[Rezension] Alan Bradley – FLAVIA DE LUCE. DES HENKERS LETZTE MAHLZEIT

Es war für mich wie ein Nachhausekommen: Nach längerer (in diesem Fall: unfreiwilliger) Abwesenheit öffnete ich die Tür, und eine Woge der Behaglichkeit stürzte über mich herein. Das Licht, die Gerüche, der Ton – alles war mir so vertraut, dass ich mich bedingungslos und ohne Angst fallen lassen konnte. Sanft gleitete ich in ein für mich bereitetes Bett, und luftige Kissen und Decken fingen mich weich auf.

Genauso fühlte ich mich, als ich dieses Buch aufschlug und endlich wieder in Flavias Welt eintauchen durfte. Fünf lange Jahre hatte sich Alan Bradley Zeit genommen, um Flavias Geschichte weiterzuspinnen. Fünf lange Jahre musste ich (und mit mir natürlich auch alle anderen Flavia-Groupies weltweit) ohne ein Lebenszeichen von ihr ausharren, und in mir keimte schon die Angst, dass es evtl. keine weitere Geschichte geben würde. Doch nun ist sie wieder da und hat für uns allerlei Überraschungen im Gepäck…

Major Greyleigh, ein ehemaliger Henker, wird tot aufgefunden. Todesursache: der Verzehr giftiger Pilze. Schnell gerät die Köchin Mrs Mullet ins Visier der Polizei. Doch ganz so einfach ist die Lösung nicht – Flavia ermittelt auf eigene Faust. Auf der Suche nach dem Mörder wird sie auf einige Familien aufmerksam, die durch den Henker Angehörige verloren und damit alle ein Motiv haben. Oder hat etwa ihre unerträgliche Cousine Undine etwas mit dem Tod des Henkers zu tun? Am Ende ihrer Nachforschungen kommt Unvorstellbares ans Licht: Flavia erfährt, was wirklich mit ihrem toten Vater geschah – das wohl größte Rätsel ihres Lebens.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

„Wenn irgendwo Pilze schmoren,
wird der Kriminalist unwillkürlich hellhörig.“

…äußerte sich schon Agatha Christie über diese äußerst beliebte Mordmethode in Kriminalromanen. Und hier werde auch ich als geneigter Leser natürlich sofort hellhörig. Wobei: Die herzensgute Mrs Mullet und ein heimtückischer Mord sind für mich nur schwerlich in Einklang zu bringen. Aber gerade meine durch die Lektüre der zehn Vorgänger-Bände gefestigte Vorstellung der handelnden Personen nutzt der Autor schändlich aus, um mich auf das sprichwörtliche Glatteis zu führen. Sind die Personen wirklich so, wie ich bisher meinte, dass sie es sind? In diesem Roman wird so vieles in Frage gestellt, dass ich ein wenig Zeit benötigte, um meinen kleinen Flavia-Kosmos neu aus- bzw. einzurichten.

Wie eingangs schon erwähnt, schenkt uns der Autor eine wohlige Sicherheit, indem er die bekannten Rahmenbedingungen nur wenig verändert. Und doch setzt Alan Bradley raffiniert neue Akzente, da er einige Personen in den Mittelpunkt schiebt, während andere Personen eher in den Hintergrund rücken. Dabei verändert sich zwangsläufig der Fokus: Bisher unerwähnte und darum umso überraschendere Eigenarten treten zutage und lassen die Figuren in einem neuen Licht erstrahlen. Der Autor gönnt seinen Figuren eine Weiterentwicklung, eine Wandlung, die sie wohltuend aus ihrer bisherigen Schablone (er)lösen.

Dies trifft auch auf unsere geliebte Heroin zu: Sie wird nun zu einer jungen Frau. Eine Wandlung, die auch sie selbst verwirrt, die sie aber umso menschlicher erscheinen lässt. Ähnlich wie der Titelheld der Harry Potter-Serie darf auch hier unsere Heldin einen Reifungsprozess durchleben, der ihr äußerst gut bekommt und aus der anfangs neumalklugen und nervigen Göre eine interessante und gereifte Persönlichkeit macht.

Die abermals abwechslungsreiche und packende Story würzt Bradley zusätzlich mit einem gerissenen Twist, der die Handlung urplötzlich in eine andere Richtung lenkt und so das Interesse der Leserschaft auf kommende Romane weckt. Und weitere Romane sind wahrlich vonnöten: Da sind noch so viele Fragen unbeantwortet geblieben, so viele lose Enden müssen noch miteinander verknüpft werden.

Zudem würde ich es mir so sehr wünschen, dass Alan Bradley angesichts seines reiferen Alters die Möglichkeit hätte, diese äußerst unterhaltsame Krimi-Reihe zu einem runden und somit gelungenen Abschluss zu führen. Flavia, Dogger, Mrs Mullet, Inspektor Hewitt, Undine und all die anderen wunderbaren Figuren hätten es wahrlich mehr als verdient.


erschienen bei Penhaligon / ISBN: 978-3764533168 / in der Übersetzung von Gerald Jung und Katharina Orgaß
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Jürgen von der Lippe – SEXTEXTSEXTETT. Geschichten und Glossen

Ich fürchte beinah, dies wird eine meiner kürzesten Rezensionen, die ich je geschrieben habe. Ich weiß absolut nicht, was ich – möglichst wortreich – zu diesem Buch schreiben soll. Und so sitze ich nun schon seit einiger Zeit vor einem leeren Blatt Papier – natürlich metaphorisch gesprochen – und grüble so vor mich hin.

Ach, was soll’s. Ich fange mal ganz simple an.

