Literaten im Fokus: Erich Kästner

Im Juli startet „Literaten im Fokus“ in die zweite Runde: Nachdem sich im April alles um Agatha Christie drehte, werde ich nun einen „verschärften“ Blick auf einen unserer großen deutschen Schriftsteller werfen.

Als Einstieg möchte ich Euch gerne mein Kästner-Kurz-Porträt, das vor einem Jahr aus Anlass seines 45. Todestages hier auf diesem Blog erschien, ans Herz legen.

Beginnen werde ich mit „Sonderbares vom Kurfürstendamm: Berliner Beobachtungen“:  Erich Kästners kritisch-ironische Liebeserklärung an Berlin, die er prosaisch und lyrisch zum Ausdruck bringt.

Dann machen wir uns mit „Kästners Berlin: Literarische Schauplätze“ von Michael Bienert auf eine Spurensuche der besonderen Art und folgen seinen Figuren durch die Stadt.

In „Friedrich der grosse Detektiv“ lässt Philip Kerr den großen Meister selbst als Romanfigur auftreten und erzählt die Geschichte von Friedrich, der von seinem Lieblingsbuch „Emil und die Detektive“ nicht genug bekommen kann und zudem das Glück hat, das Erich Kästner sein Nachbar ist. Doch die Bücherverbrennung im Jahre 1933 vernichtete auch „Emil und die Detektive“…!

Erich Kästner war in der Nacht der Bücherverbrennung persönlich dabei, als auch seine Bücher den Flammen zum Opfer fielen: In „Über das Verbrennen von Büchern“ gibt er uns in Reden, Essays und Briefen einen bedrückenden Einblick in diese Zeit.

Erich Ohser war nicht nur Wegbegleiter sondern auch ein guter Freund Kästners, dessen Schicksal unter dem NS-Regime nicht unerwähnt bleiben darf. Unter dem Pseudonym E.O. Plauen schuf er die entzückenden „Vater und Sohn“-Abenteuer.

Ihr Lieben, ich bin mir sicher, dies wird ein literarischer Monat mit spannenden, aufwühlenden, berührenden und erheiternden Momenten. Darauf freue ich mich schon sehr,…

…und Euch wünsche ich viel Vergnügen!

[Rezension] Dorothy L. Sayers – Ein Toter zu wenig: Ein Fall für Lord Peter Wimsey

Dorothy Leigh Sayers (* 13. Juni 1893/ † 17. Dezember 1957) war nicht nur beinah gleichaltrig mit Agatha Christie, sie galt – wie Christie – als eine der herausragenden „British Crime Ladies“. Diesen Ruf begründete sie anhand ihrer scharfsinnigen Kriminalromane rund um den gediegenen Amateurdetektiv Lord Peter Wimsey. Gemeinsam mit Christie und einigen weiteren Autoren gründete Sayers 1932 den „Detection Club“, eine Vereinigung zur Förderung des klassischen Kriminalromans. Von 1949 bis 1957 war sie zudem Präsidentin dieses Clubs, dessen Mitglieder sich zur Einhaltung bestimmter Regeln verpflichteten, die vor allem der Fairness gegenüber dem Leser dienen sollten.

Schon im Jahre 1919 beschäftigte sie sich erstmals mit der Idee, einen Kriminalroman zu schreiben. Doch erst im Sommer des Jahres 1921 sollte sie ihn auch beenden. Dabei führte sie bis zum Schluss an ihrem Erstlingsroman Änderungen durch. So schrieb sie noch im Januar 1921 an ihre Mutter: „Mein Kriminalroman beginnt heiter mit dem Fund einer toten korpulenten Dame, die in einer Badewanne liegt und nichts trägt außer ihrem Kneifer.“ Gegenüber dieser Beschreibung gab es in der Endfassung des Romans eine entscheidende Veränderung…

