[Noch ein Gedicht…] Johann Wolfgang von Goethe – JAHRAUS, JAHREIN

Ohne Schlittschuh und Schellengeläut‘
Ist der Januar ein böses Heut‘.

Ohne Fastnachtstanz und Mummenspiel
Ist am Februar auch nicht viel.

Willst du den März nicht ganz verlieren,
So laß nicht in April dich führen.

Den ersten April mußt überstehn,
Dann kann dir manches Guts geschehn.

Und weiterhin im Mai, wenn’s glückt,
Hat dich wieder ein Mädchen berückt.

Und das beschäftigt dich so sehr,
Zählst Tage, Wochen und Monde nicht mehr.

Johann Wolfgang von Goethe

[Noch ein Gedicht…] Max Hartung – SILVESTERNACHT

Die Glocken tönen durch die Nacht,
Du lauschest ihrem Klingen;
Das Jahr, das du herangewacht,
Was wird das neue bringen?

Kein Glockenlaut, kein Menschenmund,
Noch der Gestirne Kreisen
Vermag auf Gottes Erdenrund
Die Zukunft dir zu weisen!

Drum frag dich selbst! Das Jahr wird gut,
Gehst du auf rechten Wegen,
In deinem Tun und Lassen ruht
Des neuen Jahres Segen.

Max Hartung

[Noch ein Gedicht…] Heinz Erhardt – WEIHNACHTEN 1944 oder „WIE ICH KEINEN URLAUB BEKAM“

Wenn es in der Welt dezembert
und der Mond wie ein Kamembert
gelblich rund, mit etwas Schimmel
angetan, am Winterhimmel
heimwärts zu den Seinen irrt
und der Tag stets kürzer wird –
sozusagen wird zum Kurztag –
hat das Christkindlein Geburtstag!

Ach, wie ist man dann vergnügt,
wenn man einen Urlaub kriegt.
Andrerseits, wie ist man traurig,
wenn es heißt: „Nein, da bedaur ich!“
Also greift man dann entweder
zu dem Blei oder der Feder
und schreibt schleunigst auf Papier
ein Gedicht, wie dieses hier:

Die Berge, die Meere, den Geist und das Leben
hat Gott zum Geschenk uns gemacht;
doch uns auch den Frieden, den Frieden zu geben,
das hat er nicht fertiggebracht!
Wir tasten und irren, vergehen und werden,
wir kämpfen mal so und mal so…
Vielleicht gibt’s doch richtigen Frieden auf Erden?
Vielleicht gerade jetzt? – Aber wo?

Heinz Erhardt

[Noch ein Gedicht…] Arne Rautenberg – SCHNEEEEE

und aus dem gelben himmel schneits ein e
und noch ein e und noch ein e und plötzlich
ward alles e immer noch und wieder e

und da war schnee da war schnee in deen
chauseen war schnee übeer deen eebeeneen
schnee übeer deen dächeern schnee in jeedeem

beeet wuchs nurmeeehr deeer schneee schneee war
im geeesteeern und im heeeuteee war schneee
füchseee tollteeen im schneee pfiffeee geeellteeen

im schneeee glockeeeen schallteeeen übeeeer deeeem
seeee und auf deeeem seeee lag schneeee in jeeeedeeeer
ideeee war eeeeinfach nur meeeehr schneeeeee

Arne Rautenberg

[Noch ein Gedicht…] Joachim Ringelnatz – DIE DREI SPATZEN

In einem leeren Haselstrauch
Da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch.

Der Erich rechts und links der Franz
Und mitten drin der freche Hans.

Sie haben die Augen zu, ganz zu,
Und obendrüber da schneit es, hu!

Sie rücken zusammen dicht an dicht.
So warm wie der Hans hats niemand nicht.

Sie hören alle drei ihrer Herzlein Gepoch.
Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.

Joachim Ringelnatz

[Noch ein Gedicht…] Friederike Brun – AN EINE SÄNGERIN

Töne länger, Silberstimme! klage
Seelenwohllaut tiefer mir in’s Herz!
Ach! wie Augenblick‘ entflöhen Tage
Mir in Thränen, mir bei Orpheus Schmerz.