Das Buch ist nett, oft auch durchaus unterhaltsam. Doch irgendwie ist es wie Zuckerwatte: viel Volumen bei eher geringem Gewicht, süß aber wenig nahrhaft und somit von geringer Sättigung. Und kaum war es verzehrt, schon hatte ich Appetit nach etwas Reellem.

71 Geschichten und Glossen verteilen sich auf 228 Seiten (Netto: purer Text ohne Tüdelüt), das bedeutet, dass – kaum begonnen – nach wenigen Seiten der Spaß auch schon wieder vorbei ist. So wirkten die Texte in ihrer Überschaubarkeit auch eher wie intellektuell leicht angehauchte Fips Asmussen-Witze auf mich. Da wird intensiv mit Doppeldeutigkeiten in der deutschen Sprache gespielt, mal mehr mal weniger sexuell orientiert, mal mehr mal weniger originell, mal mehr mal weniger lustig. Die Unterschiede zwischen Männlein und Weiblein und die daraus resultierenden Missverständnisse werden als gepflegte Herrenwitze präsentiert.

Erträglich wird dies nur, da Jürgen von der Lippe einen ironischen Blick auch auf die eigenen Unzulänglichkeiten wirft und niemals Partei für ein Geschlecht ergreift. Dies alles ist zwar hin und wieder durchaus ganz nett aber auf Dauer nicht Abendfüllend, da die Geschichten leider keinen Nachhall hinterlassen – zumindest nicht bei mir: Kaum gelesen, da waren sie auch schon rückstandslos aus meinem Gedächtnis verschwunden.

Ich möchte nicht missverstanden werden: Ich schätze Jürgen von der Lippe sehr und liebe seine verschmitzt-schelmischen Moderationen. Mit ihm und seinen bunten Hawaii-Hemden bin ich groß geworden, und er war mir immer ein Garant für gute Unterhaltung. Doch auch bei ihm greift das Phänomen, dass seine Texte nur dann gewinnen, wenn er sie höchstpersönlich zum Besten gibt: In der rein gedruckten Form fehlt ihnen das Charisma des Meisters.


erschienen bei Penguin / ISBN: 978-3328603696
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] José-Louis Bocquet (nach Georges Simenon) – DER PASSAGIER DER POLARLYS/ mit Illustrationen von Christian Cailleaux

Nachdem der Carlsen-Verlag schon einige Werke von Dame Agatha Mary Clarissa Christie, Lady Mallowan, DBE (kurz: Agatha Christie 😉) in Form der Graphic Novel ins Rennen um die Gunst der Krimi-Fans geschickt hatte, hielt mit Georges Simenon nun ein weiteres Schwergewicht der Kriminalliteratur Einzug ins Portfolio des Verlages. Nun sind Simenons Romane nicht so gefällig wie die seiner britischen Kollegin, nehmen aber völlig berechtigt einen wichtigen Platz auf dem Krimi-Olymp ein. Zudem wählte der Verlag für Simenons Einstand nicht etwa eine Geschichte mit dem weltberühmten Kommissar Maigret, vielmehr fiel die mutige Wahl mit DER PASSAGIER DER POLARLYS auf einen der weniger bekannten Romane.

Schon bevor die Polarlys den in frostigen Nebel getauchten Hamburger Hafen Richtung Norwegen verlässt, beschleicht Kapitän Petersen ein ungutes Gefühl. Er spürt etwas, was die Seemänner den »bösen Blick« nennen, und ahnt, dass diese Fahrt keine gewöhnliche wird. Auch der inkompetente, ihm von seinem Arbeitgeber als Dritter Offizier zugeteilte junge Niederländer gefällt ihm nicht. Noch weniger der gerade aus dem Gefängnis entlassene Rumtreiber, den der Maschinist als Ersatz für den erkrankten Heizer an Bord genommen hat. Tatsächlich lässt das Unheil nicht lange auf sich warten, denn schon einen Tag nach Lichten des Ankers wird an Bord einer der fünf Passagiere, der Polizeirat Sternberg, ermordet aufgefunden – und an Verdächtigen mangelt es nicht…

(Inhaltsangabe der Verlagsseite des Romans entnommen!)

Sowohl Agatha Christie wie auch viele ihrer Kolleg*innen, die das goldene Zeitalter der britischen Krimis prägten, siedelten die Handlungen ihrer Werke gerne in der gehobenen Mittelschicht bis hinauf zum Adel an und präsentierten so kauzige Typen in einem gediegenen Ambiente voller Luxus aber auch mit mehr Schein als Sein.

Simenon hingegen porträtierte Typen der Unterschicht: Hier ging es immer etwas direkter, schnörkelloser und handfester zu. Auch Sex und Erotik wurden da nicht nur schamhaft angedeutet. Zudem wurde nicht auf edlen Landsitzen sondern in räudigen Hinterhöfen gemordet. Der Umgangston der Straße war deftig und manches Mal deutlich ordinärer als vergleichsweise in einem malerischen englischen Cottage. 


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Die literarische Vorlage zur Graphic Novel DER PASSAGIER DER POLARLYS ist mir leider nicht bekannt. Doch mit dem Wissen um die Attribute Simenons Werke, gestatte ich mir die Einschätzung, dass es José-Louis Bocquet gelungen ist, ein stimmiges Szenario zu kreieren, in dem der raue, wortkarge Umgangston, der an Bord eines Passagier- und Frachtschiffes vorherrscht, gut getroffen wurde.

