[Ausstellung] MACHT MEDIEN! / Medienhaus Osterholz-Scharmbeck

Dauer der Ausstellung: 12. bis 30. Januar 2026 / Besuch: 15. Januar 2026
Medienhaus im Campus in Osterholz-Scharmbeck


Der letzte Rest vom Schnee lag noch verkrustet am Straßenrand, um sich erfolglos dem tauenden Regen zu widersetzen. Der Himmel zeigte sein typisch norddeutsches Grau. Was sollte ich nur mit einem solch trüben Tag anfangen? Ich tendierte stark, mich dem gemütlichen Dreigestirn Sofa, Wolldecke und Buch hinzugeben. Doch könnte ich ebenso meinen Hintern aus dem Haus und in Richtung Campus bewegen, um mir die Wanderausstellung MACHT MEDIEN! anzuschauen.

Desinformationen, Fake-News, Medienkonsum, Meinungsfreiheit: Mit diesen Schlagwörtern wurde ich auf dem Plakat zur Ausstellung im Eingangsbereich des Medienhauses auf dem Campus meiner Heimatstadt begrüßt. Von diesen vier Schlagwörtern bzw. von ihren Ausprägungen fühle ich mich tatsächlich vermehrt ge-schlagen – Ja! – sogar manches Mal er-schlagen. Ärgere ich mich doch selbst sehr über diese (für mich) sinnbefreiten KI-Fotos, den Gewalt verharmlosenden Filmchen und den gefakten Nachrichten, denen ich bei meinen Sitzungen auf den so genannten Sozialen Medien zunehmend ausgesetzt bin.

Statt aufzuklären schüren diese Desinformationen eher meine Aggressionen, da sie einen schädlichen Umgang miteinander „normalisieren“, der nicht meinen Werten als Mensch entspricht. Mir sind meine aufkeimenden Aggressionen durchaus bewusst, und ich kann für mich einordnen, wo der Ursprung liegt, und mich diesem entziehen. Doch viele Menschen nehmen diese „Informationen“ für wahr und lassen sich von ihnen manipulieren.


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Diese Ausstellung wurde konzipiert und erdacht u.a. vom Servicebureau Jugendinformationen und dem Weser Kurier, der führenden Tageszeitung unserer Region, und befindet sich seit geraumer Zeit auf Wanderschaft durch Schulen und Bildungseinrichtungen in Bremen und dem Bremer Umland.

Als Besucher begleitete ich die drei Jugendlichen Moe, Ava und Alex bei ihre Reise durch den Medien-Dschungel: An insgesamt 12 Stationen beschäftigten wir uns mit Fragen wie…

  • „Warum Pressefreiheit und Demokratie Hand in Hand gehen?“
  • „Wie steht es um die Pressefreiheit weltweit?“
  • „Warum haben Fotos Macht?“
  • „Was sind Desinformationen?“
  • „Wie kann ich Desinformationen erkennen?“
  • „Wie geht seriöser Journalismus?“
  • „Warum brauchen wir seriösen Journalismus?“
  • „Welche Macht haben Medien auf unsere Emotionen?“
  • „Welche Macht haben Soziale Medien?“

…und erhielten kompetente Antworten. So war es interessant, auf einer Weltkarte ein Land anzutippen, um zu erfahren, auf welchem Platz auf der Rangliste der Pressefreiheit es sich befindet. Der jeweilige Platz auf dieser Rangliste ist natürlich abhängig von der politischen Führung des Landes. Deutschland steht sehr gut da, deutlich besser als die USA seit dem Amtsantritt des amtierenden Präsidenten. Kaum verwunderlich, oder?

Bereits zu Beginn der Ausstellung wird auf das Grundgesetz Art. 5 (1) hingewiesen:

Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

Diese Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, das es zu schützen gilt. Doch birgt dies nicht auch die Gefahr, dass dieses Gut missbräuchlich zum Einsatz kommt? Doch auch auf diese Frage lieferte mir diese Ausstellung eine eindeutige Antwort, mit der ich mich vollumfänglich identifizieren konnte:

Grundsätzlich ist die Meinungsfreiheit in Deutschland durch das Grundgesetz geschützt. Es gibt jedoch klare Grenzen, insbesondere bei Äußerungen, die die Würde anderer verletzen oder zu Hass und Gewalt aufrufen.

