[Krimi] Mizzi Meyer – Der Tatortreiniger / bremer kriminal theater

Krimi-Komödie von Mizzi Meyer / nach der gleichnamigen NDR-Serie

Premiere: 11. Juni 2021 / besuchte Vorstellung: 18. Juni 2021 / bremer kriminal theater


Inszenierung: Ralf Knapp
Bühne: Gisela Brünkner / Ralf Knapp / Heiko Windrath

Kostüme: Miep Koudijs


Vor ca. 10 Jahren strahlte der NDR die ersten Folgen von „Der Tatortreiniger“ noch gänzlich versteckt im Nachtprogramm aus und machte mit dieser Entscheidung deutlich, dass es diesem speziellen Format wenig Erfolg in Aussicht stellte. Doch alles kam anders: Wie viele andere Fernsehzuschauer mit mir war auch ich ein Fan der ersten Stunde, der nach einer Krimi-Komödie lechzte, die mit Skurrilität, schwarzem Humor, Selbstironie, pikanten Themen und exzellenten Schauspielern überzeugte und sich wohltuend vom oberflächlichen massenkompatiblen TV-Humor abhob. Und schon damals stellte ich mir die Frage, wann diese intelligent-humoristischen Episoden im Kammerspiel-Format ihren Weg auf die Bühnen finden. Doch erst im August letzten Jahres feierte Schotty im „Das kleine Hoftheater“ im Hamburger Stadtteil Horn seine theatralische Uraufführung. Und natürlich lässt sich das „bremer kriminal theater“ eine solche Chance nicht entgehen und kündigte für den 18. Dezember 2020 die Bremer Premiere an. Naja, und dann kam Lockdown Nr. XYZ…!

Das bremer kriminal theater rühmt sich, das spannendste Theater Bremens zu sein, und dem können wir nur zustimmen. Nicht umsonst zählt es zu DEN Theatern, bei denen wir gerne zum Wiederholungstäter mutieren. Regisseur Ralf Knapp und sein Team wählten aus der Füller an Aufträgen, die Schotty bisher meistern musste, die drei ersten Folgen der allerersten Staffel aus.

Das Bühnenbild überzeugt wieder in der b.k.t.-eigenen Ästhetik: Wenige Versatzteile werden variabel eingesetzt und schaffen so unterschiedliche perspektivische Möglichkeiten. Als Blutflecke kommen rote Stofffetzen zum Einsatz, die von Schotty – wie durch Zauberkraft – weggeputzt werden. Nur wenige Requisiten werden benötigt, dafür liefern die Muster auf Tapeten und Sofaüberwurf Bezüge zur jeweiligen Handlung.

Ralf Knapp besetzte die Rollen mit bekannten Gesichtern aus dem b.k.t.-Kosmos. Wohltuend bleibt er in seiner Inszenierung dem ruhigen Grundton der Vorlage treu, legt den Fokus auf die geniale Textvorlage aus der Feder von Mizzi Meyer, überzeichnet, wo es angebracht schien, und reduziert, wo es Sinn macht. Dabei erhält er die Unterstützung durch drei talentierte Schauspieler*innen. Multitalent Denis Fischer sorgt als blutbefleckte „Lampe“ für die musikalische Untermalung, schlüpft gerne in die köstlich überdrehten Mini-Rollen, hält sich ansonsten eher dezent am Bühnenrand auf. Mateng Pollkläseners Schotty hat schon alles gesehen oder kennt jemanden, der entsprechendes schon gesehen hat. Ihm ist nichts Menschliches mehr fremd, und so begegnet er den Menschen an den Stätten seines Wirkens vorurteilsfrei und beinah pragmatisch aber nie gleichgültig. Pollkläsener porträtiert seinen Tatortreiniger abseits des bekannten TV-Egos und lässt so einen Vergleich gar nicht erst zu. Ein besonderes Highlight war für mich das „textfreie“ Zusammenspiel zwischen ihm und seiner Bühnenpartnerin Janina Zamani: sei es in der ersten Episode beim gemeinsamen Rauchen einer Zigarette, wo die Kommunikation nur über Blicke, Mimik und Gesten funktionierte, oder auch in der dritten Episode, wo Pollkläsener verzweifelt versuchte, Zeitungspapier möglichst lautlos in eine Mülltüte zu stopfen, während Zamani im Nebenzimmer auf jeden noch so leisen Ton hyper-empfindlich reagierte.

