[Rezension] Janosch – Morgen kommt der Weihnachtsbär

Bisher hatte ich mit Janosch kaum Berührungspunkte: Während meiner eigenen Kindheit war er mir nicht präsent, als Heranwachsender hätte ich seine Bücher als „uncool“ abgestempelt, und im frühen Erwachsenenalter mangelte es in meinem Umfeld an Kindern im entsprechenden Alter, die für eine Anknüpfung hätten sorgen können. Und so ist dieses kleine Büchlein aus dem Reclam-Verlag mein erster intensiverer Kontakt mit diesem modernen Märchenerzähler.

Apropos Reclam-Verlag: Ich bin immer wieder erstaunt, welche Bandbreite an Autor*innen und Themen es zwischen dem gelben Einband der nur 10 x 14,5 cm großen Heftchen zu entdecken gilt. Lange Zeit haftete dem Verlag – völlig zu Unrecht – das Image der schnöden Schüler-Lektüre an. Doch mir dienten die Publikationen in der bekannten Optik so manches Mal als hilfreiche Vorbereitung auf einen Opern- oder Schauspiel-Abend. In der Zwischenzeit hat Reclam sich auch im Hardcover-Bereich etabliert und begeistert mit Büchern in besonderer Ausstattung. Doch nach wie vor verfolgt dieser Verlag sein vor Hunderten von Jahren festgelegtes Ziel, Weltliteratur für kleines Geld zu publizieren, um diese jedem und jeder zugänglich zu machen. Und so verwundert es kaum, dass der Verlag auch einige Werke eines Allrounders wie Janosch in die Galerie ihrer (modernen) Klassiker einreiht.

Der Weihnachtsbär macht seinen alljährlichen Rundgang, um die Wunschzettel einzusammeln. Manche Wünsche sind schon recht ungewöhnlich, andere dagegen wenig überraschend: Da wünscht sich das kleine Roselchen einen Tiger, kann aber vom Weihnachtsbär auf eine Katze runtergehandelt werden, und die Mäusemutter Anneliese hätte gerne wie in jedem Jahr die aktuelle Ausgabe der Gelben Seiten, da die so lecker nach Zitrone schmecken. In der Zwischenzeit ist der Quasselkasper auf der Suche nach einer Wurstelbude, landet aber in der Hütte des Oberförsters und wird dort von dessen Frau als Krippenpersonal rekrutiert. Dabei hat der Oberförster ganz andere Sorgen: Er müsste die gemopsten Tannenbäume aus dem Wald der oberforstamtlichen Behörde melden, findet aber allzu menschliche Gründe, warum er es unterlässt. Währenddessen ist der charmante Hallodri Kater Mikesch auf der Suche nach einem behaglichen Unterschlupf über die Feiertage. Doch die Damen, die er mit seiner Anwesenheit „beehrt“, werden ihm alle allzu anspruchsvoll. Der Weihnachtsbär sammelt weiterhin die Wunschzettel ein: Der blinde Maulwurf würde sich über eine Illustrierte mit Bildern freuen. Der kleine Bär hätte gerne eine fetzige Krawatte, und der kleine Tiger wünscht sich an Weihnachten Schnee. Diesen Wunsch kann der Weihnachtsbär auf jeden Fall erfüllen, denn schließlich ist er gut befreundet mit Frau Holle…!

Janosch erzählt liebevoll seine Geschichten über kleine und große Wünsche, von tierischen Gesellen und allzu menschlichem. Und wie jeder gute Geschichtenerzähler versteckt er seine Botschaften dezent und leise und lässt sie sanft in die Handlung einfließen. Er verpackt sie in einer humorvollen, mal flapsigen, mal skurrilen Sprache, die amüsiert und aufhorchen lässt. Seine phantasievolle und warmherzige Art, Geschichten zu erzählen, findet sich auch in seinen Illustrationen wieder. Dabei überzeugt er mit einem ganz eigenen Stil, der Figuren wie der kleiner Bär, der kleiner Tiger und die Tigerente als seine Schöpfungen unverkennbar machen und so einen hohen Wiedererkennungswert haben.

Dieses kleine charmante Büchlein erfreute mich als Erwachsener ebenso, wie es sicherlich auch schon so manches Kind erfreut hat bzw. erfreuen wird. Zudem eignet es sich mit seinen 24 Kapiteln hervorragend als literarischer Adventskalender, der zum Vorlesen verführt. Eine ganz und gar bezaubernde Lektüre…!


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150143124

ebenfalls erschienen bei Little Tiger/ ISBN: 978-3931081423

LEKTÜRE zum FEST…

TATA! Ich bitte um einen Tusch! Kaum haben wir uns von T-Shirts und Shorts getrennt und sie zur Winterruhe gebettet, da steht WAS vor der Tür? Nein, nicht das Christkind und auch nicht der Weihnachtsmann – aber es wird Zeit für meine von mir so heißgeliebte Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST.

Und wieder habe ich eine Auswahl sowohl aus den Neu-Erscheinungen wie auch der Back-List getroffen. Dabei bin ich (natürlich) mehr als nur geringfügig fündig geworden. Wenn dies Jahr für Jahr so weitergeht, dann benötige ich für meine LEKTÜRE ZUM FEST bald einen eigenen Raum, ein eigenes Regal hat sie schon…!

Selbstverständlich darf beim Fest der Liebe auch ein zünftiger Weihnachts-Krimi nicht fehlen,…

  • Gladys Mitchell – Geheimnis am Weihnachtsabend
  • Eine Leiche zum Advent. Das große Buch der Weihnachtskrimis/ herausgegeben von Otto Penzler/ mit Illustrationen von Melanie Korte
  • Oliver Schlick – Rory Shy, der schüchterne Detektiv

Übersicht LEKTÜRE ZUM FEST 2022

...aber ich hoffe natürlich sehr, dass ich Euer Interesse ebenso für meine Auswahl an Klassikern, Erzählungen und Bilder-Büchern wecken kann, und – Wer weiß? – vielleicht verlockt Euch die eine oder andere Geschichte, sie in gemütlicher Zweisamkeit oder im Kreise Eurer Lieben vorzulesen. Es würde mich freuen!

  • Dawn Casey – Wir warten auf Weihnachten. mit den schönsten Wintergeschichten aus aller Welt/ mit Illustrationen von Zanna Goldhawk
  • Janosch – Morgen kommt der Weihnachtsbär
  • L. Frank Baum – Die abenteuerliche Geschichte des Weihnachtsmannes
  • Die Wunder zu Weihnachten. Geschichten, die glücklich machen/ herausgegeben von Clara Paul
  • Rainer Moritz – Fräulein Schneider und das Weihnachtsturnier
  • Froh und munter. Mit Weihnachtsgeschichten von F. Scott Fitzgerald, Sue Hubbell, Joan Aiken u.v.a./ herausgegeben von Shelagh Armit und Marie Hesse
  • O. Henry – Das Geschenk der Weisen. Und andere Weihnachtsgeschichten
  • Monika Utnik-Strugata – Die schönste Zeit. Weihnachten in aller Welt/ mit Illustrationen von Ewa Poklewska-Kozietto
  • Nikolai Gogol – Die Nacht vor Weihnachten/ mit Illustrationen von Mehrdad Zaeri

Ich wünsche Euch von Herzen sowohl kriminalistische wie auch besinnliche Lese-Stunden!

Liebe Grüße
Andreas


P.S.: Wenn Planung und Wirklichkeit aufeinandertreffen, da kann so einiges passieren. Darum: Alle Angaben ohne Gewähr! 😉