Die Ausstellung MACHT MEDIEN! wurde sehr modern im Stil der Comic Art gestaltet, bietet knackige Informationen in Text und Bild und lädt an einigen Stationen ein, interaktiv zu agieren. Die Informationen sind gut recherchiert, aufschlussreich und regen zum Nachdenken an. Spielerisch wurde ich so animiert, meine Sicht auf die Medien zu optimieren und mein eigenes Verhalten kritisch zu hinterfragen.


Informationen zur aktuellen Station der Wanderausstellung findet ihr auf der Homepage des MEDIENKOMPETENZZENTRUMs, oder ihr werft einen Blick direkt auf die Seite von MACHT MEDIEN!.

[Ausstellung] DIE STILLE REVOLTE DER DINGE / Kunstmuseum Bremerhaven

Dauer der Ausstellung: 23. März 2025 bis 29. März 2026 / Besuch: 10. September 2025
Kunstmuseum Bremerhaven


„Ich finde die so hässlich.“ war in einem Kommentar zu meinem Beitrag ALLTAGSMENSCHEN in einem der Bremerhaven-Foren zu lesen. Ich teile diese Einschätzung in keiner Weise, doch ich respektiere selbstverständlich die Meinung dieser Kommentatorin. Meine Antwort lautete: „Das ist das Gute bei Kunst: Wir müssen nicht alle das Gleiche schön finden. Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters.“

Liegt Schönheit immer im Auge des Betrachters? Ja, liegt es! Dafür sind wir alle, jede*r für sich, individuelle Persönlichkeiten mit einem unterschiedlichen Erfahrungsschatz, aus dem wir schöpfen, aber aus dem wir auch werten. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass Kunst nicht unbedingt im klassischen Sinne schön sein muss, um mein Interesse zu wecken. Wäre dies der Fall, dann hätte mein Besuch des Kunstmuseums in Bremerhaven direkt im ersten Raum schon geendet.

Allein der Anblick des Gebäudes, dieses viereckigen, dunkel verkleideten Quaders, gradlinig, schnörkellos, funktionell, das sich zwischen Stadttheater und Kino presst und die Ecke mit dem Eingangsportal keck in Richtung Theodor-Heuss-Platz reckt, löste auch bei mir keine Begeisterungsstürme aus und würde unter der Rubrik „Schöne Bauwerke in Bremerhaven“ mir nicht unbedingt als erstes in den Sinn kommen. Doch das Kunstmuseum ist auch nicht dazu da, um Schönheitswettbewerbe zu gewinnen. Es ist dazu da, um zeitgenössischer Kunst einen Rahmen zu bieten, in dem sie sich entfalten kann und darf.

„Der Titel der Ausstellung DIE STILLE REVOLTE DER DINGE bezieht sich unter anderem darauf, der Kunst die Verweigerung zuzugestehen, nur eine weitere elitäre Ware zu werden. Er könnte aber auch andeuten, dass man nicht willens ist, einen öffentlichen Dienst zu leisten, um ihre Existenz zu rechtfertigen. In dieser Ausstellung gibt es keine Anbiederung und kein Buckeln, keine offensichtlichen Gefälligkeitsversuche, keine gönnerhaften Rechtfertigungen oder Erklärungen.“

…las ich im Begleitheft zur Ausstellung und betrat gespannt den ersten Raum. Direkt gegenüber dem Eingang begrüßte mich mit ROSE PAINTING eine Wandinstallation von Yngve Holen, die mich an ein Rosettenfenster eines Doms erinnerte, dann meinte ich das Wurzelwerk eines Baumes zu erkennen. Umso erstaunter war ich, als ich erfuhr, dass es sich hierbei einen vergrößerten Scan der Radspeiche eines SUV, der aus Leimholz gefertigt wurde, handelte. Erstaunlich, wie die Wahrnehmung einer Form sich verändert, sobald Größe und Material nicht mehr dem Gewohnten entspricht.

