Ich halte diese Graphic Novel in den Händen, und während ich lese und mein Blick über die Illustrationen wandert, fröstle ich, und ein unangenehmes Gefühl bemächtigt sich meiner. Ich spüre das Bedürfnis, DER SCHNEE WAR SCHMUTZIG zuzuschlagen und zur Seite zu legen, um mir eine kleine Verschnaufpause zu gönnen. Doch die Faszination an dieser Geschichte ist mächtiger. Wie durch einen Sog werde ich immer weiter in sie hineingezogen. Ein Entrinnen scheint nicht möglich…
Ein namenloses Land, von fremden Truppen besetzt. Der Winter will kein Ende nehmen. Frank Friedmaier wächst als Sohn einer Prostituierten in einem Bordell auf. Der 18-Jährige ist ein Kind seiner Zeit, die geprägt ist von Täuschung und Verrat. Frank hungert nach Erfahrungen, doch nichts vermag ihn zu befriedigen. Aus reiner Langeweile wird er zum Mörder und verschachert das Mädchen, das ihn liebt. Als er schließlich begreift, was er getan hat, und mit sich selbst ins Gericht geht, ist es zu spät.
(Inhaltsangabe der Verlags-Homepage des Romans entnommen!)
Düster, schwer, unerbittlich: Jean-Luc Fromental bleibt bei dem Entwurf seines Szenarios dicht am literarischen Original und folgt dessen Spur. Wie auch Simeon im Roman entwirft er eine Welt, in der die Regeln einer mitfühlenden Gesellschaft nicht mehr zu gelten scheinen. Mitgefühl, Rücksichtnahme und Erbarmen scheinen nicht mehr existent zu sein. Es ist nicht mehr „der Tanz auf dem Vulkan“, vielmehr haben unsere Protagonist*innen einen Schritt zu viel gewagt und schwanken bereits gefährlich nah am Abgrund – da würde nur der sanfteste Lufthauch genügen, und ein Sturz in die Tiefe wäre unvermeidbar.
Auch bei Fromentals Adaption meine ich die grundlegende Frage herauszulesen, die bereits Simenon in seinem Roman heraufbeschwor: Was lässt einen Menschen kriminell werden? Sind es die Umstände, die einige Menschen dazu veranlassen, Verbrechen zu verüben? Schließlich kommt kein Mensch bereits als Verbrecher auf die Welt. Oder wie es Georges Simenon höchstpersönlich formulierte…
„Seit dreißig Jahren versuche ich nachzuweisen, dass es keine Kriminellen gibt,
sondern normale Menschen, die kriminell werden.“
Georges Simenons Geschichte hat nach all den Jahres nichts von ihrer Intensität verloren. Nun kommt auch eine visuelle Komponente hinzu, die Yslaire mit seinen Illustrationen eindringlich bedient. Farblich deutlich reduziert in schwarz-weiß, grau und sepia, wirkt die Akzentuierung einzelner Szenen, manchmal nur einiger weniger Details in der Farbe Altrosa fokussierend. Äußerst detailreich im Stil des Film noir komponiert er seine Bilder und wählt dabei Perspektiven, die die Emotionen intensivieren. Seine Protagonist*innen sind keine Schönheiten, es sind Typen, Individuen, Charaktere und darum so authentisch. Sie sind absolut keine Sympathieträger und sollen es auch nicht sein. Es sind Figuren, die mich abstoßen aber gleichzeitig faszinieren. Es sind Bilder, die auf mich gleichzeitig geheimnisvoll und ernüchternd wirken.
Die Faszination erwächst u.a. auch aus den Blick auf die seelischen Abgründe unserer Hauptfigur: Da ist seine Wandlung von einer scheinbaren Unantastbarkeit bis zur inneren Läuterung. Dabei ist diese Unantastbarkeit von Anfang an nur Schein, wie uns seine Träume offenbaren. Dort taucht immer wieder eine Katze auf. Und Katzen kreuzen während des Verlaufs der Geschichte auch immer wieder seinen Weg, sei es, dass sie im Treppenhaus über die Stiegen huschen, in den Ruinen auf Mäusejagd gehen oder als Statue auf einem Sockel im Stadtbild erscheinen. Doch wofür stehen diese Katzen? Ist unsere Hauptfigur etwa dem Irrglauben verfallen und wünscht sich die „neun Leben einer Katze“, das auf die erstaunliche Fähigkeit von Katzen anspielt, die gefährlichen Situationen oft unbeschadet entkommen und gleichzeitig ein hohes Maß an Anpassung zeigen? Da bleibt viel Raum für Spekulationen!
Mit „…und aus dem sehr weißen Himmel begann ein makelloser Schnee zu fallen.“ schließt diese äußerst gelungene Adaption eines Romans von Georges Simenon. Ich schlage den Buchdeckel zu und bin verwirrt. Viele Fragen bleiben unbeantwortet, dürfen/müssen vielleicht auch unbeantwortet bleiben. Doch macht dies nicht den Reiz einer guten Geschichte aus, indem sie nicht alle ihre Geheimnisse enthüllt?
