[Rezension] Willem Elsschot – Maria in der Hafenkneipe

„Maria van Dam, Kloosterstraat 15“ steht auf dem Stückchen Pappe, das drei orientalische Seeleute dem Ich-Erzähler unter die Nase halten und mit gebrochenem Englisch nach dem Weg fragen. An diesem nassen Novemberabend sind sie auf der Suche nach dem bezaubernden Mädchen, das am selben Tag an Bord gekommen war, um die Säcke zu flicken. Unter der angegebenen Adresse ist keine Maria zu finden. Doch statt aufzugeben, suchen sie weiter: Und so führt unser Erzähler die Seeleute gleich ein Hirte die heiligen drei Könige durch die Straßen der Hafenstadt von Haus zu Haus, von Ort zu Ort, von Begegnung zu Begegnung. Doch Maria bleibt unauffindbar, und so verabschieden sich die vier Männer zur späten Stunde und ziehen getrennte Wege…!

Der flämische Schriftsteller Alfons De Ridder veröffentlichte unter dem Pseudonym Willem Elsschot im Jahre 1946 diese unspektakulär anmutende Erzählung, die 1948 sogar mit dem belgischen Staatspreis ausgezeichnet wurde. Auf knapp 90 Seiten in einem kleinen Büchlein folgen wir den Männern durch das nächtliche Antwerpen auf der Suche nach einer Vision. Die unbekannte Maria gleicht einem Irrlicht (Originaltitel der Geschichte: Het dwaallicht), verspricht die Verheißung und steht als Sinnbild für die Träume und Wünsche aber auch für die Enttäuschungen, die die Protagonisten auf ihrer Wanderschaft erleben müssen.

Denn die Reaktionen der Mitmenschen, denen sich die ausländischen Matrosen aussetzen, fallen recht unterschiedlich aus: Sie erhalten dort Unterstützung, wo sie es nicht erwartet hätten, und erfahren Ablehnung, wo sie nicht damit rechnen. Elsschot beschreibt manche Einheimische wenig schmeichelhaft (Zitat: „Ein würdiges Exemplar des Herrenvolkes, das wir Weißen schließlich sind.“) und demaskiert sie, indem er ihnen beschämende Worte des Fremdenhasses in den Mund legt.

Da fungiert unser Ich-Erzähler dankenswerter Weise als ausgleichender Katalysator, der für Menschlichkeit und Toleranz steht und eine wohltuende Wandlung vom widerwillig Helfenden zum engagierten Unterstützer vollzieht. Der Autor porträtiert seine „heiligen drei Könige aus dem Morgenland“ äußerst respektvoll und lässt sie die Menschen in ihrem Umfeld mit Höflichkeit begegnen. Zwischen diesen Männern aus zwei unterschiedlichen Kulturen entspinnt sich ein Gespräch über Glaube, Liebe und Familie. Ethnische Unterschiede treten zutage, und Lebensentwürfe werden verglichen, was in gegenseitiger Akzeptanz mündet. Und so trennen sie sich am Ende nicht unbedingt als Freunde doch durchaus als sich gegenseitig Verstehende,…

…und Maria? Sie bleibt nebulös im Verborgenen, und Esschot verrät uns nicht, für welche Maria sie sinnbildlich steht (die Heilige oder die Hure). Das bleibt der Interpretation des Lesers überlassen.

Knapp 90 Seiten in einem kleinen Büchlein: Manchmal braucht eine Geschichte nicht mehr, um sich gänzlich zu entfalten, seine Leserschaft zu fesseln und zum Nachdenken anzuregen!


erschienen bei Unionsverlag/ ISBN: 978-3293004108 / Neuauflage erschienen bei Unionsverlag/ ISBN: 978-3293005648

Lektüre zum Fest…

Seit Wochen (ver-)lockt das s.g. Herbstgebäck die Kunden im Supermarkt zum Kauf. In etlichen Geschäften wird von der Lichterkette, über Bastelmaterial bis zur Ausstechform schon alles angeboten, was das Herz des Weihnachtsjunkies begehrt. Und auch für die Aufführungen der Weihnachtsmärchen an den div. Theatern der Republik können schon Eintrittskarten geordert werden. Da liege ich gen Ende Oktober genau im Trend: Unter dem Schlagwort „Lektüre zum Fest“ möchte ich Euch in den kommenden Wochen eine vielfältige Auswahl an literarischen Werken zum schönsten Fest des Jahres vorstellten.

Beginnen werde ich mit vier spannenden Weihnachtskrimis, die – mit einer Ausnahme – gerade erst erschienen sind. Dabei muss ich beschämt zugeben, dass meine Auswahl (drei britische Krimis und ein französischer Krimi) nicht gerade sehr kreativ und innovativ scheint. Aber Weihnachten und Mord & Totschlag auf einem englischen Landsitz oder in der französischen Seine-Metropole passen so wunderbar zueinander: Da ziehen Kreativität und Innovation leider den Kürzeren!

  • Nicholas Blake – Das Geheimnis von Dower House
  • Agatha Christie – Hercule Poirots Weihnachten
  • Alex Lépic – Lacroix und die stille Nacht von Montmartre
  • Reginald Hill – Mord in Dingley Dell

Als kleine „Wiedergutmachung“ biete ich Euch mit meinen weiteren Buch-Vorstellungen ein abwechslungsreiches Potpourri aus klassischen Märchen im neuen Gewand, Bilder- und Bastelbücher sowie internationalen Erzählungen und Geschichten. Da ist bestimmt für jede*n und (beinah) jedes Alter etwas dabei!

  • Hans Jürgen Press – Mein Dezemberbuch
  • Jan Brandt – Der magische Adventskalender/ mit Illustrationen von Daniel Faller
  • E.T.A. Hoffmann – Der Nussknacker / Hans Christian Andersen – Die Schneekönigin & Der Tannenbaum/ mit Illustrationen von Sanna Annukka
  • Raymond Briggs – O je, du fröhliche & Der Schneemann
  • Französische & Italienische Weihnachten/ herausgegeben von Annette Wassermann & Klaus Wagenbach
  • René Goscinny – Weihnachten mit dem kleinen Nick/ mit Illustrationen von Jean-Jacques Sempé
  • Willem Elsschot – Maria in der Hafenkneipe

Bei meiner Auswahl habe ich die diesjährigen Neu-Erscheinungen an Weihnachtsbüchern völlig außer Acht gelassen und mich stattdessen der so genannten Backlist der Verlage gewidmet. Vorgestellt werden somit nur Werke, die schon seit ein/ zwei/ einigen Jahren auf dem Markt sind und verdient haben, dass wir uns wieder an sie erinnern!

Ich wünsche Euch viel Freude mit meinen Neu- und Wiederentdeckungen sowie besinnliche Lese-Stunden!

Liebe Grüße
Andreas