Mr. Thipps ist entsetzt: In seinem Badezimmer liegt ein toter Mann in der Wanne. Und wäre dieser Umstand nicht schon skandalös genug, so ist der Tote mit nichts als einem Kneifer „bekleidet“. Lord Peter Wimsey ist entzückt: Im Badezimmer des kleinen, unbedeutenden Architekten Mr. Thipps befindet sich ein toter Mann. Und wäre dieser Umstand nicht schon pikant genug, so ist der Tote mit nichts als einem Kneifer „bekleidet“. In welcher Art und Weise eine Situation wahrgenommen wird, ist somit davon abhängig, aus welcher Perspektive sie betrachtet wird. Mr. Thipps Perspektive ist denkbar ungünstig: Für den ermittelnden Inspektor Sugg ist Thipps der Hauptverdächtige und gehört in Untersuchungshaft. Aus Lord Peter Wimseys Perspektive betrachtet, ist Inspektor Sugg ein inkompetenter Vollidiot, dem es möglichst auszuweichen gilt. Vielmehr hält er sich an seinen alten Bekannten Charles Parker vom Scotland Yard, der sich gerade mit dem mysteriösen Verschwinden eines wohlhabenden Geschäftsmannes beschäftigt. Beide beschließen, ihre Kompetenzen zu bündeln. Zusammen mit Wimseys Diener Bunter und dessen Talent für Forensik, versuchen sie so gemeinsam beide Fälle zu lösen. Aber sind es denn auch wirklich zwei ganz und gar unterschiedliche Fälle?

Wenn ich mir einen Vergleich erlauben darf (Und wir Leser*innen lieben doch Vergleiche, oder?), dann würde ich diesen Kriminalroman als „Agatha Christie trifft P.G. Wodehouse“ beschreiben. Sayers Stil ist eindeutig britisch-klassisch und erinnert so zwangsläufig an ihre Wegbegleiterin Agatha Christie. Dies scheint wenig verwunderlich, da die beiden Damen sich sicherlich gegenseitig beraten, ausgetauscht, wenn nicht sogar inspiriert haben. Neu sind hierbei das galante Fabulieren und die scharfzüngigen Kommentare zwischen Wimsey und seinem Diener, was Wodehouse mit seinen „Jeeves“-Geschichten bis zur Perfektion trieb. Leider nimmt das humoristische Geplänkel hierbei anfangs etwas überhand und lenkt somit vom eigentlichen Kriminalfall ab. Auch wirken einige Personen in ihrer Charakterisierung beinah wie Karikaturen: Da gibt es den tumben Inspektor, den plietsche Diener, und für den affektierten Hauptdarsteller scheint das Kriminalisieren nur eine nette Zerstreuung, um die Zeit zwischen Pferderennen und Lunch im Club zu überbrücken. Bis dahin erschien mir diese Art der Porträtierung des Handlungspersonals für einen Krimi auf Dauer zu oberflächlich.

Ich war kurz davor, das Buch unbeendet aus der Hand zu legen, als die Handlung plötzlich an Fahrt aufnahm und die Atmosphäre sich veränderte. Zeigte sich der Hauptdarsteller bisher mit durchaus unterhaltsamen aber auch trivial anmutenden Allüren, wandelte er sich nun zum mitfühlenden Wesen, dem bewusst wird, welche Verantwortung er für die Betroffenen bei der Auflösung des Falls trägt. Zudem lässt Sayers Situationen in die Handlung einfließen, die das Verhältnis zwischen Wimsey und seinem Diener Bunter in einem gänzlich neuen Licht erscheinen lässt. So wird aus dem aristokratischen Schnösel zu meiner Überraschung ein vielschichtiger Charakter mit Tiefe, bei dem ich gerne mehr von seinen verborgenen Seiten erspähen möchte. Auch die Dialoge zwischen Wimsey und Parker gestaltete die Autorin äußerst raffiniert und informativ: Hier begegnen sich zwei Spürnasen auf Augenhöhe unabhängig von Klassenunterschiede.

