[Rezension] Melanie Raabe – DAS JAHR DER WUNDER/ mit Illustrationen von Rumi Benecke

365 schöne, kreative und inspirierende Ideen für mehr Freude und Leichtigkeit

Ich las den Untertitel dieses Buches und verdrehte die Augen. „Ach, herrje, das klingt aber sehr esoterisch angehaucht!“ dachte ich und wusste, ich würde ein solches Buch im Normalfall nie und nimmer in die Hand nehmen. Bei DAS JAHR DER WUNDER machte ich die berühmte Ausnahme von der Regel. Ich schätze Melanie Raabe sehr und durfte sie bereits bei Lesungen erleben. Darum ahnte (bzw. hoffte) ich, dass der Hauch der Esoterik nur in homöopathischen Dosen bei ihrem neusten Werk zum Einsatz käme. Zumal mir bereits ihr Buch KREATIVITÄT. Wie sie uns mutiger, glücklicher und stärker macht durchaus gefallen hat.

Dort wie hier zeigt sich Melanie Raabe als sympathische Impuls-Geberin, und ich gewann bei der Lektüre den Eindruck, dass sie auch mehr nicht sein möchte. Lehrmeisterhafte Attitüden gehen ihr völlig ab. Ihre 365 Ideen für DAS JAHR DER WUNDER formiert sie unter den folgenden 12 Überschriften: INSPIRATION, LEICHTIGKEIT, FREUDE, EINFACHHEIT, EMPFINDSAMKEIT, STILLE, FREUNDLICHKEIT, SPIEL, MUT, STIL, BEWEGUNG und SPASS.

Zu jeder Überschrift schenkt uns die Autorin eine fein abgestimmte, sehr persönliche Einleitung, die sie mit einer Definition wie aus einem Wörterbuch zur jeweiligen Überschrift beginnt. Sie arbeitet in wunderbaren Bildern und charmanten Metaphern, die so den Zugang zu den nachfolgenden Ideen erleichtern. Dabei verlangt sie von mir keinen Kraftakt bei der Realisierung – höchstens ein klitzekleines Maß an Überwindung. Aus der Fülle ihrer Impulse gibt es nicht einen einzigen, der nicht umsetzbar wäre. Somit würde sie eine Ausrede wie „Das ist nicht zu schaffen!“ ad absurdum führen. Es ist zu schaffen – für mich, für dich, für jeden!

Bereits beim ersten Lesen hatte ich für jede Rubrik gleich mehrere Impulse für mich entdeckt und merkte bei der Umsetzung, dass diese – je nach Impuls – zwar durchaus (wie bereits erwähnt) ein wenig Überwindung kosten könnten aber keine unüberwindbare Herausforderung darstellten. Vielmehr war ich bei der Umsetzung mit Begeisterung am Werke und freute mich, wenn es gelungen war. Zum besseren Verständnis verrate ich euch zu jeder Überschrift einen meiner favorisierten Impulse:

  • INSPIRATION / Idee (3) Erstelle eine Liste der Dinge, die du als Kind gerne gemacht hast.
  • LEICHTIGKEIT / Idee (43) Betrachte die Wolken, wie du es vielleicht als Kind getan hast. Welche Formen haben sie? Siehst du Tiere? Gesichter? Etwas anderes?
  • FREUDE / Idee (62) Geh heute Abend, wenn sich die Spielplätze ein bisschen gelehrt haben, eine Runde schaukeln.
  • EINFACHHEIT / Idee (98) Lerne ein Gedicht auswendig, und sage es für jemanden auf (Es ist okay, wenn es kurz ist.)
  • EMPFINDSAMKEIT / Idee (142) Schreibe deinem zukünftigen Ich einen Brief und lies ihn in einem Jahr.
  • STILLE / Idee (152) Langweile dich mit voller Absicht.
  • FREUNDLICHKEIT / Idee (184) Setze ein Buch aus. Leg eine nette Notiz für die Finderin oder den Finder hinein.
  • SPIEL / Idee (216) Übe dich in Vorfreude wie ein Kind. Finde Dinge in der Zukunft, auf die du dich freuen kannst, und zelebriere sie.
  • MUT / Idee (256) Beantworte die Frage: Was ist das Interessanteste, was dir jemals passiert ist?
  • STIL / Idee (299) Hole heute dein bestes Geschirr und die guten Servietten heraus und richte dein einfaches Gericht edel und extravagant an.
  • BEWEGUNG / Idee (326) Schreibe eine Radieschenliste. Auf dieser Liste stehen die Dinge, die du tun willst, bevor du die Radieschen von unten betrachtest. Nimm etwas davon in Angriff.
  • SPASS / Idee (363) Schreibe lauter witzige Tätigkeiten auf kleine Zettel, falte sie und stecke sie in ein Glas. Immer, wenn dir langweilig ist, ziehe einen der Zettel.

Hierbei geht es der Autorin nicht um die machtvolle, allumfassende Veränderung, vielmehr sind es gerade die kleinen Impulse, die oftmals eine große Wirkung zeigen, indem sie meinen persönlichen Blickwinkel verändern und so das Leben bereichern.

Melanie Raabe schenkte mir ein Buch, das ich nur allzu gerne zur Hand nahm, um in ihm zu blättern – auch dank der geschmackvollen Gestaltung durch Rumi Benecke. Doch es wird nicht bei diesem einmaligen Blättern bleiben: Vielmehr wird mich dieses Buch unterstützen, dass aus jedem Jahr ein JAHR DER WUNDER werden kann.


erschienen bei btb / ISBN: 978-3442759583
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Ute Woltron – HEUTE NICHT, ICH HAB MIGRÄNE

„Heute nicht, Schatz, ich habe Migräne!“ Wer kennt ihn nicht, diesen Altherrenwitz aus der Mottenkiste des schlechten Humors. Es ist erschreckend, dass sich solche Bilder nach wie vor fest in den Köpfen Nichtbetroffener festgesetzt haben. Doch welche Botschaft versteckt sich hinter einem solchen „Witz“? Bedeutung: Migräne ist ein Leiden, von dem vornehmlich sexuell unbefriedigte wenn nicht sogar frigide Frauen betroffen sind. „Solche Weiber müssten mal so richtig…!“ sind sich die Herr(lichkeit)en mancher Stammtischrunden einig. Im Umkehrschluss stelle ich mir als Mann, der unter Migräne leidet, natürlich folgende Frage „Was müsste ich mal so richtig…, damit die Migräne wie durch Zauberhand von mir abfällt?“

Autorin Ute Woltron weiß, wovon sie schreibt. Hat sie doch, wie viele von uns, die betroffen sind, alle dummen Witze, ungewollten Ratschläge und jegliche Reaktionen von Unverständnis im Laufe ihrer „Migräne-Karriere“ selbst erleben oder vielmehr erdulden müssen. Was musste ich mir im Laufe der 25 Jahre, in denen dieser Untermieter, den ich nie haben wollte, bei mir eingezogen ist, schon alles anhören. Jedes mögliche (und auch unmögliche) Thema fand Erwähnung und war Ursache und Lösung zugleich: Ernährung, Schlaf, Sex, Stress, Sport und Bewegung, Chakren, Körpersäfte undnochvielesmehr – entweder hatte/machte ich zuviel oder zuwenig, und prinzipiell war irgendetwas davon nicht in der Balance. Besonders liebe ich die Aussagen ohne jeglichen Nährwert: „Du machst dir einfach zu viele Gedanken!“ Danke, sechs, setzen! Wenn es wirklich einfach wäre, dann hätte ich es längst geändert.