Georges Simenon ist für mich ein Meister im Erschaffen von Atmosphäre. Er beherrschte die seltene Kunst, mit nur wenigen Sätzen punktgenau ein Milieu zu schildern. Wenige Sätze, manchmal nur Wörter genügen mir, und vor meinem inneren Auge entsteht das entsprechende Setting der Geschichte. Die Umsetzung besagter Atmosphäre in Bilder ist Christian Cailleaux mit seinen Illustrationen ganz und gar wunderbar gelungen. Mit der Wahl der jeweiligen Physiognomien zum Handlungspersonal skizziert er gestrauchelte und somit vom Leben gezeichnete Charaktere. Er verweigert uns „Schönmalerei“ und entwirft ambivalente Figuren mit Ecken und Kanten. Auch sein Setting, sozusagen das Bühnenbild entspricht diesem Konzept: Er verwehrt Simenons Welt eine allzu lebensbejahende Farbigkeit. Alles wirkt gedämpft, dumpf, trostlos – und gleichzeitig beängstigend, so als würde hinter jeder Kabinentür eine Gefahr lauern. 

„Ist es so, dass das Genre der Graphic Novel mir nicht zu liegen scheint?“ zweifelte ich vor einiger Zeit selbst an mir. Dank der Lektüre von DER PASSAGIER DER POLARLYS zweifle ich nun sehr viel weniger. Was hier geschaffen wurde, ist nicht nur ein schnöder Unterhaltungs-Comic, vielmehr wurde ein Klassiker der Kriminalliteratur als eine äußerst gelungene Graphic Novel wiedergeboren.


erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551804204 / in der Übersetzung von Christoph Haas
ebenfalls erschienen als Roman bei Hoffmann und Campe / ISBN: 978-3455006315 und als Taschenbuch bei Atlantik / ISBN: 978-3455008050 
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Margery Allingham – CAMPION. TÖDLICHES ERBE

Das goldene Zeitalter der Kriminalroman scheint sehr fruchtbar gewesen zu sein. Wie sonst ließe es sich erklären, dass die Verlage immer wieder in den Archiven fündig werden, so manche Wiederentdeckungen entstauben und deren Schöpfer*innen gerne vollmundig auf eine Stufe mit der „Queen of Crime“ stellen. In diesem Falle wird sogar werbewirksam auf dem Einband ein Zitat von Agatha Christie „herself“ bemüht:

„Margery Allingham sticht aus der Masse heraus
wie ein helles Licht in der Dunkelheit.“

Nach so viel Lobhudelei war meine Erwartungshaltung natürlich hoch, und mit der entsprechenden Vorfreude ausgestattet begann ich mit der Lektüre…

Die Familie Gyrth ist im Besitz eines legendären Kelches. Seine Schönheit und die Legenden, die sich um ihn ranken, machen ihn unersetzlich. In einer fensterlosen Kapelle aufbewahrt, sollte er vor Diebstahl sicher sein. Aber als Percival, der derzeitige Erbe der Familie, Opfer eines verpfuschten Entführungsversuchs wird, ahnt er, dass der Schatz in Gefahr ist. Kurzentschlossen wendet er sich an Albert Campion, einen der besten Detektiv, die England je kannte. Und so beginnt Campion zu ermitteln…

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

„Margery Allingham? Margery Allingham? Woher kenne ich diesen Namen?“ grübelte ich vor mich hin, doch der erhoffte zündende Einfall entpuppte sich als Rohrkrepierer. Erst als ich mich (dank Suchmaschine) mit der Vita der Autorin beschäftigte und mein Blick auf eine Liste vorhandener Verfilmungen haften blieb, schimmerte endlich ein Hauch von Erkenntnis durch den trüben Nebel der Unwissenheit. Ende der 80er Jahre wurden von der BBC acht Romane für das englische Fernsehen verfilmt. In den Hauptrollen standen Peter Davison in der Titelrolle und Brian Glover als Magersfontein Lugg vor der Kamera. Und eben genau diese Serie befindet sich schon seit geraumer Zeit im Bestand meiner umfangreichen DVD-Sammlung. Da ich mich nicht mehr ausreichend an sie erinnern konnte, schob ich flugs die erste DVD in den Player. Etliche Minuten später wusste ich, warum mir so wenig im Gedächtnis haften geblieben war: Die Verfilmung dieses Romans wirkte auf mich ermüdend langatmig und spannungsarm.

Dabei hält sich zumindest diese Folge nah am literarischen Original: Doch im Vergleich zur visuellen Umsetzung schaffte es die Autorin in ihrer Vorlage wenigstens eine gewisse Spannung aufzubauen und die Szenen flott abzuspulen. Ich könnte nicht behaupten, dass ich mich bei der Lektüre dieses Krimis gelangweilt hätte. Doch leider ist unser Held von einer enttäuschenden Farblosigkeit. Da werten ihn auch seine klugen Gedanken und raffinierten Schachzüge nicht auf. Sein hünenhafter Assistent Magersfontein Lugg zeigt da deutlich mehr Profil mit seiner kriminellen Vergangenheit, dem flotten Mundwerk und einer ordentlichen Portion gesundem Menschenverstand. Selbst viele der Nebenrollen haben deutlich mehr Ecken und Kanten als unser kriminalistischer Hero.

Auch wirkte die Handlung auf mich wie ein Mosaik aus nur allzu bekannten Einzelteilen und ließ mich an Werke von Edgar Allen Poe (geheimnisvolle verschlossene Räume) und Arthur Conan Doyle (geisterhafte Untier) denken. So war es dem Roman bedauerlicherweise nicht vergönnt, in Würde altern zu können, da ihm sowohl die Originalität der schon eingangs erwähnten Agatha Christie wie auch die Intelligenz einer Josephine Tey fehlen.

