[Noch ein Gedicht…] Dorothy Parker – STROPHEN ÜBER EINE SPÄTE EINSICHT

Gesetzt, eine Lady ist sorglos verliebt,
In Stück und Roman:
Dann sieht man sie schlendern, und sie umgibt
Ein Hauch tizian.
Man rühmt ihre Traute, ihr Ungestüm,
Sie fliegt mit dem Lover gen Alpes-Maritimes,
Beschreitet auf ewig vereint mit ihm
Die Lebensbahn.

Real ist das anders, oft hab ich’s gesehn
Und tief geht der Schnitt:
Die Lady bekommt oft fürs Liebesflehn
auch noch einen Tritt.
Die Rosenzier tarnt nur den Dorn und den Stich.
Wenn’s hoch kommt? nen Schuss vor den Bug holt sie sich.
Autoren und Stückschreiber kriegen, glaub ich,
Nur selten was mit.

Dorothy Parker

[Noch ein Gedicht…] Herrmann Hesse – WEIHNACHTSABEND

Am dunklen Fenstern stand ich lang
Und schaute auf die weiße Stadt
Und horchte auf den Glockenklang,
Bis nun auch er versungen hat.

Nun blickt die stille reine Nacht
Traumhaft im kühlen Winterschein,
Vom bleichen Silbermond bewacht,
In meine Einsamkeit herein.

Weihnacht! – Ein tiefes Heimweh schreit
Aus meiner Brust und denkt mit Gram
An jene ferne, stille Zeit,
Da auch für mich die Weihnacht kam.

Seither voll dunkler Leidenschaft
Lief ich auf Erden kreuz und quer
In ruheloser Wanderschaft
nach Weisheit, Gold und Glück umher.

Nun rast‘ ich müde und besiegt
An meines letzten Weges Saum,
Und in der blauen Ferne liegt
Heimat und Jugend wie ein Traum.

Herrmann Hesse

[Noch ein Gedicht…] Erich Kästner – EIN ALTER MANN GEHT VORÜBER

Ich war einmal ein Kind. Genau wie ihr.
Ich war ein Mann. Und jetzt bin ich ein Greis.
Die Zeit verging. Ich bin noch immer hier
Und möchte gern vergessen, was ich weiß.
Ich war ein Kind. Ein Mann. Nun bin ich mürbe.
Wer lange lebt, hat eines Tags genug.
Ich hätte nichts dagegen, wenn ich stürbe.
Ich bin so müde. Andre nennen’s klug.

Ach, ich sah manches Stück im Welttheater.
Ich war einmal ein Kind, wie ihr es seid.
Ich war einmal ein Mann. Ein Freund. Ein Vater.
Und meistens war es schade um die Zeit…

Ich könnte euch verschiedenes erzählen,
Was nicht in euren Lesebüchern steht.
Geschichten, welche im Geschichtsbuch fehlen,
Sind immer die, um die sich alles dreht.
Wir hatten Krieg. Wir sahen, wie er war.
Wir litten Not und sah’n, wie sie entstand.
Die großen Lügen wurden offenbar.
Ich hab‘ ein paar der Lügner gut gekannt.

Ja, ich sah manches Stück im Welttheater.
Ums Eintrittsgeld tut’s mir noch heute leid.
Ich war ein Kind. Ein Mann. Ein Freund. Ein Vater.
Und meistens war es schade um die Zeit…

Wir hofften. Doch die Hoffnung war vermessen.
Und die Vernunft blieb wie ein Stern entfernt.
Die nach uns kamen, hatten schnell vergessen.
Die nach uns kamen, hatten nichts gelernt.
Sie hatten Krieg. Sie sahen, wie er war.
Sie litten Not und sah’n, wie sie entstand.
Die großen Lügen wurden offenbar.
Die großen Lügen werden nie erkannt.

Und nun kommt ihr. Ich kann euch nichts vererben.
Macht, was ihr wollt. Doch merkt euch dieses Wort:
Vernunft muss sich ein jeder selbst erwerben,
Und nur die Dummheit pflanzt sich gratis fort.
Die Welt besteht aus Neid. Und Streit. Und Leid.
Und meistens ist es schade um die Zeit.

Erich Kästner

[Noch ein Gedicht…] Mascha Kaléko – EIN WELKES BLATT

Ein welkes Blatt – und jedermann weiß: Herbst.
Fröstelnd klirren die Fenster zur Nacht.
O grüne Welt, wie grell du dich verfärbst!

Schon raschelt der Winter im Laube.
Und die Vögel haben, husch, sich aus dem Staube
Gemacht.

Wie letzte Früchte fielen ihre Lieder vom Baum.
Nun haust der Wind in den Zweigen.

Die Alten im Park, sie neigen
Das Haupt noch tiefer. Und auch die Liebenden
Schweigen.

Bald sind alle Boote im Hafen.
Die Schwäne am Weiher schlafen
Im Nebellicht.

Sommer – entflogener Traum!
Und Frühling – welch sagenhaft fernes Gerücht!

Ein welkes Blatt treibt still im weiten Raum,
Und alle wissen: Herbst.

Mascha Kaléko

[Noch ein Gedicht…] Mascha Kaléko – AN MEIN KIND

Dir will ich meines Liebsten Augen geben
Und seiner Seele flammenreiches Glühn.
Ein Träumer wirst du sein und dennoch kühn
Verschlossne Türen aus den Angeln heben.

