
Schlagwort: Clara Schumann
[Rezension] Kristina Dumas – MEIN LEBEN IST MUSIK. Die 21 wichtigsten Frauen der klassischen Musik/ mit Illustrationen von Malin Neumann
Nun ist sie wieder da, die theaterlose Zeit: Ganze 8 Wochen muss ich darben, bis an meinem Stamm-Theater am ersten Wochenende im September offiziell die Spielzeit 2026/2027 eingeläutet wird. Doch auch in diesem Jahr werde ich versuchen, diese öde Zeit mit der Lektüre entsprechender Literatur zu füllen. Ich bin da ganz zuversichtlich, dass es mir mit den von mir ausgewählten Büchern sehr gut gelingen wird.
Beginnen möchte ich mit dem musikalischen Bilderbuch MEIN LEBEN IST MUSIK aus dem Annette Betz-Verlag. 21 äußerst musikalische Frauen aus Vergangenheit und Gegenwart wurden hier von Kristina Dumas in Kurzporträts vorgestellt. Da tauchen nicht nur die Namen herausragender Komponistinnen auf, wie Hildegard von Bingen und Emilie Mayer, deren Wirken selbst in einem relativ aktuellen Werk leider keine Erwähnung finden. Auch Dirigentinnen, Sängerinnen, Solistinnen und Tänzerinnen, die ihr Leben der klassischen Musik geweiht haben, werden hier geehrt.
Neben den bereits erwähnten Damen gehören auch Fanny Hensel, Florence Beatrice Price, Alma Deutscher, Nadia Boulanger, Antonia Brico, Oksana Lyniv, Han-Na Chang, Fransesca Caccini, Maria Callas, Leontyne Price, Anja Harteros, Clara Schumann, Marianne Kirchgeßner, Anne-Sophie Mutter, Martha Argerich, Mademoiselle De Lafontaine, Pina Bausch, Misty Copeland und Yang Liping zur illustren Runde wunderbarer Künstlerinnen.
Die Wahl auf diese Frauen scheint mit Bedacht gewählt, zeigt sie doch den historischen, kulturellen wie auch gesellschaftlichen Hintergrund, vor dem die Frauen agieren mussten. Wobei diese Namen durchaus exemplarisch stehen für alle Frauen, die sich im Genre der klassischen Musik behauptet haben und auch weiterhin behaupten. Kristina Dumas vergisst in ihren markanten Kurzporträts auch nicht den inneren Drang, den persönlichen Impuls zu verheimlichen – beides oftmals so stark, dass den Künstlerinnen nichts anderes übrig blieb, als sich ihrer Kunst zu öffnen und sich ihr hinzugeben – allen Widrigkeiten zum Trotz. Malin Neumann schuf dazu ganz wundervolle Illustrationen, die den Charakter der jeweils Porträtierten stimmig einfangen und so manches Mal ganz individuelle Merkmale hervorheben.
Doch bei einem musikalischen Bilderbuch gibt es natürlich nicht nur einiges zu sehen, sondern auch reichlich zu hören: Dies geschieht entweder digital oder per CD. Die Texte zu den Kapiteln wie auch zu den einzelnen Künstlerinnen wurden von der Schauspielerin Jasmin Tabatabai eingesprochen, die mich mit ihrer exquisiten Diktion begeisterte (Ja, darauf achte ich auch!), und die mal kess, mal frech, mal aufmüpfig aber immer voller Selbstbewusstsein der Damenriege ihre Stimme lieh. Doch auf der CD findet sich zu jeder Künstlerin auch ein passendes Musikbeispiel. Hierbei wurde sich – mit einigen wenigen Ausnahmen – aus dem Archiv des renommierten Labels NAXOS bedient.
Die Musikauswahl war so perfekt auf dem auch durchaus emotionalen Text abgestimmt, dass mir beim Zuhören so manches Mal die Augen feucht wurden. Wie Perlen auf einer Kette reihten sich die Musikstücke aneinander, schlängelten sich wie ein roter Faden um Text und Illustration und bildeten so gemeinsam eine gelungene Harmonie.
HINWEIS Vom Philharmonischen Orchester Bremerhaven unter der Leitung des damaligen GMD Marc Niemann gibt es eine ganz und gar wundervolle Einspielung mit zwei Sinfonien der Komponistin Emilie Mayer, die sogar für den Musikpreis OPUS KLASSIK nominiert war. Diese Einspielung krönte die erfolgreiche Konzert-Saison 2021/2022 des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven, in der unter dem leider nur allzu passenden Titel MUSIK IM SCHATTEN die Werke von Komponistinnen wieder zu Gehör kamen.
erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219119589
APHO·RI·SI·A·KUM…
[Konzert] Kammerkonzert – FREI ABER EINSAM. SELTENE MUSIK DER ROMANTIK / Philharmonisches Orchester Bremerhaven
Kompositionen von Clara Schumann, Robert Schumann und August Klughardt
Philharmonisches Orchester Bremerhaven
Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven/ New York Saal
OBOE Luc Durand
VIOLA Kari Träder
KLAVIER Zuzanna Hutek
Ich trat aus dem geschützten Parkhaus hinaus, und eine klirrende Kälte empfing mich. Meine Schritte lenkten mich an der gläsernen Werft vorbei direkt ans Hafenbecken. Ich blieb für einen Moment am Rand der Hafenmauer stehen, gierig sog ich die frische Luft in mich ein und lauschte den Geräuschen der Hafenwelten: Aus einem nahen Lokal erklang beim Öffnen der Tür das Stimmengewirr der Gäste und das Klappern von Geschirr zu mir herüber. Ein leichter Wind ließ die Wellen sanft an die Kaimauer schlagen, und über mir schrien die Möwen für mich unsichtbar im Dunkel des Abends. Ich schlenderte weiter über die Fußgängerbrücke und näherte mich dem Deutschen Auswandererhaus, dessen düstere Fensterfront vor mir aufragte. Nur die Beleuchtung in der Lobby ließ erahnen, dass hier noch nicht zur Gänze Ruhe eingekehrt war…!
