[Ballett] Irina & Marius Manole – SCHNEEWITTCHEN UND DIE SIEBEN ZWERGE / Ballettschule Dance Art Bremerhaven

Musik von div. Komponisten / nach dem gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm

Ballettschule Dance Art Bremerhaven

Premiere: 14. Mai 2025/ besuchte Vorstellung: 15. Mai 2025

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


CHOREOGRAFIE & INSZENIERUNG Irina & Marius Manole
ZUSÄTZL. CHOREOGRAFIE Nicole Llauradó Neve

Vor 15 Jahren gründeten Irina und Marius Manole die Ballettschule Dance Art in Bremerhaven. Seit 15 Jahren geben sie nicht nur ihr Wissen und ihre Freude am Tanz an ihre Schüler*innen weiter, vielmehr vermitteln sie – insbesondere an die Kinder und Jugendlichen – Werte, die diese auf dem Weg zum Erwachsenwerden in ihrer Persönlichkeit stärken: Selbstbewusstsein, Toleranz, ein friedliches Miteinander und die Erkenntnis, dass in der Gemeinschaft viel erreicht werden kann.

Anlässlich ihres Jubiläums gönnten die Beiden sich eine fulminante Inszenierung des bekannten Märchen-Klassiker, die an zwei Abenden im Stadttheater Bremerhaven präsentiert wurde. Wobei „gegönnt“ haben sie sich wahrlich nichts: Vielmehr steckten sehr viel Enthusiasmus und sicherlich noch mehr Arbeit in der Realisierung dieses Projekts. 40 unterschiedliche Tänze sollten choreografiert und 240 Tänzer*innen mussten koordiniert werden. Als ich dies erfuhr, brach selbst bei mir der Schweiß aus, und ich fragte mich verwundert, wie Irina und Marius in der überschaubaren Anzahl der handelnden Personen des Märchens diese vielen Menschen unterbringen würden. Sie fanden eine äußerst unterhaltsame Lösung…!

Bereits zu Beginn des Märchens, nachdem die Erzählerin die bekannten Worte „weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz“ ausgesprochen hatte, wirbelte Alexandra Thiele als Schneekönigin umringt von vielen kleinen und großen Schneeflocken über das Parkett. Auch Schneewittchens Aufenthalt im Wald bot dem/der Choreograf*in reichlich Gelegenheit, Flora und Fauna tanzen zu lassen. Aparte Waldfeen schwirrten durch das Gehölz, quirlige Kolibris flatterten über die Bühne, graziöse Magnolien „erblühten“. Doch die Natur hatte mit tanzenden Erdbeeren, Schmetterlingen, Lavendel, Marienkäfern und Glühwürmchen noch sehr viel mehr zu bieten. Da hoppelten die Kleinsten als Häschen über das Parkett und wurden dabei von einem knuddeligen Mini-Wolf verfolgt, oder sie drehten sich als Fliegenpilze drollig um die eigene Achse. Dann brach plötzlich ein Rudel Rehe aus dem Unterholz, um für humorige Verwirrung zu sorgen. Es war absolut erstaunlich, wieviel Trubel in so einem Wald herrschen kann. Dagegen geht es während der Rush Hour auf der nahen Columbusstraße eher gemütlich zu.

Doch selbstverständlich wurde auch am Hofe reichlich das Tanzbein geschwungen, sei es von den Debütantinnen beim Walzer oder auch von Schneewittchens loyalen Freundinnen. Drei Choreografien stachen aus der Fülle der Tänze, die eher am klassischen Ballett orientiert waren, heraus und boten so interessante Kontrapunkte. Beim so genannten Charaktertanz mit seinen Anleihen beim Flamenco zeigten die erwachsenen Schülerinnen der Ballettschule nachdrücklich, dass die Freude am Tanz nicht nur den Jüngeren vorbehalten ist. Aus einer Mischung aus Streetdance und Contemporary schuf Tanzlehrerin Nicole Llauradó Neve die effektvollen Choreografien sowohl für die Wölfe wie auch für die Hexen. Hier sorgte die stimmige Musik in Kombination mit dem ausdrucksstarken Tanz dafür, dass sich eine prickelnde Gänsehaut über meinem Körper ausbreitete.

Apropos Musik: Irina und Marius Manole hatten bei ihrer Auswahl ein sehr glückliches Händchen. Sie fanden adäquate Musikstücke, die sowohl für eine stimmige Atmosphäre sorgten sowie den Charakter der jeweiligen Szene besonders hervorhoben. Positiv abgerundet wurden die einzelnen Szenen durch einige wenige Requisiten in Kombination mit passenden Hintergrundprojektionen. Doch auch die vielen phantasievollen und detailreichen Kostüme boten ein Feuerwerk aus Tüll, Lichtern und Farben.