Ausgenommen davon sind die Tipps und Hinweise, die ich von anderen Betroffenen erhalten habe: Hier sprachen wir auf Augenhöhe miteinander. Und so manches Mal half ein verständnisvoller Blick und ein wissendes Nicken so viel mehr und schenkte mir Trost.

Die Autorin schafft es wunderbar, eigenes Erleben mit wissenschaftlichen Fakten und Zahlen zu vermischen. Sie vergisst dabei auch nicht, eine Prise Humor einzustreuen – manchmal ist es auch Ironie, und hin und wieder meinte ich wahrzunehmen, dass in ihren Worten auch ein sarkastischer Unterton mitschwang. Bei dem, was sie durchleben und erleiden musste, ist dies absolut nachvollziehbar und verständlich.

Jede Migräne ist ebenso einzigartig, wie der Mensch, der von ihr betroffen ist. Doch es gibt viele Parallelen, und ich konnte mich oft in den Worten der Autorin wiederfinden. Auch die Zahlen, wie viele betroffene Menschen es weltweit gibt, haben mich sehr erstaunt. Diese Dimension nimmt durchaus Einfluss auf die Produktivität einer Bevölkerung. Umso verwunderlicher, dass dieser Umstand weiterhin noch viel zu wenig Beachtung erfährt.

Dass Frauen und Männer verschieden ticken und ihre Körper unterschiedlich „funktionieren“, sollte hinlänglich bekannt sein. Entsprechend variiert auch die Ausprägung der Migräne bei den Geschlechtern. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer, weshalb Migräne oftmals als reines Frauenleiden abgetan wird. So ganz von diesem gängigen Vorurteil konnte sich anscheinend auch der Verlag dieses Buches nicht freimachen: Wenn ich mir das Design und die Farbgebung des Umschlags anschaue, scheint hier eher eine weibliche Leserschaft angesprochen zu werden. Schade, da hätte ich mir ein wenig mehr Diversität in der Gestaltung gewünscht.

Doch ehrlich gesagt, achte ich bei einem Sachbuch viel mehr auf den Inhalt als auf die Verpackung. Hier liefert Ute Woltron in knappen, doch nie oberflächlichen Kapiteln eine Auswahl an vielfältigen Informationen, von denen sich jede*r wie an einem Buffet bedienen und so seinen persönlichen Teller an „Leckereien“ zusammenstellen kann. Da finden Trigger, die Auslöser einer Migräne, ebenso Erwähnung wie die Möglichkeiten der medikamentösen Therapie. Gerade hier hat sich in den vergangenen Jahres einiges getan, wie am geschichtlichen Exkurs verdeutlicht wird. Auch die Variationen in der Ausprägung der Migräne (mit Aura, ohne Aura etc.) werden verständlich geschildert. Als kulturell interessierter Mensch fesselte mich das Kapitel über Künstler, die angeblich unter Migräne litten, und wo vermutet wird, dass dieser Umstand Einfluss auf ihre Kunst nahm.

Doch besonders ihr Appell, die wenige Zeit (ohne Migräne) zu nutzen, traf bei mir auf offene Ohren. Ich empfinde die Tage unter Migräne immer, als würde mir wertvolle Lebenszeit gestohlen werden. Wie oft konnte ich inspirierende Theater- und Konzertabende nicht wahrnehmen? Wie oft musste ich gesellige Treffen mit lieben Menschen absagen? Wie oft…? Zu oft!

So nehme ich aus der Lektüre dieses Buches nicht nur eine Fülle an Informationen mit. Vielmehr fühle ich mich bestätigt und gesehen. Unter Migräne zu leiden, kann sehr einsam machen, da ist es schön zu wissen, dass ich nicht alleine bin.

NACHTRAG Auf der Homepage von Ute Woltron findet man – neben vielen wunderbaren Beiträgen – sogar eine MIGRÄNE-TRACKLIST mit Songs, die die Autorin durch die guten und die weniger guten Tage des Lebens begleitet haben. Dazu schreibt sie: „Die besten Tracklists sind die eigenen. Hauptsache, man hat eine.“

Habt ihr eine Tracklist? Ich habe eine – schon lange!


erschienen bei ecoWING (Benevento) / ISBN: 978-3711003713
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Michel Faber – HÖR ZU! Was Musik mit uns macht

Es ist weniger eines dieser vielen auf dem Markt erhältlichen Sachbücher, die von schlauen Leuten verfasst ebenso schlaue Einblicke in die kulturhistorische Entwicklung der Musik geben und mit einer Vehemenz Werke und Komponisten in den Mittelpunkt rücken, die ich unbedingt kennen, hören und gefälligst auch (Verdammt nochmal!) verehren sollte, da ich sonst ein Kulturbanause par excellence und musikalischer Kretin sei, der somit die Berechtigung verspielt hätte, auf diesen unseren schönen Planeten zu leben. Nö! So ein Sachbuch ist dies nicht!

Ich möchte mich in aller Form für den obigen Schachtelsatz entschuldigen! 🙂

Vielleicht war es von Vorteil, dass Autor Michel Fabers seine Meriten bisher durch Romane und Novellen erworben hat, und er sich so unbefangener an das Thema herantasten konnte. Denn Faber geht es hier nicht um irgendwelche Top 10-Listen mit „Must-Hear“ und gibt somit auch keine Hör-Tipps. Vielmehr pustet er mit diesem Buch den Staub von der Erinnerungs-Kommode seiner Leserschaft. Auch bei mir stößt er dabei die eine oder andere Schublade auf, in die ich seit Jahren nicht mehr hineingeschaut habe.