Nach Jahrzehnten, nachdem ich als junger Mensch ein Klassik-Abonnement beim Kulturzentrum Gut Sandbeck bei uns in Osterholz-Scharmbeck hatte, gönnte ich mir wieder ein Kammerkonzert. Während die großen Symphonie-Konzerte mit orchestraler Wucht und ihrem Zusammenspiel einer Vielzahl an Instrumentalisten überzeugen, punkten Kammerkonzerte durch ihren Minimalismus, indem nur wenige Instrumente im Rampenlicht stehen. So wird meine Aufmerksamkeit als Zuhörer auf die jeweiligen Solist*innen fokussieren. Mit Interesse und Bewunderung beobachte ich sie so nur allzu gerne bei der Ausübung ihrer Kunst.
Der New York Saal im Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven entpuppte sich als ein funktionaler Mehrzweckraum. Würde auch hier die Musik das Wunder vollbringen können, diese beinah sterile Atmosphäre aufzubrechen – zumal der Untertitel des Konzerts uns SELTENE MUSIK DER ROMANTIK versprach? Als Solist*innen betraten Luc Durand an der Oboe, Kari Träder mit der Viola und Zuzanna Hutek am Klavier die „Bühne“. Werke von Robert Schumann, Clara Schumann und August Klughardt standen auf dem Programm.
Nachdem Luc Durand das Publikum begrüßt und einige Anmerkungen zum Programm gemacht hatte, startete das Konzert mit DREI ROMANZEN FÜR OBOE UND KLAVIER OP. 94 von Robert Schumann, die im Zusammenspiel von Durand mit Zuzanna Hutek beinah verträumt erschienen. Leicht und sehr verspielt entführten mich die Kompositionen in meiner Phantasie zu einem lauen Frühlingstag voller Unbeschwertheit.
Bei SCHILFLIEDER OP. 28 FÜR OBOE, VIOLA UND KLAVIER von August Klughardt gesellte sich Kari Träder dazu. Der Klang der Viola gab sofort den Ausdruck dieser Kompositionen vor: Mit einem dunkleren und somit volleren Ton als die Violine meinte ich die Melancholie in den Melodien erahnen zu können. Ich erinnerte mich an meine Empfindungen kurz vor Eintreffen im Auswandererhaus: Die Wellen spielten über die Wasseroberfläche, und der Wind rauschte über das Schilf hinweg. Die SCHILFLIEDER entstanden nach dem gleichnamigen Gedichtzyklus von Nikolaus Lenau, die Luc Durand freundlicherweise als Kopie dem Programmzettel beigefügt hatte. Dies gab mir die Gelegenheit, während der Darbietung der Künstler*innen den Versen zu folgen, die Klughardt zu seiner Musik inspiriert haben. Die schwermütigen Verse um eine unerfüllbare Liebe wurden von den Melodien kongenial untermalt.
Die DREI ROMANZEN von Clara Schumann wurden von Luc Durand eigens für dieses Konzert für Oboe (ursprünglich Violine) und Klavier eingerichtet. Mit einer schwelgerischen Eleganz gingen hierbei die beiden Instrumente eine schwärmerische Verbindung ein, bei der insbesondere Zuzanna Hutek mit einem dynamischen Klavierpart überzeugte.
Den Abschluss bildeten die MÄRCHENERZÄHLUNGEN. VIER STÜCKE FÜR KLARINETTE (OBOE), VIOLA UND KLAVIER OP. 132 von Robert Schumann. Diese Kompositionen kamen anfangs sehr verspielt daher, entwickelnden im zweiten Part ihre Dramatik, wechselten dann zu romantischen Klängen, um dann lebhafter im Happy End zu gipfeln. Beinah schien es mir, als hätte Robert Schumann musikalisch versucht, einen ähnlichen Spannungsaufbau zu kreieren, wie es auch für eine verschriftlichte Märchenerzählung üblich ist.
Wie eingangs bereits erwähnt, genieße ich es sehr, die Künstler*innen unmittelbar zu erleben. Sehr deutlich wurde mir dabei abermals, dass, um ein Instrument virtuos beherrschen zu können, der gesamte Körper involviert und in Bewegung ist – so wie es auch beim Gesang der Fall ist. Auch bewunderte ich das wortlose sich aufeinander abstimmen der drei Solist*innen: Da genügte manches Mal nur ein Blick oder ein dezentes Nicken mit dem Kopf.
Luc Durand, Kari Träder und Zuzanna Hutek haben nachdrücklich den Beweis erbracht, dass Musik die Macht besitzt, selbst einen kargen Raum wie dem New York Saal in allen Farben der Melodik zu tauchen und ihm etwas von seiner Tristesse zu nehmen.
Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison ein Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das PROGRAMM lohnt sich sehr!


