[Rezension] Roberto Camurri – Der Name seiner Mutter

Wenige Monate nach seiner Geburt verschwindet Pietros Mutter aus dem Leben von ihm und seinem Vater Ettore – ohne Abschied, ohne Grund, plötzlich und ohne Vorwarnung. Seitdem wird geschwiegen, ihr Name nicht ausgesprochen. Selbst Ester und Livio, die Eltern seiner Mutter, sprechen nicht über ihre Tochter. Weder bei ihnen noch bei Ettore finden sich Fotos, Briefe oder sonstige Beweise, dass sie wirklich gelebt hat, vielleicht immer noch lebt, irgendwo. So wächst Pietro voller Unsicherheiten auf, fühlt sich unvollkommen, beinah leer und ist sich nie seiner Gefühle ganz sicher. Ettore versucht ihm ein guter Vater zu sein und ist doch immer nur die Hälfte eines Ganzen. Erst als Pietro selbst Vater wird, muss er erkennen, dass seine Mutter ganz nah bei ihm ist, auch immer ganz nah bei ihm war und erfährt endlich ihren Namen.

Wie ein heißer Sommertag rollte die Handlung über mich hinweg. Geradezu körperlich spürte ich die Schwere der unausgesprochenen Worte zwischen den Protagonist*innen und litt beinah gemeinsam mit Pietro, der zu verstehen versuchte. Hier verschwindet eine Frau aus der Mitte ihrer Familie, aus der Mitte ihres sozialen Umfelds und hinterlässt scheinbar kein Lebenszeichen, keine Spuren.

Ihr Sohn wächst mit dem Gefühl der Unvollkommenheit auf: Es fehlt ein wichtiger Mensch in seinem Leben, dessen „Nichtvorhandensein“ einen immensen Einfluss auf seine Entwicklung nimmt. Diese Lücke kann nur schwerlich geschlossen werden. Vielmehr klafft sie wie eine Wunde, heilt nur oberflächlich und wird bei der kleinsten Erschütterung des Lebens wieder aufgerissen. Pietros Fragen bleiben unausgesprochen und somit unbeantwortet, dafür keimen Gefühle von Schuld bei ihm auf: „Ist sie gegangen, weil es mich gibt?“

Autor Roberto Camurri konfrontiert uns in seiner Geschichte mit einer Melancholie, die nicht leicht dahinfließt sondern satt und schwer daherkommt. Er schafft eine fiebrige Spannung, da er seine Leserschaft an der inneren Zerrissenheit der Figuren teilhaben lässt. Seine Figuren sind ambivalent, sowohl Täter als auch Opfer, sowohl schuldig als auch unschuldig, sind menschlich und machen somit Fehler. Er lässt sie kaum in der direkten Rede sprechen und gönnt uns so einen wohltuenden Abstand, der bei aller Dramatik ein befreiendes Aufatmen möglich macht. Dabei schenkt er uns mit seiner wohl durchdacht eingesetzten Sprache Bilder voller Atmosphäre.

Dieser Roman wirkte auf mich wie ein schwüler Sommerabend: heiß, stickig, kaum erträglich – bis am Schluss ein Gewitter für die erleichternde Frische sorgt, und ein zartes Happy End am Horizont zu erahnen ist.


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956144325

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

Neues Jahr, neues Glück, neue Ideen…

…wohl eher nicht! Eher ist es ein erleichtertes Aufatmen, dass das letzte Jahr nun der Vergangenheit angehört. Wobei es sich hierbei wohl eher um eine kurze Verschnaufpause handelt, da seine Auswirkungen noch weit in dieses Neue Jahr hinein reichen werden! Doch wir sind nun einen großen Schritt weiter als noch vor zwölf Monaten, die Impfungen haben begonnen, und so bin ich frohen Mutes…!

…im letzten Jahr musste ich aus bekannten Gründen auf meine geliebten Lesungen verzichten und hoffe, dass ich vielleicht zum Ende des Jahres wieder als Vor-Leser aktiv werden kann. Ebenso würde ich mir wünschen, dass der Vorlesewettbewerb weiterhin stattfindet: Ich stände als Jury-Mitglied sehr gerne wieder zur Verfügung!

…dafür stapeln sich momentan erfreulich wenige Rezensionsexemplare auf meinem SuB, und so dürfte es auch gerne bleiben. Dieser Zustand fühlt sich momentan so herrlich entspannt an: Alle anderen Bücher aus dem SuB kann ich zwecks Rezension lesen, muss es aber nicht. Doch mir ist durchaus bewusst, dass dieser Zustand nur vorübergehender Natur ist, da ich schon einen neugierigen Blick (Okay, es waren mehrere Blicke…!) in die Frühjahrsvorschauen der Verlage geworfen habe…

…und bin (natürlich!) fündig geworden: Lauter reizende alte Damen von Agatha Christie (Atlantik/ 2. Februar), Der Name seiner Mutter von Roberto Camurri (Kunstmann/ 24. Februar), Als wär das Leben so von Rainer Moritz (Oktopus/ 25. Februar), Die Tode meiner Mutter von Carla Haslbauer (NordSüd/ 18. März), Mord in Sussex von John Bude (Klett-Cotta/ 20. März), Betty von Georges Simenon (Kampa/ 15. April) und Der französische Gast von Dorothy Whipple (Kein & Aber/ 11. Mai).

…hier auf meinem Blog wird es vorerst in gewohnter Manier weitergehen, d.h. die bekannten und (hoffentlich) beliebten Kategorien werden Euch auch weiterhin durch die Monate begleiten. Auch die im letzten Jahr eingeführte Rubrik „Literaten im Fokus“ wird weitergeführt. Wie versprochen hole ich im April meine kleine Retrospektive über den britischen Autor Christopher Isherwood nach, bevor wir im August gemeinsam einen Blick auf Leben und Werk der legendären Dorothy Parker werfen (Alle Angaben erfolgen ohne Gewähr! 😉)

…wie es kulturell weitergeht? Ich habe keine Ahnung – geschweige denn, dass ich es wagen würde, eine Prognose abzugeben. Keine einzige Eintrittskarte ziert momentan unsere Pin-Wand: Das gab es so noch nie! Ich würde es mir so sehr wünschen, dass Theater, Museen, Kinos etc. endlich aus ihrem erzwungenen Winterschlaf erwachen dürften. Die Kultur fehlt mir so sehr!!!

…und nach wie vor freue ich mich sehr auf die vielfältigen Begegnungen auf unterschiedlichen Wegen mit lieben Menschen – natürlich alles im Rahmen der Corona-Vorgaben! Diese Begegnungen sind mir immens wichtig: Ohne den Halt dieser besonderen Menschen hätte ich das vergangene Jahr bedeutend trüber empfunden! Herzlichen Dank!

Bleibt bitte ALLE gesund!

F R O H E S   N E U E S   J A H R

Liebe Grüße
Andreas