Im 1. Stock betrat ich einen Raum und wurde mit einer Begegnung mit mir selbst beschenkt: Anfangs fragte ich mich „Wer kommt denn da durch die Tür?“, dann realisierte ich, dass es sich beim „Man in the Mirror“ um mich höchstpersönlich handelte. Mit MIRRORS WOULD DO WELL TO REFLECT MORE BEFORE SENDING BACK IMAGES möchte uns Juliette Blightman einladen, dass wir auf dem Stuhl vor dem Spiegel Platz und uns Zeit zur Reflexion nehmen. Denn was wir über andere Menschen sagen, ist vielmehr ein Spiegelbild unserer selbst.


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Im Nebenraum stolperte ich beinah über zwei graue Plastikwannen mit schmutzigen Geschirr, an dem die Essensreste schon unschön festgetrocknet waren. Irritiert blickte ich zu Boden und fragte mich „Ist in Villarriba und Villabajo das Spülmittel ausgegangen?“. Doch irgendwie wirkte das Arrangement MALEWHITECORPORATEOPPRESSION von Georgie Nettells auch wie eine stille Revolte, als wolle jemand mir provokant zurufen „Wenn’s dich stört, dann mach doch selber!“

Wie konnte sich eine Tür, die wirkt als käme sie aus der Gründerzeit, in eine Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst verirren? Hat irgendjemand sie hier abgestellt und versehentlich vergessen? Bei näherer Betrachtung erkannte ich, dass es sich zwar durchaus um eine alte Kassettentür handelte, die allerdings ein neues Farbkleid erhalten hatte. Leider war dieses neue Kleid nicht in derselben hohen Qualität ausgeführt, wie diese ursprünglich wunderschöne Tür handwerklich gearbeitet wurde. Mit MACKDOOR hinterfragt Lucy MxKenzie die Trennung zwischen Handwerk und Kunst.

Ich schob den Vorhang zur Seite und betrat einen beinah dunklen Raum. Nur direkt im Mittelpunkt war eine Lichtquelle, die LIGHT BOX von Kitty Kraus auszumachen, die an Intensität gewann, je mehr sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnten. Erstaunt stelle ich fest, dass die sichtbare Horizontallinie nicht auf die Wand gemalt wurde, sondern aufgrund der Ausrichtung der Lichtquelle entstand.

Außerhalb dieses Raumes gab es noch eine weitere Lichtinstallation OHNE TITEL von Kitty Kraus zu bewundern, die auch auf dem Plakat zur Ausstellung zu sehen ist – allerdings in ihrem Ursprungszustand. Die Arbeit besteht aus einer klassischen Glühbirne, die in einen Eisblock, der während der Dauer der Ausstellung langsam schmilzt, eingeschlossen wurde. Die Künstlerin bedient damit zwei Dimensionen: So sucht sich das geschmolzene Eis seinen Weg als Pfützen und Rinnsale seinen Weg durch den Raum und verändert sich dabei, je länger dieser Prozess andauert.

Auch im 2. Stock beeindruckte mich eine Lichtinstallation: UNTITELD von Cerith Whyn Evans war eine Lichtsäule bestehend aus mehreren Neon-Röhren, die eine theatralische Kraft ausstrahlte und je nach Position des Betrachtenden ihre Umgebung in unterschiedlich intensive Schatten tauchte. Es war magisch!

Nach dieser Dramatik sorgte mein Blick auf die fünf Grafiken OHNE TITEL von Christian Flamm für eine wohltuende Entspannung: Mit den minimalistischen Formen und der Collagen-artigen Zusammensetzung erinnerten mich die Werke an den reduzierten Stil des Pop-Arts.

Im Treppenhaus im 1. sowie 2. Stock entdeckte ich die Leuchtkästen OHNE TITEL 1 und OHNE TITEL 2 von Daniel Pflumm, die von ihrer Ästhetik durchaus auch ein Produkt eines bekannten schwedischen Möbelhauses hätten sein können. Ich sehe diese Assoziation nicht als Nachteil. Vielmehr sei es auch hier gestattet, die Trennung zwischen Gebrauchsdesign und Kunst zu hinterfragen.

