[Krimi] Reginald Rose – Die zwölf Geschworenen / Metropol Theater Bremen

Buch von Reginald Rose / Deutsch von Horst Budjuhn / in einer Fassung für szenische Lesung des „theaterwerk Bremen“ von Dirk Böhling

Premiere: 10. Juli 2020 / besuchte Vorstellung: 9. Oktober 2020 / Metropol Theater Bremen

Inszenierung: Dirk Böhling


Nach dem Corona-Lockdown öffneten im Sommer langsam wieder die kulturellen Einrichtungen und präsentierten kreative Formate, um Künstler wieder vors Publikum und Publikum wieder vor die Künstler zu bekommen. Im Metropol-Theater (ehemals Musical-Theater) in Bremen bot Theater-Chef Jörn Meyer (Foto: rechts) verschiedenen kleineren Bühnen eine Heimstätte, da er dort pandemiekonforme Bedingungen bieten kann, um wieder Kultur anbieten zu können. Als erste Produktion hatte am 10. Juli 2020 das Stück „Die zwölf Geschworenen“ als szenische Lesung Premiere und konnte als Lebenszeichen der Bühnenschaffenden nach den Corona-Beschränkungen angesehen werden. Moderator, Schauspieler und Regisseur Dirk Böhling (Foto: links) rief das „theaterwerk Bremen“ ins Leben, um mit wechselnden Ensembles kleinere Bühnenformate wie Liederabende, Live-Hörspiele oder Literatur an verschiedenen Spielorten umzusetzen. Für seine Premieren-Produktion versammelte er ein illustres Ensemble aus Schauspieler*innen der verschiedenen Theater und der freien Kulturszene Bremens. Aufgrund der positiven Publikumsresonanz wurde das Stück am 9. Oktober 2020 nochmals aufgeführt.

Es ist der heißeste Tag des Jahres. An diesem Tag findet der letzte Tag eines schwerwiegenden und an sich eindeutigen Mordprozesses mit schier erdrückender Beweislast statt: Ein 19jähriger aus einem Slumviertel hat im Streit seinen Vater mit einem extrem auffälligen Springmesser erstochen. Die Anklage präsentierte zwei glaubhafte Zeugen. Beide haben den Jugendlichen bei der Ausführung der Tat beobachtet und ihn kurz darauf wegrennen gesehen. Zwölf Männer und Frauen völlig unterschiedlichen Charakters und Temperaments müssen als Geschworene in diesem Mordprozess einen einstimmigen Schiedsspruch fällen. In einem engen, von der Außenwelt abgeschlossenen Raum beraten sie darüber. Da der Fall eindeutig ist, wird mit einem raschen Ende der Sitzung gerechnet. Elf der Geschworen sind sich sofort einig: Der Angeklagte ist schuldig. Einer jedoch stellt sich gegen die Mehrheit: Er hat einen begründeten Zweifel und plädiert deshalb für nicht schuldig. Die Entscheidung über Leben und Tod eines Menschen ist ihm mindestens eine faire Diskussion wert. Das Unverständnis der Mitgeschworenen ist groß. Sie versuchen, den Zweifler mit mehr oder weniger stichhaltigen Argumenten von ihrem Schuldspruch zu überzeugen. Detailgenau werden noch einmal die Zeugenaussagen besprochen, die Tatwaffe erneut betrachtet, ebenso wie der Tatort-Plan und das Motiv. Und plötzlich, nach genauerer Analyse, scheinen die Beweise keineswegs mehr eindeutig. Die hitzigen Gemüter stoßen aufeinander, Reibereien, Streitigkeiten bestimmen die Diskussion. Die Atmosphäre im Raum ist zum Zerreißen gespannt. Doch nach und nach wird die Mauer der Vorurteile und schnellen Schlussfolgerungen brüchig…! Wie hoch ist das Risiko, einen Unschuldigen hinrichten zu lassen?

Auf offener Bühne stehen zwölf Tische in regelmäßigen Abständen zueinander. Jeder Tisch ist mit einer Nummer gekennzeichnet. Die Namen der Geschworenen werden wir nicht erfahren: Die Details ihrer Identität verstecken sich hinter der jeweiligen Nummer. Aus dem Off ertönt die Stimme des Richters, der den Geschworenen nochmals ihre Aufgabe erläutert, über Schuld bzw. Unschuld eines Menschen zu entscheiden. Vier Frauen und acht Männer treten auf, begeben sich mit ihrem Textbuch zu ihren zugedachten Tischen und nehmen dort Platz. Das Spiel beginnt…!