Die schauspielerisch größte Herausforderung meistert Janina Zamani an diesem Abend: Mit Mimik, Körperhaltung und Stimmfärbung porträtiert sie gekonnt drei doch sehr unterschiedliche Frauentypen. In „Ganz normale Jobs“ ist sie die patente Prostituierte, die mehr oder weniger zufällig am Ort des Geschehens auftaucht und sich charmant mit Schotty über die Ethik der jeweiligen Berufe, deren Praktiken und Risiken austauscht. Als versnobte Oberschichten-Witwe in „Nicht über mein Sofa“ lässt sie sich entrüstet über einen Einbrecher aus, der es gewagt hat, ihr antikes Chaiselongue aufzuschlitzen, „unglücklicherweise“ über die Treppe zu Tode stürzte und dabei „zufälligerweise“ mit ihrem 9er-Golfschläger in Kontakt kam. Es war die pure Comedy, als sie Slapstick-artig und in gespielter Zeitlupe selbst die Treppenstufen hinab zu Boden glitt. Ebenso überzeugend gibt Zamani in „Spuren“ die intellektuell-verkopfte Schriftstellerin, die verzweifelt nach den richtigen Wörtern ringt und auf die göttliche Eingabe hofft, um so endlich in den Olymp der Träger des Deutschen Buchpreises aufzusteigen. Doch erst der Anblick von Schottys Wurstbrot erlöst sie von ihrer hemmenden Schreibblockade.

„Der Tatortreiniger“ strotzt nur so vor grandiosen Dialogen, die nicht nur witzig sondern auch intelligent sind und hier von den Künstlern famos umgesetzt werden. Meine b.k.t.-Hitliste hat nun einen Top-Titel mehr…!


Der Tatortreiniger wird am bremer kriminal theater auch noch weiterhin für Sauberkeit sorgen.

[Krimi] Reginald Rose – Die zwölf Geschworenen / Metropol Theater Bremen

Buch von Reginald Rose / Deutsch von Horst Budjuhn / in einer Fassung für szenische Lesung des „theaterwerk Bremen“ von Dirk Böhling

Premiere: 10. Juli 2020 / besuchte Vorstellung: 9. Oktober 2020 / Metropol Theater Bremen

Inszenierung: Dirk Böhling


Nach dem Corona-Lockdown öffneten im Sommer langsam wieder die kulturellen Einrichtungen und präsentierten kreative Formate, um Künstler wieder vors Publikum und Publikum wieder vor die Künstler zu bekommen. Im Metropol-Theater (ehemals Musical-Theater) in Bremen bot Theater-Chef Jörn Meyer (Foto: rechts) verschiedenen kleineren Bühnen eine Heimstätte, da er dort pandemiekonforme Bedingungen bieten kann, um wieder Kultur anbieten zu können. Als erste Produktion hatte am 10. Juli 2020 das Stück „Die zwölf Geschworenen“ als szenische Lesung Premiere und konnte als Lebenszeichen der Bühnenschaffenden nach den Corona-Beschränkungen angesehen werden. Moderator, Schauspieler und Regisseur Dirk Böhling (Foto: links) rief das „theaterwerk Bremen“ ins Leben, um mit wechselnden Ensembles kleinere Bühnenformate wie Liederabende, Live-Hörspiele oder Literatur an verschiedenen Spielorten umzusetzen. Für seine Premieren-Produktion versammelte er ein illustres Ensemble aus Schauspieler*innen der verschiedenen Theater und der freien Kulturszene Bremens. Aufgrund der positiven Publikumsresonanz wurde das Stück am 9. Oktober 2020 nochmals aufgeführt.

Es ist der heißeste Tag des Jahres. An diesem Tag findet der letzte Tag eines schwerwiegenden und an sich eindeutigen Mordprozesses mit schier erdrückender Beweislast statt: Ein 19jähriger aus einem Slumviertel hat im Streit seinen Vater mit einem extrem auffälligen Springmesser erstochen. Die Anklage präsentierte zwei glaubhafte Zeugen. Beide haben den Jugendlichen bei der Ausführung der Tat beobachtet und ihn kurz darauf wegrennen gesehen. Zwölf Männer und Frauen völlig unterschiedlichen Charakters und Temperaments müssen als Geschworene in diesem Mordprozess einen einstimmigen Schiedsspruch fällen. In einem engen, von der Außenwelt abgeschlossenen Raum beraten sie darüber. Da der Fall eindeutig ist, wird mit einem raschen Ende der Sitzung gerechnet. Elf der Geschworen sind sich sofort einig: Der Angeklagte ist schuldig. Einer jedoch stellt sich gegen die Mehrheit: Er hat einen begründeten Zweifel und plädiert deshalb für nicht schuldig. Die Entscheidung über Leben und Tod eines Menschen ist ihm mindestens eine faire Diskussion wert. Das Unverständnis der Mitgeschworenen ist groß. Sie versuchen, den Zweifler mit mehr oder weniger stichhaltigen Argumenten von ihrem Schuldspruch zu überzeugen. Detailgenau werden noch einmal die Zeugenaussagen besprochen, die Tatwaffe erneut betrachtet, ebenso wie der Tatort-Plan und das Motiv. Und plötzlich, nach genauerer Analyse, scheinen die Beweise keineswegs mehr eindeutig. Die hitzigen Gemüter stoßen aufeinander, Reibereien, Streitigkeiten bestimmen die Diskussion. Die Atmosphäre im Raum ist zum Zerreißen gespannt. Doch nach und nach wird die Mauer der Vorurteile und schnellen Schlussfolgerungen brüchig…! Wie hoch ist das Risiko, einen Unschuldigen hinrichten zu lassen?

