[Rezension] Wolfgang Menge – STAHLNETZ. DAS HAUS AN DER STÖR (Hörspiel)

Straßenfeger, das waren TV-Formate, die die Menschen an die Fernseher fesselten. Da saßen ganze Familien mit Freunden und Nachbarn zuhause im Wohnzimmer, oder Gleichgesinnten trafen sich in der Kneipe: Gebannt wurde auf die Glotze gestarrt. Die Straßen waren einsam und verlassen – wie leergefegt.

Ähnliches erhofften sich die Fans vielleicht auch zur diesjährigen Fußballweltmeisterschaft. Leider kam für die deutsche Nationalmannschaft das frühzeitige Aus. Doch dieser Umstand tangierte uns, die wenig Interesse am Fußball haben, eher peripher: Zur überbordenden Fußballpräsenz auf allen Kanälen setzten wir die Krimi-Serie STAHLNETZ, einen wahren Straßenfeger aus den Anfängen des Fernsehens, entgegen. Jede Folge begann mit folgendem Hinweis…

Dieser Fall ist wahr!
Er hat sich so zugetragen, wie wir es zeigen.

…und nach diesem Hinweis ertönte die markante Titelmelodie.


1 CD/ STAHLNETZ. DAS HAUS AN DER STÖR von Wolfgang Menge (1963/2005)/ Buch: Wolfgang Menge/ Regie: Jürgen Roland/ Musik: Gerhard Gregor/ Titelmusik: Walter Schumann, Ray Anthony & Erwin Halletz/ mit Rudolf Platte, Andrea Grosske, Mady Rahl, Richard Lauffen, Fritz Beckhaus, Ernst H. Hilbich, Harry Wüstenhagen, Helga Feddersen, Hela Gruel, Henry Vahl, Gerda Maria Jürgens, Friedrich Schütter, Katrin Schaake, Kurt Jaggbert, Dorothea Moritz, Christa Siems, Otto Lüttje, Karl-Heinz Gerdesmann u.a.


Kurz nach Kriegsende, im grausam kalten Winter 1947, die Bundesrepublik ist noch sehr jung und das Wirtschaftswunder noch eine unerfüllte Hoffnung, da finden zwei Kinder beim Spielen in einem Teich eine Leiche, in einem mit Schweißdraht verschlossenen und mit Steinen beschwerten Seesack, die nicht identifiziert werden kann. Der Fall bleibt offen. Jahre später nimmt sich Hauptkommissar Roggenburg dieses ungeklärten Verbrechens an und rollt in minutiöser Kleinarbeit diesen alten Fall wieder auf. Bis er schließlich mit der Oberbeamtin Johannsen einen endgültigen Schlussstrich unter diese lange zurückliegende Tat ziehen kann.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Mit STAHLNETZ etablierte Jürgen Roland nicht nur den Krimi im deutschen Fernsehen, er lieferte auch die erste „True-Crime“-Serie, noch bevor es diesen Begriff in unserem Sprachgebrauch überhaupt gab. Sein Interesse an dieser Form der TV-Unterhaltung lag in seiner früheren Tätigkeit als Polizeireporter begründet. Mit Wolfgang Menge stand ihm ebenfalls ein ehemaliger Reporter zur Seite, der mit seinen Drehbüchern einerseits den dokumentarischen Ton bestens traf, andererseits die Atmosphäre im Nachkriegs-Deutschland so treffend wiedergab. Von 1958 bis 1968 flimmerten 22 Folgen STAHLNETZ über den Bildschirm, die noch heute ein beeindruckendes Zeitzeugnis darstellen.

Alle Folgen sind großartig: Doch sollte ich wirklich meine Lieblings-Folge benennen müssen, würde ich ohne lange zu überlegen DAS HAUS AN DER STÖR nennen.

Im Jahre 2005 verwandelte der NDR gemeinsam mit DER AUDIO VERLAG unter Berücksichtigung der Original-Tonspuren einige Folgen der Serie zu Hörspielen. Für diesen Transfer (um sprachlich beim Fußball zu bleiben) war nicht jede Folge gleichermaßen geeignet. DAS HAUS AN DER STÖR eignete sich hervorragend, und so saß ich nun gemütlich in meinem Sessel und lauschte den Stimmen der bekannten Miminnen und Mimen. Wohlüberlegt wurde die Geschichte für das Hörspiel gekürzt, ohne an Spannung einzubüßen oder den Erzählfluss zu beeinträchtigen. Jürgen Roland arbeitete gern mit einem festen Stamm an Schauspieler*innen (wie Gerda Maria Jürgens und Hela Gruel) zusammen, streute für die markanten Nebenrollen gerne Typen der Hamburger Theaterszene (wie Otto Lütje, Christa Siems, Helga Feddersen und Henry Vahl) dazwischen und würzte das Ensemble mit populären TV-Namen (wie Rudolf Platte und Mady Rahl).

Ohne die visuelle Ablenkung konnte ich mich gänzlich auf die herausragende Arbeit von Wolfgang Menge konzentrieren, der kluge Dialoge schuf, die von einem großartigen Ensemble nahbar und sensibel umgesetzt wurden. Dabei lag der Fokus auf Rudolf Platte als Kommissar Roggenburg, der die Hauptlast zu tragen hatte: So fungierte er als Erzähler der Geschichte, der seiner Kollegin Frl. Johannsen während einer Zugfahrt alle Einzelheiten des Falls schilderte. Plattes Kommissar zeigte viel Empathie für das Schicksal der Menschen und berichtete über die ersten Jahre nach Kriegsende durchaus mit Trauer aber gänzlich ohne Pathos und Selbstmitleid. Regisseur Jürgen Roland umgab ihn mit einem talentierten Ensemble, das durch ein Höchstmaß an Individualität überzeugte.

Ein großartiger TV-Krimi-Klassiker erfuhr hier als spannendes Hörspiel seine gelungene Wiederauferstehung.


erschienen bei DAV / ISBN: 978-3898134590