Du bist.
Das genügt.
Der Unterschied zu früher:
Du warst immer abgelenkt.
Abgelenkt von dir.
Abgelenkt davon, dass du bist.
Und wie interessant es ist zu sein.
Es gibt nichts Interessanteres,
als da zu sein.
Martin Walser
Du bist.
Das genügt.
Der Unterschied zu früher:
Du warst immer abgelenkt.
Abgelenkt von dir.
Abgelenkt davon, dass du bist.
Und wie interessant es ist zu sein.
Es gibt nichts Interessanteres,
als da zu sein.
Martin Walser
Es steht ein Stern verloren
hoch über einem Haus;
drin ist ein Kind geboren:
Ein Licht geht von ihm aus.
Von wenigen vernommen,
tönt eine Botschaft fern:
Die Weisen und die Frommen
verkünden jenen Stern.
Da lauschen alle Ohren,
zu denen Kunde dringt:
Wo ist der Mensch geboren,
der mir Erlösung bringt?
Die Stätte zu betreten,
welch Weges muss ich zieh’n?
Das Wunder anzubeten,
wo gläubig niederknien?
Hedwig Lachmann
Immer ein Lichtlein mehr
im Kranz, den wir gewunden,
dass er leuchte uns sehr
durch die dunklen Stunden.
Zwei und drei und dann vier!
Rund um den Kranz welch ein Schimmer,
und so leuchten auch wir,
und so leuchtet das Zimmer.
Und so leuchtet die Welt
langsam der Weihnacht entgegen.
Und der in Händen sie hält,
weiß um den Segen!
Matthias Claudius
Er trinkt nicht, hat noch nie geraucht,
Doch mag nicht missionieren.
Er kommt zu mir, wenn er mich braucht,
Dann gehen wir spazieren.
Sein Kopf: das Gegenteil von hohl.
Sie wissen, was ich meine.
Er hetzt nicht, stürmt kein Kapitol
und nutzt gern seine Beine
Statt hundert Tonnen SUV,
Von A nach B zu kommen.
Auch lügen hört ich ihn noch nie.
Er zählt nicht zu den Frommen,
Doch zählt er zu den Hellen.
Sein Herz ist wahr, sein Geist gesund,
Nichts Falsches kommt aus seinem Mund,
Nur ab und zu ein Bellen.
Thomas Gsella
Die Katze sitzt vorm Mauseloch,
in das die Maus vor kurzem kroch,
und denkt: „Da wart nicht lange ich,
die Maus, die fange ich!“
Die Maus jedoch spricht in dem Bau:
„Ich bin zwar klein, doch bin ich schlau!
Ich rühr mich nicht von hinnen,
ich bleibe drinnen!“
Da plötzlich hört sie – statt „miau“-
ein laut vernehmliches „wau-wau“
und lacht: „Die arme Katze,
der Hund, der hatse!
Jetzt muß sie aber schleunigst flitzen,
anstatt vor meinem Loch zu sitzen!“
Doch leider – nun, man ahnt`s bereits-
war das ein Irrtum ihrerseits,
denn als die Maus vors Loch hintritt –
es war nur ein ganz kleiner Schritt –
wird sie durch Katzenpfotenkraft
hinweggerafft!—
Danach wäscht sich die Katz die Pfote
und spricht mit der ihr eignen Note:
„wie nützlich ist es dann und wann,
wenn man ’ne fremde Sprach kann…!“
Heinz Erhardt
Der Mann im Mond hängt bunte Träume,
Die seine Mondfrau spinnt aus Licht,
Allnächtlich in die Abendbäume,
Mit einem Lächeln im Gesicht.
Da gibt es gelbe, rote, grüne
Und Träume ganz in Himmelblau.
Mit Gold durchwirkte, zarte, kühne,
Für Bub und Mädel, Mann und Frau.
Auch Träume, die auf Reisen führen
In Fernen, abenteuerlich.
– Da hängen sie an Silberschnüren!
Und einer davon ist für dich.
Mascha Kaléko
Ein Mensch, vorm Urlaub, wahrt sein Haus,
Dreht überall die Lichter aus,
In Zimmern, Küche, Bad, Abort –
Dann sperrt er ab, fährt heiter fort.