Schon ab der Mitte des Romans zeichnet sich ab, wer der Täter ist, und dieser Verdacht wird am Ende auch bestätigt. Im Vordergrund dieses Romans steht somit nicht das Vergnügen des Lesers, gemeinsam mit den Kriminologen dem Täter auf die Spur zu kommen und ihn in einem großen Showdown zu überführen. Vielmehr taucht der Leser in die Psychologie des Mörders ein, um so seine Beweggründe für die Tat nachzuvollziehen, und begleitet die Ermittler in ihrem Bemühen, dem Täter eben diese Tat nachzuweisen.

Dank der von mir soeben beschriebenen Wendung in der Handlung bin ich gerne bereit, dem ehrwürdigen Lord Peter Wimsey eine weitere Chance zu gewähren.

Im Jahre 2009 nahm die Zeitung „The Guardian“ diesen Kriminalromane in ihre „Liste der tausend Romane, die jeder gelesen haben sollte“ auf.

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezensionen von Rainer Moritz vom Literaturhaus Hamburg.


erschienen bei Wunderlich/ ISBN: 978-3805200585

[Rezension] Agatha Christie – Vorhang: Poirots letzter Fall

Alt, krank und gebrechlich kehrt Meisterdetektiv Hercule Poirot an den Ort seines ersten Triumphes zurück: Auf dem Landsitz Styles verbringt er seine letzten Tage – nicht aus Sentimentalität sondern um einem perfiden Mörder das Handwerk zu legen. Unter den Anwesenden vermutet er einen Psychopathen, der nie selbst Hand anlegte, dafür aber schon häufig andere Menschen durch geschickte Manipulation zum Morden verleitete. Doch hinter welcher, der scheinbar harmlos wirkenden Fassaden der Anwesenden, verbirgt sich ein perfider Verbrecher? Poirot bittet seinen langjährigen Freund Captain Hastings, ihn zu unterstützen: Hastings soll als Poirots Augen und Ohren fungiert. Doch trotz Hastings Wachsamkeit geschieht ein weiteres Unglück, und selbst Hastings ist vor dem Einfluss des Mörders nicht gefeit. Der Tod seiner Frau und die Anwesenheit seiner Tochter Judith lösen ambivalente Gefühle bei ihm aus. Hercule weiß, dass er schnell handeln muss: Seine kleinen grauen Zellen arbeiten nach wie vor brillant, doch sein Körper wird zunehmend schwächer. Er stirbt und hinterlässt eine überraschende Lösung des Falls…!

„Vorhang: Poirots letzter Fall“ ist der 33. und letzte Krimi mit dem belgischen Meisterdetektiv und gleichzeitig auch der letzte Roman, der zu Lebzeiten Agatha Christies erscheinen sollte. Mit Poirot und Styles begann und endete ihre sagenhafte Karriere: Kreise schließen sich! Kurioserweise war dies aber nicht der letzte Roman, den sie geschrieben hatte: Das Manuskript zu „Vorhang“ lag über 30 Jahre im Tresor der Bank und war so etwas wie Christies Rücklage für schlechte Zeiten. Da der Roman im Jahre 1975 erschien, entstand das Manuskript somit in den 40er Jahren. Unter Berücksichtigung dieser Tatsache empfinde ich es umso erstaunlicher, mit welcher Raffinesse Christie diese Geschichte aufbaute: Einerseits lässt sie den Leser die Handlung – nach klassischer Manier – stellvertretend durch die Person Arthur Hastings erleben und lässt beide, Hastings und den Leser, bis zum Schluss im Dunkeln tappen. Andererseits erfährt der Leser prägnante Einzelheiten durch die schriftlichen Aufzeichnungen von Hercule Poirot.