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Schauspielerin und Theaterpädagogin Kathrin Busch fungierte als charmante Erzählerin, überzeugte mit markanter Stimme und ebensolchem Spiel und sorgte für den erklärenden Rahmen bei den vielen Tanznummern. So konnten auch die Jüngsten im Publikum der Handlung ohne Probleme folgen.

Miriam Manole entzückte in der Titelpartie mit tänzerischem Können voller Grazie und Anmut. Dabei zeigte sie in ihrem bedachten Agieren mit den Kleinen und Kleinsten auf der Bühne pädagogisches Einfühlungsvermögen, indem sie mal dort leitend eingriff, mal hier sanft die Richtung wies. Dafür irritierte mich der Auftritt von Mats Tietjen als Prinz. Zugegeben: Die Rolle tauchte erst am Ende des Märchens auf und bot somit nur wenige Möglichkeiten, um zu brillieren. Vielleicht um dieses „Manko“ auszugleichen, grinste er penetrant ins Publikum und wirkte dadurch auf mich recht selbstverliebt. Da hätte ich Schneewittchen einen deutlich kernigeren Prinzen gewünscht. Ein Attribut, das ich Tobias Bruns als Schneewittchens Vater vorbehaltlos zusprechen konnte: Er gab einen äußerst stattlichen König und schaffte es so auch neben der prägnanten Stiefmutter von Mia Barnkow zu bestehen. Mia Barnkow meisterte ihre Solis bravourös und gestaltete ihren Part mit einer Zurückhaltung zwischen „geheimnisvoll“ und „gefährlich“. Ihrem Tanz mit dem „fleischgewordenen“ Spiegel von Gesa Wübben fehlte nicht an Dramatik. Die sieben Zwerge wurden von Thomas Brannemann, Charlotte Eufinger, Vivien Radeck, Mina Dammeyer, Sophie Flindt, Marta Sengewein und Elise Yuuka Shiga verkörpert und erstaunten (und erfreuten) mich mit ihrem wunderbaren Zusammenspiel. Wie kleine Kobolde tobten sie voller Energie über die Bühne, sorgten so für manche Lacher im Publikum und boten somit beste Unterhaltung.

Irina und Marius Manole haben gemeinsam mit ihrem Team das bemerkenswerte Kunststück vollbracht, Menschen unterschiedlichen Alters, die zudem auf verschiedenen Ausbildungslevels sind, in einer Show harmonisch miteinander zu vereinen. Auf dieser bewundernswerten Leistung dürfen alle Beteiligten zu Recht stolz sein. Standing Ovation und ein frenetischer Applaus waren der Lohn für einen wahrlich märchenhaften Abend.


Hier gibt es ganz und gar wundervolle IMPRESSIONEN von den Proben! Zur Homepage der Ballettschule Dance Art geht es in dieser RICHTUNG, oder ihr schaut mal auf INSTAGRAM vorbei.

[Ballett] Alba Castillo & Sergei Vanaev – PETRUSCHKA / LE SACRE DU PRINTEMPS (UA) / Stadttheater Bremerhaven

Tanzabend von Alba Castillo und Sergei Vanaev mit Musik von Igor Fjodorowitsch Strawinsky / Uraufführung

Premiere: 12. März 2022 / besuchte Vorstellung: 20. März 2022

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Um dem Ballettpublikum die Vielfalt des Tanzes näher zu bringen, lädt das Stadttheater Bremerhaven immer wieder gerne Gastchoreograph*innen ein, die gemeinsam mit dem Ballettmeister Sergei Vanaev und der Compagnie des Hauses neue Stücke entwickeln. Gleichzeitig ist dies auch für das Ensemble eine wunderbare Möglichkeit, die künstlerische Handschrift eines anderen Choreografen kennenzulernen.

In dieser Saison war nun Alba Castillo zu Gast in der Seestadt. Die renommierte Choreografin startete ihre Karriere als Tänzerin in der Compagnie der Teatres de la Generalitat Valenciana ihrer Heimatstadt Valencia, arbeitete u.a. schon mit dem Scapino Ballet Rotterdam (Niederlande) und der Opèra National du Rhin (Frankreich) zusammen und wurde für ihre Arbeit mit internationalen Preisen ausgezeichnet.

Hier in Bremerhaven erarbeitete sie gemeinsam mit den Tänzerinnen und Tänzern am Stadttheater die Choreografie zu Strawinskys Ballett-Musik „Petruschka“.


