MONTAGSFRAGE #104: Was ist dein Lieblingsgenre und warum?

Da die MONTAGSFRAGE gestern später veröffentlicht wurde, und ich zu dem Zeitpunkt schon arbeiten musste, war es mir leider nicht mehr möglich, sie zu beantworten. Aber das hole ich heute umso lieber nach…!

Als ich die Frage las, dachte ich „Hm?! Hatten wir die Frage nicht schon einmal?“. Nein, hatten wir nicht! Es gab zwar durchaus die MONTAGSFRAGE #26: Gibt es ein Genre, das du gar nicht (gern) liest?, die eine Antwort nach dem Gegenteil liefert und sozusagen „die andere Seite der Medaille“ wiederspiegelt.

Regelmäßige Leser*innen meines Blogs werden es nie erraten, welches Genre von mir favorisiert wird: „Na? Na? Kommt Ihr drauf? Nee, da kommt Ihr nie drauf. Ich verrate es Euch: Es sind die Krimis!!!“ Und schon höre ich überall und allerorten die überraschten Ausrufe „Nein, da wären wir ja nie drauf gekommen!“

Okay, das wirkt nun nicht besonders originell oder interessant und zudem auch irgendwie langweilig: „Die Prosa der Renaissance des ausgehenden 16. Jahrhunderts“ klingt da schon intellektueller und macht beim gepflegten Smalltalk während einer Cocktail-Party auch mehr her. Aufgrund diesen Umstands könnte ich durchaus meine Minderwertigkeitskomplexe pflegen oder in Depressionen verfallen, wäre es mir nicht absolut schnuppe, was andere Menschen von meinem Lieblingsgenre halten! Ich liebe Kriminalromane!

Besonders liebe ich die klassischen oder nach klassischem Muster konstruierten Krimis. Da müssen zwangsläufig Namen wir Agatha Christie, Georges Simenon und Rex Stout fallen, die so prägnante Ermittler*innen erfunden haben, dass deren Charisma bis heute (und in alle Ewigkeiten) auf die Leser*innen wirkt.

Handwerklich versiert kreierten diese Meister*innen des Fachs abwechslungsreiche Handlungen mit überraschenden Entwicklungen, bieten überzeugende (manchmal durchaus kautzige) Charaktere und ausgefeilte Dialoge. Häufig steht die Psychologie der Tat im Vordergrund und weniger die vordergründige Effekthascherei wie in s.g. Splatter-Krimis. Zudem haben die Handlungen so wunderbar wenig mit meinem Alltag gemein (zum Glück!), stellen somit eine kleine Flucht aus eben demselben dar und lassen mich sowohl persönliche Sorgen und als auch globale Pandemien vergessen.

Neben den schon genannten klassischen Autor*innen gibt es einige zeitgenössische Schriftsteller*innen, die das Erbe der gediegenen Krimi-Unterhaltung weiterhin pflegen: Alan Bradley, Colin Cotterill, Robert Galbraith (alias Joanne K. Rowling), Alex Lépic (alias Alexander Oetker) und Stuart Turton. Besonders das Erstlingswerk von Turton stellte für mich im letzten Jahr die größte Überraschung dar, und ich erwarte schon äußerst gespannt seinen nächsten kriminalistischen Coup.

Selbstverständlich liegen schon so einige Romane der genannten Autor*innen parat, um mir die kommenden Feiertage zu verschönen. Denn zwischen dem Singen von „Stille Nacht“, dem Auspacken von Geschenken und dem Knabbern an Vanille-Kipferl ist immer noch ein Plätzchen frei für einen zünftigen Mord!

…und was ist Euer Lieblingsgenre?