Er stellt sich und uns die Frage, wie der individuelle Musikgeschmack entsteht. Ja, er wagt sogar die Aussage, dass unser Musikgeschmack gar nicht so individuell ist, wie wir vielleicht bisher vermutet haben. Schließlich diente Musik auch immer dazu, sich einer Gruppe von Menschen, der so genannten Peergroup, zugehörig zu fühlen. Jede*r von uns hatte doch mit Sicherheit die eine oder andere CD im Regal stehen, die wir uns in jungen Jahren gekauft haben, weil die Gruppe oder die/der Interpret*in damals so mega-mäßig angesagt war und von allen hippen Leuten gehört wurde. Früher oder später landeten dann genau diese CDs auf dem Flohmarkt. Zumindest bei mir landeten sie auf dem Flohmarkt, da sich mein Musikgeschmack im Laufe der Jahr(zehnt)e glücklicherweise weiterentwickelt hat. Dabei wagt der Autor die Theorie, dass wir alle auch vom Musikgeschmack unserer Eltern geprägt werden, indem wir diesen entweder übernehmen oder uns bewusst davon abgrenzen. Zudem spielen viele weitere Faktoren, wie die soziale Herkunft und das Bildungsniveau, eine nicht unerhebliche Rolle welcher Musikrichtung wir uns zuwenden.

Auch blickt Faber auf das Phänomen, dass Musik uns emotional deutlich tiefer berührt als das gesprochene oder geschriebene Wort. Da lösen nur wenige Takte einer Melodie, vielleicht in Kombination mit einer ganz besonderen Stimme, eine Flut an Empfindungen bei mir aus. Genau dies machen sich findige Strateg*innen zu Nutze, um uns mit Musik zu manipulieren, wie sie z.Bsp. in der Werbung oder im Film zum Einsatz kommt.

Interessant ist es auch zu erfahren, wie sich das Hören von Musik im Laufe der Jahre verändert hat. Früher legte die Hörerschaft viel Wert auf „echten“ Gesang, der wahr und wahrhaftig vorgetragen wurde. Da konnte die Erkenntnis, dass die Jungs von Milli Vanilli nie selbst gesungen haben und somit eine Mogelpackung waren, durchaus schwerwiegende Traumata bei den Fans auslösen. Heutzutage erwartet man von den Superstars die große, schweißtreibende Show voller athletischer Einlagen: Da will niemand die keuchend-atemlose Original-Stimme der Stars hören und nimmt gerne das gut produzierte Playback in Kauf, um sich der Illusion einer perfekten Show hinzugeben.

Auch hat das Image einer Künstlerin/ eines Künstlers heutzutage einen bedeutend höheren Marktwert als der Gesang, und selbstverständlich darf dabei der passende Style nicht fehlen. Dieses Gesamtpaket dient als Identifikationsgrundlage für die Fans (oder sollte ich lieber „Verbraucher“ sagen?).

Ja, die Musik ist auch ein Produkt, das auf dem Basar meistbietend verschachert wird. Die Protagonist*innen tauchen so manches Mal (scheinbar) aus dem Nichts auf, setzen zu Höhenflüge an, krachen spektakulär zu Boden, bleiben zerstört liegen oder rappeln sich wieder auf, um nochmals unter veränderten Bedingungen ein Comeback zu wagen. Der Körper und somit auch die Stimme verändern sich mit dem Alter: Manche Sänger*innen nutzen diesen Wandel für ihre Kunst. Sie treffen zwar nicht mehr die hohen oder lauten Töne der Jugend, dafür zeugt die Brüchigkeit in ihren Stimmen von einem echten gelebten Leben und berührt ihre Hörer*innen auf einer ganz anderen emotionalen Ebene.

Oft wirkte es auf mich, als würde Michel Faber sich in seiner Plauderei verlieren. Scheinbar maßlos schüttete er seine Gedanken über mich als Leser aus. Doch gerade diese Fülle an Denkanstöße motivierte mich, dass ich selbst einen Blick auf meine Geschichte, meine Entwicklung, mein Werden warf und mir eine Vielzahl an Fragen stellte. Woher komme ich? Welcher Musik war ich durch meiner frühen Umwelt ausgesetzt? Bei welcher Musik war ich „Mitläufer“, wo war ich „Anführer“? Welche Brüche gab es in meiner Biografie, die mich zu einer anderen Art von Musik hintreiben ließ? Diese und noch viele weitere Fragen stellte ich mir während und nach der Lektüre dieses Buches. Antworten fand ich selbstverständlich nicht in ihm, dafür eine Fülle an Impulse, die mir halfen, dass ich mir die Fragen selbst beantworten konnte.

Doch Michel Faber stellte auch sich selbst diese Fragen und ging somit auf Spurensuche in seiner eigenen bewegten Vergangenheit. Er kam zu der Erkenntnis, dass die einzigartige Biografie eines Menschen den Musikgeschmack formt, der dann eben doch sehr individuell ist.

Ich persönlich liebe Musical, Oper und Operette, habe durchaus meine Favoriten bei der Klassik, lausche gerne Swing und Jazz, begeistere mich für den deutschen Schlager der 60er bis 80er Jahre und singe laut und hemmungslos zu Disney-Songs. Habe ich nun einen guten oder eher einen schlechten Musikgeschmack? Nein, bitte nicht antworten! Es ist nicht so, dass ich eine negative Antwort nicht verkraften könnte. Vielmehr ist es mir völlig egal, was andere von meinem Musikgeschmack halten.

Diese Musik gehört zu mir, und sie zu hören, macht mich glücklich. Das ist für mich die Hauptsache!


erschienen bei btb / ISBN: 978-3442762927 / in der Übersetzung von Bernd Gockel
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Peter Overbeck – OPER. 100 SEITEN

Der letzte Ton ist gesungen. Die letzte Note ist gespielt. Was bleibt? Abwarten…

…und Tee trinken, oder man greift zwecks Einstimmung auf die kommende Spielzeit zu einem thematisch stimmigen Buch. In meinem Fall lächelte mich in der Buchhandlung meines Vertrauens aus dem Kollektiv der vorhandenen Bücher der Reclam-Reihe 100 SEITEN passenderweise genau dieses Buch an und wollte unbedingt mitgenommen werden.

Für diese Reihe findet der Reclam-Verlag immer wieder kundige Autor*innen, die Kompetenz mit Kurzweil zu paaren verstehen. Peter Overbeck ist Musikwissenschaftler, Tonmeister, Musikjournalist sowie Opernfan und verfügt somit um ausreichend Expertise für dieses Thema. So lüftet er den Theatervorhang und entblättert „seine“ 100 SEITEN einer Opernaufführung gleich vor unseren Augen. Da gibt er schon mit der Ouvertüre den einstimmenden Ton vor, um dann über fünf Akte hinweg die Dramatik in dieser Kunst zu zelebrieren. Glücklicherweise gönnt er uns nach Akt 3 eine Pause zum Verschnaufen, um danach mit einem schmissigen Intermezzo wieder in die Vollen einzusteigen. Selbst den Applaus füllt er mit Sachverstand und lässt es sich auch nicht nehmen, uns eine Zugabe zu gewähren.

