[Noch ein Gedicht…] Heinrich Heine – NACHT LIEGT AUF DEN FREMDEN WEGEN

Nacht liegt auf den fremden Wegen,
Krankes Herz und müde Glieder;
Ach, da fließt, wie stiller Segen,
Süßer Mond, dein Licht hernieder.

Süßer Mond, mit deinen Strahlen
Scheuchest du das nächt’ge Grauen;
Es zerrinnen meine Qualen,
Und die Augen übertauen.     

Heinrich Heine


🌙✨ Heute ist der INTERNATIONALE TAG des MONDES! 🌙✨


[Rezension] FRÜHLING. Die schönsten Geschichten und Gedichte/ ausgewählt von Mareike von Landsberg

Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohl bekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.

…zitierte ich unlängst erst vor wenigen Tagen in meinem Beitrag zu LE NOZZE DE FIGARO aus dem Gedicht „Er ist’s“ von Eduard Mörike, das natürlich auch in dieser Anthologie mit Geschichten und Gedichte rund um den Frühling nicht fehlen darf.

Der Anaconda-Verlag hatte im vergangenen Jahr mit dem Untertitel „Geschichten und Gedichte“ eine kleine, feine Reihe gestartet: In jedem Buch versammeln sich besagte „Geschichten und Gedichte“ zu einem bestimmten Thema. Gestartet wurde mit GROSSELTERNJAHRE. Gemeinsam mit FRÜHLING erschien auch VOM GLÜCK, AUF’S MEER ZU SCHAUEN. GOLDENER HERBST und CHRISTIAN MORGENSTERN sind schon für die zweite Jahreshälfte angekündigt.

Und abermals wird der Verlag seinem guten Ruf gerecht, Weltliteratur auch für Leser*innen mit einem schmaleren Geldbeutel erschwinglich zu machen. In einfacher Ausstattung zwischen zwei Pappbuchdeckeln versteckt sich hier eine illustre Gruppe hochkarätiger Literatinnen und Literaten. Da finden sich – sowohl heitere wie auch melancholische – Ergüsse in Vers-Form u.a. von Wilhelm Busch, Annette von Droste-Hülshoff, Max Dauthendey, Paula Dehmel, Joseph von Eichendorf, Elisabeth Langgässer, Heinrich Heine, Joachim Ringelnatz, Ludwig Uhland, Else Lasker-Schüler und Rainer Maria Rilke.

Als Leser wurde ich erfreut mit Kurzgeschichten bzw. passenden Auszügen aus einem Roman z. Bsp. von Theodor Storm, Adalbert Stifter, Johann Wolfgang von Goethe („Wilhelm Meisters Lehrjahre“ und „Die Leiden des jungen Werther“), Stefan Zweig und Arthur Schnitzler.

Die jeweiligen Werke gruppieren sich unter eine der Rubriken „Vorfrühling“, „Das Wunder des Frühlings“, „Ostern“, „Der dunkle Frühling“ und „Frühlingsgefühle“, und erleichterten mir so das Finden der passenden Prosa bzw. Lyrik zum jeweiligen Anlass bzw. zu meiner persönlichen Gemütsverfassung.

Zudem verführte dieses Büchlein mich, es immer mal wieder in die Hand zu nehmen, um mal hier ein Gedicht zu lesen oder sich dort eine kleine Geschichte zu gönnen. Wobei die Gedichte deutlich in der Überzahl gegenüber den Geschichten sind, was für mich allerdings kein Nachteil darstellt. Vielmehr machte der FRÜHLING mich neugierig auf die weiteren Bände dieser Reihe.

Wer nun allerdings bei Anaconda die hippen, trendigen Poet*innen der aktuellen Literaturszene sucht, der hat leider das Prinzip des Verlages nicht verstanden.


erschienen bei anaconda / ISBN: 978-3730615102

[Rezension] Saša Stanišić – MÖCHTE DIE WITWE ANGESPROCHEN WERDEN, PLATZIERT SIE AUF DEM GRAB DIE GIESSKANNE MIT DEM AUSGUSS NACH VORN

Irgendetwas Außergewöhnliches muss an diesem Kerl doch dran sein, dass er mit Preisen nur so überschüttet und von Kritiker*innen und Leser*innen (Ein äußerst seltener Fall!) frenetisch bejubelt wird. Selbst ein Denis Scheck vollführt während eines Interviews zu seiner Sendung DRUCKFRISCH vor ihm einen verbalen Kniefall. „Okay“, dachte ich mir „dann reicht mir doch mal sein neustes Werk rüber – mit diesem ellenlangen Titel, der kaum fehlerfrei ausgesprochen werden kann.“ Meine eh schon faltige Stirn legte sich voller Skepsis in zusätzliche Falten: „Will ich doch selbst mal sehen, was an diesem Kerl dran ist. So leicht lasse ich mich nicht überzeugen…!“,…

…und schon mit der ersten Geschichte hatte er mich am Haken.

