[Konzert] Pjotr Iljitsch Tschaikowsky – DER NUSSKNACKER / Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky / nach einem Märchen von E.T.A. Hoffmann

Philharmonisches Orchester Bremerhaven / in Kooperation mit der Ballettschule Dance Art Bremerhaven

Premiere: 5. November 2021/ besuchte Vorstellung: 7. November 2021

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


Musikalische Leitung: Hartmut Brüsch
Moderation: Tom Baert
Choreografie & Inszenierung: Irina & Marius Manole

Vor beinah genau einem Jahr starrte ich traurig zu den Eintrittskarten, die schon seit Wochen an meiner Pin-Wand hingen und auf ihren Einsatz warteten. Doch mit Einsetzen des Lockdown erstarb selbst mein kleinster Rest Hoffnung auf einen Besuch des Familienkonzerts des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven. Und so blieb mir von Peter und der Wolf nur der Blick auf den Monitor meines PCs, da das Stadttheater Bremerhaven das Konzert ohne Publikum aufnahm und dankenswerterweise ins Netz stellte.

In diesem Jahr meldete sich das Philharmonische Orchester Bremerhaven für ihr erstes Familienkonzert mit einem wahren Feuerwerk bei ihrem jungen (und junggebliebenen) Publikum zurück. Mit Tschaikowskys bekanntem und beliebtem Märchenballett stand ein Werk auf dem Programm, das eine visuelle Umsetzung beinah zwingend machte. So wiederholte das Stadttheater Bremerhaven seine Kooperation mit der Ballettschule Dance Art Bremerhaven von Irina und Marius Manole und rekrutierte das Ensemble aus deren Elevinnen und Eleven.

Und hier saßen wir nun und warteten gespannt auf den Beginn der Vorstellung. Um uns herum wuselten Eltern, Großeltern, Geschwister und sonstige Anverwandte der kleinen Bühnenstars und wunderten sich vielleicht über diese zwei großen Kerle, die gänzlich ohne (Alibi-)Kind erschienen waren, dafür aber äußerst prominente Plätze (Parkett, Reihe 4, Mitte) für sich einnahmen. Ein Umstand, den wir geflissentlich von uns abperlen ließen, da auch das Kind im Kerle seine Daseinsberechtigung hat und kulturellen Zuspruch benötigt.

Es scheint mir schwierig, die phantasievolle und abwechslungsreiche Handlung dieses Märchenballetts in wenige Worte zu fassen. So mutet sie auch eher als Nummer-Revue an, bei der der Komponist populäre bzw. publikumswirksame Elemente durch eine lose Rahmenhandlung verband. Ein Umstand, der dem Charme dieses Werkes keinen Abbruch tat bzw. tut…!

Herr und Frau Silberhaus feiern Weihnachten und haben dazu auch die Freundinnen und Freunde ihrer Kinder Klara und Fritz eingeladen. Auch Klaras Pate Onkel Drosselmeyer ist unter den Gästen und hat für jedes Kind ein Spielzeug als Geschenk. Seiner Patentochter überreicht er ein ganz besonderes Präsent: einen prachtvollen Nussknacker. Doch Fritz ist eifersüchtig und balgt mit seiner älteren Schwester um dieses kostbare Spielzeug, wobei er den Nussknacker beschädigt. Die Gäste verabschieden sich, und Klara geht traurig zu Bett. Im Traum meint sie zu erwachen, denn alles um sie herum erscheint ihr so real: Plötzlich ist der Nussknacker lebensgroß und erwacht zu einem stattlichen Prinz. Doch der gemeine Mäusekönig findet ebenfalls Gefallen an Klara. So entbrennt eine Schlacht zwischen der Garde des Nussknacker-Prinzen und der Sippe vom Mäusekönig, die beinah die Mäuse für sich gewinnen, wäre Klara nicht eingeschritten, um dem Mäusekönig mit ihren Pantoffeln erst auf den Kopf und dann in die Flucht zu schlagen. Der Prinz lädt Klara ein, gemeinsam mit ihm die Welt zu erkunden. Ein Schneesturm wirbelt sie in die Lüfte und lässt sie in fernen Ländern landen, aus denen so manche der weihnachtlichen Köstlichkeiten wie Schokolade, Kaffee oder Tee stammen. So besuchen sie Spanien, Russland, China und die arabischen Länder und schauen sich die unterschiedlichen Tänze an. Selbst im Traum ist ihr Onkel Drosselmeyer immer in ihrer Nähe und behütet sie. Mit dem Tanz der Zuckerfee verabschiedet sich Klara von ihrer Traumwelt und erwacht mit dem hölzernen Nussknacker im Arm…!