Zudem überraschte Christie gerne ihre Leser*innen, indem sie in ihren Romanen heikle Themen ansprach: So folgte ich als Leser einer konträr geführten Diskussion zwischen Captain Hastings und seiner Tochter Judith, bei der ich mich fragte, ob hier noch über Sterbehilfe oder schon über Euthanasie gesprochen wird. Häufig wurde der Autorin Antisemitismus vorgeworfen: Agatha Christie war ein Kind ihrer Zeit, nahm gesellschaftliche Ströme wahr, und so sind ihre Werke im historische Kontext der damaligen Epoche zu bewerten. Ich selbst habe schon viele ihrer Werke gelesen, empfand diese nie als rassistisch und hatte dabei eher den Eindruck, dass Christie bestimmten Personen der Handlung provokante Thesen in den Mund legte, um so ihrer Leserschaft und somit der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Dies ist selbstverständlich meine persönliche Interpretation, und eine Interpretation kann sowohl zu der einen wie auch zur anderen Richtung tendieren: Wer sucht wird finden!

In der gewohnten und von ihr perfektionierten „Whodunit“-Manier erfreut die Autorin auch bei diesem Roman mit einem spannenden Plot und interessanten Charakteren. Gleichzeitig schwingt Melancholie und ein Hauch Vergänglichkeit durch die Szenerie: Alle Personen sind an einem Scheideweg angelangt, blicken auf ihr bisheriges Leben zurück, hadern mit sich und ihrer momentanen Situation und sind unentschlossen, was die Zukunft ihnen bringen mag. Nur für den großen Meisterdetektiv wird es keine Zukunft mehr geben.

Ich gebe zu, dass mir beim Tod von Poirot – und als ich seine letzten Zeilen las – eine Träne über die Wange rann: „Es waren gute Zeiten. Ja, es war eine gute Zeit…“

Ja, das war sie – definitiv!

Nachruf Hercule Poirot - New Yorker Times.jpg

Hercule Poirot war bisher der einzige fiktive Charakter, der nach Erscheinen seines letzten Falls einen Nachruf in der „New York Times“ erhielt – auf der Titel-Seite!!!


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455008722

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Traudl Bünger – The Queen of Crime: Agatha Christie (Hörbuch)

Agatha Christie hat zu Lebzeiten tunlichst vermieden, ihre beiden beliebten kriminalistischen Spürnasen Miss Marple und Hercule Poirot gemeinsam ermitteln zu lassen, und tat gut daran: Bei den sehr unterschiedlichen Herangehensweisen und Ermittlungsmethoden der Beiden wäre womöglich ein erbitterter Konkurrenzkampf unumgänglich gewesen.

Erst Traudel Bünger, Autorin und bis 2018 als Programleitung des Literaturfestivals lit.COLOGNE tätig, wagte es, diese „heilige Kuh“ zu schlachten: Mit „The Queen of Crime: Agatha Christie“ lässt sie diese außergewöhnlichen Charaktere aufeinandertreffen. Mit Jürgen Tarrach als herrlich snobistischer Poirot mit französischen Akzent und Monica Bleibtreu als pfiffig-resolute Miss Marple mit Herz am rechten Fleck standen ihr zwei Vollblut-Akteure zur Verfügung.

Am 3. Dezember 1926 verschwand die damals 36-jährige Agatha Christie auf mysteriöse Weise, tauchte erst 11 Tage später wieder auf und machte aus diesem Umstand stets ein Geheimnis. Nach eigener Aussage war für Traudel Bünger, die „das Leben einer Kriminalschriftstellerin in einem literarischen Bühnenprogram erzählen will, ein solches Geheimnis ein Geschenk“. Und so nehmen Poirot & Marple alias Tarrach & Bleibtreu die Ermittlungen auf und liefern sich so einen verbalen Schlagabtausch auf Augenhöhe. Während Poirot die Tatsachen systematisch anhand der Chronologie der Ereignisse dem Publikum darlegt, unterbricht Marple ihn immer wieder, um anhand von Anekdoten aus ihrem Dorf St. Mary Mead die mitfühlende (zwischen-)menschliche Komponente nicht zu vernachlässigen. So stricken sie gemeinsam geschickt ein feines Netz der damaligen Ereignisse aus den wenigen bekannten Fakten, Zeitungsartikeln und Interviews von Agathas erstem Ehemann Archibald Christie und analysieren gemeinsam das Verhalten der beteiligten Personen.