Fazit: Es ist durchaus ein netter, flott zu lesender Krimi. Doch leider ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass er ebenso kurz in meiner Erinnerung haften bleiben wird, wie schon zuvor die TV-Serie von der BBC.


erschienen bei Klett-Cotta / ISBN: 978-3608966756 / in der Übersetzung von Edith Walter
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] James Norbury – DIE KATZE, DIE NACH WEISHEIT SUCHT

James Norbury ist Künstler, Illustrator und Schriftsteller, der sich mit Spiritualität, insbesondere dem Buddhismus beschäftig. Er schöpft hieraus seine Ideen und Sichtweisen auf das Leben, die er in seinen Texten einfließen lässt. Bei seinen Illustrationen arbeitet er bevorzugt mit schwarzer Tinte, Pinsel und Wasserfarben und lässt sich durch Arbeit von Zen-Malern, Mangaka- und Ukiyo-e-Künstlern inspirieren. So entstehen seine Bilder sehr intuitiv, fallen in keiner Weise einer Bearbeitung „zum Opfer“, sondern bleiben in ihrer Originalität erhalten.

Er lebt mit seiner Frau und sieben (!) Katzen in Wales, England. Da liegt die Vermutung nah, dass seine tierischen Hausgenossen die Vorbilder für die Haupt-Charaktere seiner neusten Geschichte waren.

Dies ist die Geschichte einer Katze, die nach Frieden, innerer Ruhe und einem Sinn im Leben sucht. Eines Tages erfährt sie von einer sagenumwobenen alten Kiefer. Unter dem Schutz ihrer Äste, so heißt es, lässt sich unendliche Weisheit erlangen. Die Katze begibt sich auf die Reise, und unterwegs trifft sie eine Reihe von Tieren, die alle ihre eigene Geschichte haben: einen sorgenvollen Affen, eine Schildkröte, die ihren Lebensmut verloren hat, einen Tiger, der mit seiner Wut kämpft, ein verwirrtes Wolfsjunges und eine begehrliche Krähe. Aber erst die unerwartete Begegnung mit einem Katzenjungen wird sie zwingen, alle Gewissheiten infrage zu stellen.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Eine Geschichte, in der sich der Hauptcharakter auf eine Wanderschaft begibt, auf diesem Weg etliche skurrile Gestalten begegnet, die ihm alle Schritt für Schritt der inneren Läuterung näher bringen, die dabei noch Denkanstöße für die Leserschaft parat hält, dies in einer poetischen Sprache verpackt und mit Illustrationen des Autors schmückt,…!

Hm? Gab es so etwas nicht schon einmal?

Ich bitte um Entschuldigung, aber der Vergleich mit DER KLEINE PRINZ von Antoine de Saint-Exupéry sollte erlaubt sein. Nun ist Saint-Exupérys entzückende Geschichte voller Zauber und Poesie und völlig zurecht ein literarischer Dauerbrenner. Ob DIE KATZE, DIE NACH WEISHEIT SUCHT diesen Status einmal erreichen wird, möchte ich nicht beurteilen.

Bei seiner Erzählung bezieht sich James Norbury auf die traditionellen Zen-Geschichten und verwebt diese mit seiner Handlung. Nun sind die darin enthaltenen Lebensweisheiten nicht unbedingt revolutionär neu, womit mein Erkenntnisgewinn auch eher überschaubar ausfiel. Doch Norbury überzeugte mich mit seinem erholsam ruhigen Erzählton: Die Lektüre war beinah meditativ. Und zugegeben: Auch wenn die enthaltenen Weisheiten beinah simple erscheinen, wissen wir doch alle, dass deren Umsetzung in den Alltag die wahre Herausforderung darstellt. So war ich dankbar für die Impulse und Denkanstöße, die Augenblicke im Leben als einzigartige Chancen zu betrachten und sowohl neuen Begegnungen wie auch Herausforderungen aufgeschlossen zu sein.

Die Illustrationen sind deutlich von der fernöstlichen Malerei beeinflusst und passen mit ihrer harmonischen wie auch reduzierten Farbgebung ganz wunderbar zum ruhigen Erzählton der Geschichte.

So kommt dieses charmante Büchlein ebenso sanft und leichtfüßig daher, wie eine Katze, die sich auf leisen Pfoten fortbewegt, und schenkte mir als Leser erholsame Momente der Ruhe.


erschienen bei Wunderraum / ISBN: 978-3442317639 / in der Übersetzung von Sibylle Schmidt
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Janice Hallett – DIE AUFFÜHRUNG

Ein Mord. Fünfzehn Verdächtige. Finden Sie die Wahrheit heraus?

werde ich durch den Untertitel auf dem Cover dieses Romans herausgefordert. Und eine Herausforderung war es allemal für mich – eine äußerst kurzweilige und fesselnde Herausforderung. Mit ihrem Erstlingswerk schuf Autorin Janice Hallett einen typischen „Whodunit“, der allerdings völlig untypisch erzählt wird…

Die lokale Theatergruppe „The Fairway Players“ steckt mitten in den Proben zu ihrem neuen Stück, als die Familie des Regisseurs Martin Hayward von einer Tragödie heimgesucht wird: Bei seiner kleinen Enkelin wurde eine seltene Krankheit diagnostiziert. Um die notwendigen 250.000 Pfund für die Behandlung aufzutreiben, sammeln die Mitspieler eine Menge Geld. Doch dann wird alles gestohlen, und am Tag nach der Generalprobe wird eine Leiche gefunden. Der Schuldige hält sich im Verborgenen – aber zwischen den Zeilen der innerhalb der Theatergruppe rege ausgetauschten E-Mails hat sich jemand verraten …

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Kronanwalt Roderick Tanner stellt seinen beiden Praktikanten Olufemi Hassan und Charlotte Holroyd eine herausfordernde Aufgabe: Er übergibt ihnen einen grob chronologisch geordneten Stapel mit Ausdrucken von E-Mails und Text-Nachrichten, denen er Zeitungsausschnitte und Informationen aus sozialen Medien beigelegt hat. Völlig unvoreingenommen sollen die Beiden mit einem frischen Blick auf die Korrespondenz der beteiligten Personen schauen, in der Hoffnung, dass sie Hinweise „zwischen den Zeilen“ entdecken, die so den Täter, die Täterin oder auch mehrere Täter entlarven.

