwright ist 83 Jahre alt und hat keine großen Erwartungen mehr an ihre Zukunft. Nach sechzig Jahren in Australien kehrt sie in den kleinen Ort in der Nähe von Oxford zurück, in dem sie geboren wurde. Sie kauft ein kleines Haus mit senfgelber Tür und führt ein zurückgezogenes Leben: Jeder Tag eine Wiederholung des vorherigen, als ob es sogar für den Tod eine Warteschlange gäbe. Doch dann nimmt Helens Leben eine plötzliche Wendung, als ein unerwarteter Gast in Form einer gutmütigen Maus auftaucht. Ihre anfänglichen Versuche, die Maus wieder loszuwerden, führen sie in den Tierhandel, die Bibliothek, den Eisenwarenladen. Während die Maus in der Küchenspüle aus einem kleinen Flaschendeckel trinkt, tritt Helen wieder in Kontakt mit ihren Nachbarn – und begibt sich auf eine unerwartete Reise zurück zu sich selbst. Denn egal, was wir für uns geplant haben: Manchmal hat das Leben seine eigenen Pläne.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Auch im Alter muss es doch mehr geben als festgefahrene Rituale, bei denen ein Abweichen von der Norm Unsicherheiten, vielleicht sogar Ängste bei der betroffenen Person auslösen. Ich grübelte. Warum beschäftigte mich diese Geschichte so sehr? Vielleicht weil sie Themen in mir anklingen ließ, über die ich mir selbst bereits Gedanken gemacht hatte. Wie wird es mir im Alter ergehen? Sind meine bisher gepflegten sozialen Kontakte stark genug, um einer Vereinsamung entgegenwirken zu können? Was wird von mir bleiben? Bereits nun ist es an der Zeit, die Weichen für mein Leben im fortgeschrittenen Alter zu stellen. Jetzt ist die Zeit dafür, denn später wäre es zu spät!

Also, was ließ mich an diesem Roman festhalten? Vielleicht war es der Blick in eine Zukunft, die potentiell auch mich ereilen könnte. Es war ein Blick in eine Zukunft, der mich mahnte, rührte und doch auch hoffnungsvoll war.

Simon Van Booy schreibt ruhig und ohne Pathos, dafür empathisch und detailreich. Ich spürte, dass er seine Figuren mochte. Sie sind Individuen, fehlerhaft und menschlich. Inmitten der unaufgeregten Handlung schenkt er unserer Heldin Helen die überraschende Erkenntnis, dass sie bereits vor Jahren mit dem Spinnen ihres ganz persönlichen soziales Netzes begonnen hatte, das sie nun auch im reiferen Alter trägt. Um dies wieder deutlich zu erkennen, braucht es manchmal nur einen kleinen Impuls – und wenn es die Bekanntschaft mit einer winzigen Maus ist.

Und genau dies durfte auch ich – ohne Maus – vor wenigen Monaten erleben: Nach 13 Jahren Abstinenz war ich wieder zu einem Arbeitgeber zurückgekehrt, bei dem ich bereits 13 Jahre gearbeitet hatte. Ich wurde überwältigt von einer warmen Welle der Sympathie, mit der ich empfangen wurde. Es war ein schönes Gefühl, zu spüren, dass auch mein soziales Netz gut geknüpft ist.

Und da wunderte ich mich, dass dieser feinsinnige und warmherzige Roman mich nicht loslassen wollte. Literatur ist dann am wertvollsten, wenn sie mein Innerstes zum Schwingen bringt.


erschienen bei Klett-Cotta / ISBN: 978-3608966787 / in der Übersetzung von Dorothee Merkel
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!