Überzeugend arbeitet Traudel Bünger die sehr unterschiedlichen Methoden dieser gewieften Ermittler heraus: Während Poirot seine kleinen grauen Zellen sehr rational einsetzt und die reinen, unverfälschten Fakten berücksichtigt, achtet Miss Marple – sozusagen von Frau zu Frau – auf die Kleinigkeiten im Verhalten und auf Veränderungen im Auftreten von Mrs. Christie. Dabei diskutieren die Schöpfungen durchaus konträr über ihre Schöpferin.

So wagen sie eine Einschätzung, in wieweit die Geschehnisse im Dezember 1926 Einfluss auf die darauf folgenden Werke der Autorin Christie hatten. Auch werden sowohl ihr weiterer Lebensweg wie auch ihre Karriere pointiert beleuchtet: Scheidung vom ersten (untreuen) Ehemann, Reisen mit dem Orient-Express und in den Nahen Osten, Heirat mit dem 14 Jahre jüngeren Archäologen Max Mallowan, weltweite Erfolge als Autorin von Romanen und Bühnenstücke („Die Mausefalle“ wird seit dem Jahre 1952 ohne Unterbrechung in London aufgeführt), von der UNESCO zur erfolgreichsten britischen Schriftstellerin gekürt. Dabei wird deutlich, dass Agatha Christie zu ihrer Zeit schon eine sehr unkonventionelle Frau mit Humor war. So äußerte sie sich zu ihrer Ehe mit einem jüngeren Mann „Heiraten sie einen Archäologen: Je älter sie werden, desto interessanter findet er sie!“ Als sie am 12. Januar 1976 verstarb, zollte ihr die Theaterwelt von London Tribut: Von 22.00 bis 23.00 Uhr wurde das Westend dunkel und trauerte um die „Queen of Crime“.

Doch das Rätsel um die Geschehnisse im Dezember 1926 bleibt unaufgeklärt: Christie gab hierzu nur ein einziges Interview, dass so gut wie nichts zur Klärung beitrug, danach herrschte Schweigen…!

Aber Hercule Poirot und Miss Marple wären nicht DIE exzellenten Kriminologen, wenn sie nicht auch hierfür mit einer jeweils sehr persönlichen Lösung des Falls – jede/r im ganz eigenem Stil – glänzen würden. Und die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte…!

Die 78 Minuten dieses Live-Mitschnitts der lit.COLOGNE aus dem Jahre 2009 vergingen wie im Flug: Neben dem gelungenem Buch von Traudel Bünger ist dies in erster Linie den beiden vortrefflichen Darstellern Monica Bleibtreu und Jürgen Tarrach zu verdanken: Mit Charme und Humor hauchten sie ihren Charakteren Leben ein. Einziger (wirklich nur klitzekleiner) Wehrmutstropfen an dieser Einspielung ist der Umstand, dass der Zuhörer ihrer Performance hin und wieder die Lesung anmerkt, d.h. einige Dialoge wirken eher abgelesen als „frei“ interpretiert. Dafür lebt diese Aufnahme umso mehr von der Live-Atmosphäre mit den Reaktionen des Publikums.


erschienen bei Random House Audio/ ISBN: 978-3837104134

[Rezension] Agatha Christie – Zeugin der Anklage/ Erzählung und Theaterstück im Vergleich

Leonard Vole steht vor Gericht. Er wird beschuldigt, eine wohlhabende Witwe aus Habgier ermordet zu haben. Alle Beweise sprechen gegen ihn, doch er beteuert eisern seine Unschuld. Seine einzige Chance, dem Strick zu entgehen, ist die Aussage seiner Frau Romaine, die sein Alibi bestätigen soll. Doch seine Frau liefert ihn eiskalt ans Messer und fungiert als Zeugin der Anklage. Der Verteidiger Sir Wilfrid Robarts zweifelt an der Aussage der Ehefrau und kann Beweise vorlegen, die ihre Glaubwürdigkeit in Frage stellt. Immer mehr und mehr verstrickt sie sich in Widersprüche. Leonard Vole wird freigesprochen. Doch wer war nun der Täter…?

