[Konzert] Neujahrskonzert – LA VALSE / Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Musik von Frédéric Chopin, Léo Delibes, George Gershwin, Charles Gounod, Aram Khachaturian, Emmerich Kálmán, Franz Lehár, Sergei Sergejewitsch Prokofjew, Giacomo Puccini, Maurice Ravel, Nino Rota, Johann Strauß Sohn, Pjotr Iljitsch Tschaikowsky und Guiseppe Verdi

Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Premiere: 1. Januar 2024 / besuchte Vorstellung: 2. Januar 2024

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Davide Perniceni
MODERATION, GESANG & REZITATION
Victoria Kunze


Die letzten Böller sind (hoffentlich) gezündet, die letzten Raketen am Himmel verpufft. Das Neue Jahr ist da, zeigt sich momentan zwar von seiner nassen Seite, hat allerdings 12 Monate im Gepäck, die jede*r von uns ganz persönlich gestalten und somit das Beste daraus machen darf. Wir haben die Wahl…!

Bei strömenden, sturmartigen Regenfällen wählten wir den Weg nach Bremerhaven, ängstlich, ob die gewohnten Wege aufgrund des Hochwassers auch passierbar wären. Vom Parkhaus kämpften wir uns durch die feucht-kalte Stadt ins anheimelnde Foyer des Stadttheaters Bremerhaven. Uns würde bestimmt recht schnell wieder warm werden: Das Philharmonische Orchester Bremerhaven hatte zum Neujahrskonzert geladen und versprach mit LA VALSE / DER WALZER einen schwungvollen Abend, der uns sicherlich am Ende bestens gelaunt nach Hause treiben lassen würde.

Normalerweise sieht man die Mitglieder des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven dezent in schwarz-weiß gekleidet. Diesmal zeigten die Damen Farbe und erschienen in ihren eleganten Roben sehr individuell gewandet, während sogar die Herren zu ihren schwarzen Anzügen eine überraschende Vielfalt an Krawatten-Designs präsentierten. 😉

Der erste Kapellmeister Davide Perniceni hatte für dieses Konzert ein abwechslungsreiches, unterhaltsames aber auch überraschendes Programm zusammengestellt, das sich musikalisch über mehrere Epochen und Stile erstreckte. Doch diese bunte Auswahl sollten sowohl die Musiker*innen des Philharmonischen Orchesters wie auch ihr musikalischer Leiter spielend meistern können: Schließlich haben sie in der Vergangenheit schon in den diversen Genres des Musiktheaters ihre ausgeprägte Vielseitigkeit gezeigt und sollten auch diesmal wieder mit ihrem Können brillieren.

Das Konzert begann mit dem „Faust-Walzer“ aus der gleichnamigen Oper von Gounod, wo bei aller Walzerseligkeit die Tragödie schon musikalisch anklingt. Dafür erklang der Walzer aus der Ballett-Musik zu Delibes „Coppelia“ umso leichter und beschwingter. Weitere Kompositionen stammten von Frédéric Chopin („Grand Valse brillante“), Guiseppe Verdi/ Nino Rota („Gran Valzer Brillante“ aus „Il Gattopardo“) und Emmerich Kálmán („Ouvertüre“ aus „Die Csárdásfürstin“). Bei einem solchen Programm dürfen natürlich auch die Walzer aus Tschaikowskys „Schwanensee“ und aus der „Cinderella Suite“ von Prokofjew keinesfalls fehlen.

Eine wahre Entdeckung war für mich das titelgebende Stück „La Valse“ von Maurice Ravel, der den klassischen Walzer erst demontierte, um ihn dann neu zusammenzusetzen. Dabei wirkte es auf mich, als würde der Komponist den Walzer in Tausende von Splittern zerspringen lassen, um dann die Einzelteile alptraumartig wieder zusammenzufügen. Beim Anhören dieser Komposition wurden vor meinem inneren Auge eine Vielzahl an Bildern heraufbeschworen: Da sah ich „Nussknacker und Mäusekönig“ aus E.T.A. Hoffmanns Märchen miteinander im Duell, gefolgt von der beängstigenden Wendeltreppen-Szene aus Hitchcocks „Vertigo“ bis zu den vernichtenden Flammen auf Manderley aus Daphne du Mauriers „Rebecca“. Es ist erstaunlich, auf welche inneren Reisen das bloße Anhören von Musik uns schicken kann.

