[Rezension] Régis de Sá Moreira – Das geheime Leben der Bücher

Schon allein die Gestaltung des Einbands dieses kleinen, feinen Büchleins ist ein Geschenk an die Leser und eine Verbeugung an die Bücher…

Régis de Sá Moreira schildert in seinem Roman (?), seiner Erzählung (?), seiner Geschichte (!) vom Leben des wohl kauzigsten Buchhändlers der Welt.

Er hat sein ganzes Sein den Büchern verschrieben, hütet und hegt dieses Reich, in dem er König und Untertan in Personalunion ist. Das Lesen ist seine Passion: Wenn er in die Geschichten eintaucht fühlt er sich umarmt, trauert um verpasste Gelegenheiten und vergangene Lieben. Die Bücher sind seine Freunde – seine Familie, und so verwehrt er den Kunden auch durchaus ein Buch, da er befürchtet, dass dieses „Familienmitglied“ in die falschen Hände gelangen könnte,…

…oder er legt einem Kunden ein bestimmtes Buch sehr ans Herz, da er intuitiv spürt, dass dieser ein Buch nötig hat, dass ihn glücklich macht. Denn er weiß aus eigener Erfahrung, dass das Lesen eines Buches Einfluss auf Dein Leben haben kann!

Régis de Sá Moreira ist eine Hommage an die Bücher und an das Lesen gelungen: leise, liebenswert, poetisch und absolut unspektakulär!

erschienen bei Droemer/ ISBN: 978-3426197110


Gabriela Wendt hat auf ihrem Blog „Buchperlenblog“ die tolle Aktion Perlentauchen ins Leben gerufen: Hier werden literarische Kostbarkeiten wieder-vorgestellt, die schon einige Jahre/ Jahrzehnte/ Jahrhunderte auf den Buckel haben aber nicht in Vergessenheit geraten sollten.

An dieser Aktion beteilige ich mich sehr gerne: Gute Geschichten sind zeitlos!

[Rezension] Ulla Lachauer – Der Akazienkavalier

Ich schlenderte durch meine Stamm-Buchhandlung, nahm mal hier ein Buch aus dem Regal, las mal dort einen Klappentext und stand irgendwann vor dem Tisch mit den Neuerscheinungen. Mein Blick schweifte über die dort präsentierten Bücher und blieb plötzlich bei einem Titel hängen: Der Akazienkavalier.

Für mich klang der Titel nach einer kitschigen Liebes-Schmonzette. Vor meinem geistigen Auge sah ich ein adliges Fräulein (natürlich mit mind. 2 „Tie-äitsch“ im Namen) beim morgendlichen Ausritt vom Ross stürzen, sich von dem wie zufällig in der Nähe befindlichen Gärtner, der selbstverständlich der einzige aber uneheliche Sohn des Grafen von „Was-auch-immer“ ist, aus dem Matsch helfen, der sie natürlich auf seinen starken Armen tragend ins Schloss geleitet.

Das Foto der Autorin, das ich auf dem Umschlag entdeckte, entsprach allerdings nicht meiner Vorstellung von einer Verfasserin von Groschenromanen: kein „Barbara-Cartland-look-alike“ war auf dem Foto zu sehen, sondern eine Frau mit einem intelligenten Gesicht, lächelnd mit Fältchen um die Augen.

Von Menschen und Gärten“ lautete der Untertitel. Ich lächelte! Hatte ich doch selbst vor wenigen Stunden noch auf Knien in den Rabatten gehockt, über das störrische Unkraut geschimpft aber dabei dem frischen Grün und den ersten Knospen kaum Beachtung geschenkt.

Ulla Lachauer hat 18 Kurzgeschichten in ihrem Buch vereint. Lange und weniger lange Geschichten über Menschen und ihre Liebe zu Gärten, ihre Abhängigkeit zu Gärten, Gärten als Spiegelbild der Seele, ihre Gärten im Wandel der Zeit und ihre Erinnerung an längst vergangene Gärten. Wobei der Begriff „Garten“ großzügig verwendet wird: der alles überwuchernde „Ficus benjamini“ in der Küche der Familie Lachauer findet hier ebenso seinen Platz wie die Kakteen-Wüste auf der Fensterbank eines bekannten Schauspielers.

Vielmehr geht es Frau Lachauer um die Symbiose des Menschen zur Natur: wir nehmen sie als selbstverständlich hin, sie ist einfach da und beschenkt uns Tag für Tag mit Farben und Düfte. Erst, wenn sie verloren scheint, sehnen wir uns nach ihrem Schutz und Trost. Und dieses Sehnen hat Frau Lachauer in ihren Geschichten sensibel, manchmal melancholisch aufgezeichnet.