Doch jäh, zu hinterst in Tirol,
Denkt er voll Schrecken: »Hab ich wohl?«
Und steigert wild sich in den Wahn,
Er habe dieses nicht getan.
Der Mensch sieht, schaudervoll, im Geiste,
Wie man gestohlen schon das meiste,
Sieht Türen offen, angelweit.
Das Licht entflammt die ganze Zeit!
Zu klären solchen Sinnentrug,
Fährt heim er mit dem nächsten Zug
Und ist schon dankbar, bloß zu sehn:
Das Haus blieb wenigstens noch stehn!
Wie er hinauf die Treppen keucht:
Kommt aus der Wohnung kein Geleucht?
Und plötzlich ist’s dem armen Manne,
Es plätschre aus der Badewanne!
Die Ängste werden unermessen:
Hat er nicht auch das Gas vergessen?
Doch nein! Er schnuppert, horcht und äugt
Und ist mit Freuden überzeugt,
Dass er – hat er’s nicht gleich gedacht? –
Zu Unrecht Sorgen sich gemacht.
Er fährt zurück und ist nicht bang. –
Jetzt brennt das Licht vier Wochen lang.
Eugen Roth
Zu Pfingsten sang die Nachtigall,
Nachdem sie Tau getrunken;
Die Rose hob beim hellen Schall
Das Haupt, das ihr gesunken.
O kommt, ihr alle, trinkt und speis’t,
Ihr Frühlingsfestgenossen,
Weil über’s ird’sche Mal der Geist
Des Herrn ist ausgegossen.
Friedrich Rückert
Ich wußte ehmals nichts davon,
Bin unschuldsvoll gewesen,
Bis daß ich Wielands Oberon
Und Heines Gedichte gelesen. –
Die haben sodann im Lauf der Zeit
Mein bißchen Tugend bemeistert.
Ich träumte von himmlischer Seligkeit
Und ward zum Dichten begeistert.
Auch fand ich, das Dichten sei keine Kunst,
Man müßt‘ es nur einmal gewohnt sein. –
Ich sang von feuriger Liebesbrunst,
Von Rosenknospen und Mondschein;
Besang der Sonne strahlendes Licht.
Viel Schönes ist mir gelungen.
Jeweilen mit dem schönsten Gedicht
Hab‘ ich mich selber besungen.
Und folgte treu der gegebenen Spur
Auf meine Muster gestützet;
Schrieb viele Bogen Makulatur. –
Wer weiß, zu was sie noch nützet? –
Und wenn das Dichten so weitergeht,
So darf ich im Tode behaupten:
„Am Ende war ich doch ein Poet,
Obwohl es die wenigsten glaubten.“ –
Frank Wedekind
Nordwind bläst. Und Südwind weht.
Und es schneit. Und taut. Und schneit.
Und indes die Zeit vergeht
bleibt ja doch nur eins: die Zeit.
Pünktlich holt sie aus der Truhe
falschen Bart und goldnen Kram.
Pünktlich sperrt sie in die Truhe
Sorgenkleid und falsche Scham.
In Brokat und seidnen Resten,
eine Maske vorm Gesicht,
kommt sie dann zu unsren Festen.
Wir erkennen sie nur nicht.
Bei Trompeten und Gitarren
drehn wir uns im Labyrinth
und sind aufgeputzte Narren
um zu scheinen, was wir sind.
Unsre Orden sind Attrappe.
Bunter Schnee ist aus Papier.
Unsre Nasen sind aus Pappe.
Und aus welchem Stoff sind wir?
Bleich, als sähe er Gespenster,
mustert uns Prinz Karneval.
Aschermittwoch starrt durchs Fenster.
Und die Zeit verläßt den Saal.
Pünktlich legt sie in die Truhe
das Vorüber und Vorbei.
Pünktlich holt sie aus der Truhe
Sorgenkleid und Einerlei.
Nordwind bläst. Und Südwind weht.
Und es schneit. Und taut. Und schneit.
Und indes die Zeit vergeht,
bleibt uns doch nur eins: die Zeit.
Erich Kästner