[Rezension] Alan Bennett – Ein Kräcker unterm Kanapee

Vor wenigen Tagen äußerte ich in meiner Rezension zu P.G. Wodehouses „Tausend Dank, Jeeves!“, dass Britten so richtig witzig sein können. Keine Bange, ich möchte diese getroffene Aussage nun nicht etwa revidieren – ganz im Gegenteil: Ich habe hier noch ein weiteres Beispiel als Beleg für die Richtigkeit meiner Aussage. Dabei könnten diese beiden Autoren nicht unterschiedlicher sein: Wodehouse mit Bennett zu vergleichen wäre ungefähr so, als würde ich (um bekannte Beispielen zu bemühen) Jürgen von der Lippe mit Dieter Nuhr messen. Beide haben ihre absolute Berechtigung und sprechen jeweils eine andere Region meines Humorzentrums an, und damit meine ich sowohl die Autoren als auch die Sprach-Humoristen.

Alan Bennett versammelt in diesem Band sechs kleine Geschichten, die für die BBC geschrieben und aufgezeichnet wurden. So wirken sie wie Auszüge aus einem Drehbuch mit einem kurzen Umriss über die jeweils handelnde Person, knappen Beschreibungen des Settings, Hinweisen auf Schwarzblende und dramaturgischen Pausen. So „sehen“ wir in diesen Monologen auch immer nur eine Person vor unserem geistigen Auge. Alle anderen Personen lernen wir durch den Blick des erzählenden Protagonisten kennen. Und dieser Blick ist zwangsläufig sehr subjektiv gefärbten und offenbart vieles von unseren Heldinnen und Helden.

Bennett präsentiert uns eine bunte Palette unterschiedlichster Typen: Da ist der erwachsene Sohn, der seiner leicht demenziellen Mutter missgönnt, dass sie mit Hilfe eines alten Schulfreundes wieder am Leben teilnimmt, und nicht erkennt, dass er sie mehr braucht als umgekehrt. Oder wir lernen die Pfarrersgattin kennen, die Ablenkung vom öden Gemeindeleben sucht und diese zuerst im Alkohol und dann auf der Matratze des Kioskbesitzers findet. Ein Füllfederhalter spielt in der nächsten Geschichte eine entscheidende Rolle, da dieser – einer Waffe gleich – von einer einsamen Frau für das Verfassen von allerlei Beschwerdebriefen benutzt wird, und sie dabei die sensible Grenze zwischen berechtigter Kritik und übler Verleumdung überschreitet. Selbstüberschätzung und der Mangel, die Menschen in ihrem Umfeld realistisch wahrzunehmen, wird einer jungen Möchte-gern-Schauspielerin zum Verhängnis, die sich „ganz Profi“ jegliche Schmach schön redet. Eine Witwe wird nach dem Tod des Gatten zum Spielball ihrer Kinder: zwischen Übervorteilung, Schuldzuweisung und Verschleierung versucht sie verzweifelt den Anschein von Anstand zu wahren, um nicht als tragische Figur zu enden. Ein Kräcker unterm Kanapee wird einer älteren Dame zum Verhängnis, die in ihrem Kontroll- und Putzzwang die Arbeit ihrer Zugehfrau kontrolliert, dabei stürzt und mit gebrochener Hüfte auf dem Boden liegend nicht erkennt, dass sie mit diesem Zwang bisher alle Menschen ihrer näheren Umgebung verscheucht hat.

„Das klingt so ganz und gar nicht witzig!“ könnte man meinen, aber der Eindruck täuscht: Bennetts Witz lauert im Verborgenen und pirscht sich nur ganz leise an die Oberfläche. Allen Protagonisten ist gemein, dass ihnen gänzlich der Hang zum Selbstmitleid fehlt, und sie beinah stoisch die Umstände aushalten. So zeigen die beschriebenen Situationen eine enorme Skurrilität, bieten viel Absurdes und entwickeln aus der scheinbaren Alltäglichkeit ihren Witz.

So war mein Lachen auch weniger ein hemmungsloses Kichern als vielmehr ein verdutztes Schmunzeln über die gelesenen Eigentümlichkeiten des Handlungspersonals, wohl wissend, dass sie in der Realität keine Seltenheit sind.


erschienen bei Wagenbach/ ISBN: 978-3803112682

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