Was wäre, wenn man nicht diese eine Entscheidung getroffen hätte, sondern jene andere? Was wäre, hätte man der Erwartung getrotzt? Und dann ist da trotzdem die Furcht, feige gewesen zu sein, zu lange gezögert und etwas verpasst zu haben, ein besseres Ich, ein größeres Glück, die lustigeren Haustiere und Partner. Sasa Stanisic führt uns an Orte, an denen das auf einmal möglich ist: den schwierigeren Weg zu gehen, eine unübliche Wahl zu treffen oder die eine gute Lüge auszusprechen. So wie die Reinigungskraft, die beschließt, mit einer Bürste aus Ziegenhaar in der Hand, endlich auch das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. So wie der Justiziar, der bereit ist zu betrügen, um endlich gegen seinen achtjährigen Sohn im Memory zu gewinnen. Und so wie der deutsch-bosnische Schriftsteller, der zum ersten Mal nach Helgoland reist, nur um dort festzustellen, dass er schon einmal auf Helgoland gewesen ist. Am besten wäre ja, man könnte ein Leben probeweise erfahren, bevor man es wirklich lebt.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

12 wunderbare, feine Erzählungen sind in diesem Buch versammelt: Erzählungen, wo durchaus jede für sich stehen kann aber in der Kombination miteinander, in der Gemeinschaft aller Geschichten zueinander eine wundersame Wirkung offenbaren. Staunend nahm ich Anteil an den Leben so unterschiedlicher wie vielschichtiger Persönlichkeiten, bzw. ich durfte sie für wenige Augenblicke, für einige Momente, fragmentarisch in ihrem Leben begleiten.

Schon die erste Geschichte katapultierte mich mitten hinein in Stanišićs Universum, ins „Stanišićum“: Ich machte die Bekanntschaft mit diesen halbstarken Rotznasen (zu denen auch der Autor höchstpersönlich gehörte), die sich nur allzu gerne in ihrem Viertel auf Spielplätzen oder – in diesem Fall – im Weinberg herumtreiben und harmlosen Blödsinn verzapfen. Da kommen sie doch im pubertären Überschwang auf die kuriose Idee, einen Probenraum für das Leben zu entwickeln, in dem man 10 Minuten aus der Zukunft anprobieren könnte. Klingt verrückt, mag man meinen. Doch diese Idee wird mit so viel jugendlichem Elan vorgebracht und besitzt eine solche philosophische Klarheit, dass ich bei mir dachte „Ja, klar, genau so etwas brauchen wir!“.

In der zweiten Geschichte bleibt für eine ausländische Reinigungskraft (zufällig die Mutter einer unserer Protagonisten aus der ersten Geschichte) die Zeit plötzlich stehen und schenkt ihr die einzigartige Gelegenheit, einen unverstellten Blick auf ihr Leben zu werfen, um dieses dann endlich in die eigenen Hände nehmen zu können. In einer anderen Geschichte mutiert die Nordseeinsel Helgoland zum Sehnsuchtsort des Autors, die Erinnerungen nach Begegnungen und Situationen bei ihm heraufbeschwört, die so nie passiert sein können (…oder vielleicht doch?).

Über allen thront herrschaftlich die titelgebende Geschichte dieses Buches, die so warmherzig und lebensbejahend daherkommt und mir während der Lektüre vehement ins Ohr flüsterte „Es ist nie zu spät, eine Veränderung zu wagen! Du musst dich nur trauen!“. Und bevor ich mich versah, schaute ich am Ende des Buches kurz nochmals bei den halbstarken Rotznasen vorbei und stelle mir die Frage „Welche Rolle spielt hierbei eigentlich Heinrich Heine?“.

