[Rezension] Jella Lepman – Die Kinderbuchbrücke

Es war einmal…

…vor einigen Jahren kurz vor den Wahlen, da saß ich mit einer Bekannten zusammen, und sie äußerste ihre Haltung dazu: „Ich gehe nicht zu den Wahlen! Man weiß ja eh nicht mehr, welche Partei man wählen soll!“ Ich starrte sie völlig entgeistert an: Nach einer Schrecksekunde in Schockstarre gab ich zu bedenken, dass – abgesehen davon, dass sie mit ihrer Wahlverweigerung automatisch die AfD stärkt – in der Vergangenheit viele mutige Frauen dieses Wahlrecht für sich und nachfolgende Generationen hart erkämpft haben. Mich traf der verständnislose Blick meiner Bekannten…!

Mutige Frauen: Es gab sie und wird sie zum Glück immer geben. Mutige Frauen, die am Sockel des Patriarchats des weißen Mannes rütteln. Und allen weißen Männern, die der Meinung sind, dass eben dieser weiße Mann die Krone der Schöpfung darstellt, rufe ich voller Überzeugung zu: „Nein, er ist es nicht!“ Im Gegenteil: Die Krone der Schöpfung sind für mich all die Menschen, die – im Großen wie im Kleinen – dafür sorgen, dass das Leben auf unserem Planeten ein wenig besser wird!

Jella Lepman war einer dieser Menschen, war eine dieser mutigen Frauen.

Als Jüdin musste die Journalistin 1936 über Italien nach England immigrieren, wo sie weiterhin u.a. für die BBC und den US-amerikanischen Sender ABSIE journalistisch tätig war. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt sie das Angebot, als Beraterin der US-Armee für Frauen- und Jugendfragen im Rahmen des „Reeducation“-Programms der amerikanischen Besatzungszone nach Deutschland zurückzukehren. Lepman reiste voller Zweifel und Ängste in das Land, das für den Holocaust verantwortlich war. Schnell wurde ihr bewusst, dass eine „Reeducation“ (=Entnazifizierung) bei denen am erfolgreichsten ist, die sie als hoffnungsvolle Zukunft eines Landes ansah: die Kinder! Das beste und geeignetste Medium, um den Kindern im Nachkriegsdeutschland Toleranz, Friedensliebe und Weltoffenheit näher zu bringen, waren für sie die wunderbaren Kinderbücher aus aller Welt bzw. aus Deutschland vor dem Einfluss der Nazis (z. Bsp. „Emil und die Detektive“ von Erich Kästner).

Aber waren die Kinder Deutschlands, die so viel Leid erlebt und Schreckliches gesehen haben, überhaupt bereit dafür? Und wären die Nationen bereit, ihre Kinderbücher dem „Feind“ zu spenden? Ihre Bitte um Bücher für die Kinder in Deutschland, die sie an die Länder richtete, traf dort einen Nerv der Solidarität – Solidarität für die Kinder – und so fungierten die Kinderbücher als Brücke der Verständigung zwischen den Nationen. Jella Lepman organisierte 1946 eine Internationale Jugendbuchausstellung in München (und somit auch die erste internationale Ausstellung in Deutschland nach dem Krieg), die auch auf Wanderschaft ging und somit in weiteren Städten in Deutschland gezeigt wurde. Die Ausstellung wurde ein sensationeller Erfolg: Aus ihr entwickelte sich im Jahre 1949 die Internationale Jugendbibliothek im München, deren Direktorin Lepman bis 1957 war.

In diesem Buch lässt Jella Lepman den Aufbau der Internationalen Jugendbibliothek mit eigenen Worten wiederaufleben. Im leichten Plauderton mit sehr viel Empathie erzählt sie über ihren Neu-Anfang im Nachkriegsdeutschland. Humorvoll berichtet sie von Rückschlägen und Fauxpas und plaudert unterhaltsam über Begegnungen mit damaligen Größen des öffentlichen Lebens (Eleanor Roosvelt, Theodor Heuss, Elly Heuss-Knapp, Golo Mann und Erich Kästner), die sie als Befürworter bzw. Unterstützer ihrer Idee gewinnen konnte. Im Mittelpunkt ihres Handels standen immer die Kinder. Sehr emotional lässt sie uns an ihren ersten Begegnungen mit traumatisierten Kindern, die in den Trümmerbergen ums Überleben kämpften, teilhaben. Ebenso berührend sind ihre Schilderungen über die Reaktionen der Kinder: Andächtig, staunend und mit glänzenden Augen nahmen sie die Bücher „in Besitz“. Jella Lepman lag so nicht nur die Förderung der Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland am Herzen. Sie wurde auch zur Förderin der jungen Leser*innen. „Kinder an die Macht“ schien ihre Devise zu lauten, und so ließ sie von den Kindern Buch-Rezensionen erstellen, in Gesprächsrunden Autor*innen Löcher in den Bauch fragen und initiierte die ersten Fremdsprachenkurse. Aber auch über den Räumlichkeiten der Bibliothek hinaus warb sie mit aller Kraft für ihre Idee und kooperierte mit Schulen und Ämtern. Zudem knüpfte sie grenzüberschreitend Kontakte, indem sie Kongresse besuchte und internationale Gäste in der Jugendbibliothek begrüßte. Die Autorin (be-)schreibt mit so viel Begeisterung und Anteilnahme, dass mir während der Lektüre (Ich gestehe…!) das eine oder andere Mal die Augen feucht wurden.

