[Rezension] Rainer Moritz – Fräulein Schneider und das Weihnachtsturnier

Fräulein Schneider von der Buchhaltung ist eine Erscheinung: Nicht von ungefähr nennen sie ihre Kolleg*innen hinter vorgehaltener Hand „Miss Marple“ aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit der großen britischen Mimin Margaret Rutherford. Doch in der gesamten Firma würde niemand es wagen, sie direkt so anzusprechen. Auch Konrads Papa benutzt diesen Spitznamen nur, wenn er zuhause die neusten Anekdoten von Fräulein Schneider berichtet, z. Bsp. dass sich hinter Ihrer reservierten und Ehrfurcht gebietenden Fassade ein leidenschaftlicher Fußball-Fan verbirgt. Doch nun ist Fräulein Schneider in Rente und würde sich doch sicher zu Weihnachten über eine kleine Aufmerksamkeit freuen. So denkt es sich Konrads Mama und schickt ihn an Heiligabend mit einem kleinen Präsent zu ihr hin. Konrad ist wenig begeistert. Doch dieser Besuch gestaltet sich als kleine Überraschung: Fräulein Schneider ist privat nämlich gar nicht so reserviert, wie Papa immer erzählt hat. Vielmehr fordert sie ihn im Tipp-Kick-Fußball heraus und entpuppt sich in den folgenden Wochen und Monaten als strenge Trainerin. Bald ist die Idee eines Weihnachtsturniers geboren, dessen Erlös wohltätigen Zwecken zugeführt werden soll. Und so entwickelt sich aus einer kleinen Idee langsam aber stetig ein überregionales Phänomen…!

Das er schreiben kann, das wusste ich: Hatte ich doch schon einige seiner Werke u.a. mit kuriosen Literaturgeschichten, seiner Liebeserklärung an die Buchhandlung oder auf den Spuren bekannter Dichter mit Freude gelesen. Doch einem seiner gänzlich fiktiven Werke hatte ich mich bisher noch nicht gewidmet. Umso gespannter war ich auf diese Erzählung…!

Nun stellt für mich die Kurzgeschichte eine Königsdisziplin innerhalb der schreibenden Zunft dar. All das, was auch auf 300, 500 oder 1000 Seiten passiert, muss auch in eine Kurzgeschichte passen: interessante Charaktere, logischer Handlungsaufbau, fesselnder Spannungsbogen, überraschender Twist, intelligente Dialoge, eine Prise Humor und natürlich ganz viel Gefühl. Besonders das Letztere darf bei einer Weihnachtsgeschichte nicht fehlen. Und so kann ich in diesem Fall Herrn Moritz nur attestieren, dass er mit Fräulein Schneider alles richtig gemacht hat.

Beim Aufbau geht er recht raffiniert vor, indem er das Geschehen aus dem Rückblick von Konrad erzählt, der als erwachsener Mann eine Traueranzeige von seiner Mutter geschickt bekommt, die eine Erinnerungsflut in ihm freisetzt. Dabei ist seine Geschichte wohltuend un-kitschig. Vielmehr erzählt er sie frisch, eher nüchtern, beinah beiläufig aus der Perspektive eines damals 12-jährigen Jungens, der sich seine ihm logisch erscheinenden Erklärungen im Rahmen seines Erfahrungsschatzes zurechtlegt.

Dabei stoßen hier mit Fräulein Schneider und Konrad zwei Protagonisten aufeinander, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide schaffen scheinbar mühelos die hohe Kunst der gegenseitigen Akzeptanz. Als erfahrener Leser glaubte ich zu wissen, wie diese Figuren zu funktionieren haben. Rainer Moritz schlug mir dabei ein Schnippchen, indem er meine Erwartungen nicht erfüllte. Vielmehr sorgte er dafür, dass in der Geschichte ein leichter Ton von Heiterkeit mitschwingt, ich von ungeahnten Wendungen überrascht wurde, und so das Lesen für mich zu einem kurzweiligen Vergnügen wurde.

Ich bin mir sehr sicher, dass Fräulein Schneider und Konrad sich einen Platz innerhalb der Advents- und Weihnachts-Lektüre erobern werden. Diese beiden sympathischen Typen hätten es verdient…!

Lust auf weitere Meinungen? Dann empfehle ich Euch die Rezension meines Blogger-Kollegen HAUKE HARDER von „Leseschatz“ und den DOFI 206 von der Buchhandlung meines Vertrauens.


erschienen bei edition chrismon/ ISBN: 978-3960382553

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