[Rezension] Erich Kästner – DAS MÄRCHEN VON DER VERNUNFT/ mit Illustrationen von Ulrike Möltgen

Noch bevor ich auch nur ein einziges Wort von der Hauptgeschichte lesen konnte, fiel mein Blick auf diesen Zusatz im vorderen Teil des Buches:

„Erich Kästners Werke erscheinen im Atrium Verlag in ihrer originalen Textgestalt. Die Sprache hat sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt, manche Begriffe werden nicht mehr oder anders verwendet. Aus urheberrechtlichen Gründen wurde darauf verzichtet, Kästners Sprache – die eines aufgeklärten Moralisten und Satirikers – dem heutigen Sprachgebrauch anzupassen.“

Ich las und jubelte innerlich! Der Atrium Verlag ist nicht dem momentanen Trend verfallen, die Texte deutscher Autor*innen zu modernisieren und dem momentanen Sprachgusto anzupassen. Ich gewinne eh den Eindruck, dass diese Unsitte vornehmlich hier in unserem Land praktiziert wird – oder kann sich irgendjemand ernsthaft vorstellen, dass die Engländer ihren Shakespeare oder die Franzosen die Texte von Molière dem heutigen Sprachgebrauch angleichen? Natürlich ist die Sprache immer Veränderungen unterworfen, und das ist auch gut und schön und richtig. Doch für mich als Leser und vor allem als Vor-Leser ist es immer wieder eine freudige Herausforderung, mich der Sprachmelodik vergangener Zeiten zu stellen, um mich an ihrer Schönheit zu erfreuen. Sprache zu entdecken – sei es die Muttersprache oder die Sprache eines anderen Landes – stellt eine ganz besondere, beinah sinnliche Erfahrung dar. So danke ich dem Atrium Verlag von ganzem Herzen für ihre klare Haltung, die von gesundem Menschenverstand und Vernunft zeugt.

Womit wir direkt beim Thema wären: Aus Kästners scheinbar unerschöpflicher Wundertüte DER TÄGLICHE KRAM. CHANSONS UND PROSA 1945-1948 wählte der Verlag als illustrierte Neu-Auflage zu seinem Geburtstag eben genau DAS MÄRCHEN VON DER VERNUNFT aus.

Ein alter Mann, reich und angesehen, hat leider diese dumme Angewohnheit, sich vernünftige Dinge auszudenken und seine Gedanken auch noch öffentlich kundzutun. Die Staatshäupter und Staatsoberhäupter hören sich Zähne knirschend immer wieder seine in ihren Augen wirren Vorschläge an. Nun sitzt der alte Mann abermals mit einer seiner vernünftigen Ideen vor ihnen und behauptet, er wüsste, wie sie langfristig Zufriedenheit für alle Menschen auf der Erde schaffen könnten. Es würde nur die lächerliche Summe von einer Billion Dollar kosten, genau die Summe, die auch der letzte Krieg gekostet hätte. Die Staatshäupter und Staatsoberhäupter sind empört über diesen irrsinnigen Vorschlag. Doch der alte Mann lässt sich nicht beirren: Warum darf ein langer Friede nicht ebenso viel wert sein wie ein langer Krieg?


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Und wieder kleidete Ulrike Möltgen Kästners Geschichte in ihren kollagenartigen Illustrationen ein. In atmosphärischen Bildern, die einer Theater-Inszenierung würdig wären, versieht sie den namenlosen Helden mit dem Konterfei Kästners. Auch lässt sie bei den Staatshäupter und Staatsoberhäupter so manches bekannte Gesicht auf der Bühne erscheinen. Dabei arbeitet sie mit einer deutlichen Symbolik: Da umgibt die hohen Herren eine Art Blase, die wohl verdeutlichen soll, dass alles, was sich außerhalb befindet, nicht für die Herrschaften von Interesse ist. Ähnliches drücken die identischen Masken mit ihrer neutralen bis desinteressierten Mimik aus, die die Staatsmänner sich vor ihre Gesichter halten. Auch sitzt der alte Mann, der in einem Harlekin’eskem Sakko gekleidet ist, bei seinen Gesprächen mit den hohen Tieren an einem Tisch, der eine frappierende Ähnlichkeit mit dem bekannten Tisch von Vladimir Putin aufweist.

Abermals zeigte Kästner mit dieser Geschichte sein herausragendes Können, mit schlichten Mitteln hinter die Fassaden des gesellschaftlichen Konformismus zu blicken, um beinah lapidar-harmlos auf vorhandene Missstände hinzuweisen. Einerseits ist Kästners Geschichte fest mit seiner Entstehungszeit und den noch sehr frischen Eindrücken des 2. Weltkrieges verhaftet, andererseits hat sie bedauerlicherweise nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Denn die beinah kindlich-naive Frage des alten Mannes „Warum darf ein langer Friede nicht ebenso viel wert sein wie ein langer Krieg?“ hat leider auch noch heute seine gültige Berechtigung. Kästner stellte eine scheinbar einfache Frage, auf die er wohl nie eine vernünftige Antwort erhalten hat. Wie auch? Sie blieb bis heute unbeantwortet. Doch seine Frage implementiert den Gedanken zu einer weiteren, viel wichtigeren Frage:

„Sollte der Friede nicht mehr wert sein als ein Krieg?“


erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3855350704

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

Ein Kommentar zu „[Rezension] Erich Kästner – DAS MÄRCHEN VON DER VERNUNFT/ mit Illustrationen von Ulrike Möltgen

  1. Inhaltlich hervorragend – und leider in Zeiten von „Sondervermögen“, „Kriegsfähigkeit“, Kriegsbesoffenheit, Zeitenwendehälsen und absurden BIP-Prozenten für destruktive „Verteidigung“ wieder mal überaus wichtig. – Sprachlich aber hat eine Frage nicht „seine“, sondern bitte IHRE Berechtigung! Bitte korrigieren! (Das ist in romanischen Sprachen einfacher, da Possesivpronomina dort für Besitzende aller genera identisch sind; im Englischen hingegen eher noch schwerer als im Deutschen, weil dort die genera oft vom poetischen oder sachlichen Gebrauch abhängen.)

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