Eingeleitet wird dieses literarische Statement durch ein Vorwort von Dr. Christiane Raabe, der jetzigen Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek, ergänzt durch viele historische Fotos und abgeschlossen durch die lesenswerte Kurz-Biografie „Die vielen Leben der Jella Lepman“ von Anna Becchi.

Lepmans ängstliche Frage, ob die Kinder bereit für Bücher seien, war völlig unbegründet. Die Kinder stürmten begeistert zuerst die Ausstellung und später die Internationale Jugendbibliothek, beteiligten sich aktiv an deren Angebote und entdeckten die neuen Bücher für sich: Für sie waren die Kinderbücher die Flucht aus einem grauen Trümmer-Deutschland in eine farbenfrohe Welt voller Spaß, Abenteuer und einer Vielzahl an unterschiedlichen Held*innen,…

…und wenn sie nicht gestorben sind, dann lesen sie noch heute!

Weitere Informationen findet Ihr auf der HOMEPAGE der Internationalen Jugendbibliothek.


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956143922

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Agatha Christie – Autobiografisches & mehr

Wie aufmerksame Leser*innen meines Blogs sicherlich schon bemerkt haben, bin ich ein Fan von der „Queen of Crime“.

So werde ich es mir nicht nehmen lassen, hin und wieder das eine oder andere Werk von ihr hier vorzustellen.

Allen Interessierten, die mehr über diese außergewöhnliche Schriftstellerin erfahren möchten, lege ich eine sehenswerte Dokumentation auf „arte“ ans Herz.


Agatha Christie – Die Autobiographie

Die „Queen of Crime“ plaudert „by herself“ aus ihrem turbulenten Leben und tut dies völlig uneitel. Sie war immer am Puls der Zeit, interessierte sich stets für gesellschaftliche Veränderungen und war selbst das beste Beispiel, in wieweit sich das öffentliche Bild der Frau verändert hat.

Dabei verschweigt sie ihren Lesern auch nicht die vielen Tiefpunkte, die sie geprägt und zu der einzigartigen Schriftstellerin haben werden lassen. Ihr bewegtes Leben beschreibt sie emotional sehr berührend. Einzig der Dezember des Jahres 1926 findet in ihrer ansonsten so detailreichen Biographie keine Erwähnung. Abgerundet wird diese gelungene Autobiographie durch Fotos aus dem Familienalbum der Christies.

Zudem ist die Autobiographie in der Neu-Auflage im Festen Einband mit rotem Leinenrücken sehr geschmackvoll gestaltet.

erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455000528


Andrew Wilson – Agathas Alibi

Ein Abend im Dezember 1926: Aus heiterem Himmel ohne Vorwarnung verschwindet die berühmte Kriminalschriftstellerin Agatha Christie von der Bildfläche und taucht erst 12 Tagen später wieder auf. Dieses Mysterium hielt damals ihre Familie, die Presse und die Polizei in Atem und lieferte im Nachhinein Stoff für wilde Spekulationen –  zudem sie sich zeitlebens nie über die Gründe ihres Verschwindens geäußert hatte.

Andrew Wilson strikt um die wenigen bekannten Fakten eine fiktive Geschichte im Christie-Stiel und liefert einen Kriminalroman mit der „Queen of Crime“ im Mittelpunkt, der immer wieder Bezug auf ihren bekannten Roman „Alibi“ nimmt. Dabei erreicht er nicht die erzählerische Qualität des Originals, liefert aber einen durchaus spannenden und unterhaltsamen Krimi, dessen Lektüre zur Folge hatte, dass ich „Alibi“ nochmals lesen musste!

erschienen bei Pendo/ ISBN: 978-3866124226


Agatha Christie – Alibi. Ein Fall für Poirot

Hercule Poirots 3. großer Fall hat es in sich: Mrs. Frerrars steht im Verdacht, ihren Gatten ermordet zu haben. Nun ist sie selber tot! Roger Ackroyd versucht verzweifelt, die Umstände ihres Todes herauszufinden. Doch bevor er reagieren kann, wird auch er ermordet. Hercule Poirot hatte so sehr gehofft, seinen Ruhestand ruhig und friedlich auf dem Lande verbringen zu können. Doch das Landleben entpuppt sich alles andere als ruhig und friedlich…

Agatha Christies Werk begründete ihren Weltruhm als bedeutende Kriminalautorin und gilt als einer der einflussreichsten Kriminalromane, die jemals geschrieben worden sind. Gerade sein überraschendes Ende und die ungewöhnliche Wahl des Täters sorgten nach Erscheinen bei seiner Leserschaft für Aufruhr, führte aber zu einem Umdenken im gesamten Krimi-Genre.

Auch mich zog dieser Krimi (mal wieder) bis zur letzten Seite in seinen Bann – ein echter „Pageturner“!!!

erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455650044