[Rezension] René Goscinny – Weihnachten mit dem kleinen Nick/ mit Illustrationen von Jean-Jacques Sempé

Als ich selbst noch Kind war (Mir fällt gerade auf, dass ich bei der diesjährigen „Lektüre zum Fest“ recht häufig einen Blick in die Vergangenheit werfe!), waren meine Klassenkameraden von „Der kleine Nick“ ganz begeistert: „Das ist sooo lustig! Das musst Du unbedingt lesen!“ So lieh ich mir aus der Gemeindebücherei eines der vielen Nick-Bücher aus, begann zu lesen und fand es gar nicht sooo lustig. Was – bitteschön – sollte daran nun so witzig sein? Ich las das Buch erst gar nicht zu Ende, sondern brachte es enttäuscht in die Bücherei zurück.

Jahrzehnte später (2009) saß ich mit meinem Mann im Kino, und endlich erlag ich dem Charme vom kleinen Nick. Den Heimweg konnten wir nur in Etappen zurücklegen, da wir – vor Lachen geschüttelt – immer wieder die Fahrt unterbrechen mussten und uns somit nicht auf den Verkehr konzentrieren konnten. Und trotzdem griff ich auch danach nicht zum Buch: Die Erinnerung an die Enttäuschung in der Kinderzeit war wohl noch sehr präsent!

Doch in diesem Jahr lasse ich Enttäuschung Enttäuschung sein und taste mich „todesmutig“ mit „Weihnachten mit dem kleinen Nick“ an seine Welt heran. Schon bei der Eröffnungsgeschichte, in der Nick einen Wunschzettel an den Weihnachtsmann schreibt und selbstlos sich selbst nichts wünscht, kichere ich entzückt vor mich hin. Bei den lebhaft geführten Diskussionen der Kinder auf dem Schulhof, wer nun welches Geschenk vom Weihnachtsmann bekommt und wessen Geschenk am meisten Eindruck schindet, lachte ich mehrfach laut auf. Ich fühlte mich ein wenig ertappt, als ich von den Tücken des Weihnachtsbaum-Kaufs am Heiligabend las, denn gemeinsam mit dem Baum kann auch schnell die häusliche Stimmung kippen. Beinah empfand ich Mitleid mit Nicks Papa, der mit einer starken Erkältung lieber ins Büro geht, da er nur dort seine Ruhe hat und sich so ordentlich auskurieren kann.

René Goscinny schaute den liebenswerten Gören sehr genau auf’s Maul und traf deren kindlichen Ton genial: In ihrer schlichten und naiven Art erklären Nick und seine Freunde uns die Welt, hinterfragen die Handlungen der Erwachsenen und führen so einiges „ad absurdum“. Dabei steckt hinter ihren Taten weder Böswilligkeit noch ein spontaner, unbedachter Aktionismus, – Nein! Nein! – denn vor der Tat werden sich tiefschürfende Gedanken gemacht. Ihre Beweggründe sind aus ihrer Sicht absolut logisch, haben Hand und Fuß und somit ihre Berechtigung. Schließlich können sie ja nichts dafür, dass die Erwachsenen diese Logik nicht begreifen. Jean-Jacques Sempés Illustrationen fangen diesen kindlichen Zauber wunderbar ein, sind pointiert, humorvoll und absolut liebenswert. Gemeinsam mit dem Text bilden die Zeichnungen eine berückende Einheit.

Nachdem ich nun einen Blick auf die Original-Vorlage werfen durfte, wuchs meine Hochachtung auf die Filmemacher, die so liebevoll detailreich Nicks Welt auf Zelluloid gebannt haben. Wie schon im Film waren auch in den Geschichten zwei Personen meine beiden heimlichen Helden: Chlodwig und der Hühnerbrüh! Insgesamt zehn Geschichten vom kleinen Nick und seinen Freunden versammeln sich in diesem weihnachtlichen Band, und ich fand sie alle „Echt prima!“

Doch wieso gefielen sie mir nicht, als ich selbst noch ein Kind war? Ich kann es mir nur so erklären: Die kindliche Logik von Nick und seinen Freunden entsprach damals meiner eigenen kindlichen Logik. Die Denkweise der Figuren erschien mir völlig normal, und so konnte ich den Humor nicht verstehen. Heute ist es anders: Heute schließe ich mich der Meinung meiner Klassenkameraden von damals an und gestehe begeistert:

„Das ist sooo lustig!“


erschienen bei Diogenes/ ISBN: 978-3257011807

Lektüre zum Fest…

Seit Wochen (ver-)lockt das s.g. Herbstgebäck die Kunden im Supermarkt zum Kauf. In etlichen Geschäften wird von der Lichterkette, über Bastelmaterial bis zur Ausstechform schon alles angeboten, was das Herz des Weihnachtsjunkies begehrt. Und auch für die Aufführungen der Weihnachtsmärchen an den div. Theatern der Republik können schon Eintrittskarten geordert werden. Da liege ich gen Ende Oktober genau im Trend: Unter dem Schlagwort „Lektüre zum Fest“ möchte ich Euch in den kommenden Wochen eine vielfältige Auswahl an literarischen Werken zum schönsten Fest des Jahres vorstellten.

Beginnen werde ich mit vier spannenden Weihnachtskrimis, die – mit einer Ausnahme – gerade erst erschienen sind. Dabei muss ich beschämt zugeben, dass meine Auswahl (drei britische Krimis und ein französischer Krimi) nicht gerade sehr kreativ und innovativ scheint. Aber Weihnachten und Mord & Totschlag auf einem englischen Landsitz oder in der französischen Seine-Metropole passen so wunderbar zueinander: Da ziehen Kreativität und Innovation leider den Kürzeren!

  • Nicholas Blake – Das Geheimnis von Dower House
  • Agatha Christie – Hercule Poirots Weihnachten
  • Alex Lépic – Lacroix und die stille Nacht von Montmartre
  • Reginald Hill – Mord in Dingley Dell

Als kleine „Wiedergutmachung“ biete ich Euch mit meinen weiteren Buch-Vorstellungen ein abwechslungsreiches Potpourri aus klassischen Märchen im neuen Gewand, Bilder- und Bastelbücher sowie internationalen Erzählungen und Geschichten. Da ist bestimmt für jede*n und (beinah) jedes Alter etwas dabei!

  • Hans Jürgen Press – Mein Dezemberbuch
  • Jan Brandt – Der magische Adventskalender/ mit Illustrationen von Daniel Faller
  • E.T.A. Hoffmann – Der Nussknacker / Hans Christian Andersen – Die Schneekönigin & Der Tannenbaum/ mit Illustrationen von Sanna Annukka
  • Raymond Briggs – O je, du fröhliche & Der Schneemann
  • Französische & Italienische Weihnachten/ herausgegeben von Annette Wassermann & Klaus Wagenbach
  • René Goscinny – Weihnachten mit dem kleinen Nick/ mit Illustrationen von Jean-Jacques Sempé
  • Willem Elsschot – Maria in der Hafenkneipe

Bei meiner Auswahl habe ich die diesjährigen Neu-Erscheinungen an Weihnachtsbüchern völlig außer Acht gelassen und mich stattdessen der so genannten Backlist der Verlage gewidmet. Vorgestellt werden somit nur Werke, die schon seit ein/ zwei/ einigen Jahren auf dem Markt sind und verdient haben, dass wir uns wieder an sie erinnern!

Ich wünsche Euch viel Freude mit meinen Neu- und Wiederentdeckungen sowie besinnliche Lese-Stunden!

Liebe Grüße
Andreas