[Rezension] Dorothy L. Sayers – Ein Toter zu wenig: Ein Fall für Lord Peter Wimsey

Dorothy Leigh Sayers (* 13. Juni 1893/ † 17. Dezember 1957) war nicht nur beinah gleichaltrig mit Agatha Christie, sie galt – wie Christie – als eine der herausragenden „British Crime Ladies“. Diesen Ruf begründete sie anhand ihrer scharfsinnigen Kriminalromane rund um den gediegenen Amateurdetektiv Lord Peter Wimsey. Gemeinsam mit Christie und einigen weiteren Autoren gründete Sayers 1932 den „Detection Club“, eine Vereinigung zur Förderung des klassischen Kriminalromans. Von 1949 bis 1957 war sie zudem Präsidentin dieses Clubs, dessen Mitglieder sich zur Einhaltung bestimmter Regeln verpflichteten, die vor allem der Fairness gegenüber dem Leser dienen sollten.

Schon im Jahre 1919 beschäftigte sie sich erstmals mit der Idee, einen Kriminalroman zu schreiben. Doch erst im Sommer des Jahres 1921 sollte sie ihn auch beenden. Dabei führte sie bis zum Schluss an ihrem Erstlingsroman Änderungen durch. So schrieb sie noch im Januar 1921 an ihre Mutter: „Mein Kriminalroman beginnt heiter mit dem Fund einer toten korpulenten Dame, die in einer Badewanne liegt und nichts trägt außer ihrem Kneifer.“ Gegenüber dieser Beschreibung gab es in der Endfassung des Romans eine entscheidende Veränderung…

Mr. Thipps ist entsetzt: In seinem Badezimmer liegt ein toter Mann in der Wanne. Und wäre dieser Umstand nicht schon skandalös genug, so ist der Tote mit nichts als einem Kneifer „bekleidet“. Lord Peter Wimsey ist entzückt: Im Badezimmer des kleinen, unbedeutenden Architekten Mr. Thipps befindet sich ein toter Mann. Und wäre dieser Umstand nicht schon pikant genug, so ist der Tote mit nichts als einem Kneifer „bekleidet“. In welcher Art und Weise eine Situation wahrgenommen wird, ist somit davon abhängig, aus welcher Perspektive sie betrachtet wird. Mr. Thipps Perspektive ist denkbar ungünstig: Für den ermittelnden Inspektor Sugg ist Thipps der Hauptverdächtige und gehört in Untersuchungshaft. Aus Lord Peter Wimseys Perspektive betrachtet, ist Inspektor Sugg ein inkompetenter Vollidiot, dem es möglichst auszuweichen gilt. Vielmehr hält er sich an seinen alten Bekannten Charles Parker vom Scotland Yard, der sich gerade mit dem mysteriösen Verschwinden eines wohlhabenden Geschäftsmannes beschäftigt. Beide beschließen, ihre Kompetenzen zu bündeln. Zusammen mit Wimseys Diener Bunter und dessen Talent für Forensik, versuchen sie so gemeinsam beide Fälle zu lösen. Aber sind es denn auch wirklich zwei ganz und gar unterschiedliche Fälle?

Wenn ich mir einen Vergleich erlauben darf (Und wir Leser*innen lieben doch Vergleiche, oder?), dann würde ich diesen Kriminalroman als „Agatha Christie trifft P.G. Wodehouse“ beschreiben. Sayers Stil ist eindeutig britisch-klassisch und erinnert so zwangsläufig an ihre Wegbegleiterin Agatha Christie. Dies scheint wenig verwunderlich, da die beiden Damen sich sicherlich gegenseitig beraten, ausgetauscht, wenn nicht sogar inspiriert haben. Neu sind hierbei das galante Fabulieren und die scharfzüngigen Kommentare zwischen Wimsey und seinem Diener, was Wodehouse mit seinen „Jeeves“-Geschichten bis zur Perfektion trieb. Leider nimmt das humoristische Geplänkel hierbei anfangs etwas überhand und lenkt somit vom eigentlichen Kriminalfall ab. Auch wirken einige Personen in ihrer Charakterisierung beinah wie Karikaturen: Da gibt es den tumben Inspektor, den plietsche Diener, und für den affektierten Hauptdarsteller scheint das Kriminalisieren nur eine nette Zerstreuung, um die Zeit zwischen Pferderennen und Lunch im Club zu überbrücken. Bis dahin erschien mir diese Art der Porträtierung des Handlungspersonals für einen Krimi auf Dauer zu oberflächlich.