Was war zuerst da: die Henne oder das Ei? Im vorliegenden Fall gab es zuerst die Kurzgeschichte, und erst Jahrzehnte später entstand daraus die Bühnenfassung. Im Jahre 1925 erscheint die Erzählung unter dem Titel „Traitor’s Hands“ (dt.: Die Hände der Verräterin) erstmals in der britischen Zeitschrift „Flynn’s“. In den 30er und 40er Jahren folgen unter dem heute bekannten Titel „Witness for the Prosecution“ in Großbritannien und den Vereinigten Staaten einige Wiederveröffentlichungen. Erst im Jahre 1953 wird das Werk zum Theaterstück umgearbeitet, wobei der Schluss seine bühnenwirksame Veränderung erfährt.

Die Erzählung wirkt – mit nur 24 Seiten Umfang – eher „schmalbrüstig“. Zwar sind alle wichtigen Handlungspersonen (wenn auch zum Teil unter einem anderen Namen als im Theaterstück) vertreten, und auch die elementaren Handlungsstränge werden erwähnt. Doch ist eine Entwicklung der Figuren schwer möglich, da die jeweiligen Beweggründe nur unzureichend beleuchtet werden können. Dies ist dem ursprünglichen Format der Veröffentlichung geschuldet: Da das Werk als nettes Geschichtchen in einer Zeitschrift erschien, war seinem Umfang entsprechend Grenzen gesetzt.

Wie bei einem Theatertext üblich sind hier sowohl Beschreibungen des Setting wie auch von Personen und deren Reaktionen auf ein Minimum reduziert. Vielmehr wird hier auch nicht benötigt: Schließlich entsteht aus einer „schnöden“ Textvorlage erst durch die Kunst aller Theaterschaffenden eine packende Inszenierung für die Bühne (…oder – wie in meinem Fall – vor dem inneren Auge des Lesers). Somit liegt der Schwerpunkt auf die Dialoge. Wie schon in ihren Romanen liefert Christie auch hier versierte Dialoge, die die handelnden Personen treffend charakterisieren und Spannung erzeugen. Dabei ist die Kunst des Schauspiels extrem gefordert: So spielt bei den Dialogen der s.g. „Untertext“ eine immense Bedeutung bei der Aussage. Nicht „was“ gesagt wird ist von Bedeutung sondern „wie“ es gesagt wird und drückt somit unausgesprochene Gefühle, Gedanken und Meinungen der Personen aus.

Das Stück bietet für die drei Hauptrollen ein immenses Potential zur Entfaltung:

  • Leonard Vole: jung, gutaussehend, sympathisch, naiv, wirkt hilflos, mit der Situation überfordert.
  • Romaine Heilger: geheimnisvolle Ausländerin, intelligent, wirkt gefühlskalt und berechnend, innerlich leidenschaftlich.
  • Sir Wilfrid Robarts: versierter Rechtsanwalt, kluger Stratege, sehr erfahren, hat trotzdem Ideale.

Mit den Nebenrollen sorgt Christie für eine humorvolle Auflockerung der eher dramatischen Handlung, um die aufgestaute Spannung beim Publikum zu lösen. Sie lässt die Zuschauer kurz „von der Leine“, um diese im nächsten Moment wieder anzuziehen und die Zuschauer wieder an die Kandare zu nehmen. Hier beweist sich Christies enormes Talent, Geschichten so zu kreieren und die Handlung so geschickt aufzubauen, dass die ständige Aufmerksamkeit des Publikums ihr gewiss ist.

Wie bereits erwähnt wurde das Ende beim Theaterstück gegenüber der Erzählung verändert: Die Erzählung endet mit dem Geständnis von Romain, dass sie über die tatsächlichen Umstände des Mordes informiert war. Das Theaterstück endet deutlich spektakulärer und (passenderweise) theatralischer. Es war früher Gang und Gebe, dass zu einer Erstaufführung eines Stückes Textbücher gedruckt wurden. Diese konnten vom Publikum käuflich erworben werden: Vor dem Theaterbesuch dienten sie zur Vorbereitung auf das Stück und hinterher fungierten sie als Souvenir. Bei „Witness for the Prosecution“ untersagte Agatha Christie das Abdrucken des neuen Endes, um das Publikum nicht um den Überraschungsmoment zu betrügen.