Und genau diese Korrespondenz (in Form dieses Buches) liegt auch mir nun als Leser vor – zusätzlich mit den schriftlichen Anweisungen von Tanner und den WhatsApp-Nachrichten, die zwischen Hassan und Holroyd ausgetauscht wurden.

Dabei spielt die Autorin raffiniert mit dem Hang zum Voyeurismus der Leserschaft: Es scheint beinah, als werfe ich einen verbotenen Blick hinter die bürgerliche Fassade meiner Nachbarn, der mir höchst intime Details offenbart. So legen die Mails gnadenlos die menschlichen Schwächen der Absender bloß – manches Mal offensichtlicher als es der Verfasser*in lieb wäre. Da wird vorne gelächelt und hinten getreten. Das soziale Gefüge bzw. die Rangordnung (oder sollte ich lieber sagen: die Hackordnung) innerhalb dieser verschworenen Gemeinschaft tritt sehr deutlich zu Tage. Da der direkte Kontakt von Angesicht zu Angesicht fehlt, fallen die Masken der Höflichkeit, und die Hemmschwelle, offen die Meinung zu äußern, ist somit niedriger. So werden Charakterzüge präsentiert, die nicht immer konform sind mit dem Bild, das die besagte Person ihrer Umgebung gerne von sich vermitteln möchte.

Interessanterweise gibt es von zwei wichtigen Personen keine Aufzeichnungen, d.h. sie äußern sich nie selbst sondern werden stets nur aus dem jeweiligen, höchst individuellen Blickwinkel ihrer Mitmenschen beschrieben. Dieser Umstand führte dazu, dass diese Personen beinah eine Aura des Geheimnisvollen umgab, sie für mich deutlich schwerer einzuschätzen waren und somit einen unberechenbaren Faktor darstellten.

Anfangs befürchtete ich auch, dass ich bei dieser Flut an Mails den Faden verlieren und durch die Zuordnung der Personen verwirrt werden würde. Diese Befürchtung war völlig unbegründet, da die Autorin mir durch Hassan und Holroyd Hilfsmittel an die Hand gab. Unsere beiden eifrigen Praktikanten fertigten u.a. eine Liste der beteiligten Personen an, die natürlich auch mir bei der Lektüre zugutekam und mich beim Einordnen der Charaktere in den Ablauf der Geschehnisse unterstützte. Ebenso war die von ihnen erstellte Zusammenfassung der Ereignisse gegen Ende des Buches äußerst hilfreich.

Trotz dieser immensen Menge an Informationen schien auch vieles ungesagt zu bleiben, schimmerte unterschwellig zwischen den Zeilen hervor und irritierte mich. Ich konnte es anfangs nicht konkret benennen: Es war ein Gefühl, eine Ahnung…! Doch ich hegte den Verdacht, dass so die Autorin sehr bewusst – mit einer entsprechenden Formulierung oder einer scheinbar belanglosen Bemerkung – eine angespannte Atmosphäre kreieren wollte. Sollte dies ihre Beweggrund gewesen sein, darf ich ihr attestieren, dass es ihr gelungen ist.

Janice Hallett hat das Kunststück vollbracht, eine Geschichte gänzlich ohne einen klassischen Handlungsaufbau zu erzählen. Trotzdem büßte dieser gelungene Krimi nichts von seiner Spannung ein. Meine bisherige, langjährig angeeignete Lesegewohnheit geriet dabei höchst unterhaltsam durcheinander…!


erschienen bei Atrium / ISBN: 978-3855352180 / in der Übersetzung von Sabine Schilasky
Ich danke dem Literatur- und Pressebüro Politycki & Partner herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Agatha Christie – UND DANN GAB’S KEINES MEHR

Das in unserer heutigen verrückten Welt, wo Worte plötzlich eine neue Bedeutung erhalten und von Menschen für ihre niederen Zwecke missbraucht werden, literarische Werke neu überdacht werden, finde ich wichtig und richtig. Doch ich möchte auch auf folgendes hinweisen: Ich habe VOM WINDE VERWEHT gelesen und bin kein Rassist geworden. Ich habe mich als Kind über Pippi Langstrumpf und ihrem Vater, dem Negerkönig in Taka-Tuka-Land amüsiert und bin kein Rassist geworden. Ich habe auch Agatha Christies Krimi UND DANN GAB’S KEINES MEHR, in dem der alte Kindereim „Zehn kleine Negerlein“ eine entscheidende Rolle spielt, mit Freude gelesen und bin kein Rassist geworden. Kein Mensch wird ein Rassist, weil er diese Bücher gelesen hat. Ein Mensch wird ein Rassist, weil er in seinem gestörten Weltbild eine verabscheuungswürdige Ideologie verinnerlicht hat und somit zu großmütigen Gesten wie Toleranz und Menschlichkeit, die wichtige Säulen unserer Gesellschaft sind, nicht fähig ist.