Ich war kurz davor, das Buch unbeendet aus der Hand zu legen, als die Handlung plötzlich an Fahrt aufnahm und die Atmosphäre sich veränderte. Zeigte sich der Hauptdarsteller bisher mit durchaus unterhaltsamen aber auch trivial anmutenden Allüren, wandelte er sich nun zum mitfühlenden Wesen, dem bewusst wird, welche Verantwortung er für die Betroffenen bei der Auflösung des Falls trägt. Zudem lässt Sayers Situationen in die Handlung einfließen, die das Verhältnis zwischen Wimsey und seinem Diener Bunter in einem gänzlich neuen Licht erscheinen lässt. So wird aus dem aristokratischen Schnösel zu meiner Überraschung ein vielschichtiger Charakter mit Tiefe, bei dem ich gerne mehr von seinen verborgenen Seiten erspähen möchte. Auch die Dialoge zwischen Wimsey und Parker gestaltete die Autorin äußerst raffiniert und informativ: Hier begegnen sich zwei Spürnasen auf Augenhöhe unabhängig von Klassenunterschiede.

Schon ab der Mitte des Romans zeichnet sich ab, wer der Täter ist, und dieser Verdacht wird am Ende auch bestätigt. Im Vordergrund dieses Romans steht somit nicht das Vergnügen des Lesers, gemeinsam mit den Kriminologen dem Täter auf die Spur zu kommen und ihn in einem großen Showdown zu überführen. Vielmehr taucht der Leser in die Psychologie des Mörders ein, um so seine Beweggründe für die Tat nachzuvollziehen, und begleitet die Ermittler in ihrem Bemühen, dem Täter eben diese Tat nachzuweisen.

Dank der von mir soeben beschriebenen Wendung in der Handlung bin ich gerne bereit, dem ehrwürdigen Lord Peter Wimsey eine weitere Chance zu gewähren.

Im Jahre 2009 nahm die Zeitung „The Guardian“ diesen Kriminalromane in ihre „Liste der tausend Romane, die jeder gelesen haben sollte“ auf.

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezensionen von Rainer Moritz vom Literaturhaus Hamburg.


erschienen bei Wunderlich/ ISBN: 978-3805200585

[Rezension] Die schönsten Weihnachts-Krimis – Hörbuch

Ich höre keine Hörbücher! Warum ich dies nicht tue, habe ich bei der MONTAGSFRAGE #2 schon hinreichend beantwortet.

Warum ich nun eine Ausnahme mache? Die Mischung der hier versammelten Kurzgeschichten hat mich gereizt – zumal sie von namhaften Sprecher*innen vorgetragen werden.

Dabei handelt es sich hier um eine so abwechslungsreiche Auswahl Geschichten beliebter und bekannter Autor*innen, dass diese sicherlich viele Hörer erfreuen werden. Ich möchte darum auch weniger auf den Inhalt der jeweiligen Geschichte sondern vielmehr auf die Art des Vortrages eingehen.