Wirst ausziehn, das gelobte Glück zu schmieden.
Dein Weg sei frei. Denn aller Weisheit Schluss
Bleibt doch zuletzt, dass jederman hienieden
All seine Fehler selbst begehen muss.

Ich kann vor keinem Abgrund dich bewahren,
Hoch in die Wolken hängte Gott den Kranz.
Nur eines nimm von dem, was ich erfahren:
Wer du auch seist, nur eines – sei es ganz!

Du bist, vergiss es nicht, von jenem Baume,
Der ewig zweigte und nie Wurzeln schlug.
Der Freiheit Fackel leuchtet uns im Traume –
Bewahr den Tropfen Öl im alten Krug!

Mascha Kaléko


👦👧 Heute ist WELTKINDERTAG! 👧👦


[Noch ein Gedicht…] Johann Wolfgang von Goethe – ÜBER DIE KATZ

Zum Fressen geboren, zum Kraulen bestellt;
in Schlummer verloren – gefällt mir die Welt.

Ich schnurr‘ auf dem Schoße, ich ruhe im Bett;
in lieblicher Pose – ob schlank oder fett.

So gelte ich allen als göttliches Tier –
sie stammeln und lallen und huldigen mir.

Liebkosen mir glücklich den Bauch, Öhrchen und Tatz,
und ich wählte es wieder – das Leben der Katz.

Johann Wolfgang von Goethe


🐱 Heute ist der INTERNATIONALE TAG der KATZE! 🐱


[Noch ein Gedicht…] Friedrich Müller – DER MONDSÜCHTIGE

Du bleicher Mann da droben,
Siehst wieder so mürrisch aus:
Bist wohl recht unzufrieden
Mit deinem luftigen Haus?

Hör‘, Freund, wir wollen tauschen:
Ich geh‘ und räume dir
Für diesen kühlen Abend
Mein warmes Lager hier.

Dafür sollst du mich heben
In deinen Mond hinauf,
Mich mit ihm wandeln lassen
Den hellen Himmelslauf.

Will auch auf deiner Warte
Ganz mäuschenstille stehn,
Und nach der bösen Erde
Nicht viel herunter sehn.

Will keinen Dieb verrathen,
Will stören kein liebendes Paar:
Nur Eines möcht‘ ich sehen,
Und das recht hell und klar.

Dir, Mond, will ich’s vertrauen:
Es ist die Liebste mein,
Die ich beschauen möchte
In deinem goldnen Schein.

Sie wohnet in der Ferne,
Blickt oft empor zu dir:
Du guckst im Weltgetümmel
Wohl kaum einmal nach ihr.

Ich wollt‘ sie besser finden,
Ich kenn‘ ihr Fensterlein;
Durch Laden, Glas und Gitter
Schlüpft‘ ich zu ihr hinein.

Hinein in ihre Kammer
Mit aller Strahlen Flut! –
Wo ist der Mond geblieben?
Der Himmel auf Erden ruht.

Friedrich Müller


🌙Heute ist der INTERNATIONALE TAG des MONDES! 🌙


[Noch ein Gedicht…] Joachim Ringelnatz – PFINGSTBESTELLUNG

Ein Pfingstgedichtchen will heraus
Ins Freie, ins Kühne.
So treibt es mich aus meinem Haus
Ins Neue, ins Grüne.

Wenn sich der Himmel grau bezieht,
Mich stört’s nicht im geringsten.
Wer meine weiße Hose sieht,
Der merkt doch: Es ist Pfingsten.

Nun hab ich ein Gedicht gedrückt,
Wie Hühner Eier legen,
Und gehe festlich und geschmückt –
Pfingstochse meinetwegen –
Dem Honorar entgegen.

Joachim Ringelnatz


🌿 Ich wünsche Euch von Herzen frohe PFINGSTEN! 🌿


[Noch ein Gedicht…] Eduard Paulus – VORSCHLAG

O wie rinnt in meine Glieder
Eine stille Seligkeit,
Sonntag, Sonntag ist es wieder,
Abgelegt das Werktagskleid.

O wie machst du jede Plage,
Alles wieder schön und gut,
Nachgeschmack von jenem Tage,
Da der Herr der Welt geruht.

Rufst in unserer gescheiten
Fleißigen Welt oft wunderbar
Mir zurück die seligen Zeiten,
Da es immer Sonntag war.

Für die nächste Schöpfungsfrage
Mach ich, Herr, den Vorschlag nun:
Ruhen mögst du sechs der Tage
Und am siebten gar nichts tun.

Eduard Paulus

[Noch ein Gedicht…] Else Lasker-Schüler – ICH LIEBE DICH…

Ich liebe dich
Und finde dich
Wenn auch der Tag ganz dunkel wird.

Mein Lebelang
Und immer noch
Bin suchend ich umhergeirrt.

lch liebe dich!
Ich liebe dich!
Ich liebe dich!

Es öffnen deine Lippen sich…..
Die Welt ist taub,
Die Welt ist blind

Und auch die Wolke
Und das Laub –
– Nur wir, der goldene Staub
Aus dem wir zwei bereitet:
– Sind!

Else Lasker-Schüler


Ich wünsche Euch von Herzen einen wunderbaren VALENTINSTAG!