Dies war meine ganz individuelle Auswahl an Kunstwerken: Jedes dieser Werke hatte mich ganz außerordentlich angesprochen, indem es mich verwirrte, zum Nachdenken anregte, zum Lächeln oder zum Staunen brachte und mich so verführte, länger bei ihm zu verweilen. Doch natürlich gibt es noch viele Kunstwerke weiterer Künstler*innen im Kunstmuseum Bremerhaven zu entdecken, und jede*r Besucher*in wird bei einem Besuch eigene Favoriten küren. Und trotz der eingangs erwähnten Schlichtheit und Gradlinigkeit des Gebäudes empfand ich die dortige Atmosphäre auch dank der natürlichen Ausleuchtung als sehr angenehm.


Für alle, die gerne die gewohnten Pfade verlassen und offen sind für neue Impulse, ist die Ausstellung DIE STILLE REVOLTE DER DINGE im Kunstmuseum Bremerhaven wärmstens zu empfehlen.

[Ausstellung] Laura und Christel Lechner – ALLTAGSMENSCHEN / Stadt Bremerhaven

Dauer der Ausstellung: 24. Juli bis 25. Oktober 2025 / Besuch: 21. August 2025
Kunst im öffentlichen Raum / Skulpturen in der Bremerhavener Innenstadt


KUNST IM ÖFFENTLICHEN RAUM kann funktionieren – muss aber nicht. Obwohl: Was bedeutet „funktionieren“? Wie lautet da die Definition? „Funktioniert“ Kunst erst dann, wenn sie sich dem öffentlichen Raum anpasst und möglichst harmonisch mit ihm verschmilzt. Oder ist ein „Funktionieren“ erst dann gelungen, wenn die Kunst einen Bruch zu ihrem Umfeld darstellt und somit die Gemüter der Betrachtenden erhitzt? So viele, schwer zu beantwortende Fragen…!

So vielfältig wie die Kunst ist, so individuell ist der Blickwinkel, und so persönlich ist das Empfinden beim Betrachten incl. der Möglichkeiten zur Interpretation. Die Künstlerinnen Laura Lechner und Christel Lechner beschäftigen sich über Jahrzehnte mit KUNST IM ÖFFENTLICHEN RAUM und haben dafür ein ganz und gar wunderbares Medium gewählt. Sie kreieren lebensgroße Skulpturen aus Beton. Ihre ALLTAGSMENSCHEN „stellen eine künstlerische Inszenierung des Alltäglichen dar. Berührende Momentaufnahmen die zeigen, was gemeinhin übersehen wird: Das gelebte Leben in seiner reinsten Form. Ungeschönt und dennoch fern von Banalität.“ (Quelle: Homepage der Künstlerinnen)

​Nach Wiedenbrück, Oberkirch, Höxter, Fulda, Sylt und Montreux haben die ALLTAGSMENSCHEN nun auch den Weg in die Seestadt an der Weser gefunden und bereichern mit ihrer bloßen Anwesenheit die Innenstadt. Dank der div. Foto-Gruppen auf Social Media konnte ich bereits einen Blick auf die lustigen Gesell*innen werfen. So startete auch ich vorfreudig meinen Spaziergang durch die Bremerhavener Innenstadt und kam dabei an vielen Orten vorbei, an denen ich schon sehr lange nicht mehr war.

Da stand der FERNGLASMANN auf der oberen Promenade der Havenwelten. Doch anstatt durch sein Fernglas einen Blick auf die Weite des Wassers zu werfen, drehte er diesem den Rücken zu und richtete seinen Blick die Fassade des ATLANTIC Hotel Sail City hinauf. Stehen normalerweise dort oben die Menschen auf der Aussichtsplattform, genießen das Panorama und wagen einen voyeuristischen Blick hinunter, so hatte der FERNGLASMANN den Spieß umgedreht und sie nun ins Visier genommen. Automatisch folgte auch ich seinem Blick…!

Wenige Meter weiter hätte ich beinah das AMERIKANISCHE PAAR übersehen, das am Museumshafen nahe dem Übergang zum Columbus Center am Hafenbecken stand. Es wirkte, als könnte es frisch mit einem Kreuzfahrtschiff angekommen sein. Dabei hatten die Beiden selbst für den Sommer eine sehr luftige Garderobe gewählt. Vielleicht waren sie mit Badeanzug und Badeshorts auch gerade auf den Weg in die nahe Shopping-Meile, um sich für das abendliche Käpt’ns Dinner neu einzukleiden. Doch wo nur hatten sie bei dem Outfit das Portemonnaie oder die Kreditkarte versteckt?

