[Rezension] Reginald Hill – Mord in Dingley Dell

„Träumen auch Sie von einem idyllischen Weihnachtsfest auf dem Lande zu Zeiten von Charles Dickens? Nach einem erfolgreichen Morgen auf der Jagd oder einer inspirierenden Kutschfahrt durch die urwüchsige Natur genießen Sie am prasselnden Feuer des Kamins wohlschmeckende Leckereien. Freuen Sie sich auf stimmungsvolle Feiertage im authentischen Ambiente von Dingley Dell…!“

So oder ähnlich hätte der Text der Werbebroschüre für diese „Dickens‘sche Weihnacht“, in das die junge Engländerin Arabella Allen unfreiwillig geraten ist, lauten können. Eine sowohl illustre wie internationale Gästeschar hat sich im Landsitz Dingley Dell versammelt. Der Gastgeber Jack Wardle verspricht zusammen mit dem designierten Experten Oscar Boswell ein Dickens‘sches Weihnachtsfest bis ins Detail. Doch wie passt der Tote, über den Isabella schon am ersten Abend stolpert, ins Bild. Als der Gastgeber auf mysteriöse Weise verschwindet, und ein Schneesturm den Kontakt von Dingley Dell zur Außenwelt abschneidet, wird schnell deutlich, dass einige Gäste nicht die sind, die sie vorgeben zu sein. Arabella Allen und Oscar Boswell finden sich unversehens in einer verzwickten Spionage-Affäre wieder…!

Wow, es passiert so einiges in diesem Roman aus dem Jahr 1972, der nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt. Er beginnt wie ein typischer englischer Krimi und bietet die allzeit beliebten wie ebenso typischen Ingredienzien dieses Genres. Doch im Laufe der Handlung änderte sich die Stimmung des Romans: Die heimelige Weihnachtskulisse entpuppte sich zum veritablen Agenten-Thriller mit Industriespionage, wilden Schießereien, Verfolgungen durch das Schneegestöber und einer Jagd mit Helikopter. So musste ich mich von meiner Erwartung auf einen traditionellen Weihnachtskrimi verabschieden. Dafür schienen James Bond und Konsorten mir „Grüße!“ zu schicken. 

Jede Person stand per se unter Verdacht, sich hinter einer falschen Identität zu verstecken. Selbst den beiden Hauptpersonen traute ich nicht über den Weg und rechnete ständig mit einer Überraschung, die noch im Hinterhalt zu lauern schien. Die Figuren werden durchaus ambivalent porträtiert, sodass ich mich nicht entscheiden konnte, ob ich sie nun sympathisch oder doch eher unsympathisch finden sollte – was übrigens ebenso für die Hauptpersonen galt. Zudem erschwerten die Menge der Geschehnisse und die Vielzahl an Personen und Identitäten es mir, den roten Faden nicht zu verlieren. Wie schon erwähnt: Es passiert eine ganze Menge,…

…und gerade weil so viel passiert, liest sich dieser Roman „einfach so weg“: Ich kann wahrlich nicht behaupten, dass ich mich bei der Lektüre übermäßig gelangweilt hätte. Aber bei einer Handlung, die sich Seite für Seite, Schlag auf Schlag entwickelt bzw. verändert, besteht auch die Gefahr, dass wenig im Gedächtnis des Lesers haften bleibt. Zudem hatte es den Anschein, dass der Autor sein Augenmerk mehr auf „Action!“ und weniger auf eine tiefgehende Charakterisierung der Personen gerichtet hat.

Wer nun – auch aufgrund des Cover-Designs – einen gediegenen wie humorvollen Weihnachtskrimi erwartet, wird leider enttäuscht. Denn ebenso wie sich das Handlungspersonal hinter falschen Identitäten verbirgt, versteckt sich ein anderes Genre hinter diesem gefälligen Einband.


erschienen bei DuMont/ ISBN: 978-3832181406

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

 

Lektüre zum Fest…

Seit Wochen (ver-)lockt das s.g. Herbstgebäck die Kunden im Supermarkt zum Kauf. In etlichen Geschäften wird von der Lichterkette, über Bastelmaterial bis zur Ausstechform schon alles angeboten, was das Herz des Weihnachtsjunkies begehrt. Und auch für die Aufführungen der Weihnachtsmärchen an den div. Theatern der Republik können schon Eintrittskarten geordert werden. Da liege ich gen Ende Oktober genau im Trend: Unter dem Schlagwort „Lektüre zum Fest“ möchte ich Euch in den kommenden Wochen eine vielfältige Auswahl an literarischen Werken zum schönsten Fest des Jahres vorstellten.

Beginnen werde ich mit vier spannenden Weihnachtskrimis, die – mit einer Ausnahme – gerade erst erschienen sind. Dabei muss ich beschämt zugeben, dass meine Auswahl (drei britische Krimis und ein französischer Krimi) nicht gerade sehr kreativ und innovativ scheint. Aber Weihnachten und Mord & Totschlag auf einem englischen Landsitz oder in der französischen Seine-Metropole passen so wunderbar zueinander: Da ziehen Kreativität und Innovation leider den Kürzeren!

  • Nicholas Blake – Das Geheimnis von Dower House
  • Agatha Christie – Hercule Poirots Weihnachten
  • Alex Lépic – Lacroix und die stille Nacht von Montmartre
  • Reginald Hill – Mord in Dingley Dell

Als kleine „Wiedergutmachung“ biete ich Euch mit meinen weiteren Buch-Vorstellungen ein abwechslungsreiches Potpourri aus klassischen Märchen im neuen Gewand, Bilder- und Bastelbücher sowie internationalen Erzählungen und Geschichten. Da ist bestimmt für jede*n und (beinah) jedes Alter etwas dabei!

  • Hans Jürgen Press – Mein Dezemberbuch
  • Jan Brandt – Der magische Adventskalender/ mit Illustrationen von Daniel Faller
  • E.T.A. Hoffmann – Der Nussknacker / Hans Christian Andersen – Die Schneekönigin & Der Tannenbaum/ mit Illustrationen von Sanna Annukka
  • Raymond Briggs – O je, du fröhliche & Der Schneemann
  • Französische & Italienische Weihnachten/ herausgegeben von Annette Wassermann & Klaus Wagenbach
  • René Goscinny – Weihnachten mit dem kleinen Nick/ mit Illustrationen von Jean-Jacques Sempé
  • Willem Elsschot – Maria in der Hafenkneipe

Bei meiner Auswahl habe ich die diesjährigen Neu-Erscheinungen an Weihnachtsbüchern völlig außer Acht gelassen und mich stattdessen der so genannten Backlist der Verlage gewidmet. Vorgestellt werden somit nur Werke, die schon seit ein/ zwei/ einigen Jahren auf dem Markt sind und verdient haben, dass wir uns wieder an sie erinnern!

Ich wünsche Euch viel Freude mit meinen Neu- und Wiederentdeckungen sowie besinnliche Lese-Stunden!

Liebe Grüße
Andreas