Die Verfilmung aus dem Jahre 1957 glänzt mit einer exzellenten Besetzung: Charles Laughton, Marlene Dietrich und Tyrone Power liefern gemeinsam mit dem restlichen Cast unter der genialen Regie von Billy Wilder Schauspielkunst vom Feinsten. Dagegen wirkt – trotz sexueller Komponente – die Neu-Verfilmung aus dem Jahre 2016 eher farblos und spannungsarm.

Dieses Werk gilt – nach „Die Mausefalle“ – als eines der erfolgreichsten Stücke aus der Feder von Agatha Christie und wird weiterhin gerne auch an deutschen Bühnen von München (2016: Blutenburg Theater) und Berlin (2005: Berliner Kriminal Theater) bis Hamburg (2017: Imperial Theater) inszeniert. Bis zur Schließung aller Theater aufgrund der Corona-Pandemie wurde das Stück äußerst erfolgreich im alten Gerichtssaal der ehrwürdigen London County Hall aufgeführt: Gibt es eine passendere Kulisse für dieses packende Werk?!

Habe ich Eure Neugierde geweckt? Dann greift bitte zum Theatertext. Die Erzählung kann hierbei getrost (Mrs. Christie, ich bitte um Verzeihung!) außer Acht gelassen werden!


Die Erzählung ist zurzeit nur antiquarisch zu erwerben und im Laufe der Jahre in div. Verlagen erschienen, z. Bsp. bei Diogenes/ ISBN: 978-3257208269 oder bei Fischer/ ISBN: 978-3596174621.

Das Theaterstück wird aktuell bei Felix Bloch Erben: Verlag für Bühne, Film und Funk verlegt. Die mir vorliegende Text-Fassung ist in der DDR im Jahre 1971 im Henschel-Verlag erschienen.

[Rezension] María Isabel Sánchez Vegara – Little People, Big Dreams: Agatha Christie/ mit Illustrationen von Elisa Munsó

„Little People, Big Dreams“ lautet eine Reihe im Insel-Verlag, in der biografische Bilderbücher über berühmte Persönlichkeiten veröffentlicht werden. Standen anfangs die starken Frauen im Fokus der Veröffentlichungen, so haben sich jetzt auch schon einige Kerle in die Reihe „geschummelt“. „Biografie“ klingt dabei auch etwas hochtrabend: Vielmehr wird kindgerecht vom Leben dieser herausragenden Persönlichkeiten erzählt, die alle Großes geschaffen haben und somit als Vorbilder für die Kleinen dienen können.

Werfen wir einen Blick auf das Leben von Agatha Christie: Die kleine Agatha liebte schon immer Bücher, und das Lesen von spannenden Geschichten war ihr liebster Zeitvertreib. Was läge da näher, als das sie – sobald sie ein gewisses Alter erreicht hatte – eigene spannende Geschichten schrieb…!

„Als junges Mädchen habe ich mich großartig damit unterhalten,
unerhört finstere Geschichten zu schreiben, in denen
alle vorkommenden Personen draufgingen.“
Agatha Christie

Äußerst ansprechend und somit durchaus auch schon für jüngere Leser*innen geeignet wird auf nur 26 illustrierten Seiten geschildert, wie aus der kleinen Agatha die große „Queen of Crime“ wurde. Dabei wird der Fokus nicht auf die pikanten Details eines Künstlerlebens gerichtet: Ihr mysteriöses Verschwinden im Jahre 1926 bleibt ebenso unerwähnt wie ihre glücklose Ehe und die anschließende Scheidung von ihrem ersten Mann. Die Erwähnung dieser Details wären in einem Bilderbuch auch völlig deplatziert, da sie dem Kerngedanken dieser Buch-Reihe nicht gerecht werden.