Direkt an der Columbusstraße gegenüber dem Bergungsschlepper SEEFALKE stolperte ich über einen MANN MIT TRENCHCOAT & KOFFER. Da stand er nun mit seinem Gepäck am Rande des Wassers und wartete stumm. Doch sein südländisch erscheinendes Aussehen sprach zu mir und bot mir reichlich Raum zur Interpretation: Kam er als Geflüchteter gerade an? Oder wollte er sich als Auswanderer auf den Weg in eine neue Welt wagen? Oder war er einer der vielen ausländischen Matrosen, die auf einen der Schiffe der Hochseefischerei anheuern wollten?

Beim Eingang der Theaterkasse am Stadttheater Bremerhaven stieß ich mit einem weiteren STADTBESUCHER zusammen, der in entspannter Haltung auf etwas oder jemanden zu warten schien. Auf mein freundliches „Moin! Kann ik wat hölpen?“ verzog er keine Mine. Eindeutig war er nicht von hier und verstand darum kein Platt.


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Bei der Städtischen Sparkasse musste ich hurtig zur Seite springen, da DIE PUTZFRAU, nachdem sie anscheinend frisch durch die Schalterhalle gewischt hatte, ihren Putzeimer mit dem Schmutzwasser direkt vor meinen Füssen auf der Straße entleerte. Meinen Ausruf der Empörung schluckte ich schnell hinunter, da sie ihren Putzlappen noch drohend in der Hand hielt. Bei dieser resoluten Person hätte ich sicherlich den Kürzeren gezogen.

Plötzlich kreuzte eine lustige Schar Typen mit ihrer POLONAISE meinen Weg. Sie schienen direkt aus der großen Kirche zu kommen und wirkten sehr fröhlich, ja, beinah ausgelassen. Sie blickten aus glasigen Augen in die Welt, und ein seliges Lächeln umspielte ihre Lippen. Vielleicht waren sie allesamt Mitglieder des Kirchenvorstands, bei denen die Weinprobe zwecks Wahl des Messweines ein bisschen aus dem Ruder gelaufen war? Wer weiß…?

Bei der Abriss-Ruine des alten Karstadt-Gebäudes stieß ich auf ein Trio BAUARBEITER, das weniger mit Arbeiten beschäftigt war, dafür umso entspannter das Treiben auf dem Wochenmarkt beobachtete. Kein Wunder, das der Abriss dieses traditionsreichen Hauses in den letzten Monaten so ins Stocken geriet: „Meine Herren, wenn sie in dem Tempo weiter-„arbeiten“, wird das hier nie was?“ Was sie wohl in ihren roten Taschen hatten? Pausenbrot und Bier?

Mit GERAFFTE RÖCKE zog die Dame am Wasserspiel in der Fußgängerzone zwischen Mühlenstraße und Keilstraße alle Blicke auf sich. Ihre Mundwinkel zuckten schelmisch, als amüsierte sie sich über die Reaktionen der vorbeieilenden Fußgänger*innen. Doch nichts und niemand könnte sie davon abhalten, diese kleine kühlende Erfrischung zu genießen.

An der Ecke Keilstraße/Columbusstraße direkt gegenüber dem Deutschen Auswandererhaus konnte ich gerade noch ausweichen, sonst hätte mich sicherlich das BERLINER PAAR über den Haufen gerannt. Sie schritt resolut voran, während er verzweifelt versuchte, ihrem Tempo Stand zu halten und sie dabei mit einem großen Schirm vor der Sonne zu beschatten. Ich konnte mir ein amüsiertes Schmunzeln nicht verkneifen. So wirkte dieses charmante Pärchen auf mich, als wären sie aus der Feder des bekannten Illustrators Hans Traxler direkt auf den Fußweg geflossen.

