mit Melodien aus DER OPERNBALL von Richard Heuberger und DER VOGELHÄNDLER von Carl Zeller
Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus
SOLIST:INNEN Meredith Hoffmann-Thomson, Victoria Kunze, Boshana Milkov, Weilian Wang, Andrew Irwin
CHOR Edward Mauritius Münch
Opernchor des Stadttheaters Bremerhaven
Philharmonisches Orchester Bremerhaven
Die gute, alte Operette: Nun hat sie schon so viele Jahre auf dem Buckel und ist nicht tot zu kriegen. Gerne taucht sie als sichere Bank, als Zuschauermagnet im Spielplan so mancher Theater auf und darf mit ihren guten Auslastungszahlen diejenigen Werke, die weniger in der Gunst des Publikums stehen, mitfinanzieren, und doch wird sie gerne belächelt und abschätzig betrachtet. Dabei bedarf es ein immenses Können, um die kleine Schwester der Oper mit pikanter Leichtigkeit und perlender Champagnerlaune über die Rampe zu bringen. Einerseits sollten das Regieteam wie auch das Ensemble die Figuren und deren Motivationen ernst nehmen, andererseits darf die Szenerie gerne etwas „over the top“ sein. Der Grat zwischen glaubhaften Emotionen und peinlicher Übertreibung ist extrem schmal.
Doch prinzipiell ist Realismus das Letzte, was ich von einer Operette erwarte. Ich möchte mich fallen lassen und meine kleinen wie auch großen Alltagssorgen vergessen. Ich möchte für ein paar kostbare Stunden mein profanes Leben ausblenden und mich gänzlich der Musik und dem Gesang hingeben. Ich schmachte zwar die verführerisch schönen Männer an, aber meine uneingeschränkte Sympathie gilt den Frauen. Denn es ist vielleicht nicht immer so offensichtlich, aber in der Operette sind die Frauen oft sehr emanzipiert, selbstbewusst sowie klug und nehmen ihr Schicksal mit einem erfrischenden Pragmatismus selbst in die Hand. Oder wie es Sopranistin Signe Heiberg anlässlich ihres Abschieds vom Stadttheater Bremerhaven in einem Interview mit der NORDSEE-ZEITUNG so treffend formulierte: „Ich liebe es, Operette zu singen. In meinem Fach sitzt man ja oft in der Ecke und leidet oder stirbt, aber die Operettendamen haben Wumms, Spaß und ein bissel – wie sagt man? – Eier in der Hose.“
Am Stadttheater Bremerhaven wird die Operette bereits seit Jahrzehnten liebevoll gehegt und gepflegt – sowohl mit geschmackvollen Inszenierungen als auch mit der konzertanten Operettengala, da mit Hartmut Brüsch ein wahrer Kenner des Genres am Haus zu finden ist. Humorvoll und eloquent führte er uns auch diesmal durch die manchmal etwas verwirrenden Handlungen der beiden Operetten, die jeweils mit einem „Best-of“ zu Gehör kamen.
In der ersten Programm-Hälfte wurden wir auf einen illustren Pariser Maskenball entführte. Hartmut Brüsch schwärmte von der wunderbar komponierten und raffiniert arrangierten Ouvertüre zu DER OPERNBALL von Richard Heuberger. Gemeinsam mit dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven brachte er diese feinnervig differenziert zu Gehör und führt uns so rein musikalisch bereits durch die Höhepunkte der Handlung. Ein tenorales Power-Duo, bestehend aus Weilian Wang und Andrew Irwin, lieferte mit „Man lebt nur einmal in der Welt“ höchst amüsant die fadenscheinige Ausrede, warum man(n) sich einem Tête-à-Tête nicht verweigern sollte.
Im Jahr der Uraufführung galt das Walzerduett „Geh’n wir ins Chambre séparée“ zwischen Sopran und Mezzo (in einer Hosenrolle) als höchst frivol. Nun sind die Mezzo-Partien in der Operette per se äußerst rar: Sopran und Tenor findet man im Überfluss, Mezzos sind da eher Mangelware. Umso schöner, dass uns bei dieser Gala der bekannte Operettenschlager nicht vorenthalten wurde, zumal Victoria Kunze und Boshana Milkov abermals (nach DER ROSENKAVALIER, HÄNSEL UND GRETEL und LE NOZZE DI FIGARO) bewiesen, wie wundervoll ihre Stimmen miteinander harmonieren.
HINWEIS: DIE OBIGE AUFNAHME STAMMTE NICHT AUS DEM BESPROCHENEN KONZERT SONDERN DIENT NUR DAZU, EINEN EINDRUCK VON DER MUSIK ZU VERMITTELN.
Nach der Pause eröffnete Andrew Irwin die zweite Programm-Hälfte mit einem süffigen „Grüß‘ euch Gott, alle miteinander“ als Titelheld in der Operette DER VOGELHÄNDLER von Carl Zeller – unterstützt von den Damen und Herren vom Opernchor, die unter der versierten Leitung von Edward Mauritius Münch wieder stimmlich bestens aufgelegt waren. Im Duett „Schenkt man sich Rosen in Tirol“ war Sopranistin Meredith Hoffmann-Thomson ihm eine kongeniale Partnerin. Die Arie „Als geblüht der Kirschbaum“ gestaltete sie wunderbar zart und äußerst gefühlvoll.
Weilian Wang behauptete kokett „Mir scheint, ich kenn‘ dich, spröde Fee“, bekam dafür von seiner charmanten Duett-Partnerin Victoria Kunze allerdings nur die kalte aber wohlgeformte Schulter gezeigt. Vorab tauchte Kunze unvermittelt im Zuschauersaal auf, trällerte voller Esprit und Spielfreude den Operetten-Evergreen „Ich bin die Christel von der Post“ und rekrutierte für diese Nummer kurzerhand einen nichtsahnenden Herrn aus dem Publikum, um diesen sinnlich anzuschmachten (Selber schuld: Warum sitze ich auch in der ersten Reihe?! 😆). Den Abschluss dieser rundum gelungenen Gala, die noch mit vielen weiteren traumhaften Melodien gespickt war, bildete der wohlgemeinte Rat an alle Männer „Kämpfe nie mit Frau’n“ – gemeinsam vorgetragen von allen Künstler*innen.
Bestens gelaunt verließ ich das Theater, beschwingt die kurz zuvor gehörten Weisen summend. Hartnäckige Ohrwürmer haben sich nun bei mir eingenistet, geistern durch meinen Kopf und entfleuchen meinen Lippen. Anscheinend bin ich ganz fies vom Operetten-Virus befallen. Hätte ich doch nur folgendes beachtet…
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Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison eine Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das PROGRAMM lohnt sich sehr!