Vielmehr geht es darum, zu verdeutlichen, wie Christies Leidenschaft zu Schreiben geweckt wurde, woraus sie ihre Inspiration schöpfte, und wo und wie sie sich das nötige Wissen aneignete. Hierbei wird ein verspielter Blick auf ihre genialen Schöpfungen geworfen, und so dürfen auch ihre beiden bekanntesten und beliebtesten Spürnasen nicht unerwähnt bleiben: Mr. Hercule Poirot und Miss Jane Marple.

Illustrationen Elisa Munsó Little People, Big Dreams - Agatha Christie Insel Verlag (4)

Die Texte von María Isabel Sánchez Vegara sind auf das Wesentliche beschränkt und könnten somit eher als beschreibende Bildunterschriften bezeichnet werden. Vielmehr sind es die Illustrationen von Elisa Munsó, die – auch beim mehrfachen Betrachten – die meisten Informationen zu Agatha Christie preisgeben: Da gibt es charmante Anspielungen auf die Krimis „Mord im Orientexpress“ und „Tod auf dem Nil“ sowie auf ihr wohl bekanntestes Theaterstück „Die Mausefalle“. Auch das berühmte Porträt mit Christie zwischen den Bücherstapeln findet Entsprechung in einer Zeichnung. Die Illustratorin gestaltet dabei ihre Hauptperson mit einem markanten Wiedererkennungswert, da sie in ihr die Physiognomie der realen Person deutlich werden lässt.

Am Ende eines jeden Buches findet die Leserin/ der Leser zudem eine Zeitleiste mit Original-Fotos sowie einen Lebenslauf in Text-Form.

Mit „Little People, Big Dreams“ ist eine wunderbare Reihe entstanden, die unterhaltsam vom Werden großer Persönlichkeiten, die Außergewöhnliches geleistet haben, berichten. Denn auch diese Heldinnen und Helden waren einmal klein, und diese kleinen Leute hatten große Träume!


erschienen bei Insel/ ISBN: 978-3458178378

Literaten im Fokus…

Manchmal ist es wie verhext: Ohne eigenem Zutun und somit beinah wie aus heiterem Himmel fallen mir manchmal Bücher zu Autorinnen und Autoren in den Schoss, die sich wunderbar eignen, um im überschaubaren Rahmen einer kleinen Monats-Reihe hier auf meinem Blog rezensiert zu werden. Dabei handelt es sich einerseits um Original-Werke der jeweiligen Autorin/ des jeweiligen Autors aber auch um Begleit-Werke, die auf die originalen Werke Bezug nehmen, von ihnen inspiriert wurden oder deren Autor*innen als Zeitzeugen fungieren.

Bei allen 4 Autor*innen handelt es sich um bekannte Namen in der Literatur: Alle werden von mir gleichermaßen hochgeschätzt und sind mit ihren Werken durchaus schon häufiger auf meinem Blog in Erscheinung getreten. Doch nun möchte ich Euch nicht länger auf die Folter spannen und Euch die Namen meiner 4 Auserwählten verraten…!

Ladies First: Ich beginne meine kleine Reihe im April mit Agatha Christie, der unumstrittenen „Queen of Crime“. Im Juni werfen wir einen (Augen-)Blick auf das Schaffen vom großen Literaten Erich Kästner. Der August offenbart uns das eine oder andere Highlight aus dem Œuvre von Georges Simenon. Im Oktober verweilen wir einen Moment bei Christopher Isherwood und ergötzen uns an seinem Talent.

Wir Buch-Blogger neigen dazu, allzu häufig auf die Verlagsvorschauen mit den Neuerscheinungen zu schielen und übersehen darüber leicht die literarischen Schätze der Vergangenheit. Vielleicht kann ich mit meiner kleinen Reihe dem ein wenig entgegenwirken und hoffe, dass Euch diese kleinen Retrospektiven viel Freude bereiten!!!