„Mich interessiert das, was die Menschen verbindet. So schafft die Kunst der Alltagsmenschen einen Perspektivenwechsel und dient als das verbindende Element.“ lässt Laura Lechner auf ihrer Homepage verlauten. Ich muss ihr attestieren, dass ihr dies ganz hervorragend gelungen ist. Ich schaute mir die Skulpturen an, sofort startete mein Kopfkino, und ich fragte mich, welche Geschichten sich dahinter verbergen könnten. Beinah automatisch entwarf ich für jeden ALLTAGSMENSCHEN eine eigene kleine Biografie. Ich nahm ihre Wirkung am besagten Standort wahr oder folgte ihrem Blick. Beides veranlasste mich, meine Sichtweise auf die mir bekannte Umgebung zu ändern. Auf meinem Spaziergang durch die Innenstadt erlebte ich zufällige Begegnungen mit Passant*innen und kam mit ihnen ins Gespräch: Es war immer eine angenehm leichte Plauderei, so als würde die Lebendigkeit, die die Figuren ausstrahlten, auch auf uns abfärben.

Leichtigkeit, Lebendigkeit, Leben: Da saß ich nun an der Weser, spürte den Wind, der die Weiten der Nordsee schon erahnen ließ, und blickte über das Wasser in die Ferne. Dank dem schützenden Deich hinter mir durfte ich für einen kostbaren Moment dem Lärm der Stadt entsagen und genoss so sehr diesen stillen, friedvollen Augenblick. Ohne meinen Besuch bei den ALLTAGSMENSCHEN wäre mir dies entgangen…!


Habt ihr Lust auf einen humorvollen Spaziergang durch die Innenstadt Bremerhavens? Dann findet ihr auf der HOMEPAGE der ALLTAGSMENSCHEN alle nötigen Informationen.

[Ausstellung] SAMMELMAPPEN / Kunstverein Osterholz e.V.

Vernissage: 15. Mai 2025 / Besuch: 18. Mai 2025
Kunstverein Osterholz e.V. / Kleine Scheune / Gut Sandbeck in Osterholz-Scharmbeck


Sollte ich etwa doch nicht einer der wenigen sein, der noch eine SAMMELMAPPE mit eigenen Werken aus dem Kunstunterricht der Schule in der Schublade liegen hat? In dieser Mappe tummeln sich sanfte Landschaften neben selbst kreierten Comics, atmosphärische Stillleben sind ebenso zu finden wie neu gestaltete Covers zu meinen damaligen Lieblingsbüchern, schematische Skizzen zur Perspektive schmiegen sich an ausdrucksstarken Porträts, und so manche einsame Muschel wurde von mir per Bleistift auf die Weiten des Papiers geworfen. Ich hatte lange nicht mehr einen Blick in diese Mappe geworfen. Doch als ich es nun tat, explodierten die Erinnerungen in meinem Kopf und zauberten ein Lächeln auf meinen Lippen.

Da dachte ich doch tatsächlich, dass die SAMMELMAPPE eine aussterbende Spezies ist, da an den Schulen aufgrund Lehrermangel lieber so lebenspraktische Themen wie „das Verhalten im Unendlichen für ganzrationale Funktionen“ oder „das Beschreiben des freien Falls und des waagerechten Wurfs mithilfe von t-s- und t-v-Zusammenhängen“ vermittelt werden, anstatt Tuschen, Malen und Aquarellieren.

Doch da sollte ich mich wohl getäuscht haben, wie diese Ausstellung nachdrücklich bewies: Schülerinnen und Schüler der 3. bis 13. Klasse der verschiedensten Schulformen aus dem erweiterten Stadtgebiet von Osterholz-Scharmbeck hatten die Gelegenheit, ihr Können einem breiteren Publikum zu präsentieren, oder wie es etwas sperrig auf dem Plakat zur Ausstellung zu lesen war:

Eine Ausstellung in der Galerie auf Gut Sandbeck, OHZ im Rahmen des Präsentations-Nachmittags des Kooperationsverbundes zur Förderung besonderer Begabung in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein OHZ

„Ja, nee, is klar!“ 😉


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Doch es gab für mich wirklich so viel Erstaunliches zu entdecken: Diese Ausstellung überraschte mich mit ihrer Vielfalt an Themen, Techniken und Formate. Die Formate variierten von der bekannten Größe eines DIN A 4-Blattes bis zu einem beeindruckenden Umfang von 1 x 2 Meter. Da gab es Collagen und Aquarelle, Farb-, Bunt- und Bleistift-Zeichnungen, Kolorationen und Drucke und ganz viel Acryl auf Leinwand. Auch bei der Wahl der Themen schien es (zum Glück) keine Grenzen gegeben zu haben.