Im „Stanišićum“ wirkt alles irgendwie real, als könnte es genau so passiert sein. Doch gleichzeitig erscheint jede Geschichte mit einem Hauch Illusion überpudert, der die Grenze zwischen Träumerei und Wirklichkeit verschmelzen lässt. Mit einer unwiderstehlichen Kombination aus Humor und Wehmut lässt der Autor seine Erzählungen aneinander andocken wie Puzzle-Teile, um so Stück für Stück ein Bild in seiner Gesamtheit entstehen zu lassen.

So sehr ich es bedaure, dass der Autor seine ursprüngliche Heimat verlassen musste, so sehr freut es mich, dass uns dadurch ein wundervoller Poet geschenkt wurde.


erschienen bei Luchterhand / ISBN: 978-3630877686
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Hamburg zum Verweilen. Mit Geschichten die Stadt entdecken/ herausgegeben von Antje Flemming & Folke Havekost

Hamburg – meine Perle!

In der Zwischenzeit waren wir schon wieder bei dir, haben eine Vorstellung in einem unserer Lieblingstheater besucht, so ganz nebenbei ein bisschen Großstadt-Luft geschnuppert und dabei hautnah erlebt, wie unterschiedlich je nach Bundesland und Inzidenzwert die Corona-Bestimmungen umgesetzt werden. Doch irgendwie hat uns die Corona-Pandemie Stadt-müde gemacht: Unsere Sinne waren so sehr auf „Lockdown“ heruntergefahren, dass uns der städtische Trubel eher unangenehm war. So wird es wohl noch einige Zeit dauern, bis wir uns wieder auf den Weg zu einem ausgiebigen Rundgang durch die Stadt begeben.

„Mit Geschichten die Stadt entdecken“ verspricht der Reclam-Verlag mit seiner neuen Reihe an Stadtführern, und so setzt der Verlag dem jeweiligen Ort literarisch sein Denkmal. In gewohnter Stadtführer-Manier befinden sich im vorderen wie hinteren Umschlag die Straßenkarten. Hier entdeckt der interessierte Reisende Hinweise zu Sehenswürdigkeiten mit Angabe der Seitenzahl, wo die dazugehörigen Texte im Buch zu finden sind. Zu jedem der genannten Plätze liefern die Herausgeberinnen eine informative Einleitung, bevor sie die Literat*innen selbst zu Wort kommen lassen.

So spazieren wir mit Kurt Tucholsky über die sündige Reeperbahn, besuchen mit Joachim Ringelnatz die Seemannsmission in Altona und vergnügen uns mit Fanny Müller bei einem Straßenfest im Schanzenviertel. Hubert Fichte berichtet uns von der legendären „Palette“ am Gänsemarkt, mit Karen Duve besteigen wir ein Taxi am Jungfernstieg und treffen uns mit Heinrich Heine auf dem Rathausmarkt. Willi Bredel lädt uns ins St. Pauli Theater ein, und Uwe Timm verrät uns, wo es in der Neustadt die beste Currywurst gab.

Die Elbe können wir sowohl mit Joachim Mischke von der Plaza der Elbphilharmonie wie auch mit Wolfgang Borchert von Blankenese aus bewundern. Franz Kafka verrät uns seine Gedanken zum Tierpark Hagenbeck, Carl von Ossietzky verführt uns zu einer Fahrt auf der Alster, und mit Matthias Nass werfen wir einen Blick ins Wohnhaus von Loki und Helmut Schmidt. Hans Erich Nossack lässt uns an einem außergewöhnlichen Gespräch auf der Lombardbrücke teilhaben, und Ilse Frapan plaudert über die Leute, die die Kirche St. Michaelis besuchen, während in deren unmittelbarer Nähe Simone Buchholz über die Landungsbrücken schlendert.

Die Namen der Autor*innen lassen es erahnen: Die zeitliche Einordnung der Texte umspannt mehrere Jahrhunderte. So kommen wir in den Genuss sehr unterschiedlicher Erzählstile, spannen einen unterhaltsamen Bogen aus der Vergangenheit bis zur Gegenwart und erleben Hamburg aus den Blickwinkeln verschiedener Epochen.

Wer seine Lieblingsstadt gerne auf einem literarischen Rundgang „neu“ für sich entdecken möchte, der ist mit dieser Reihen bestens beraten.


erschienen bei Reclam/ ISBN: 978-3150205648