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Rezension] Stuart Turton – Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle

„Heute Abend wird jemand ermordet werden. Es wird nicht wie ein Mord aussehen, und man wird den Mörder daher nicht fassen. Bereinigen Sie dieses Unrecht, und ich zeige Ihnen den Weg hinaus.“ steht in der Nachricht, die ein geheimnisvoller Unbekannter Aiden Bishop zukommen lässt. Auf dem Anwesen Blackheath der Familie Hardcastle wird ein Maskenball zu Ehren der Verlobung von Evelyn Hardcastle, der Tochter des Hauses, mit dem äußerst wohlhabenden und deutlich älteren Lord Cecil Ravencourt vorbereitet, und eben an diesem Abend geschieht ein Selbstmord, der keiner zu sein scheint. Nur wenn Aiden Bishop die Lösung zu diesem Verbrechen findet, kann er aus Blackheath entfliehen. Dabei gehört er weder zur Familie noch zum Hauspersonal und steht auch auf keiner Gästeliste: Wer ist er, und wie kam er nach Blackheath? Dafür wacht er Tag für Tag in einem anderen Wirt sprich im Körper eines anderen Gastes auf und erlebt diesen Tag zum wiederholten Mal incl. des getarnten Mordes. Er kann sich bei den Ermittlungen nur auf seine Kombinationsgabe verlassen und ist gezwungen, die Talente seines jeweiligen Wirtes zu nutzen. Dabei scheint jede und jeder auf Blackheath seine wahren Beweggründe hinter einer Fassade zu verbergen, so dass es schier unmöglich scheint, Freund vom Feind zu unterscheiden. Zudem lauert ihm im Verborgenen eine dubiose Gestalt in der Maske eines Pestdoktors auf. Allein dieser Tatbestand würde schon für reichlich Schrecken sorgen, wäre da nicht dieser brutale Lakai, der nach dem Leben seines jeweiligen Wirtes trachtet. Und dann ist da auch noch Anna…!

Wow! Stuart Turton hat – nach 3 Jahren Arbeit an diesem komplexen Werk – ein sensationelles Romandebüt abgeliefert, das gekonnt die Regeln von Raum und Zeit aufhebt, den Lesern nach allerbester „Whodunit“-Manier durch die Handlung treibt und mit den Elementen des Gothic-Thrillers spielt.

Die umfangreichen Fakten eines Tages werden in viele kleine Hinweise aufsplittert und nur bruchstückchenhaft – manchmal auch nur rudimentär – dem jeweiligen Protagonisten präsentiert. Da werden Indizien schon auf den ersten Seiten verstreut, die erst zum Ende des Romans an Bedeutung gewinnen und den Leser veranlassen, nochmals zurückzublättern, um die Fakten aus den Blickwinkeln der unterschiedlichsten Protagonisten zu sichten.

Das Symbol der Maske ist in diesem Kriminalroman allgegenwärtig: Niemand scheint in dieser Geschichte, die wahre Identität zu offenbaren. Aiden Bishop ist gezwungen, sich hinter den Gesichtern seiner Wirte zu verbergen. Die Familie Hardcastle, ihre Gäste wie auch die Dienstboten verstecken sich hinter Standesdünkel und Allüren, und auch der Pestdoktor verbirgt sein Antlitz hinter der charakteristischen Schnabelmaske. Sie alle treffen sich auf dem Maskenball in Blackheath!

Wer nach der obigen Inhaltsangabe fälschlicherweise glaubt, eine äußerst krude Geschichte vor sich zu haben, den kann ich beruhigen: Die Verwirrung ist einzig und allein meiner mangelhaften Fähigkeit, eine kurze, prägnante Inhaltsangabe darzulegen, geschuldet und lässt somit keine negativen Rückschlüsse auf das Talent des Autors zu. Ganz im Gegenteil: Turton versteht es bravurös die einzelnen Puzzleteile zu einem logischen Ganzen zusammenzusetzen. Stellt sich die Handlung anfangs als ein scheinbar undurchsichtiges Wirrwarr dar, entwirrt er an jedem neuen Tag und mit jedem weiteren Protagonisten die Handlung Stück für Stück zu einem logischen Ganzen.

In diesem geistreichen Ratespiel haben mich die facettenreichen Charaktere ebenso überzeugt, wie mich die unvorhersehbaren Wendungen, die die Handlung immer wieder in eine neue Richtung lenken, (positiv!) verwirrten. Die Antwort bleibt bis zum Ende im Dunkeln verborgen – oder sollte ich lieber sagen: hinter einer Maske? – und verblüfft mit einer überraschenden Auflösung!

Dieses Debüt wirkt – trotz seines klassischen Stils – frisch und unverbraucht: ein Novum in der Krimilandschaft, in der alle schon alles gelesen zu haben scheinen. Bravo!


erschienen bei Tropen/ ISBN: 978-3608504217

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!