So bin ich der Meinung, dass Bücher immer vor dem Kontext ihrer zeitlichen Entstehung gelesen werden sollten. Vor 96 Jahren, als dieser Roman entstand, galt ein anderes Gesellschaftsbild: Auch Agatha Christie war ein Kind ihrer Zeit und spiegelte in ihren Romanen das wieder, was die frühere Gesellschaft ihr präsentierte. Autor*innen, die ihre Werke unter dem Einfluss der damaligen Zeit verfassten, aus heutiger Sicht Antisemitismus bzw. Rassismus vorzuwerfen, halte ich für unangebracht. Ich verstehe mich als mündigen Leser und glaube einen Text auch dementsprechend einordnen zu können.

Schon häufig habe ich Rezensionen gelesen, in denen mit einem Aufschrei der Empörung darauf hingewiesen wurde, dass gewisse Formulierungen in der heutigen Zeit so nicht mehr „politically correct“ sind. Und ich gebe den Verfasser*innen dieser Rezensionen Recht – wenn es sich dabei um aktuelle Werke lebender Autor*innen handelt.

Doch auch bei älteren Werken spricht nichts gegen eine Neuübersetzung, wenn diese nicht mit einer sprachlichen Glättung bzw. inhaltlichen Verfälschung einhergeht. Und damit bin ich (endlich) beim Grund dieser Rezension angekommen: Bei der brillanten Kriminalgeschichte aus der Feder einer ebenso brillanten Autorin…

Zehn Männer und Frauen aus ganz unterschiedlichen Kreisen bekommen eine Einladung, die sie auf eine abgeschiedene Insel vor der Küste Devons lockt. Der Gastgeber, ein gewisser U.N. Owen, bleibt unsichtbar. Erst als die Gesellschaft beim Dinner zusammensitzt, ertönt seine Stimme aus einem alten Grammophon und verheißt Unheil. Ein Gast nach dem anderen kommt zu Tode, während die Verbleibenden verzweifelt versuchen, den Mörder zu enttarnen…

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Was soll/kann ich über diesen absoluten Klassiker der Kriminalliteratur noch sagen, was nicht schon tausendfach publiziert wurde? Natürlich könnte auch ich zeilenlang über den raffinierten Aufbau der Geschichte, die gelungene Charakterisierung der Figuren und die geschliffenen Dialogen schwadronieren. Zudem könnte ich mich huldvoll äußern, dass ich es durchaus nachvollziehbar finde, dass dieses Werk zu den meistverkauften Kriminalromanen aller Zeiten zählt. Dies alles (und noch viel mehr) könnte ich schreiben. Doch wozu? Vielmehr möchte ich mein Augenmerk den beiden mir vorliegenden Übersetzungen schenken.

Bei der früheren Fassung des Romans in der Übersetzung von Sabine Deitmer, die im Fischer-Verlag erschien, war folgende Anmerkung des Verlages zu lesen: Leider ließen sich im Text dieses Buches Bezeichnungen wie „Nigger Island“ und „Zehn kleine Negerlein“ nicht vermeiden, da Agatha Christie den ganzen Roman auf dem Kinderreim von Frank Green aus dem Jahre 1869 aufgebaut hat […]. Diese Bezeichnungen zu ändern würde bedeuten, das Buch völlig unverständlich zu machen. Wir bitten daher um Verständnis für Bezeichnungen, die heute diskriminierend wirken, was weder von der Autorin noch vom Verlag beabsichtigt war. Und so war ich sehr neugierig, wie Eva Bonné dieses „Problem“ in ihrer Neuübersetzung lösen würde.

Wie gekonnt Eva Bonné die bereits erwähnten Bezeichnungen entschärft, ohne den Ablauf der Geschichte zu verfälschen, verdient meinen Respekt. Aus „Nigger Island“ wird „Soldier Island“, und der bekannte Kinderreim wird so raffiniert zu „Zehn kleine Kriegerlein“ umgedichtet, dass er sich passgenau an den Ablauf der Handlung anschmiegt. Zudem passt dieser Kniff auch in die damalige Zeit, in der die Geschichte spielt: Der Roman erschien im Jahre 1939, und der Beginn des zweiten Weltkrieges warf schon dunkle Schatten.

Sowohl Sabine Deitmer wie auch Eva Bonné haben vorzügliche Arbeit geleistet. Ihre Übersetzungen befinden sich auf einem ähnlich hohen Niveau. Alle, die ein altes Exemplar aus dem Fischer-Verlag ihr Eigen nennen, müssten somit nicht zwingend die Neu-Auflage aus dem Atlantik-Verlag erwerben.

Doch für mich ist es immer eine Freude, zwei Versionen einer Geschichte zu besitzen und sie so miteinander vergleichen zu dürfen – vor allem, wenn ich spüre, dass (wie im vorliegenden Fall) ein wunderbarer Klassiker der Kriminalliteratur liebevoll behandelt und mit Respekt bedacht wurde.


erschienen bei Atlantik / ISBN: 978-3455016949 / in der Übersetzung von Eva Bonné

[Rezension] Andrea Tuschka – STILLE POST/ mit Illustrationen von Rebekka Stelbrink

Ein neues Jahr hat begonnen: Wenn ich auf meine ersten Rezension in einem Neuen Jahr zurückblicke, dann hat sich in den letzten Jahren beinah so etwas wie eine kleine Tradition entwickelt. Nur allzu gerne bin ich ins Jahr mit der Rezension eines Bilderbuches gestartet. Warum sollte ich also in diesem Jahr mit dieser schönen Tradition brechen?! 😊