CD 1/ Agatha ChristieEine Weihnachtstragödie/ gelesen von Beate Himmelstoß

Zugegeben: Kann ich den Vortrag einer Geschichte, die ich selbst für eine Lesung vorbereitet und vorgetragen habe, völlig objektiv beurteilen? Gänzlich frei wird sich niemand machen können, auch ich nicht…

Beate Himmelstoß Vortrag würde ich als solide bezeichnen. Unaufgeregt trägt sie diesen Kurzkrimi vor und verändert nur unwesentlich ihre Stimme, um die verschiedenen Charaktere zu porträtieren. Dies ist auch nicht unbedingt nötig, da die Geschichte im Wesentlichen aus der Sicht von Miss Marple erzählt wird. Überrascht hat mich allerdings, dass versäumt wurde, die ironisch-humorvollen Passagen mittels Betonung herauszuarbeiten. Ob dies an der Sprecherin oder an der Regie lag, kann ich natürlich nicht beurteilen.


CD 2/ Edgar WallaceDer falsche Rettungsring/ gelesen von Wanja Mues

Wanja Mues nahm mich gleich mit seiner markanten Stimme für sich ein und lieferte für die Wallace-Story eine gelungene Performance: Passend zur Geschichte, die im Kriminellen-Milieu auf einer Kreuzfahrten spielt, wählt er einen leicht arrogant Grundton. Beinah beiläufig wirkt seine Vortragsweise, die aber dadurch eine gewisse Gefährlichkeit im Unterton durchschimmern lässt.


CD 2/ Dorothy L. Sayers Das Perlenhalsband/ gelesen von Friedhelm Ptok

Lord Peter Wimsey ermittelt in einem Fall von einer verschwundenen Perlenkette im überschaubaren Umfeld einer Weihnachtsgesellschaft: Für mich war es ein Vergnügen, dem Vortrag von Friedhelm Ptok zu lauschen. Er lässt seine Stimme von gediegen-versnobt bis humorvoll-ironisch erklingen, setzt die Pausen sehr bewusst und gestaltet seinen Vortrag sehr geschmackvoll.


CD 3/ Arthur Conan Doyle Der blaue Karfunkel/ gelesen von Oliver Kalkofe

Oliver Kalkofe setzt seine Stimme zwar sehr effektvoll ein, leider aber auch wenig differenziert. Er kann sich nicht entscheiden, wen er mit welcher Stimm-Färbung ausstattet. Dies führt dazu, dass ich als Hörer das Handlungspersonal nur schwer unterscheiden konnte. Dies störte mich sehr beim Folgen der Handlung. Bedauerlicherweise eine wenig überzeugende Performance…!


CD 4/ Ellis Peters Der Friedhofskater/ gelesen von Friedhelm Ptok

Wieder kommt Friedhelm Ptok zum Einsatz: Auch hier konnte er mich mit seinem Vortrag völlig überzeugen! Bewundernswert wie dieser talentierte Sprecher sein Können in dieser Lesung zeigt. Seine charakteristische Stimme hat hohen Wiedererkennungswert!


CD 4/ Christianna Brand Gesegnet sei dieses Haus/ gelesen von Walter Renneisen

Walter Renneisens Stimme passt hervorragend zu dieser subtil-bösen Geschichte um Christi (Wieder-)Geburt: heiser, leicht rauchig und doch mit hellem Klang. Teilweise erinnert seine Stimme an Gollum aus „Der Herr der Ringe“, die er äußerst wandlungsfähig und effektvoll einsetzt. Eine Glanzleistung…!


CD 5+6/ Georges Simenon Maigrets Weihnachten/ gelesen von Peter Fricke

Peter Fricke ist „ein Name“: Der bekannte Schauspieler kann auf eine äußerst erfolgreiche Karriere im Theater, Film und Fernsehen zurückblicken. Er widmet sich einer Geschichte um George Simenons Kommissar Maigret, den er sehr charismatisch und äußerst prägnant seine Stimme leiht. Hier kommt neben dem Talent auch Frickes immense Erfahrung der Lesung zugute: Er wechselt die Stimmlagen gekonnt zwischen den handelnden Personen. Dabei wirkt dieser Vortrag absolut nicht routiniert sondern verströmt eine Menge Charme. Eine wahre Freude…!


erschienen bei Der Hörverlag/ ISBN: 978-3844523249

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Hörexemplar!