[Rezension] Raymond Briggs – O je, du fröhliche & Der Schneemann

Weihnachten: Was war das doch für eine schöne Zeit, als ich selbst noch Kind war und an den Weihnachtsmann glaubte. Es war eine Zeit voller (Vor-)Freude, Träume und mit so manchen Geheimnissen. Es war eine Zeit mit Rituale, Besinnlichkeit und einer spürbaren Entschleunigung. Es war eine Zeit, als es noch einen „richtigen“ Winter gab, und somit der Wunsch nach weißen Weihnachten durchaus in den Bereich des Möglichen rückte.

Ach ja! Seufz!

Genau diesen Zauber lässt der britische Illustrator und Autor Raymond Briggs in seinen entzückenden Bilderbüchern wieder aufleben. Die Entstehungsjahre dieser beiden Werke fallen genau in jene Zeit, als ich selbst noch Kind war.

O je, du fröhliche (1973)

Der Weihnachtsmann: gemütlich, nachsichtig, geduldig? Briggs Weihnachtsmann ist das genaue Gegenteil. Er grummelt und grantelt. Er meckert und motzt. Er beklagt sich über zu enge Schornsteine und schlechte Wetterverhältnisse und ist generell „mit der Gesamtsituation unzufrieden“. Und doch verrichtet er pünktlich und fleißig seine Arbeit und trotzt dabei so manchen Unwägbarkeiten.

Comicstrip-artig lässt uns der Schöpfer am Arbeitstag des Weihnachtsmannes teilhaben. In klaren, farbenfrohen Bildern steigen wir mit ihm durch die Schornsteine in recht unterschiedliche Behausungen und amüsieren uns über seine knappen Kommentare mit denen er recht wortkarg Situationen beschreibt. Am Ende eines arbeitsreichen Tages gönnt er sich ein Bierchen am Kamin und blättert in Reisebroschüren über wärmere Gefilde. Und nachdem er seine dritten Zähne ins Glas gelegt hat, trinkt er seinen Schlummer-Kakao und begibt sich zur wohlverdienten Nachtruhe. So ein Weihnachtsmann ist eben auch nur ein Mensch…!

Der Schneemann (1978)

Es schneit, und ein kleiner Junge baut einen Schneemann. Der Gedanke an diesen eisigen Gesellen lässt ihn nicht los und schleicht sich in seine Träume: Der Schneemann wird lebendig, und der Junge lädt ihn in sein Zuhause ein, um ihm seine Welt zu zeigen. Mit einer kindlichen Naivität begegnet der Schneemann recht alltäglichen Dingen, die für ihn durchaus eine Gefahr darstellen könnten. Danach zeigt der Schneemann dem Jungen seine (unsere) Welt: Gemeinsam fliegen sie über Länder und Ozeane, über Wälder, Dörfer und Städte. Erst als der Morgen rot am Horizont zu erahnen ist, kehren sie um und verabschieden sich voneinander. Als der Junge am Morgen erwacht, strahlt die Sonne vom Himmel:  Der Schneemann ist geschmolzen.

Mit zarten Bleistiftstrichen in gedeckten Farben lässt Briggs uns an diesem fantasievollen Traum teilhaben. Beinah unschuldig wirken seine Zeichnungen und rücken so das Traumhafte und das Unwirkliche der Geschichte in den Vordergrund. Dabei verzichtet er auf jegliches Wort sondern lässt vielmehr die Gestik und die Mimik seiner Helden „sprechen“.

Diese beiden Bilderbücher, die übrigens in mehreren Sprachen übersetzt wurden und auch eine Umsetzung für Film und Bühne erhielten, zeugen von Raymond Briggs Talent, seine Maltechnik im Dienst des jeweiligen Werkes zu stellen, um so das individuelle Flair und den sehr eigenen Charakter einer Geschichte hervorzuheben.


erschienen bei Diogenes/ ISBN: 978-3257011678 (O je, du fröhliche) / erschienen bei Aladin/ ISBN: 978-3848901647 (Der Schneemann)

Lektüre zum Fest…

Seit Wochen (ver-)lockt das s.g. Herbstgebäck die Kunden im Supermarkt zum Kauf. In etlichen Geschäften wird von der Lichterkette, über Bastelmaterial bis zur Ausstechform schon alles angeboten, was das Herz des Weihnachtsjunkies begehrt. Und auch für die Aufführungen der Weihnachtsmärchen an den div. Theatern der Republik können schon Eintrittskarten geordert werden. Da liege ich gen Ende Oktober genau im Trend: Unter dem Schlagwort „Lektüre zum Fest“ möchte ich Euch in den kommenden Wochen eine vielfältige Auswahl an literarischen Werken zum schönsten Fest des Jahres vorstellten.

Beginnen werde ich mit vier spannenden Weihnachtskrimis, die – mit einer Ausnahme – gerade erst erschienen sind. Dabei muss ich beschämt zugeben, dass meine Auswahl (drei britische Krimis und ein französischer Krimi) nicht gerade sehr kreativ und innovativ scheint. Aber Weihnachten und Mord & Totschlag auf einem englischen Landsitz oder in der französischen Seine-Metropole passen so wunderbar zueinander: Da ziehen Kreativität und Innovation leider den Kürzeren!

  • Nicholas Blake – Das Geheimnis von Dower House
  • Agatha Christie – Hercule Poirots Weihnachten
  • Alex Lépic – Lacroix und die stille Nacht von Montmartre
  • Reginald Hill – Mord in Dingley Dell

Als kleine „Wiedergutmachung“ biete ich Euch mit meinen weiteren Buch-Vorstellungen ein abwechslungsreiches Potpourri aus klassischen Märchen im neuen Gewand, Bilder- und Bastelbücher sowie internationalen Erzählungen und Geschichten. Da ist bestimmt für jede*n und (beinah) jedes Alter etwas dabei!

  • Hans Jürgen Press – Mein Dezemberbuch
  • Jan Brandt – Der magische Adventskalender/ mit Illustrationen von Daniel Faller
  • E.T.A. Hoffmann – Der Nussknacker / Hans Christian Andersen – Die Schneekönigin & Der Tannenbaum/ mit Illustrationen von Sanna Annukka
  • Raymond Briggs – O je, du fröhliche & Der Schneemann
  • Französische & Italienische Weihnachten/ herausgegeben von Annette Wassermann & Klaus Wagenbach
  • René Goscinny – Weihnachten mit dem kleinen Nick/ mit Illustrationen von Jean-Jacques Sempé
  • Willem Elsschot – Maria in der Hafenkneipe

Bei meiner Auswahl habe ich die diesjährigen Neu-Erscheinungen an Weihnachtsbüchern völlig außer Acht gelassen und mich stattdessen der so genannten Backlist der Verlage gewidmet. Vorgestellt werden somit nur Werke, die schon seit ein/ zwei/ einigen Jahren auf dem Markt sind und verdient haben, dass wir uns wieder an sie erinnern!

Ich wünsche Euch viel Freude mit meinen Neu- und Wiederentdeckungen sowie besinnliche Lese-Stunden!

Liebe Grüße
Andreas