Bär und Maus sind beste Freunde. Eines schönen Tages aber streiten sie sich fürchterlich. Aus lauter Wut, weil der Bär einfach zornig nach Hause gegangen ist, lässt die Maus ihm ausrichten, dass sie ihn nie wieder sehen will! Doch die Nachricht, die bis zur Bärenhöhle am Berggipfel überbracht werden sollte, kommt, weitergenuschelt und -gemurmelt, schließlich so ganz anders an als geplant. Was für ein Glück für Maus und Bär! Inzwischen tut es den zerstrittenen Freunden nämlich ganz schrecklich leid und sie vermissen sich sehr. Der Versöhnung steht nichts mehr im Weg.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Wie gerne haben wir als Kinder „Stille Post“ gespielt und uns dabei gar köstlich amüsiert, wenn am Ende etwas völlig anderes, wenn nicht sogar wahnwitziges herauskam, als das, was die ursprüngliche Nachricht war. Als Kinderspiel völlig harmlos kann diese Vorgehensweise im Alltag etliche Tücken beinhalten. Kommunikation zwischen zwei Personen funktioniert am besten auf dem direkten Wege. Eine Bitte wie „Richte XY bitte aus, dass…!“ an einen Dritten birgt zwangsläufig die Gefahr, dass Fehler in der Übermittlung passieren. Dabei unterstelle ich dem Überbringer der Nachricht noch nicht einmal Böswilligkeit. Viel zu viele Faktoren spielen dabei eine Rolle, die Einfluss auf unsere Wahrnehmung nehmen.


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So ergeht es auch all den Tieren in Andrea Tuschkas charmanter Geschichte, die alle ihr Bestes geben, die Nachricht der Maus korrekt an den Bären weiterzuleiten. Doch wie im wahren Leben gerät der gute Wille ins Straucheln, und heraus kommt eine ganz andere Nachricht. Zum Glück, denn sonst wären unsere beiden Held*innen wahrscheinlich immer noch zerstritten, und das wäre doch zu schade, oder? So ganz nebenbei vermittelt die Autorin ihren jungen Leser*innen, wie Kommunikation funktionieren sollte: respektvoll und auf dem direkten Weg. Auch zeigt sie mit der Wahl ihrer Held*innen (Maus und Bär), dass sich eine Freundschaft völlig unabhängig von der Herkunft entwickeln kann und auch stark genug ist, um eine Meinungsverschiedenheit zu überstehen.

Rebekka Stelbrink hat diese Geschichte nicht einfach „nur“ illustriert: Vielmehr hat sie zu Pinsel, Schere, Papier, Stifte, Aquarell- und Acrylfarbe gegriffen, um daraus – ganz analog – Papiercollagen zu kreieren. Äußert filigran und mit viel Liebe und Geduld ließ sie so die Welt rund um Maus und Bär entstehen. Dabei erschuf sie dreidimensionale Welten, die mich mit vielen witzigen Details begeisterten und amüsierten: Da schlummern die Eulen in ihrer Baumhöhle, hinter einem Strauch lugt der Schwanz des Fuchses hervor, im Fluss tummeln sich die Fisch zwischen dem Farn, und der Waschbär hängt seine frischgewaschene Wäsche auf. Doch ihr besonderes Augenmerk legte die Künstlerin auf unsere beiden Hauptprotagonist*innen, die ihr absolut entzückend gelungen sind und eine ansteckende Positivität ausstrahlen. In ihrer Farbgebung blieb sie wohltuend dezent natürlich und zeigt trotzdem eine immense Variationsbreite.

Ein gutes Bilderbuch vermittelt seine Botschaft(en) nie plakativ. Vielmehr ermöglicht es seinen jungen Leser*innen, sich der Geschichte auf verschiedenen Ebenen anzunähern und bietet ihnen somit Raum für Phantasie und Interpretation. Andrea Tuschka und Rebekka Stelbrink ist dies bei ihrer entzückenden Geschichte STILLE POST gar vortrefflich gelungen.


erschienen bei Bohem / ISBN: 978-3959392358
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Charles Dickens – EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE/ mit Illustrationen von Lisa Aisato

Es ist wohl eine der bekanntesten und beliebtesten Geschichten der Welt: Charles Dickens A CHRISTMAS CAROL. Darum wäre es für mich auch müßig, überhaupt auch nur ein Wort zu diesem Klassiker der Weltliteratur zu verlieren. Ebenso müßig ist es hierbei, der jeweiligen Übersetzung übermäßig Aufmerksamkeit zu schenken, da alle Übersetzer*innen eine großartige Arbeit geleistet haben. Oftmals sind es nur Nuancen, die für mich ausschlaggebend sind, welche Fassung mir als Vor-Leser geschmeidiger über die Lippen kommt. Da die mir vorliegenden Übersetzungen alle auf einem ähnlich hohen Niveau sind, wäre ich allerdings als „purer“ Leser nicht fähig, einen Favoriten zu küren. Da empfinde ich die unterschiedliche Benennung des Titels schon verwirrender: Neben EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE taucht auch EIN WEIHNACHTSMÄRCHEN und EIN WEIHNACHTSLIED als Titel ein und derselben Geschichte auf.

Also erlaube ich mir, mein Augenmerk auf die optische Umsetzung zu legen. Zumal ich bereits zwei Mal das Vergnügen hatte, eine illustrierte Fassung rezensieren zu dürfen. Während ich bei Lisbeth Zwergers Illustrationen die schlichte Zurückhaltung schätze, begeistern mich die Bilder von Patrick James Lynch mit ihrer atmosphärischen Detailgenauigkeit.


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Für die Illustration der vorliegenden Fassung war nun die norwegische Künstlerin Lisa Aisato verantwortlich. Wie ihre beiden Vorgänger*innen konnte auch sie mich dank ihres sehr eigenen Stils vollkommen überzeugen.

Sie schuf wahre Kunstwerke: detailreich, phantasievoll, sphärisch.