Da waren die Kinder und Jugendlichen einerseits ganz in ihrer Phantasiewelt und schworen Spiderman bzw. Peter Parker herauf, andererseits gaben sie genau das wieder, was sie sahen: Wer zum Beispiel bei einem Titel wie „Ein Tag in Holland“ auf idyllische Grachten hoffte, der wurde von Mohnfeldern mit Windrädern überrascht. Auch durfte ein humorvoller Blick in die Zukunft nicht fehlen: Bei „Die Verwandtschaft kommt“ blickten mir drei grüne Männchen direkt in die Augen. Zudem gab es Kunstwerke, die digital entstanden waren, und bei denen sich der Betrachtende via QR-Code die passende Musik aufs Ohr holen konnte. Die drei großformatigen Werke entstanden im Rahmen einer Werkstattarbeit zu „Licht und Raum im Wandel der Tageszeiten“ und beeindruckten mich durch Detailreichtum und die gekonnte Wiedergabe der jeweiligen Lichtstimmungen.

Ich hoffe so sehr, dass die Verantwortlichen der Schulbehörden endlich aufwachen und erkennen, wie wichtig der Kunstunterricht bei der Entwicklung der Kids ist. Er fördert die kognitiven Fähigkeiten, die Kreativität und das räumliche Vorstellungsvermögen. Die Hand-Augen-Koordination wird trainiert und verfeinert. Die Fähigkeit zur Konzentration nimmt zu, und – vor allem – sowohl das Selbstbewusstsein wie auch die Fähigkeit der Kinder, sich selbst kritisch einzuschätzen, wird gestärkt.

Leider war der Ausstellung SAMMELMAPPEN nur eine kurze Verweildauer in der kleinen Scheune auf Gut Sandbeck beschieden. Ich hoffe aber sehr auf eine Wiederholung im kommenden Jahr.


Habe ich euer Interesse geweckt? Dann stöbert doch gerne auf der HOMEPAGE des Kunstvereins Osterholz e.V.

[Ausstellung] TIERISCHER AUFSTAND. 200 Jahre Bremer Stadtmusikanten in Kunst, Kitsch und Gesellschaft / Kunsthalle Bremen

Die Frühlingssonne lachte als wir uns an diesem Sonntagnachmittag auf Initiative von Ute und Sabine Gartmann von der Buchhandlung „die schatulle“ an der Kunsthalle in Bremen trafen: Die Gartmann-Schwestern hatten diesen Ausstellungsbesuch für ihre interessierte Kunden organisiert. Herzlichen Dank!

Die Bremer Stadtmusikanten gehören zu den beliebstesten Märchenfiguren. Nachdem das Märchen lange Zeit nur mündlich überliefert wurde, fand es 1819 erstmals Aufnahme in die Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm. Die Bremer selbst entdeckten erst 80 Jahre später das (Werbe-)Potenzial der vier Musikanten als Wahrzeichen ihrer Stadt.

Die Ausstellung beginnt mit dem Ursprung des Märchens und der Entwicklung des bekannten Bildmotivs der aufeinander stehenden Tiere. Gerade die unterschiedliche Bildsprache der Epochen konnten wir anhand der Illustrationen der ausgestellten Märchenbücher bewundern: So hatte eine Zeichnung aus den 20er Jahren eine völlig andere Ästhetik als die Grafik aus den 60er Jahren – und sind somit auch ein Ausdruck des jeweiligen Zeitgeschmacks.

Informativ waren auch die Exponate rund um die Entstehungsgeschichte der berühmten Bronzeplastik von Gerhard Marcks. So konnten wir die Korrespondenz zwischen dem Künstler und dem Bremer Senat ebenso bewundern wie die ersten Skizzen des Künstlers und Fotos vom Herstellungsprozess. Bei der Plastik von Marcks türmen sich die Tiere ähnlich einer Pyramide aufeinander und bilden so eine harmonische Einheit. Trotz dieser Stringenz haben die einzelnen Viecher durchaus Individualität – sei es der vorgestreckte Hals des Hahns oder die angewinkelte Pfote der Katze.