Die einzelnen Programmpunkte überzeugen mit einer üppigen Menge an unterhaltsamen Informationen: Bei der Ouvertüre lässt der Autor uns an Kindheitserinnerungen teilhaben und berichtet von seinen erste zarten Berührungspunkten mit dieser Kunstgattung. Zudem gibt er Aufschluss über die immense Zahl vorhandener Opern im Vergleich zu den tatsächlich an den Häusern gespielten. Im 1. Akt liefert er das Basiswissen für alle, die sich immer schon einmal gefragt haben, was OPER überhaupt ist, bzw. wie sie entstanden ist. Der 2. Akt geht da weiter in die Tiefe und beleuchtet, welche Art von Geschichten die Komponisten und Librettisten animierten, aus ihnen eine Oper zu kreieren. Akt 3 stellt nun das ausführende Personal in den Mittelpunkt (Sängerinnen, Sänger und Dirigenten) und erläutert die unterschiedlichen Stimmlagen und die damit verbundenen Rollenfächer. Dann ist endlich Pause, und das Publikum strömt in die Foyers der jeweiligen Opernhäuser, um sich dort zu erfrischen bzw. etwas über das Publikum in Opernhäusern zu erfahren.

Mit dem Intermezzo startet die Aufführung in die zweite Hälfte und lässt uns einen Blick auf die Organisation eines Opernhauses werfen und bietet Hinweise bzgl. der Finanzierung. Der 4. Akt bietet Raum für Skandale und Skandälchen, die es im Schatten der Oper immer gab und auch immer geben wird. Sind sie doch der Salz in der Suppe des Opern-Betriebs. Im 5. Akt betrachten wir, welchen Einfluss die modernen Massenmedien auf die Kunstgattung Oper hatten und haben, und wie sie sich dadurch in ihrer Präsentation verändert hat. Und während wir dem Autor reichlich Applaus zusprechen, müssen wir uns aber auch Gedanken um die Zukunft der Oper machen: Ist sie verdammt, ein Relikt aus der Vergangenheit zu werden, oder hat sie sich bereits zu einer moderne Kunstform entwickelt, die auch ein jüngeres Publikum anspricht? Als Zugabe schenkt uns Overbeck noch etliche Tipps zum Hören, Lesen und Surfen, damit wir uns auch nach dieser literarischen Opernaufführung weiter in die Materie vertiefen können.

Mit OPER. 100 SEITEN ist Peter Overbeck ein sehr kompakter aber nie oberflächlicher Einstieg ins Thema gelungen. Mit seiner informativen wie gelungenen Abhandlung lädt er uns ein, dass wir uns weiter mit dieser „unmöglichen“ aber so wundervollen Kunstform beschäftigen.


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150205372

[Rezension] Joachim Mischke – DER KLASSIK-KANON. 44 Komponisten, von denen man gehört haben muss/ mit Illustrationen von Lucia Götz

Vielleicht geht´s euch auch so: „Eigentlich“ (Ich bitte, meine Wortwahl zu beachten!) kenne ich doch schon recht viele klassische Kompositionen. „Die vier Jahreszeiten“ von Vivaldi haben sich zu wahren Evergreens gemausert. Wenn Mozart seinen Helden Tamino in „Die Zauberflöte“ von „Dies Bildnis ist bezaubernd schön“ schwärmen lässt, bin ich nur allzu gerne bereit, mich ebenfalls dem Schwärmen hinzugeben. Natürlich weiß ich auch, wo Tschaikowski die Rohrflöten zum Tanzen bringt. Und bei „Da-da-da-da Da-da-da-da“ denke ich weniger an die Neue Deutsche Welle sondern vielmehr an Beethovens „Sinfonie Nr. 5“.

Doch dann dringt eine vertraute Melodie an mein Ohr, bei der ich weder die Komponistin bzw. den Komponisten benennen kann, noch dass ich sie einem Werk zuordnen könnte. Müsste ich mich nun für dieses Unwissen schämen? Ganz sicher nicht! Meine Devise lautete immer „Ich muss nicht alles wissen. Ich muss nur wissen, wo es steht!“, und so greife ich beherzt zu einer sachkundigen Lektüre…!

Klassik ist für viele ein Buch mit sieben Siegeln und zudem ein Thema, bei dem man sich leicht blamiert: Was war noch mal der Unterschied zwischen Haydn und Händel, Schostakowitsch und Schubert? Dabei verbinden sich mit diesen Komponisten und ihren Werken die faszinierendsten Geschichten. Joachim Mischke stellt die 44 Wichtigsten von ihnen vor und erzählt von bunten Pullovern, tödlichen Duellen, wüsten Fehden – und lässt uns dabei erleben, warum man die Welt der Klassik am Liebsten nie wieder verlassen möchte, wenn man sie erst einmal betreten hat.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

„Dieses Buch soll ein kurzer, kein erschöpfender Ratgeber sein, eine legale Einstiegsdroge in die Kunstform des Komponierens von Musik. Für Vollständigkeit ist hier kein Platz, dann wäre es bloß ein weiteres Lexikon. Die Lust an der Lücke ist mir wichtiger.“ verrät uns der Autor schon im Vorwort, traf mit diesen Worten bei mir genau ins Schwarze und ließ mich innerlich jubeln. So macht er Mut, sich gänzlich unbefangen mit der klassischen Musik zu beschäftigen. Ressentiments gegenüber dieser oft als Hochkultur betitelten Kunstform sind gänzlich unbegründet: Im Mittelpunkt sollte immer die Freude an der Musik (insbesondere, wenn sie live dargeboten wird) stehen.

Als interessierter Laie brauche ich zum Einstieg ins Thema kein seitenstarkes Lexikon und keine allumfassende Biografie. Im Gegenteil: Kurz, knapp und möglichst unterhaltsam möchte ich etwas über die Komponistin bzw. den Komponisten erfahren. Und genau dies bietet mir Joachim Mischke auf jeweils 4½ Seiten, auf denen er im lässigen Plauderton die Höhen und Tiefen aber auch so manche Anekdote aus dem Künstler*innen-Leben nicht verschweigt. Musik-Tipps bietet er uns am Ende des Lebenslaufs unter den Rubriken „Die Einstiegsdroge“, „Das typischste Stück“ und „Für Fortgeschrittene“ sowie mit ein bis zwei weiteren Punkten, die Hinweise auf Originelles, Ungewöhnliches oder Kurioses im jeweiligen Œuvre geben.

