[Rezension] Johanna Sebauer – DAS GURKERL/ mit Illustrationen von Nikolaus Heidelbach

48 Seiten feinste Ironie – in Wort UND Bild: Völlig zurecht wurde der Text von Johanna Sebauer mehrfach prämiert. Mit diabolischem Ernst gepaart mit einem lakonischen Witz treibt sie die Absurdität der Situation auf die Spitze. Da wird eine unschuldige saure Gurke zum Füllmaterial der „Sauren-Gurken-Zeit“ der Journaille.

Sommerzeit in den Zeitungsredaktionen der Stadt. Ein wahrhaft bedeutender Redakteur schreitet zur Zubereitung seiner Frühstückssemmel. Beilage: knackige Gurkerl. Als er hineinbeißt, spritzt ihm das Essigwasser direkt ins Auge. Das Geschrei ist groß, der Redakteur kurz vor der Erblindung! Der Zwischenfall zieht Kreise: Aus dem Missgeschick wird eine Kolumne, dann ein Thema für Leserbriefe, Interviews, schließlich eine öffentliche Debatte. Gurkerl werden verboten, Proteste formieren sich, die Redaktion spaltet sich in Lager.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Ich las und lachte, doch nur wenige Sekunden später blieb mir das Lachen im Halse stecken und der Schmunzler gefror auf meinem Gesicht. Da schilderte die Autorin zwar herrlich lapidar und gleichzeitig so erfrischend bitterböse die Geschehnisse rund um den Biss in eine Gurke, dass man meinen müsste, dass diese Fülle an Absurdität niemals in der Realität passieren könnte. Doch genau in deren Nähe ist diese Satire punktgenau gelandet.

Denn mein Blick auf so manche Nachricht – sei es in gedruckter oder digitaler Form – lässt den Verdacht in mir aufkeimen, dass sich hinter einigen „dramatischen“ Schlagzeilen eher ein laues Lüftchen, eine Belanglosigkeit allererster Güte verbirgt. Da werden kaum erwähnenswerte Nichtigkeiten aufgebläht, um von der Leere der Berichterstattung abzulenken. Alles wird zum Drama hochstilisiert, und überall wird der Skandal gewittert. Da wird aus der Mücke nicht nur ein einzelner Elefant gemacht, sondern eine ganze Elefantenherde gezaubert.

Johanna Sebauer schaute da ebenso genau auf die dubiosen Methoden gewisser Berichterstatter und das Geltungsbedürfnis von einigen Politiker*innen, wie sie auch den Drang nach Aufmerksamkeit einzelner Mitmenschen beschrieb, die sich nach ihren persönlichen „15 Minuten Ruhm“ sehnen.

„In the future, everyone will be world-famous for 15 minutes.“ prophezeite Andy Warhol bereits Ende der 60er Jahre und bezog sich dabei auf die Flüchtigkeit des Ruhms, der nur allzu schnell verfliegt, sobald ein anderes Objekt die Aufmerksamkeit der Massen auf sich zieht. Genau dies passiert auch unserem Gurkerl: Gestern noch eine Gefahr für Leib, Seele und Gesellschaft, heute bereits vergessen.

Die Erzählung wird durch Nikolaus Heidelbachs wunderbaren Illustrationen flankiert, der in seinen detailreichen Bildern markante Typen porträtiert, die mir beängstigend bekannt vorkamen.

Eine wundervolle, scharf beobachtete Satire – herrlich böse und zutiefst schwarzhumorig.

erschienen bei DuMont / ISBN: 978-3755800781
Ich danke dem Verlag herzlich dafür, dass er meiner lieben Blogger-Kollegin Vera ein Leseexemplar zur Verfügung stellte, die es nun an mich weiterverschenkt hat!