[Rezension] Kerstin Hau – OBACHT!/ mit Illustrationen von Stella Dreis

„Entschuldigung! Dürfte ich bitte vorbei? Vielen Dank!“

Wie oft habe ich diesen Text im Supermarkt schon angebracht, wenn ein anderer Kunde bzw. eine andere Kundin konzentriert etwas im Regal suchte und dabei den Einkaufswagen ungünstig stehen ließ. Und noch nie habe ich auf meine Bitte eine negative Reaktion erhalten. Doch im Gegenzug, wenn ich konzentriert etwas im Regal suchte, wurde mir schon oft ein Einkaufswagen in die Hacken gerammt, oder ich wurde rüde zur Seite gedrängt – ohne ein Wort. Die Grundregeln eines respektvollen Umgangs scheinen bei einigen Mitmenschen – unabhängig vom Alter – nur noch wenig bekannt zu sein. Dabei ist es doch so einfach: Eine höfliche Ansprache und ein freundliches Lächeln – mehr braucht es nicht!

Aber das Einfache scheint häufig schon ein Zuviel zu sein. Wir müssen wieder lernen, dass ein Miteinandersprechen nicht nur gewünscht sondern auch gewollt ist. Sonst leben wir irgendwann in einer Welt, wo uns allen hin und wieder wunde Hacken quälen. Zumal „die Kleinen“ es nur lernen, wenn wir „Großen“ es ihnen vorleben?

„Sprecht miteinander!“ lautet die Devise, denn wer nicht miteinander spricht, erzeugt nur negative Gefühle und schlechte Gedanken und macht sich das Leben unnötig kompliziert. Ein respektvolles Miteinandersprechen ist der Schlüssel für eine gelungene Kommunikation, fördert das Verständnis und löst Konflikte.

Oh nein, vor der Stadt liegt ein riesiges Tier! Es versperrt den Weg. Eieiei, tönt der Wompf. Oje, stöhnt die Timpe-Ma. Da muss etwas gemacht werden! Und dann machen sie etwas. Sie decken das Tier zu, bauen eine Brücke drüber und eine Straße drum herum. Problem erkannt, Problem gebannt! Nur das Mienchen schüttelt den Kopf, ihm gefällt das gar nicht. Aber wer hört schon auf Mienchen? Da nimmt es sich ein Herz und spricht das Tier einfach an…

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Jaja, „die Kleinen“, sie werden so oft unterschätzt. Dabei haben sie manches Mal genau die richtigen Ideen und sehen das Naheliegende häufig deutlicher als wir „Großen“. Vielleicht hatte Kerstin Hau da ähnliche Gedanken wie ich, als sie sich die Handlung zu dieser reizenden Geschichte erdachte. Denn auch in OBACHT! denkt die Obrigkeit, bestehend aus den vermeintlich Klugen, viel zu umständlich, dafür wenig vorausschauend, was schlussendlich zu keinem Erfolg führt. Dafür wird Mienchen gerne überhört, übersehen und übergangen. Zum Glück besitzt diese plietsche Kleine genügend Selbstbewusstsein sowie Durchhaltevermögen, um diese Situation zu meistern. Denn Mienchen weiß, dass das Fremde weniger bedrohlich wirkt, wenn man es besser kennenlernt. So überwindet sie ihre Zurückhaltung vor dem großen, fremden Tier und spricht es höfflich an. Und siehe da: Das große, fremde Tier, das anfangs sooo bedrohlich wirkte, schaut nun freundlich lächelnd drein, und sie finden gemeinsam eine einvernehmliche Lösung.

Stella Dreis steuerte die entzückenden Illustrationen zu dieser kleinen aber weisen Geschichte bei. Sie kleidete die Bilder in schwarz-weiße Nuancen, in denen ein sattes Orange herrliche Akzente setzt und die Aufmerksamkeit des Betrachtenden auf wichtige wie witzige Details lenkt. Dabei schuf sie eine wunderbar wilde Bande aus höchst unterschiedlichen Charakteren – jede Figur so herrlich einzigartig und mit unverkennbaren Merkmalen. Da verspürte ich eine immense Freude beim aufmerksamen Betrachten jedes Bildes, um herauszufinden, wo welche Figur wieder in Erscheinung tritt.