Glücklicherweise vermied Lucia Götz in ihren Illustrationen eine ironische Überhöhung. Vielmehr tilgte sie aus den Porträts den unnötigen Tand, indem sie sie auf die markantesten Merkmale reduzierte. Und doch blieb die Persönlichkeit stets klar zu erkennen – wenn auch mit einem humorvollen Augenzwinkern. Dieses launige Gesamtpaket aus Porträt, Text und Musik-Tipps animierte mich, mich mit der einen oder anderen Komposition weiter zu beschäftigen bzw. sie neu für mich zu entdecken.

Mit „Abgesehen von den Giganten, an denen man wirklich nicht vorbeikommt, ist die Auswahl der Komponisten und Komponistinnen sehr subjektiv und gerade deswegen garantiert ein Anlass, sich aufzuregen, weil diese fehlt oder jener.“ versucht Joachim Mischke bereits im Vorwort potenziellen Unken-Rufern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Nein, aufregen will und mag ich mich nicht, denn dafür gefällt mir dieses Buch zu sehr. Unken muss ich aber leider trotzdem: Es verwundert mich schon sehr, dass Herr Mischke als ein ausgewiesener Klassik-Experte unter den „44 Komponisten, von denen man gehört haben muss“ mit Fanny Hensel und Clara Schumann nur zwei Frauen einen Platz einräumte. Ich unterstelle Herrn Mischke, das er da sicherlich noch einige mehr benennen könnte. Zumal die Frauen nicht weniger oder schlechter komponiert haben als die Männer. Oftmals erschufen sie ihre Meisterinnen-Werke sogar unter deutlich beschwerlicheren Bedingungen. Diesen Umstand empfinde ich bei einem relativ aktuellen Werk (Erstveröffentlichung: 2020) wie diesem als sehr bedauerlich. Nur allzu gerne hätte ich seine launigen Lebensläufe zu weiteren herausragenden Komponistinnen gelesen, die somit meine Neugier geweckt hätten, mehr über sie in Erfahrung zu bringen. Dass es da für mich als amateurhafter Klassik-Fan noch viel zu entdecken gilt, verdeutlicht mir sehr eindrucksvoll diese Liste von Komponistinnen verschiedener Epochen der Musikgeschichte.

Lieber Herr Mischke, lieber Hoffmann und Campe-Verlag! Ich hoffe sehr auf eine Neu-Auflage, bei der die Damen gleichermaßen berücksichtigt werden. Es würde mich sehr freuen!


erschienen bei Hoffmann und Campe / ISBN: 978-3455010039

[Rezension] Joanna Kończak – FESTE DER WELT/ mit Illustrationen von Ewa Poklewska-Kozietto

Wer liebt es nicht, zu feiern?! Menschen kommen zusammen, essen und trinken, reden und lachen. Sie fühlen sich in der Gemeinschaft geborgen, und für wenige Stunden scheint die Zeit stillzustehen. Ja, sogar eine Ahnung von Friede ist wahrnehmbar. Doch welche Feste gibt es auf der Welt überhaupt? Da gibt es durchaus mannigfaltige Unterschiede. Doch allen ist das gemein, was ich eingangs schon beschrieben habe: Es geht um das gemeinsame friedvolle Erleben!

Wie feiert man den Frühling in Japan? Wann wird das jüdische Neujahrsfest zelebriert? Und was tragen Menschen zum Karneval in Venedig? In diesem Sammelband begeben wir uns auf eine Reise um die Welt. In informativen Texten begleitet von bunten Illustrationen werden Feste aus allen Jahreszeiten lehrreich vorgestellt, z. B. Chanukka, Halloween, Holi, Nouruz, Ramadan, Thanksgiving. Der viel gereisten Autorin Joanna Kończak gelingt es, 36 Feste kurzweilig zu beschreiben, und durch die kunstvollen Illustrationen von Ewa Poklewska-Kozietto erwachen sie zum Leben.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Wie schon bei DIE SCHÖNSTE ZEIT. Weihnachten in aller Welt legt der NordSüd-Verlag auch diesmal wieder ein traumhaft schönes Bilder- und Lese-Buch vor, das einen wunderbaren Bogen spannt über Länder und Völker, über Religionen und Kulturen. Dabei stehen immer die verbindenden Elemente im Vordergrund. Das Kennenlernen der Unterschiede, die vielleicht auf dem ersten Blick uns trennen könnten, wird in diesem Buch deutlich als Gewinn betrachtet, da diese Andersartigkeit der Menschen das Leben auf unserer Erde so bunt, so spannend, so abwechslungsreich macht.


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Doch warum sollte ich wissen, wie die Menschen anderer Kulturen feiern? Was geht es mich an? Wäre es nicht viel einfacher, wenn die Menschheit sich auf einige wenige Feste einigt, die dann überall und von allen gefeiert werden? Allein bei dem Gedanken treten Schweißperlen auf meine Stirn. Das wäre ja ungefähr so, als müssten wir uns alle identisch kleiden und dürften nur die gleichen Bücher lesen.

Dies wäre eine grauenvolle Vorstellung!

Darum: JA! Wir sollten es wissen. Denn erst ein Wissen schafft Respekt für ein friedvolles Miteinander und macht uns toleranter für andere Sicht- und Lebensweisen. Wie passend dieses Buch mir zur rechten Zeit in die Hände viel, zeigt folgendes Beispiel: Seit etlichen Jahren besuche ich ein und denselben Frisör-Salon und lasse mir dort von Murat meine Haare schneiden und den Bart stutzen. Die Tatsache, dass er Muslime ist und ich Christ bin, hat uns noch nie gestört. In der vergangenen Woche rief ich im Salon an, um bei ihm einen Termin zu vereinbaren, und erhielt die Auskunft, dass er frei hätte, da er das Zuckerfest feiert. Schnellstens griff ich zum Buch und wurde natürlich fündig. Das Fest des Fastenbrechens Eid al-Fidr, auch „Zuckerfest“ genannt, wird am Ende der Fastenzeit begangen. Die Fastenzeit soll daran erinnern, dass es auch viele Bedürftige auf der Welt gibt, die Unterstützung benötigen. Gerne wird auch an soziale Organisationen gespendet. Beim „Zuckerfest“ darf dann wieder geschlemmt werden: Die Menschen treffen sich mit Familie und Freunden und machen einander kleine Geschenke. Wie wunderbar, oder?

Ich bin nun ganz und gar nicht der Meinung, dass auch ich mir dieses Fest aneignen und zukünftig selbst feiern müsste. Ich habe meine eigenen traditionellen Feste, die auf meiner Kultur begründet sind. Doch ich würde mich durchaus freuen, wenn mich jemand mal zum „Zuckerfest“ einladen würde.