So ließ mich der Walzer aus der „Masquerade Suite“ von Aram Khachaturian an die Maskenball-Szene aus dem Film-Musical „An American in Paris“ denken. Doch spätestens beim „Kaiserwalzer“ von Johann Strauß Sohn sollte sich bei allen im Publikum Champagner-Laune eingestellt haben. Wobei: Mir würde auch ein spitziger Prosecco genügen, um mich in eine nicht weniger launige Stimmung versetzen zu lassen.

Victoria Kunze ist eine erste Sopranistin am Haus. Würde ich dies gegenüber Victoria äußern, würde sie mir sicherlich ins Wort fallen und widersprechen. Doch hätte sie mich mal ausreden lassen: Das Haus ist in der glücklichen Position, gleich zwei erst(klassig)e Sopranistinnen im Ensemble haben zu dürfen. Bei diesem Programm war sie nicht nur gesanglich gefragt, sondern „debütierte“ auch als reizende Moderatorin.

Zart und gefühlvoll sang sie Julias Arie „Je veux vivre“ aus Gounods Oper „Roméo et Juliette“. Frech-frivol ließ sie Musettas Walzer „Quando m’en vo’“ aus „La Bohème“ von Giacomo Puccini erklingen. Verführerisch schmachtete sie bei „Meine Lippen, sie küssen so heiß“ aus der Operette „Guidetta“ von Franz Lehár. Schmissig präsentierte sie mit „By Strauß“ die Hommage der Gershwin Brüder an die beiden Walzerkönige. Dieser Song erklingt übrigens auch in dem Film-Musical „An American in Paris“.

Zwischendrin verriet sie uns kurzweilig Hintergrundinformationen zu den jeweiligen Musikstücken, rezitierte amüsant Tucholsky oder gab witzige Anekdoten aus dem Hause Kunze zum Besten. Da berichtete sie von dem leidenschaftlich ausdiskutierten Walzer-Versuch ihrer Eltern und vom ersten Auftritt der kleinen Victoria an der Harfe, der beinah desaströs enden sollte (Ich glaube, ich hatte es hier bisher noch nicht erwähnt: Victoria Kunze ist nicht nur Opernsängerin sondern auch studierte Harfenistin und ausgebildete Musikpädagogin.). Charmant flirtete sie mit dem Publikum oder drohte Davide Perniceni, dass er im Laufe des Abends mit ihr gemeinsam das Tanzbein schwingen müsste.

Soweit sollte es schlussendlich (leider) nicht kommen. Allerdings rückte sie ihm bei der klassischen Neujahrskonzert-Zugabe, dem „Radetzky-Marsch“ dann doch auf die Pelle: Kurzerhand entwendete sie dem Herrn Dirigenten den Taktstock, schupste ihn spielerisch vom Pult, um höchstpersönlich bei den Damen und Herren des Orchesters den Schwung vorzugeben – frei nach dem Motto: Wer braucht schon einen ersten Kapellmeister, wenn eine erstklassige Sopranistin zur Stelle ist?!

Eines ist sicher: Zusammen mit ihrer Tanz-Combo werden das Duo Vicky & Dave im Showbusiness noch gaaanz groß rauskommen! 😆


Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison ein Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das PROGRAMM lohnt sich sehr!

[Konzert] Filmmusikkonzert – TON AB, KAMERA LÄUFT! / Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Musik von Patrick Doyle, Ron Goodwin, Julian Nott, Ennio Moricone, Nino Rota, Sergei Prokofjew, Anton Profes, Yann Tiersen, Martin Böttcher, Rolf Wilhelm, Klaus Doldinger und Ralf Wengenmayr

Philharmonisches Orchester Bremerhaven / in Koproduktion mit FMS – Film Music Services

Premiere: 5. Juni 2022/ besuchte Vorstellung: 5. Juni 2022

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


Musikalische Leitung & Moderation: Marc Niemann


Bestenfalls braucht es nur wenige Takte einer Melodie, und mein Kopfkino überschwemmt mich mit einer Flut an Bildern und Emotionen. War die Musik früher zu Zeiten des alten Kintopps nur bloße Hintergrund-Untermalung zum Film und musste mit diesem auch nicht im direkten Zusammenhang stehen, hat sich die Filmmusik im Laufe der Jahrzehnte zur eigenständigen Kunstform emanzipiert. Und so werden die Werke der großen Film-Komponisten in der Zwischenzeit ebenso ernsthaft und respektvoll von philharmonischen Orchestern dargeboten, wie die Werke ihrer Kollegen aus der Klassik.