Dies ist eines dieser wundervoll leisen Bilderbücher, das mit ganz viel Charme und einer noblen Schlichtheit eine riesengroße Wirkung erzielt: Es macht Mut, die eigenen Ressentiments zu überwinden, und ist ein Plädoyer für eine wertschätzende Kommunikation.


erschienen bei NordSüd / ISBN: 978-3314107344
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Kerstin Hau – DAS LIED DES ENGELS/ mit Illustrationen von Selda Marlin Soganci

„Bald ist Weihnachten. Auf der Erde träumt jeder Käfer,
jede Katze und jedes Kind von großen Wünschen.
Andernorts träumt ein kleiner Engel von großen Taten…“

Ganz fein und zurückhaltend kommt diese Geschichte daher. Da gibt es kein großes Getöse, keinen lauten Wumms oder sonstigen Krawall, der die Aufmerksamkeit für sich einfordert. Nein, hier geht Autorin Kerstin Hau sehr leise zu Werke. Sie kreierte eine Geschichte, die gerade aufgrund ihrer Schlichtheit ganz besonders mein Herz berührt. Wie so oft bei mir sind es nicht die Bücher, die mit plakativen Mitteln versuchen auf ihre Botschaft aufmerksam zu machen. Dabei wirken die dort eingesetzten literarischen Mittel beinah wie eine billige Neon-Reklame, die grell blinkend immer wieder betont „Huhu! Hier kommt die Botschaft!“.

Engel helfen den Menschen auf vielfältige Weise: Sie trösten, beschützen oder heilen. Nur ein kleiner Engel kann seine Bestimmung einfach nicht finden. So gern möchte er den Menschen helfen. Am Weihnachtsabend dann erklingt eine Melodie, die alle Menschen froh macht – es ist das Lied des Engels. Mit einem Mal spürt er: Seine Gabe ist es, das Wunder der Weihnacht zu den Menschen zu bringen, um ihre Herzen zum Leuchten zu bringen.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages bzw.
dem Klappentext des Buches entnommen!)

Ⓒ Kerstin Hau. DAS LIED DES ENGELS – Illustration Selda Marlin Soganci (1)

In Kerstin Haus Geschichte geht es „nur“ um einen kleinen Engel, der für sich noch nicht herausgefunden hat, was seine Bestimmung ist. Auf seiner Suche muss er keine spektakulären Abenteuer bestehen oder sich großen Gefahren aussetzten: Er darf sich bei den großen Engeln, die z. Bsp. als Trostengel, Schutzengel oder Heilengel den Menschen beistehen, erproben, um so besser entscheiden zu können, welche Bestimmung zu ihm am besten passt.

Da ergeht es diesem kleinen Engel nicht anders als es uns ergangen ist: Wer von uns wusste als Kind schon, was seine Bestimmung ist. Auch wir mussten uns in unserem Leben oftmals erproben und so manches Mal den einen oder anderen Umweg in Kauf nehmen, bis wir dort gelandet sind, wo wir hingehören.

Wenn wir dort gelandet sind, wo wir hingehören! Manche von uns sind leider ein Leben lang auf der Suche oder haben sich notgedrungen mit den aktuellen Begebenheiten arrangiert. Doch auch uns spricht diese Geschichte Mut zu, die Suche nicht aufzugeben. Dabei muss es nicht immer die große, allumfassende Veränderung sein. Manchmal genügen nur kleine Neuerungen, um das eigene Leben wieder erfüllter werden zu lassen. So ist diese Geschichte auch ein Plädoyer an uns Erwachsene, uns eine kindliche Neugier zu bewahren und das Große im Kleinen zu wagen.


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Selda Marlin Soganci hat bei ihren Illustrationen einen ganz eigenen, ganz besonderen Stil, der in der Wahl ihrer „Leinwand“ begründet liegt. Sie verwendet als Untergrund Fichtenholz, auf dem sie mit Gouache und Stiften malt. Als ich von dieser Technik erfuhr, hatte ich ein wenig bedenken, dass bei den Illustrationen die Holzmaserung dominieren und das Bild somit zu rustikal erscheinen könnte. Meine Bedenken waren völlig unbegründet: Leicht und zart verschmelzen die Farben mit dem Holz und schaffen so eine ganz eigene Optik.

Die Maserung dieses Naturprodukts bleibt zwar stets sichtbar, steht aber nicht im Kontrast zu den filigranen Zeichnungen, die von phantasievolle Figuren bevölkert werden. Jeder Engel erhält von der Künstlerin seine persönliche, außergewöhnliche Erscheinung, die mit vielen witzigen Details begeistert.

Die besten Bilderbücher sind eben die, die Klein und Groß, Jung und Alt gleichermaßen ansprechen: Dies ist eine zauberhafte kleine Geschichte über das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten!


erschienen bei NordSüd / ISBN: 978-3314107016
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!