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Neben Marcks wurden auch andere Künstler von den Bremer Stadtmusikanten inspiriert: Der südkorenische Künstler Gimhongsok türmt überlebensgroße Plüschfiguren aufeinander und vermittelt den Eindruck, dass die untere Figur vom Gewicht der oberen Figuren erdrückt wird. Im Gemälde von Karl Horst Hödicke stehen die Tier zwar gewohnt übereinander, bilden aber keine Einheit, da ihre Blicke alle in unterschiedliche Richtungen weisen. In der Skulptur von Jeff Koons werden gleich fünf Tiere übereinander geschichtet und verbindet hochwertige Materialien mit Handwerkskunst zu einer idealisierten Darstellung der Tiere.

Auch der Kitsch findet seinen Platz in dieser Ausstellung: So taucht das Motiv der Stadtmusikanten auf verschiedenen Alltagsgegenständen (Kinderbesteck) und Souvenir-Artikeln (Schlüsselanhänger, Aufkleber, Becher) auf und fand ebenso Einzug in anderen Kulturen (Perlenpuppen aus Namibia, Trickfilm aus Russland).

Der gesellschaftliche Einfluss „der glorreichen Vier“ wurde somit für mich als Besucher dieser interessanten Ausstellung durchaus nachvollziehbar. Am Ausgang der Ausstellung hatten wir zudem Gelegenheit, „Tierische Grüße“ in die Welt zu senden: Auf vorbereiteten Postkarten konnten wir unseren Lieben einen Gruß schicken. Schöne Idee!


Ein TIERISCHER AUFSTAND kann noch bis zum 1. September 2019 in der Kunsthalle in Bremen geprobt werden.

[Ausstellung] EINFACH GUT. Design aus Dänemark / Wilhelm Wagenfeld Haus Bremen

Dänisches Design erfreut sich ungebrochen großer Beliebtheit. Doch was macht diese Faszination aus. Die Ausstellung im Wilhelm-Wagenfeld-Haus geht diesem Phänomen auf die Spur und blickt zurück auf 70 Jahre dänischer Design-Geschichte.

„Niemals so avantgardistisch, dass man nicht ordentlich sitzen könnte!“

Bezieht sich diese Aussage ursprünglich auf die vielfältigen Sitzgelegenheiten, könnte dieses Credo auch für alle gezeigten Design-Stücke gelten: Zweckmäßig sollte es sein aber auch ansprechend und formschön. Erschwinglich sollte es sein aber auch gutverarbeitet und von hoher Qualität. So machten die dänischen Designer aus der sprichwörtlichen Not eine Tugend, arbeitete mit den Materialien, die sie vor Ort vorfanden und schufen somit schon ab den 40er Jahren Gegenstände für den täglichen Gebrauch, die weiterhin eine erstaunliche Modernität ausstrahlen.

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Pfauenstuhl, Designer: Hans J. Wegner; Foto: Jürgen Hans

So findet die Stelton-Isolierkanne von Designer Erik Magnussen aus dem Jahr 1976 ebenso ihren Platz in dieser Ausstellung wie das wunderschöne Ess-Service mit dem Dekor „Musselmalet“ (wörtlich übersetzt: muschelgemalt) von der Königlich Dänischen Porzellanmanufaktur „Royal Copenhagen“, das,  erstmals im Jahre 1775 hergestellt, 1885 überarbeitet wurde und seitdem als ur-dänisches Service gilt.

Auch die gezeigten Sitzgelegenheiten ließen mich staunen und weckten meine Begehrlichkeit: Ich stand vor einem originalen Pfauenstuhl und überlegte, wo er am besten in unserer Wohnung zur Geltung kommen könnte.

Bis es soweit ist, werde ich mich mit den erschwinglicheren Designer-Stücken begnügen müssen: Voller Ehrfurcht habe ich mir gerade einen Kaffee aus unserer roten Stelton-Kanne in die Tasse gegossen.


Die Ausstellung EINFACH GUT. Design aus Dänemark ist noch bis zum 22. April 2019 im Wilhelm Wagenfeld Haus in Bremen zu bewundern.