Auf offener Bühne stehen zwölf Tische in regelmäßigen Abständen zueinander. Jeder Tisch ist mit einer Nummer gekennzeichnet. Die Namen der Geschworenen werden wir nicht erfahren: Die Details ihrer Identität verstecken sich hinter der jeweiligen Nummer. Aus dem Off ertönt die Stimme des Richters, der den Geschworenen nochmals ihre Aufgabe erläutert, über Schuld bzw. Unschuld eines Menschen zu entscheiden. Vier Frauen und acht Männer treten auf, begeben sich mit ihrem Textbuch zu ihren zugedachten Tischen und nehmen dort Platz. Das Spiel beginnt…!

Zwölf Schauspieler*innen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlichem beruflichem Werdegang und von unterschiedlichen Bühnen treffen in dieser szenischen Lesung aufeinander und verkörpern die ebenso unterschiedlichen Geschworenen. Die Dynamik der Aufführung entstand so nicht nur aus dem Text, sondern auch aufgrund der Persönlichkeiten der teilnehmenden Künstler*innen. Regisseur Dirk Böhling, der selbst mitwirkte, bot mit Susanne Baum, Ulrike Knospe, Franziska Schubert, Sabine Urban, Jens Asche, Martin Baum, Ibrahim Benedikt, Denis Fischer, Marco Linke, Mateng Pollkläsener und Marcus Rudolph ein talentiertes Ensembles.

„Die zwölf Geschworenen“ ist ein Ensemble-Stück, trotzdem treten wie in jedem sozialen Gefüge einige Charaktere hervor, während andere lieber im Hintergrund bleiben. Als Zuschauer „übersah“ ich irgendwann das Textbuch in der Hand der Akteur*innen, da die Sprache das Geschehen bestimmte. Je weiter der Abend vorrückte, je detaillierter über den Tat-Hergang diskutiert wurde, umso mehr offenbarten sich die Charakterzüge der Beteiligten: Persönliche Ressentiments traten zutage und erlittene Enttäuschungen wurden auf den Angeklagten projiziert.

So bot diese Aufführung eine Vielzahl an Charakterstudien mit starken Momenten und 90 Minuten spannende Unterhaltung. Gerne mehr davon…!


Ob es weitere Aufführungen von Die zwölf Geschworenen am Metropol Theater in Bremen geben wird, ist bisher nicht bekannt. Ebenso gibt es leider noch keine Homepage vom „theaterwerk Bremen“, um mögliche Termine zu erfahren. Darum: Augen offen halten!

[Krimi] Patricia Highsmith – Zwei Fremde im Zug / bremer kriminal theater

frei nach dem Roman von Patricia Highsmith / Deutsch von Elke Körver und Maria Caleita

Premiere: 31. März 2017 / besuchte Vorstellung: 29. April 2017 / bremer kriminal theater


Inszenierung: Ralf Knapp
Bühne: Ralf Knapp / Heiko Windrath

Kostüme: Bianca Oostendorp


Eine Zufallsbegegnung im Zug mit fatalen Folgen für alle Beteiligten: Was lässt einen Menschen zum Mörder werden? Welche Umstände müssen eintreten, damit jemand einen ihm völlig Fremden tötet? Bei Patricia Highsmiths „Zwei Fremde im Zug“ geht es nicht um „Wer hat es getan?“ (Das wissen wir Zuschauer schon nach der ersten ¼ Stunde), vielmehr steht die Frage im Raum „Warum hat er es getan?“.

Sechs quadratische Waben stehen auf der Bühne – weiß, kühl und unberührt – und warten auf die Protagonisten. Bis auf wenige Ausnahmen stehen die Schauspieler allein in einer Wabe, kommunizieren miteinander aber auch aneinander vorbei. Missverständnisse sind vorprogrammiert, da jeder sich hinter „seiner“ Wand versteckt und bemüht, dem Gegenüber nicht hinter die Fassade blicken zu lassen.

Dieses Stück verzichtet auf „Action“, sondern setzt ganz auf die Wirkung der Dialoge und dem Können der Schauspieler (Christian Aumer, Denis Fischer, Janina Zamani & Martin Leßmann).

So ist dem Regisseur Ralf Knapp mit seinem Ensemble ein spannender Theaterabend gelungen, der noch lange im Gedächtnis haften bleibt.


Zwei Fremde im Zug wird am bremer kriminal theater noch bis Ende April 2019 gezeigt.