Zwölf Schauspieler*innen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlichem beruflichem Werdegang und von unterschiedlichen Bühnen treffen in dieser szenischen Lesung aufeinander und verkörpern die ebenso unterschiedlichen Geschworenen. Die Dynamik der Aufführung entstand so nicht nur aus dem Text, sondern auch aufgrund der Persönlichkeiten der teilnehmenden Künstler*innen. Regisseur Dirk Böhling, der selbst mitwirkte, bot mit Susanne Baum, Ulrike Knospe, Franziska Schubert, Sabine Urban, Jens Asche, Martin Baum, Ibrahim Benedikt, Denis Fischer, Marco Linke, Mateng Pollkläsener und Marcus Rudolph ein talentiertes Ensembles.

„Die zwölf Geschworenen“ ist ein Ensemble-Stück, trotzdem treten wie in jedem sozialen Gefüge einige Charaktere hervor, während andere lieber im Hintergrund bleiben. Als Zuschauer „übersah“ ich irgendwann das Textbuch in der Hand der Akteur*innen, da die Sprache das Geschehen bestimmte. Je weiter der Abend vorrückte, je detaillierter über den Tat-Hergang diskutiert wurde, umso mehr offenbarten sich die Charakterzüge der Beteiligten: Persönliche Ressentiments traten zutage und erlittene Enttäuschungen wurden auf den Angeklagten projiziert.

So bot diese Aufführung eine Vielzahl an Charakterstudien mit starken Momenten und 90 Minuten spannende Unterhaltung. Gerne mehr davon…!


Ob es weitere Aufführungen von Die zwölf Geschworenen am Metropol Theater in Bremen geben wird, ist bisher nicht bekannt. Ebenso gibt es leider noch keine Homepage vom „theaterwerk Bremen“, um mögliche Termine zu erfahren. Darum: Augen offen halten!

[Operette] Ralph Benatzky – Im weißen Rössl / Weyher Theater

Operette von Ralph Benatzky / Text von Ralph Benatzky, Hans Müller-Einigen, Erik Charell / Liedtexte von Robert Gilbert

Premiere: 23. August 2019 / besuchte Vorstellung: 12. September 2019

Weyher Theater


Inszenierung: Frank Pinkus
Musikalische Leitung: Patrick Kuhlmann
Bühne: Hermes Schmid und Lisa Kück
Kostüme: Anika Töbelmann


„Im weißen Rössl am Wolfgangsee“, „Es muss was wunderbares sein“, „Im Salzkammergut, da kann man gut lustig sein“, „Als der Herrgott Mai gemacht“, „Die ganze Welt ist himmelblau“, „Zuschau’n kann i net“, „Was kann der Sigismund dafür“, „’s ist einmal im Leben so“, „Mein Liebeslied muss ein Walzer sein“…

…wenn ein musikalisches Werk eine solche Hit-Dichte aufweisen kann, bei dem das Publikum bei jedem Lied mitsingen kann, dann spricht man wohl mit Fug und Recht von einem Evergreen.

Das kleine Weyher Theater hat sich an diesen Gassenhauer der leichten Muse gewagt und im Großen und Ganzen auch gewonnen. In „Niedersachsens größtem Privattheater“ – so die Eigenwerbung – wurde in der reduzierten Orchesterfassung der „Bar jeder Vernunft“ ganz auf den boulevardesken Charakter des Werkes gesetzten. Mit Boulevardkomödien kennt sich das Weyher Theater aus, macht diese Gattung doch den Hauptteil des Spielplans aus.

Schon vor Betreten des Zuschauersaals wird der Gast auf das Stück eingestimmt: Rot-weiße Wimpelgirlanden und Tannengrün zieren das Foyer, und zünftige Laugenbrezel und „Berliner Weiße mit Schuss à la Giesecke“ werden von den freundlichen Damen vom Servicepersonal mit schmückenden Blütenkränzen im Haar feilgeboten. Im Saal reicht das Alpenpanorama bis in den Zuschauerraum hinein. Das Bühnenbild offenbart eine bunte Postkarten-Idylle und bietet ausreichend Raum für all die Irrungen und Wirrungen rund um die Liebe am Wolfgangsee.

