[Rezension] Agatha Christie – Hercule Poirots Weihnachten

Mein lieber James,

Du bist immer einer meiner treuesten und wohl-
wollendsten Leser gewesen, weshalb ich ernstlich
verstört war, als ich ein kritisches Wort von Dir hörte.
Du hast Dich beschwert, meine Morde seien mittler-
weile zu raffiniert, regelrecht anämisch. Du würdest
Dich nach einem „guten brutalen Mord mit viel Blut“
sehnen. Einen Mord, bei dem kein Zweifel daran
besteht, dass es sich um einen Mord handelt!
Hier ist sie also, Deine Geschichte – extra für Dich
geschrieben. Ich hoffe, sie gefällt Dir.

Deine Dich liebende Schwägerin
Agatha

*

Weihnachten auf dem Landsitz Gorston Hall: Mit durchschnittener Kehle liegt der alte Simeon Lee tot in einer Lache aus Blut in seinem Arbeitszimmer. Im Zimmer herrscht ein heilloses Chaos als hätte ein erbitterter Kampf stattgefunden, und aus dem Tresor wurden wertvolle Roh-Diamanten entwendet. Die einzige Tür ist verschlossen, und der Schlüssel steckt von innen im Schloss. Eine Flucht des Täters durch eines der Fenster ist nicht möglich, da sich der Raum in einer der oberen Stockwerke befindet. So deutet alles darauf hin, dass einer von der Familie, den Gästen oder der Dienerschaft der Täter zu sein scheint. Und alle Anwesende hätten mehr als einen triftigen Grund, einen tiefen Groll gegenüber dem Opfer zu hegen. Superintendent Sugden von der örtlichen Polizei steht vor einer schier unlösbaren Aufgabe und bittet den Chief Constable Colonel Johnson um Unterstützung. Dieser hat über die Feiertage niemand geringeren als Hercule Poirot zu Gast. Mit vereinten Kräften stürzt sich das ungleiche Trio in die Ermittlungen, wobei Poirot seine Mitstreiter immer wieder mit seinen unorthodoxen Ermittlungsmethoden irritiert und die Verdächtigen mit unberechenbaren Fragen aus der Fassung bringt. Poirots kleinen grauen Zellen arbeiten auch zu Weihnachten wie ein präzises Uhrwerk, und so verwundert es nicht, dass er – „et voilà“ – auch diesmal eine verblüffende Lösung des Falls bietet…!

Je mehr Romane ich von Agatha Christie lese, umso mehr muss ich den Hut vor dieser Lady ziehen, die völlig zu Recht als „Queen of Crime“ betitelt wird. Sie nimmt die Zutaten eines klassischen britischen Krimis, schüttelt und rüttelt sie durcheinander, um (Wen wundert’s!?) einen klassischen britischen Krimi mit dem gewissen Etwas ihrer Anhängerschaft zu präsentieren. Dabei sind ihre Dialoge wieder so brillant, dass diese durchaus eins-zu-eins zum Drehbuch umgewandelt werden könnten. Die Handlungspersonen werden sehr präzise beschrieben und prägnant charakterisiert.

Häppchenweise offenbart die Autorin ihren Leser*innen sowohl die Hinter- als auch Beweggründe der Verdächtigen. Dabei behält sie alle Fäden der Handlung in ihren versierten Händen, verknotet diese bei passender Gelegenheit, um uns zu verwirren und auf eine falsche Fährte zu locken. Am Ende sind jedoch alle Fäden entwirrt, alle Handlungsstränge finden logisch zueinander und keine Frage bleibt unbeantwortet. Christie war, ist und bleibt eine Klasse für sich!!!

Mein einziger (augenzwinkernder) Kritikpunkt an dieser Geschichte: Es geht so un-weihnachtlich zu. Im ganzen Roman taucht kein Mistelzweig, kein Weihnachtsbaum und nicht der klitzekleinste Plumpudding auf. Nur Mord & Totschlag…!

„Schwager James, ich hoffe, Du warst zufrieden!“

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin Daniela Kaufmann-Strässle von „read eat live“.


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455600308

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