[Rezension] Nancy Campbell – Fünfzig Wörter für Schnee

Es gibt Regen, Hitze, Hagel, Stürme, Dürre, Wind und Kälte. Doch kein meteorologisches Phänomen gibt so viel Raum für märchenhafte Mystik und romantische Verklärung wie SCHNEE. Die fallenden Flocken im reinen Weiß lösen bei mir immer wieder ein kindliches Staunen aus. Ich stehe dann gerne in der Natur (oder auch nur am Fenster) und wundere mich, wie die Welt sich plötzlich unter einer jungfräulichen Decke versteckt und völlig verändert, Geräusche nur noch gedämpft wahrnehmbar sind, und die Hast des Alltags plötzlich ausgebremst wird. Doch die verschneite Landschaft birgt auch Geheimnisse. Es ist nicht einschätzbar, was sich alles unter dieser unschuldig weißen Decke verbirgt: Eine Wurzel könnte mich zum Straucheln bringen, oder eine versteckte Eisschicht lässt mich ausrutschen und hart zu Boden stürzen. Doch immer wieder verzeihe ich dem Schnee seine kleinen, launischen Tücken. Sorgt er doch mit seiner bloßen Anwesenheit dafür, dass ich immer wieder aufs Neue einen tiefen Frieden in mir spüre.

Nancy Campbell versucht diesem Phänomen in ihrem Buch auf den Grund zu gehen und kann uns zwangsläufig nur einen „kleinen“ Ausschnitt präsentieren. Doch dieser „kleine“ Ausschnitt lässt uns unseren Blick weiten und verlockt uns, neugierig in die Ferne zu schauen. So schickt sie uns in 50 kurzen Episoden auf Weltreise und erzählt uns so von vielfältigen Mythen und Märchen, die sich um den SCHNEE ranken.

Da lockt in Japan die Yuki-onna (Schneefrau) ihre auserwählten Liebhaber in einen Schneesturm, um sie so für sich zu gewinnen. Im Hebräischen ist eine Geschichte überliefert, in der ein armer Mann so sehnsüchtig dem Studium der Thora lauschen wollte, dass er sich heimlich auf das Dach der Studierhalle legte und selbst der einsetzende Sheleg (Schnee) ihn nicht vertreiben konnte. Auch wenn die Ebene in Russland wie ein einziges vereistes Plateau wirkt, so kann das geübte Auge anhand der Sastrugi (Erhebung im Schnee) den sicheren Weg finden. Auch in Estland ist es im Winter so kalt, dass die Einwohner die Jäätee (Eisstraßen) nutzen, d.h. sie nehmen die direkten Wege über die zugefrorenen Seen und Flüsse. Der Name des Himalayas setzt sich aus einer Verbindung zweier Wörter aus dem Sanskrit – himá (Schnee) und á-laya (Wohnsitz) – zusammen und beschreibt ihn damit ganz wunderbar. Jedes Jahr am 5. August begehen die Spanier das Fest der Virgen de las Nieves (Jungfrau vom Schnee), die der Legende nach an einem heißen Augustabend Schnee auf einen der Berge fallen ließ. Doch nicht nur Naturereignisse, Mystisches und Märchenhaftes hat die Autorin zusammengetragen, auch Skurriles gibt es zu erfahren. Oder habt Ihr etwa gewusst, dass hier in Deutschland Kunstschnee für Hollywood produziert wird?

Auch die Gestaltung wird dem Inhalt des Buches ganz wunderbar gerecht: Die Illustrationen sind in Weiß und in einem Blau-Violett gehalten, das auch für die Schrift zum Einsatz kam. Zudem sind den Kapitell die Abbildungen von Schneeflocken vorangestellt, die vom ersten bekannten Schneeflockenfotografen Wilson Bentley (1865-1931) stammten. Diese – mal verspielte, mal stringente – Formgebung ließ mich ehrfürchtig staunen über die mannigfachen Darstellungsformen, die die Natur uns schenkt.

Und so einzigartig wie sich jede Schneeflocke in ihrer Struktur unter dem Mikroskop zeigte, so vielfältig sind die Worte und Bedeutungen von SCHNEE in den Sprachen, in den Ländern, in den Kulturen dieser unserer gemeinsamen Welt.


erschienen bei Hoffmann und Campe/ ISBN: 978-3455011807

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

Lektüre zum Fest…

Ende August stand ich bei sommerlichen Temperaturen schwitzend in Shorts und T-Shirt im Supermarkt, starrte fassungslos auf das „Jahresend-Gebäck“, das sich im Kassenbereich stapelte, und dachte gleichzeitig „Langsam wird’s Zeit…!“

Langsam wird’s Zeit, dass ich mir Gedanken mache, welche Werke ich in diesem Jahr bei „Lektüre zum Fest“ vorstellen möchte. Jedes Jahr auf’s neue muss (!) ich aus der Fülle an passender Literatur auswählen, und diese Entscheidung fällt mir nicht immer leicht. Nehme ich prinzipiell nur Neu-Erscheinungen? Greife ich beherzt auf die Back-List zurück? Oder mache ich es mir – wie schon in den vergangenen Jahren – ganz einfach und stelle Euch die Bücher vor, die mir am Besten gefielen? Ja, ich glaube, genau so mache ich es…! 😉

Was wäre ein Fest voller Liebe, Freude und Friede ohne einen zünftigen Mord? Richtig! Fad!!! Denn so ein spannender Weihnachtskrimi zur schönsten Zeit des Jahres ist wie das sprichwörtliche Salz in der Suppe: Er rundet den Geschmack ab und verhindert, dass mir von allzu viel festlicher Süße übel wird. Und so gibt es bei der kriminalistischen Lektüre auch diesmal wieder sowohl alte Freunde als auch neue Bekannte zu entdecken.

  • Nicholas Blake – Das Geheimnis des Schneemanns
  • Georges Simenon – Weihnachten bei den Maigrets
  • Gilbert Adair – Oh dear! Miss Mount und der Mord im Herrenhaus
  • Agatha Christie – Das Geheimnis von Sittaford

Doch natürlich kommt bei mir auch „die festliche Süße“ nicht zu kurz, die sich hemmungslos über eine abwechslungsreiche Auswahl an Klassikern, Erzählungen und Geschichten für (beinah) jedes Alter ergießt und so für eine wohltuende Dosis Kitsch für die Feiertage sorgt.

  • Nancy Campbell – Fünfzig Wörter für Schnee
  • Thierry Dedieu – Auf der Suche nach dem Schneemann
  • Siegfried Lenz – Das Wunder von Striegeldorf. Eine Weihnachtsgeschichte/ mit Illustrationen von Franziska Harvey
  • Anthony Trollope – Weihnachten auf Thompson Hall/ mit Illustrationen von Irmela Schautz
  • Charles Dickens – Ein Weihnachtsmärchen/ mit Illustrationen von Lisbeth Zwerger
  • Tage des Lesens. Lektüre zwischen den Jahren/ herausgegeben von Gesine Dammel

Einige Werke sind schon im vergangenem Jahr (…oder im Jahr davor?) erschienen und hatten es leider nicht in meine letztjährige Auswahl geschafft: Dies hole ich nun mit Freude nach!

Ich wünsche Euch von Herzen sowohl kriminalistische wie auch besinnliche Lese-Stunden!

Liebe Grüße
Andreas