Die Texte von Joanna Kończak sind informativ, doch ebenso locker und leicht, positiv und absolut wertschätzend. Beim Lesen flog ich so mühelos über die Seiten, dass ich nahtlos von einem außergewöhnlichen Fest zum nächsten, ebenso außergewöhnlichen Fest wanderte. Ewa Poklewska-Kozietto hat abermals ganz prächtige Illustrationen geschaffen, die in ihrer Farbigkeit die Vielfalt feiert und eine immense Lebensfreude ausstrahlen. Gemeinsam haben sie ein so entzückendes Buch kreiert, das vielleicht nur einen kleinen aber dafür absolut herzerwärmenden Beitrag zur Völkerverständigung leistet. Denn…

…die Menschen sollten viel mehr miteinander feiern
als gegeneinander kämpfen!
💞


erschienen bei NordSüd / ISBN: 978-3314106873 / in der Übersetzung von Lisa Palmes
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Danièle Linhart – BURNOUT. Arbeiten, bis man den Verstand verliert/ mit Illustrationen von Zoé Thouron

Vor 12 Jahren traf es auch mich: Nicht aus heiterem Himmel, nicht unvorbereitet, nicht ohne Vorwarnung, denn die Anzeichen waren schon Wochen, sogar Monate vorher für jede*n in meinem näheren Umfeld wahrnehmbar. Nur nicht für mich, bzw. ich wollte sie nicht sehen! Dabei waren die Zeichen mehr als eindeutig: Ich fühlte mich ständig müde und antriebsarm. Freude verspürte ich nur noch sehr selten. Dafür nisteten sich Knochen- und Gliederschmerzen bei mir ein und teilten sich meinen Körper mit unspezifischen Grippe-Symptomen. Schlafstörungen gepaart mit Rücken- und Nacken-Verspannungen sorgten dafür, dass die Migräne häufig bei mir zu Gast war. Die Signale, dass mit mir und meinem Leben etwas nicht stimmte, hätten nicht deutlicher ausfallen können. Doch ich funktionierte!

Ich war erst bereit, eine Entscheidung zu treffen, als mein Körper und meine Seele drohten, gänzlich zu streiken. Es war an einem Wochenende im März: Wie ein weidwundes Tier streifte ich unruhig durch die Wohnung, weinend und wimmernd, bis die Entscheidung feststand „Du brauchst Ruhe – sofort und reichlich!“. Trotzdem schleppte ich mich die nächsten beiden Tage zu meinem Arbeitsplatz. Einerseits gab es an beiden Tagen noch Termine, die wichtig für die mir anvertrauten Menschen waren. Andererseits wollte ich nochmals in mich hineinspüren, ob mein Gefühl mich nicht trüge. Meine Selbstwahrnehmung war so sehr durcheinander geraten, dass ich mir und meinen Empfindungen nicht mehr traute. Am Dienstagabend saß ich im Sprechzimmer meines damaligen Hausarztes, brach zusammen und bat inständig um eine AU. Am Mittwochmorgen war ich außerstande, das Bett zu verlassen. Doch der Heilungsprozess konnte nun endlich beginnen…!

Warum haben sich Burnout, Depressionen und sogar Selbstmorde am Arbeitsplatz in allen westlichen Gesellschaften so ausgebreitet, obwohl es heißt, dass die Arbeit in den letzten Jahrhunderten so viel weniger anstrengend geworden ist? Danièle Linhart beschreibt, auch auf humorvolle Art und Weise, was die perversen Auswirkungen der heutigen Managementmethoden sind, die die Arbeitnehmer*innen zunehmend prekarisieren und sie manchmal sogar an ihrem eigenen Wert und ihren Rechten zweifeln lassen.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Ich glaube, selten klaffte bei mir die Schere aus Erwartung und Realität so weit auseinander, wie bei diesem Werk aus der Comic-Bibliothek des Wissens des Verlagshauses Jacoby & Stuart. Die Comic-Bibliothek des Wissens beschäftigt sich mit zeittypische Themen, die in dieser modernen Form der Wissensvermittlung dem nach Aufklärung Suchenden näher gebracht werden – eine großartige Idee, um auch sperrige Themen ansprechend und überschaubar zu präsentieren.

Doch warum wurde meine Erwartung enttäuscht, schließlich wurde mir genau das geboten, was der Werbetext versprach? Im Grunde belausche ich als Leser eine Unterhaltung zwischen Großvater und Tochter, die sich über die Arbeitsbedingungen der Vergangenheit im Vergleich zur Gegenwart (und der daraus resultierenden Belastungen) austauschen. In diese Unterhaltung schaltet sich der erwachsene Sohn der Tochter per Telefon ein, und später taucht eine Freundin des Großvaters auf. Beide – Sohn wie Freundin – zeigen deutliche Anzeichen eines Burnouts. Das war’s! Mehr passiert nicht!

Die Fakten bringt die Autorin auf den Punkt und schafft es, ein komplexes Thema, komprimiert und somit verständlich darzustellen. Doch mir fehlte die Leichtigkeit in der Umsetzung: Hätte ich damals während des Burnouts dieses Buch in die Hand bekommen, es hätte mich womöglich noch zusätzlich deprimiert. Der im besagten Werbetext versprochene Humor war leider für mich nicht wahrnehmbar. Vielmehr registrierte ich eher einen pessimistischen Grundton, der einem vom Burnout Betroffenen zusätzlich depressiv verstimmen könnte. Zudem gefiel mir die plakative Schwarz-Weiß-Einteilung nicht, in der der Arbeitgeber der Feind und der Arbeitnehmer das Opfer darstellt. Das Zustandekommen von Burnout lässt sich leider nicht damit begründen, dass nur ein Partner der Schuldige ist. Dazwischen gibt es eine Vielzahl an Grau-Abstufungen, und – Ja! – manchmal schimmert es trotz allem auch ein wenig bunt durch die angekratzte Oberfläche der geschundenen Seele.

Apropos bunt: Die Illustrationen sind zwar durchaus gefällig und zeigen eine eigenständige Handschrift bei den Charakteren. Doch hätte ich mir mehr Kreativität gewünscht, die das manchmal sehr starr wirkende Korsett eines Gesprächs aufbricht.