Zauberin! von welchen Harmonieen
Hast Du Ton, und Red‘ und Sang entlehnt?
Länger athmend mit Iphigenien
Fühlt‘ ich Gluck aus Deiner Brust verschönt!

Friederike Brun

[Noch ein Gedicht…] Erich Kästner – SOZUSAGEN IN DER FREMDE

Er saß in der großen Stadt Berlin
an einem kleinen Tisch.
Die Stadt war groß, auch ohne ihn.
Er war nicht nötig, wie es schien.
Und rund um ihn war Plüsch.

Die Leute saßen zum Greifen nah,
und er war doch allein.
Und in dem Spiegel, in den er sah,
saßen sie alle noch einmal da,
als müsste das so sein.

Der Saal war blaß vor lauter Licht.
Es roch nach Parfüm und Gebäck.
Er blickte ernst von Gesicht zu Gesicht.
Was er da sah, gefiel ihm nicht.
Er schaute traurig weg.

Er strich das weiße Tischtuch glatt
und blickte in das Glas.
Fast hatte er das Leben satt.
Was wollte er in dieser Stadt,
in der er einsam saß?

Da stand er, in der Stadt Berlin,
auf von dem kleinen Tisch.
Keiner der Menschen kannte ihn.
Da fing er an, den Hut zu ziehn!
Not macht erfinderisch.

Erich Kästner

[Noch ein Gedicht…] Ingeborg Bachmann – ICH

Sklaverei ertrag ich nicht
Ich bin immer ich
Will mich irgend etwas beugen
Lieber breche ich.

Kommt des Schicksals Härte
Oder Menschenmacht
Hier, so bin ich und so bleib ich
Und so bleib ich bis zur letzten Kraft.

Darum bin ich stets nur eines
Ich bin immer ich
Steige ich, so steig ich hoch
Falle ich, so fall ich ganz.

Ingeborg Bachmann

[Noch ein Gedicht…] Adele Schoppenhauer – AN DIE NACHT

O stille Freundin Du! O wortlos ernste Nacht!
Nimm meinen lauten Schmerz in Deine Mutterarme!
Verhüll‘ mein müdes Haupt in Deiner Schleier Pracht,
Daß dieses starre Herz in Thränenthau erwarme.
Zeig‘ mir Ihn fern im Traum, erwecke heiß’res Sehnen –
Die harte Wirklichkeit nahm mir den Trost der Thränen.

Des Tages Forderung und seiner Fragen Qual,
Sie bleiben, fern gebannt, in weitem Kreise stehen –
Und frei von fremdem Zwang erhebt zum erstenmal
Die Seele sich empor, will weithin rückwärts sehen
Dorthin – wo sie geglaubt, dem Tod sich hinzugeben,
Und ach! so tief geirrt! sie gab sich hin – dem Leben!

Adele Schoppenhauer

[Noch ein Gedicht…] Joachim Ringelnatz – OSTERN

Wenn die Schokolade keimt,
Wenn nach langem Druck bei Dichterlingen
»Glockenklingen« sich auf »Lenzes Schwingen«
Endlich reimt
Und der Osterhase hinten auch schon presst,
Dann kommt bald das Osterfest.

Und wenn wirklich dann mit Glockenklingen
Ostern naht auf Lenzes Schwingen, – – –
Dann mit jenen Dichterlingen
Und mit deren jugendlichen Bräuten
Draußen schwelgen mit berauschten Händen – – –
Ach, das denk ich mir entsetzlich,
Außerdem – unter Umständen –
Ungesetzlich.

Aber morgens auf dem Frühstückstische
Fünf, sechs, sieben flaumweich gelbe, frische
Eier. Und dann ganz hineingekniet!
Ha! Da spürt man, wie die Frühlingswärme
Durch geheime Gänge und Gedärme
In die Zukunft zieht
Und wie dankbar wir für solchen Segen
Sein müssen.
Ach, ich könnte alle Hennen küssen,
Die so langgezogene Kugeln legen.

Joachim Ringelnatz


Ich wünsche Euch von Herzen
🐰 FROHE OSTERN! 🐰

Liebe Grüße
Andreas