[Rezension] Friedrich Dürrenmatt – Das Versprechen. Requiem auf den Kriminalroman

Am Anfang stand das Wort,…

…und Wort für Wort entstand ein Drehbuch: Im Jahre 1958 lieferte Friedrich Dürrenmatt die Vorlage für den Film „Es geschah am hellichten Tag“ in der Regie von Ladislao Vajda und brachte so in der von Heimatfilmen, Dramen und Musikkomödien dominierten Kinos eine neue Nuance. Die Erzählweise des Films wirkt unaufgeregt, ruhig, beinah spröde. Die Spannung resultiert aus dem fiebrigen Warten auf die bevorstehende Tat, da der Regisseur sich einem Kniff bediente, den sein prominenter Kollege Alfred Hitchcock schon zur Perfektion beherrschte: Suspence – das Publikum weiß immer mehr als der Kriminal! Zudem überzeugte der Film mit einer exzellenten Besetzung bis in die kleinsten Rollen.

Nach einem Vortrag des Ich-Erzählers über das Verfassen von Kriminalromane wird er von Dr. H., dem pensionierten Kommandanten der Kantonspolizei Zürich angesprochen, der seine Ausführung kritisch zu widerlegen versucht. Hierzu lädt er den Ich-Erzähler ein, ihn an die Schauplätze eines realen Verbrechens, das sich vor Jahren ereignet hatte, zu begleiten. Während dieser Fahrt berichtet Dr. H. von dem Fall der kleinen Gritli Moser, die, wie schon zwei Mädchen vor ihr in anderen Kantonen, von einem bis dahin Unbekannten mit einem Rasiermesser ermordet wurde. Schnell erhärtete sich der Verdacht gegenüber dem Hausierer, der die Leiche des Kindes gefunden hatte. Nach einem stundenlangen Verhör gestand er, begann danach in der Zelle allerdings Selbstmord. Alle waren erleichtert, dass dieses brutale Verbrechen so schnell aufgeklärt werden konnte. Nur der scheidende Kommissär Matthäi, der sich schon auf dem Sprung Richtung Delegation nach Jordanien befand, zweifelte an der Schuld des Hausierers und stellte ohne Unterstützung der Polizei eigene Nachforschungen an. Hierzu pachtete er an einer stark frequentierten Straße, die die einzelnen Kantone miteinander verbindet, eine Tankstelle und stellte zusätzlich eine junge Frau als Hauswirtschafterin ein. Ihre kleine Tochter präsentierte er – wie ein rotes Tuch dem Stier – dem Mörder als Köder. Nun blieb ihm nichts weiter übrig, als zu warten…!

Wer den Film kennt und liebt wird über den Roman evtl. überrascht sein. Naja, vielleicht auch nicht…! Dürrenmatt wäre nicht er, hätte er sein Drehbuch einfach 1:1 in einen Roman verwandelt. Zudem er sich vom fertigen Film und seiner Besetzung nicht besonders angetan zeigte und sich ein anderes, realitätsnahes Ende gewünscht hätte. So korrigierte er literarisch die Fehler an dieser Geschichte, die seiner Meinung nach bei der filmischen Umsetzung entstanden sind.

Aber was genau hat er denn nun verändert? Eigentlich nicht viel: Er bleibt der Geschichte in ihrer Grundstruktur treu. Er wechselt „nur“ den Blickwinkel, schaltet das künstliche Licht der Filmstudios aus und betrachtet alles unter Tageslicht. Kommissär Matthäi zeigt sich in seiner Charakterisierung weit entfernt vom Gut-Menschen, offenbart sich als zynisch und verbohrt und wirkt so manchmal beinah unangenehm real. Die jahrelange Auseinandersetzung des Jägers mit dem Psychogram des Gejagten nimmt Einfluss auf seine Persönlichkeitsentwicklung, seine Haltung gegenüber nahestehenden Menschen und seine Stellung innerhalb der Gesellschaft. Die Identität des Mörders bleibt dem Kommissär Zeitlebens verborgen. Diese Gnade des Wissens und die damit verbundene Erlösung werden Matthäi nicht zuteil. Es scheint wie Ironie und darum so bösartig, dass Dr. H., der durch Zufall erfährt, wer für die Morde verantwortlich war und somit die Gründe nennen kann, warum die Mordserie abrupt aufhörte, seinem ehemaligen Mitarbeiter dies verschweigt und dafür umso bereitwillig dem namenlosen Ich-Erzähler Auskunft erteilt.

„Das Versprechen“, den Mörder ihrer Tochter zu finden, das Matthäi der Mutter der ermordeten Gritli Moser gibt, schwebt wie ein Damoklesschwert über das weitere Leben des Kommissärs und lässt ihn in seinem weiteren Handeln manisch vorgehen: Da die Identität des Täters ihm vorenthalten wird, hofft er vergebens auf Erlösung. Dürrenmatt arbeitet gerne mit solchen bildhaften Metaphern, um Personen zu beschreiben oder Situationen zu skizzieren. So lässt er das Mädchen immer wieder in einem „roten Röcklein“ in Erscheinung treten und will mit der Wahl dieser Signal-Farbe nicht nur die offensichtlich blutige Kindestötung symbolisieren sondern deutet auch einen vorangegangenen Missbrauch an. Wie eine immer wieder aufgezogene Spieluhr singt das Kind in einer infantilen Monotonie das Lied „Mariechen saß auf einem Stein“. So wirkte sie auf mich als Leser beängstigend entmenschlicht, vielmehr wie eine Sache, ein Gegenstand, der begehrt wird, eine schöne Spieluhr, die bei allzu grobem Gebrauch durchaus zerbricht…!

Mit diesem „Requiem auf den Kriminalroman“ befreite Dürrenmatt die Vorlage aus der „filmischen Fiktion“. Obwohl ich selbst den Wunsch des Publikums nach Gerechtigkeit und der trügerischen Sicherheit, dass das Böse verliert und das Gute triumphiert, nur zu gut nachvollziehen kann (und ich den Film nach wie vor großartig finde). Bevor ich erstmals den Roman gelesen habe, hatte ich mir zuerst nochmals den Film angesehen und gestehe, dass diese Kombination einen besonderen Reiz auf mich ausübte. Mir schien es beinah, als hätte ich durch die Kenntnis beider Kunstformen ein „allmächtiges“ Wissen erlangt, das ich nicht hätte, wäre mir nur eine von beiden bekannt.

Aber seine „literarische Realität“ als Totengesang zu titulieren halte ich doch für stark übertrieben. Ganz im Gegenteil: Dieser gelungene Kriminalroman rüttelt auf, packte und fesselte mich und ermöglichte mir so neue Blickwinkel auf eine mir schon lange bekannte Geschichte.

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin Ruth Kirschbaum von „hey welt – ich bin’s“.


erschienen bei Diogenes/ ISBN: 978-3257228120

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