Antje K. Klattenhoff als Wirtin Josepha Vogelhuber und Kay Kruppa als Zahlkellner Leopold schrammten als primäres Leading-Paar hin und wieder gefährlich nah am Chargieren vorbei. Glücklicherweise fanden sie in ihrer gemeinsamen Szene zum Happy-End doch noch ruhigere Töne und gestalteten diese sehr charmant. Großes Lob: Die Pointen saßen bei den boulevard-erprobten Profis punktgenau!

Auch Frank Pinkus in der Doppelfunktion als Regisseurs und Darsteller im Stück „litt“ an einem Hang zur Übertreibung: Sein Wilhelm Giesecke rollte gefährlich häufig mit den Augen und fand einmal zu oft „…dat is mir lieba!“. Ein wenig weniger laut und dafür ein etwas differenzierteres Spiel wäre mir „lieba“ gewesen. Da stellt sich mir in diesem Zusammenhang folgende Frage: Wenn der Regisseur selbst auf der Bühne steht, wer übernimmt dann bei ihm die Spielleitung? Seine Inszenierung setzte auf Tempo ohne in Hektik zu verfallen und amüsierte mit witzigen Details.

Sarah Kluge als Ottilie Giesecke und Christian Hamann als Otto Siedler entwickelten sich zum heimlichen Leading-Paar und zeigten weniger Klamauk dafür mehr Gefühl im Zusammenspiel. Warum die aparte Sarah Kluge in farbloses 70er-Jahre-Beige gehüllt wurde, blieb mir unverständlich. Sicher sollte ihr Outfit als junge Frau aus der Großstadt Berlin optisch einen Gegenpart zur volkstümlichen Kluft der übrigen Damen bilden. Dies wäre allerdings deutlich besser mit der Mode der 50er gelungen: Accessoires wie Hut, Handschuhe und Handtasche wirken (mit wenig Aufwand) manchmal Wunder. Abgesehen davon gab sie gemeinsam mit dem schmucken Christian Hamann ein äußerst attraktives Paar, das sowohl darstellerisch – auch in den leisen Tönen – wie auch im Gesang völlig überzeugte.

Apropos leise Töne: Diese waren – neben Kluge und Hamann – Hermes Schmid als Professor Dr. Hinzelmann und Joachim Börker als Kaiser Franz Joseph vorbehalten. Wenn Professor Hinzelmann bescheiden berichtet, wie er und seine Tochter Klärchen zwei Sommer lang jeden Taler sparen, um im dritten Sommer auf „große Reise“ zu gehen, oder der Kaiser weise und unaufgeregt sein „’s ist einmal im Leben so“ intoniert, da spürt der Zuschauer im großen Spektakel aus Witz und Spaß ein kleines Stückchen Gefühl.

Apropos Klamauk: Es gibt zwei Rollen im Stück, die von vornherein dafür prädestiniert sind und von der Übertreibung „leben“. Marco Linke stürzte sich mit vollem Körpereinsatz (oder sollte ich lieber sagen: mit voller Körpersprache) in die Rolle des schönen Sigismund Sülzheimer, flatterte hemmungslos über die Bühne und bezirzte seine Angebetete voller Inbrunst. Das Klärchen von Isabell Christin Behrendt er-lispelte sich herrlich komisch die Sympathien des Publikums, lies am Schluss unter der versierten Schulung ihres Sigismunds alle Hemmungen fallen und mutierte von der schüchternen Maid zur leidenschaftlichen Geliebten.

Die kleine, feine Theaterband mit Patrick Kuhlmann (auch musikalische Leitung), Michael Haupt und Kevin Kuhlmann sorgten gekonnt dafür, dass ein großes Orchester nicht vermisst wurde und überraschte mit dem einen oder anderen musikalischen Gag.

Das kleine Weyher Theater wagte sich an die große Operette und landete – mit kleinen Einschränkungen – eine Punktlandung: So gesehen sind meine „Kritikpunkte“ auch nur Nuancen, die einem anderen Besucher vielleicht/sicherlich nicht auffallen und auch meine Freude am positiven Gesamtbild nicht schmälerten.

Ich kann Euch einen vergnüglichen und kurzweiligen Theaterabend versprechen und bin mir sicher, dass Ihr das Theater mit einem Lied auf den Lippen verlassen werdet.


HOLDRIOH! Im weißen Rössl wird noch – mit Unterbrechung – bis zum 24. November 2019 gejodelt und gejubelt!