Beim Lesen schweiften meine Gedanken hin und wieder ab, und ich dachte an den Garten meiner Kindheit: kaum 4-jährig saß ich auf der kleinen Mauer des Frühbeetes und beobachtete meinen Opa beim Kartoffelpflanzen. In mehreren Reihen warteten kleine Mulden in der dunklen Erde, die vorgekeimten Knollen aufzunehmen. Und während mein Opa Mulde für Mulde füllte und schloss, schlich ich mich mit einer Kartoffel in der Hand zur letzten Mulde in der Reihe, legte sie dort heimlich ab und freute mich königlich, wenn Opa scheinbar überrascht über dieses „Wunder“ staunte.

Zukünftig werde ich meinem Unkraut mit Gelassenheit begegnen und lieber häufiger meine Nase in die Lavendelblüten tauchen, zwischen meinen Fingern die Blätter der Minze zerreiben und mich über die Farben der Clematisblüte freuen.

erschienen bei Rowohlt/ ISBN: 978-3498039271

[Rezension] Fanny Müller – Keks, Frau K. und Katastrophen

Vor langer, langer Zeit lief auf WDR die unterhaltsame Sendung „Was liest Du?“, in der Jürgen von der Lippe zusammen mit prominenten Gästen Bücher vorstellte. Im Jahr 2005 war der wunderbare Dirk Bach zu Gast, und die Beiden lasen aus „Keks, Frau K. und Katastrophen“ von Funny Müller.

Ich hatte mich köstlich darüber amüsiert und bin am nächsten Tag hyperaktiv losgerannt, um mir dieses Buch zu besorgen.

Und nun sitze ich hier und schreibe meine eigene kleine Kolumne – `tschuldigung REZENSION…

Vorweg: Fanny Müller, wer ist das? Diese Frage werden sich außer mir sicher einige der WDR-Zuschauer gestellt haben. Wo hat sich diese Frau versteckt? Wieso ist sie mir als einigermaßen (ein)gebildeter Leser bisher nicht in die Finger und somit nicht vor`s Auge gekommen?

Die Antwort ist eigentlich sehr einfach: die Frau schreibt Kolumnen für div. Zeitschriften. Und da ich ein Leser und kein Blätterer bin, weder häufig im Wartezimmer eines Gynäkologen (wozu auch), noch in sogenannten Intellektuellenkneipen (dafür sind meine Haare zu ordentlich gekämmt) `rumsitze, hatte ich diese Frau bisher nicht wahrgenommen.

Das änderte sich nun schlagartig…………(Jürgen & Dirk, ich danke euch!!!)

Frau Müller schreibt kleine, feine, freche Alltagsgeschichten und schaut dabei ihren Mitmenschen sehr genau auf`s Maul und in`s Herz. Sie macht dies auf einer herrlich schnodderigen Art und schert sich nicht die Bohne darum, ob dies nun „political correct“ ist.

Und somit geht sie uns allen (incl. sich selbst) an den Kragen, ist entwaffnend ehrlich aber nie gemein.

Ihre Geschichten sind dabei kleine Lichtblicke im trüben Einerlei, ein Augenblinzeln und schon ist die Geschichte zu Ende. Aber gerade die alltäglichen Kleinigkeiten beinhalten oft eine besondere Komik. Jeder und jedes bekommt genüsslich von ihr das Fett weg: die Lust, das Laster & die Literatur, Politiker & Punks, Chefs & Handwerker, die liebe Familie & die nervigen Nachbarn, ihre Verflossenen & Männer im Allgemeinen. Absolute Highlights setzt sie mit den Anekdoten ihrer Nachbarin Frau K.: Diese kluge, alte Frau bringt häufig mit einem Satz, manchmal nur mit einem Wort die Absurditäten ihrer Umwelt so treffend auf den Punkt, dass ich beim Lesen in spontanes Gegackere ausgebrochen bin und völlig begeistert war (Frau K., ich will ein Kind von dir!).

Frau M.: „Ich nehme an, Sie haben in Ihrem Leben schon alles gesehen?“ Frau K.: „Zweimal.“

Nach vielen (580) Seiten war der Spaß dann leider vorbei. Einigen Tagen später war ich auf Entzug und brauchte dringend Nachschub,…

…aber niemand wollte mir den Weg zum nächsten Gynäkologen weisen!

erschienen bei Zweitausendeins/ ISBN: 978-3861505358