Wer sich für die arbeitsgeschichtlichen Hintergründe zu Burnout interessiert, ist mit dieser Ausgabe aus der Comic-Bibliothek des Wissens bestens beraten. Doch ich stellte mir die Frage „Ist es wirklich das, was ich über Burnout wissen möchte?“. Als betroffener Mensch wäre es mir egal, zu wissen, woher Burnout kommt. Ich möchte nur, dass es wieder geht!


erschienen bei Jacoby & Stuart / ISBN: 978-3964282217 / in der Übersetzung von Edmund Jacoby
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Curt Moreck – Ein Führer durch das lasterhafte Berlin: Das deutsche Babylon 1931

Da könnte ich beinah ein weiteres Kapitel zu meiner Rubrik LITERATEN IM FOKUS aufschlagen: Mit diesem Buch befreie ich ein weiteres Werk aus den Fängen meines SuB, das ich für meine kleine Retrospektive zu Christopher Isherwood vorgesehen hatte. Nach dem fiktiven bzw. biografisch geprägten Roman Leb wohl, Berlin werfen wir nun einen Blick auf das reale Babylon Berlin der damaligen Zeit.

Curt Moreck war nur eins von vielen Pseudonymen, die der Schauspieler, Autor und Journalist Konrad Haemmerling sich gab. Neben seiner Tätigkeit für div. Zeitungen schrieb er auch Romanen und Erzählungen und veröffentlichte in den 20er bis Anfang der 30er Jahre Werke zu kultur- und sittengeschichtlichen Themen. 1933 fielen seine Werke nationalsozialistischen Verboten zum Opfer.

Wenn ich diesem Stadtführer der frivolen Art Glauben schenken darf, dann war Berlin in den 30er Jahren der Nabel der vergnügungssüchtigen Welt. Wir begleiten Moreck auf einen Rundgang durch eine pulsierende und weltoffene Metropole, die Berlin damals vor der Machtergreifung der Nazis noch war. Hemmungslos konnte dort dem lüstern-lasterhaften Vergnügen gefrönt werden. Dabei schlägt der Autor einen journalistisch-respektvollen Grundton an und kommt so nie in Gefahr, bei seinen Beschreibungen ins Vulgäre abzudriften.

Vielmehr lässt er vor meinem inneren Auge eine Epoche wiederaufleben, die zum damaligen Zeitpunkt für Toleranz, Gleichheit und Emanzipation stand, und in der Menschen aller Couleur in einer friedvollen Koexistenz leben konnten. Er führt uns zu den „offiziellen“ ebenso wie zu den „halbseidenen“ Etablissements. So wandern wir von den Theatern zum Kabarett, verlustigen uns auf den Rummelplätzen, schauen in Varietés und Nachtclubs vorbei und stillen Durst und Hunger in einem der internationalen Restaurants. Es gab Clubs für Homosexuelle (männlich wie weiblich), Bars für Transvestiten und eine Vielzahl an erotischen Shows. Auch die Prostitution schien eine tolerable Art des Broterwerbs zu sein.


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Durchaus spitzzüngig warnt er den naiven Besucher vor „Neppern, Schleppern, Bauernfängern“, die dem allzu unbedachten Touristen erst bereitwillig behilflich sind, das Portemonnaie von seiner Last zu befreien, um ihm dann auch noch das letzte leinene Hemd vom Leibe zu mopsen.

Abgerundet wird dieses Werk durch eine Vielzahl an Original-Fotos und –illustrationen, die einen authentischen Eindruck der damaligen Atmosphäre vermitteln.

Morecks Führer durch das lasterhafte Berlin verdeutlichte mir nochmals, warum diese Vergangenheit und besonders diese Stadt zum besagten Zeitraum auch noch heute so einen Reiz auf uns ausüben: Zwischen Glamour und Talmi, zwischen Edel-Etablissement und Kaschemme, zwischen großen Gefühlen und kleinen Dramen galt es – trotz aller Verherrlichung – immer noch als „die gute alte Zeit“.


erschienen bei btb/ ISBN: 978-3442719280

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Scott Schuman – The Sartorialist Man. Inspiration für Männer mit Stil

Stil – entweder man(n) hat ihn, oder man(n) hat ihn nicht! Ist es wirklich so einfach zu formulieren? Seien wir realistisch: Oftmals scheitert die Möglichkeit, seinen Stil auszuleben, an Faktoren, auf die wir nur bedingt Einfluss nehmen können. Ein Beispiel gefällig? Bitte gerne! Ich liebe den Stil der 20er und 30er Jahre: Wenn Cary Grant in „Leoparden küsst man nicht“ auf dem Bildschirm erscheint, dann schmelze ich dahin – einerseits natürlich wegen Cary Grant, andererseits wegen der lässigen Eleganz in der Männermode. Gerne würde auch ich im Alltag mit einer beinah arrogant wirkenden Selbstverständlichkeit einen klassischen Anzug incl. Hut tragen oder meine Freizeit in weitgeschnittenen Bundfaltenhosen und edlem Poloshirt verbringen. Doch leider verdiene ich als Krankenpfleger nicht das nötige Kleingeld für diese extravagante Mode, noch besitze ich als übergewichtiger Mann die körperlichen Voraussetzungen, diese Garderobe mit Eleganz auszufüllen. Nun könnte mich ein Blick in dieses Buch durchaus frustrieren bzw. deprimieren, doch das genaue Gegenteil ist der Fall: Auch hier schmelze ich dahin!

Scott Schumann setzt ein Plädoyer für mehr Mut in der Männer-Mode! Dies vollbringt er nicht, indem er auf Hochglanzseiten glatte Models präsentiert. Vielmehr wirft er einen Blick in die Straßen der Städte dieser Welt und zeigt uns in einer üppigen Fotoauswahl echte Typen – Typen von jung bis alt, von lässig bis elegant, von groß bis klein, von schlank bis gedrungen, von klassisch bis extravagant undsoweiterundsofort…! Dabei kommt es ihm nicht auf den perfekten Look an (Nobody is perfect!). Es sind oft die Kleinigkeiten (Brille, Tuch oder Socken), die ein Outfit zu etwas besonderen, etwas individuellen machen.

Äußerst informativ fand ich seine Tipps zur typgerechten Kleidung: Dort ordnet er das körperliche Erscheinungsbild eines Mannes in eine kleine, muskulöse, stämmige oder große Statur (Mischformen nicht ausgeschlossen) ein, und gibt hilfreiche Hinweise, worauf man(n) beim Kauf eines Kleidungsstücks achten sollte. Denn selbst wenn ein Kleidungsstück in der passenden Größe vorhanden ist, entscheidet oft der Schnitt oder die Stoffqualität, ob es auch wirklich „passt“.

Die nachfolgenden Seiten sind gespickt mit Informationen zu den unterschiedlichsten Bekleidungsstücken (Jackett, Hemd, Hose, Strickwaren und Überbekleidung). Besonders den Accessoires räumt der Autor einem üppigen Platz in diesem Buch ein. Setzten sie doch häufig bei einem eher simplen Outfit ein besonderes Highlight. Doch auch ganz pragmatische Themen werden von ihm angesprochen: Wie wird ein Hemd korrekt gebügelt? Was muss beim Schuhe putzen beachtet werden? In welcher Reihenfolge wird ein Koffer gepackt?