PETRUSCHKA
Musikalische Leitung:
 Marc Niemann
Choreografie & Inszenierung: Alba Castillo
Bühne & Kostüme: Darko Petrovic

„Zu viele Musikstücke enden erst viel zu spät nach ihrem Ende.“
Igor Fjodorowitsch Strawinsky

Vor den Fenstern der Werkstatt eines Puppenmachers herrscht reges Treiben: Die Passanten wirken, als werden sie eilends – wie Marinetten an Schnüren – von einem Ort zum nächsten gezogen. In der Werkstatt des Puppenmachers scheint hingegen eine stätige Ruhe zu bestehen. Doch der Schein trügt: Sobald der Puppenmacher die Werkstatt verlässt, erwachen seine Kreationen zum Leben. Da ist die schöne Ballerina, die von Petruschka verehrt wird, aber dem Werben des frechen Harlekins nicht widerstehen kann. Da er seine Liebe nicht für sich gewinnen kann und ihm die Enge der Werkstatt unerträglich erscheint, flüchtet Petruschka aus dem Fenster in die erhoffte Freiheit. Vor seiner Werkstatt findet der Puppenmacher die kleine Puppe auf der Straße liegend – von den Füßen der vorbeieilenden Passanten in den Schmutz getreten.

Die Choreografie von Alba Castillo schmiegt sich sehr harmonisch an die melodische Musik von Strawinsky. Sie erzählt mit Hilfe der Tänzerinnen und Tänzer diese kleine Geschichte beinah schlicht und ohne übertriebenen Schnickschnack in Ausstattung und Kostüm. So erreicht sie mit dieser Reduzierung, dass sich der Blick des Publikums auf das Wesentliche, auf die Kern-Handlung beschränkt, bei der die Beziehung der drei Figuren Petruschka (Tanaka Lionel Roki), Ballerina (Ting-Yu Tsai) und Harlekin (Stefano Neri) im Mittelpunkt steht.

Und trotzdem weht über die Szenerie ein märchenhafter Hauch, wenn die Puppen zum Leben erwachen. Jede Puppe zeigt hierbei im Ausdruck eine eigene Charakterisierung und überrascht z.T. mit recht unterschiedlichen mechanisch-anmutenden Bewegungen. Dabei zeigen die Tänzer*innen eine bewundernswerte Selbstkontrolle ihrer Körper, wenn sie scheinbar unvermittelt in einer Pose „einfrieren“ und dort verharren, die bei mir einen Besuch beim Orthopäden zur Folge hätte. Strawinsky blieb sich bzgl. Länge des Balletts selber treu: Nach knackigen 40 Minuten war das getanzte Märchen zu Ende.


LE SACRE DU PRINTEMPS
Musikalische Leitung: Marc Niemann
Choreografie & Inszenierung: Sergei Vanaev
Bühne: Johannes Bluth
Kostüme: Sergei Vanaev

„Moderne Musik ist Instrumentenstimmen nach Noten.“
Igor Fjodorowitsch Strawinsky

„Le sacre du printemps“ oder auch „Das Frühlingsopfer“ ist kein Handlungsballett im klassischen Sinne. Vielmehr geht es hier um die Interpretation der Musik durch die Ausdrucksmöglichkeiten des Tanzes. Ein Umstand, der durch die Komposition Strawinskys begründet scheint. Strawinsky schuf ein sehr kantiges Musikwerk, das beim ersten, unbedarften Hören keine Melodienfolge(n) erkennen lässt. Beinah avantgardistisch mutet seine Komposition an und lässt Spiel für eine größtmögliche Interpretation.

Sergei Vanaev nutzt diese Freiheit und kreiert mit den Tänzerinnen und Tänzern abwechslungsreiche Bewegungsabläufe, die mal minimalistisch-zart, mal expressiv-athletisch anmuten. Er lässt die Mitglieder des Ensembles sowohl als Gruppe als auch partnerschaftlich und solistisch agieren. Dabei scheinen sie die Gesetzte der Schwerkraft außer Kraft zu setzten, wenn sie mit einer immensen Körperbeherrschung akrobatische „Kunststücke“ vollführen und mich so bewundernd zum Staunen brachten. Dies dient wahrlich nicht der bloßen Effekthascherei, vielmehr folgt Vanaevs Choreografie den Vorgaben der Musik, die mal aufbrausend, mal asketisch aber auch durchaus disharmonisch aus dem Orchestergraben klang.

Für die klangliche Grundlage beider Ballett-Musiken sorgte Marc Niemann mit seinen exzellenten Musiker*innen des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven.


Ich wage die Vermutung, dass es nur wenige andere künstlerische Ausdrucksform gibt, die dem Künstler so viel abverlangt wie die Kunst des Tanzes. Und so möchte ich meinen respektvollen Dank aussprechen für die Tänzer*innen Melissa Festa, Alícia Navas Otero, Ting-Yu Tsai, Renan Carvalho, Volodymyr Fomenko, Stefano Neri, Tanaka Lionel Roki, Daeun Jung, Giusy Fanaro, Luca di Georgio, Nicole Llauradó Neve und Lavinia Tinagli, die mich an diesem Abend an ihrer Kunst teilhaben ließen.


Leider nur noch bis Ende April 2022 kann der Doppelabend PETRUSCHKA / LE SACRE DU PRINTEMPS am Stadttheater Bremerhaven bewundert werden.