Tom Baert, Theater-, Tanz- und Konzertpädagoge am Stadttheater Bremerhaven, betrat die Bühne, begrüßte das Publikum und verstand es schnell, besonders das junge Publikum in seine Moderation mit einzubeziehen. Der Vorhang öffnet sich und gab den Blick auf das Philharmonische Orchester Bremerhaven frei, das uns heute unter dem versierten Dirigat von Hartmut Brüsch musikalisch verzaubern sollte. Vorab stellte Baert (ganz Pädagoge) seinem Publikum einige Instrumente aus dem Orchester vor, die im Laufe des Balletts durchaus an Bedeutung gewinnen sollten. Doch er fungierte nicht nur als charmanter Moderator sondern hatte auch die Rolle des Onkel Drosselmeyers inne. Hier zeigte er gekonnte, dass seine Wurzeln beim Tanz zu finden sind.

Doch damit ich es nicht vergesse, sei dies vorab gesagt: Es war bezaubernd…!

Irina und Marius Manole von der Ballettschule Dance Art Bremerhaven gelang das große Kunststück über 70 Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 18 Jahren nicht nur auf der Bühne zu bändigen, sondern diese Energie in ihrer geschmackvollen Choreografie zu bündeln und die jungen Menschen je nach Alter und Stand der Ausbildung mit entsprechenden Partien zu bedenken. Da flitzten putzige Mäuschen und kleine Nussknacker über die Bühne, Schneeflocken wirbelten in Pirouetten um ihre Schneekönigin, Klaras Puppen erwachten zum Leben, Rohrflöten wiegten sich beim Tanz im Wind und feurige Spanierinnen oder exotische Tempeltänzerinnen entführten bei den folkloristischen Tänzen in ferne Länder.

Andrés Oldorf Gaudioso gab einen stattlichen Prinzen. Darleen Blatz wirbelte als Schneekönigin im Zusammenspiel mit ihren Schneeflocken graziös über die Bühne. Davina Weidner bezauberte mit ihrem Soli „en pointe“ beim Tanz der Zuckerfee. Doch das meiste Augenmerk lag zwangsläufig auf der Darstellerin der Klara: Miriam Manole (der Nachname verrät, von wem sie dieses Talent geerbt hat) war entzückend, ungemein anmutig und zeigte zudem eine große Spielfreude in ihrer Rolle.

Nach einer guten Stunde war das märchenhafte Spektakel leider schon vorbei. Doch dafür lief mein Herz dank der vielen positiven Empfindungen über.

Ach ja, und hatte ich es schon erwähnt: Es war bezaubernd…!


Wer von Euch sich das Konzert – trotz meiner salbungsvollen Worte – immer noch nicht so recht vorstellen mag und zum besseren Verständnis sowohl einen akustischen wie auch optischen Eindruck benötigt, dem kann geholfen werden. Herr Burdack aus dem 3. Stock (aka Ulrich Burdack, Opernsänger am Stadttheater Bremerhaven) befiel schon vor einem Jahr eine leise Vorahnung, dass hier und heute Erklärungsbedarf besteht, als er die Quintessenz des Balletts in seinem Video virtuos zusammenfasste. 


Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison ein Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das PROGRAMM lohnt sich sehr!