Im letzten Teil des Buches setzt Schumann ein Statement, lieber weniger, dafür qualitativ gute Kleidung zu kaufen, die dank richtiger Pflege und Instandhaltung uns viele Jahre begleitet, als auf billige Ware zu setzten, die oftmals nach kürzester Zeit verschlissen ist und dann als Müll entsorgt wird.

Ich liebe dieses Buch, da es mir nicht vorschreibt, wie ich zu sein habe, sondern mir vielmehr Mut zuspricht, meine Individualität zu feiern. Denn: Alles kann, nichts muss!


erschienen bei Prestel/ ISBN: 978-3791387598

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Melanie Raabe – KREATIVITÄT. Wie sie uns mutiger, glücklicher und stärker macht

„Hach, ihr schwulen Männer, ihr könnt ja so gut zuhören, seid so emphatisch und so unglaublich kreativ…!“ Ich bin mir sicher, dass ich nicht der einzige schwule Mann bin, der im Laufe seines Lebens eine dem ersten Anschein nach wohlmeinende Lobeshymne über sich ergehen lassen musste. Dabei fühlte ich mich bei diesen Worten nie geschmeichelt, vielmehr wurde tief in die Klischee-Kiste gegriffen, und es versteckt sich hinter diesen Worten eher eine verkappte Diskriminierung. Denn ich konnte nie begreifen, warum mich meine sexuelle Orientierung für die oben genannten Attribute per se prädestinieren sollte. Ja, es gibt durchaus Bereiche in meinem Leben, in denen ich unglaublich kreativ bin. Aber Kreativität ist ja nicht unbedingt angeboren – im Sinne von: entweder ein Mensch besitzt sie oder eben nicht. Kreativität ist für mich eher etwas, dass gehegt, gepflegt und sich dadurch entwickeln kann. Häufig blockiere ich mich selbst, indem ich mir vorgaukle, ich bräuchte für die Kreativität mehr Zeit, Raum, Geld, Luft, Liebe etc. Doch allzu oft benötigt die Kreativität nur einen kleinen Impuls, um ans Tageslicht zu gelangen.

Melanie Raabe ist eine dieser Menschen, die so unglaublich kreativ sind – und dabei ist sie gar nicht schwul! Doch auch sie wird – wie wir alle – von Günther, dem inneren Schweinehund, ausgebremst, der ihr warnend die evtl. möglichen Konsequenzen ihres Tuns ins Ohr flüstert und uns somit durch unsere Ängste manipuliert. Melanie Raabe legt uns mit ihrem ersten Sachbuch ein Mutmachendes Plädoyer in die Hände, das uns befähigt, Günther vielleicht nicht gänzlich verstummen zu lassen, aber wenigstens dröhnt seine Stimme nicht mehr ganz so laut in unseren Ohren.

Wenn wir alle Tipps der 7 Kapitel befolgen, werden wir die „vollkommende Kreativität“ erlangen…! Nein, natürlich nicht: Melanie Raabe verspricht nichts Unmögliches. Vielmehr lässt sie uns an ihrem eigenen kreativen Prozessen teilhaben, plaudert sozusagen aus dem Nähkästchen der eigenen Schaffensperioden, die durchaus auch Stagnation erleben und würzt ihre Thesen mit entsprechenden Zitaten bzw. Hinweise auf Personen und Bücher, die sie inspiriert haben (die jeweiligen Quellen sind im Anhang des Buches zu finden). Dabei geht sie in ihrem Aufbau des Buches sehr organisch vor: Nachdem sie versucht, eine Definition für „Kreativität“ zu finden, ermutigt sie uns, die eigene Kreativität wachzurütteln. Ist diese Kreativität erst in uns erwacht, braucht sie Dünger, um weiter blühen zu können. Doch so wie wir wissen, was uns kreativ werden lässt, ist es ebenso wichtig zu wissen, was uns hemmen kann. Aber auch beruflich kann kreatives Arbeiten genutzt werden. Häufig wird Kreativität in Zusammenhang mit einem künstlerischen Ausdruck gesehen: Im letzten Kapitel offenbart uns die Autorin, dass Kreativität unser Leben auch im schnöden Alltag bereichert.

In ihren Texten spricht die Autorin ihre Leserschaft (m/w/d) sehr neutral doch durchaus persönlich an und macht damit deutlich, dass dies ein Buch für alle Menschen unabhängig ihrer Geschlechtsidentität ist. Darum verwunderte mich die grafische Gestaltung dieses Buches, und ich kann nur vermuten, dass dies einem Kompromiss der Autorin mit dem Verlag geschuldet ist: Weiblich anmutende Figuren tummeln sich verspielt über die Seiten und frönen vornehmlich Hobbies wie Malen, Backen oder Stricken. Die Optik wirkt auf mich eher bieder. Da hätte ich mir – neben dem Mut zur Kreativität 😉 – ein wenig mehr an Diversität gewünscht!

Dem Spaß an der Lektüre tut dies kein Abbruch: Melanie Raabe ist ein unterhaltsames Sachbuch gelungen, das – im launigen Plauderton einer Freundin gehalten – nicht überfordert sondern durchaus auf mich inspirierend wirkte.

Und so favorisiere ich besonders ihre Taktik der „kleinen Schritte“, die ich mit einem Zitat aus dem Buch veranschaulichen möchte:

Wenn ich nach Lesungen aus meinen Romanen am Signiertisch sitze, komme ich häufig mit Leuten ins Gespräch, die auch gerne einmal ein Buch schreiben würden. Ich sage dann immer dasselbe: „Bitte tun Sie es doch einfach! Wenn Sie es nicht wenigstens versuchen, bereuen Sie es vielleicht irgendwann!“ Häufig antwortet man mir dann, dass die nötige Zeit einfach nicht da sei. Ich rate dann immer, ganz kleine Schritte zu machen. Sich jeden Tag eine Stunde zu nehmen. Und wenn das nicht geht, eine halbe. Ich feilsche. „Fünfzehn Minuten! Zehn! Fünf?“ Oft höre ich dann eine Variation dieser Antwort: „Nur fünf Minuten am Tag? Wissen Sie, wie alt ich sein werde, wenn ich dann mit meinem Buch fertig bin?“ Ja, das weiß ich. Genauso alt, wie Sie sein werden, wenn Sie es nicht tun.

Ich versuche mich an meiner ganz eigenen und persönlichen Kreativität, denn ich möchte später nichts bereuen!

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin Kim von „Populär Kollektiv“. 


erschienen bei btb/ ISBN: 978-3442758920

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!