Das Philharmonische Orchester Bremerhaven unter der Leitung des GMD Marc Niemann bildet da keine Ausnahme und schwelgt schon seit langem in der Symbiose aus Klang und Bild. Für die Programmgestaltung holten sie sich mit Ulrich Wünschel, Geschäftsführer des FMS – Film Music Services, einen Fachmann ins Boot (Apropos: Klaus Doldingers Suite aus Das Boot durfte natürlich bei einem solchen Konzert nicht fehlen), wobei Gerrit Bogdahn und Karsten Prühl verantwortlich waren für den gelungenen Filmschnitt, der passgenau zu einigen Stücken präsentiert wurde.

Marc Niemann war nicht „nur“ der musikalische Leiter sondern auch der versierte Moderator, der eloquent durch das Programm führte. Das Eröffnungsstück des Konzertes, die Ouvertüre aus Viel Lärm um nichts von Patrick Doyle, wirkte wie ein kleiner Hinweis auf die kommende Spielzeit, in der eben dieses Stück von William Shakespeare die Schauspiel-Saison im großen Haus eröffnen wird. 

Die abwechslungsreiche Programmauswahl bot den Musiker*innen des Philharmonischen Orchesters die Möglichkeit eine enorme Bandbreite ihrer Kunst zu zeigen. Ihnen gelangen die leichten, heiteren Noten wie bei Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten von Ron Goodwin ebenso fulminant wie das Tragisch-melancholische bei Nino Rotas Musik zu La Strada. Mit einer ordentlichen Portion Schmalz – sehr zur Freude der Zuhörenden – schmachtete sich das Orchester durch Anton Profes Titelmusik zu Sissi.

Mit dem Marsch aus Loriots Pappa ante portas bot das Orchester sogar eine Weltpremiere, da dieses Stück bisher nur im Film erklang und noch nie „live“ dargeboten wurde. Die Original-Partitur von Rolf Wilhelm galt als verschollen. Nur dem zähen Verhandeln mit der Witwe des Komponisten war es zu verdanken, dass ein handgeschriebenes Exemplar der Komposition wiederentdeckt werden konnte.

Bei La Valse d’Amélie von Yann Tiersen wurden wir in die fabelhafte Welt dieser entzückenden Heldin entführt, um wenig später zu Martin Böttchers Winnetou-Melodie mit ebendiesem Helden und seinem Blutsbruder dem Sonnenuntergang entgegen zu reiten. Als Zugabe ließ Marc Niemann mit seinen Musiker*innen dann nochmals zwei Blutsbrüder in den Sonnenuntergang galoppieren, diesmal allerdings die beiden komödiantischen Recken aus Der Schuh des Manitu zur Musik von Ralf Wengenmayr, der hierbei das Vorbild von Böttcher ironisch-respektvoll zitiert.

Während im Kino meine Aufmerksamkeit zwangsläufig bei der Handlung liegt, und die Musik eher unterstützend wahrgenommen wird, konnte ich mich hier vollkommen auf die Musik konzentrieren und so die Musiker*innen „bei der Arbeit“ beobachten. Dabei war es äußerst interessant zu sehen, wann welche Instrumente zum Einsatz kamen. So zollte ich besonders den Solisten meinen Respekt, die häufig mit ihrem Instrument für den unverwechselbaren Klang einer Komposition und somit für deren Wiedererkennungswert sorgten – sei es beim Violinen-Solo zu Cinema Paradiso oder die markante Mundharmonika bei Spiel mir das Lied vom Tod, beides aus der Feder des genialen Ennio Moricone.

Dabei wurde mir wieder allzu sehr bewusst, welche emotionale Kraft die Musik besitz, die durch eine Kombination mit den Bildern noch verstärkt wird. Musik berührt mich auf einer anderen Ebene als das gesprochene Wort. Musik dringt tief in meine Seele ein und nimmt Einfluss auf meine Empfindungen: Kaum erklangen die ersten Töne von Miss Marple’s Theme von Ron Goodwin, schon nistete sich ein breites Grinsen auf meinem Gesicht ein und ein wohliges Gefühl bemächtigte sich meiner…! 🥰


Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison ein Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das PROGRAMM lohnt sich sehr!