Ihre Figuren gefallen durch einen ironisierenden Realismus. Ihre Physiognomie erscheint etwas überhöht, gefällt aber durch Skurrilität und einer liebevollen Kauzigkeit. Es sind Charakterköpfe, die ich im klassischen Sinne nicht als schön bezeichnen würde. Dafür lässt sie die Gesichter „sprechen“: Die Empfindungen sind den Figuren ins Gesicht geschrieben, und Lisa Aisato zeigt kunstvoll, wie sich die Mimik durch die unterschiedlichen Gefühlsregungen verändert. Besonders eindrucksvoll empfand ich die Veränderung von Scrooges Gesicht zu Beginn der Geschichte im Vergleich zum Ende: Ein Lächeln bewirkt wahre Wunder!

Doch auch das Setting, in dem unsere Held*innen agieren, gestaltete sie atmosphärisch dicht mit einem Touch in Richtung Aquarell, der die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit fließend erscheinen ließ. Dabei wählt sie interessante Perspektiven und einen abwechslungsreichen Bildaufbau.

Welcher illustrierten Fassung würde ich nun den Vorrang geben? Ich kann es nicht sagen! Eine Entscheidung fiele mir schwer. Jede Künstlerin und jeder Künstler hat eine sehr persönliche Handschrift und eröffnet mir so immer wieder neue und überraschende Blickwinkel auf eine Geschichte, die ich so sehr liebe.

Umso schöner ist es, dass ich mich nicht entscheiden muss!


erschienen bei Woow Books / ISBN: 978-3039670024 / in der Übersetzung von Gabriele Haefs

[Rezension] Waltraud Ferrari – DIE BRÜCKE AUS EIS

Es ist schon einige Zeit her, da war ich mit der Autorin Waltraut Ferrari aus gänzlich anderen Gründen im Kontakt – nicht wissend, dass sie als Kinderbuch-Autorin tätig ist. Und dann trudelte im vergangenen Jahr völlig überraschend ihr aktuelles Buch bei mir ein. Zum besagten Zeitpunkt war meine Planung zur Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST schon gänzlich abgeschlossen, und – wie in jedem Jahr – warteten bereits etliche Leseexemplare auf meine Rezension. So musste ich Frau Ferrari bedauerlicherweise vertrösten. Doch umso gespannter war ich nun auf ihre Geschichte und freute mich auf gemütliche Lesestunden…

Wundervoll und unheimlich ist es hier: Albin und Valeria sind mit Oma Klara weit ins Wintertal gewandert, um Tannenzweige zu sammeln. Was sie spüren, aber nicht sehen: Lucius Silberpfote, der Bote aus dem „lichten Reich”, ist ihnen auf der Spur. Der Luchs wittert: Die beiden Kinder können die geheimnisvollen Aufgaben und Rätsel lösen. Und die „Brücke aus Eis“ finden, die die reale Welt und das lichte Reich verbindet, ins „Innere“ führt. Unterstützt von den Schneefrauen und den Herren der wilden Fröste begeben sich Albin und Valeria auf eine Abenteuerreise.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Waltraut Ferrari bedient sich bei ihrer Geschichte durchaus bekannter Zutaten: Da gibt es eine geheimnisvolle Burg mit einem verschollenen Kunstwerk (Achtung: Nebenhandlung!) sowie sprechende Tiere und mystische Wesen. Natürlich darf auch der erwachsene Freund der Kinder nicht fehlen, der gerne als Retter in der Not auftaucht. Im Mittelpunkt steht natürlich unser*e Held*in: Albin und Valeria, zwei Kinder von unterschiedlicher sozialer Herkunft, die sich angefreundet habe. Dann gibt es noch Valerias Oma Klara, die zufrieden im Einklang mit der Natur lebt („Oma Klaras Lieblingsrezepte“ gibt es im Anhang des Buches), und die Mutter von Albin, die eher modern orientiert ist und der die Freundschaft ihres Sohnes zu Valeria anfangs alles andere als recht zu sein scheint.

Schon befürchtete ich, es würde sich eine unnötige und ermüdende Dramatik à la „überkandidelte Reiche“ vs. „bodenständige Arme“ entwickeln und mit dem erhobenen Zeigefinger der Moral gewedelt werden. Ich bin der Meinung, wenn ein*e Autor*in es nötig hat, die Handlung mit solchen platten Attitüden künstlich aufzublasen, um so Spannung zu erzeugen, die/der sollte doch bitte die Hände von der Schreiberei lassen. Bei Ferrari ist die Reaktion der Mutter eher der Sorge (gepaart mit ein klein wenig Eifersucht) geschuldet, da sie die Freunde ihres Sohnes noch nicht ausreichend kennt bzw. einschätzen kann. Doch sie ist bereit, dies nachzuholen und zu lernen.

Allgemein sind die Personen sehr generös zueinander. Hier steht ein friedliches und unterstützendes Miteinander im Vordergrund. Es geht um Menschlichkeit und Respekt, die Pflege von Freundschaften und die Förderung des Gemeinsinns. Ein echter Antiheld, der Reibungsfläche bieten und somit für Spannung sorgen könnte, sucht man vergebens.

Apropos Spannung: Diese zieht die Geschichte im Wesentlichen daraus, dass die Autorin sich bei ihrer märchenhaften Geschichte nicht auf ein bestimmtes Genre festnageln lässt. Wir Deutschen denken ja so gerne in Schubladen und brauchen eine deutliche Zuordnung. Waltraut Ferrari verweigert uns diese. Stattdessen nimmt sie Anleihen bei den Romanen von Enid Blyton, vermengt dies mit ein wenig Fabel und würzt alles mit einer Prise nordischer Mythologie. Damit revolutioniert sie zwar nicht die Kinderbuch-Szene, fügt aber eine weitere charmante Farbnuance hinzu, die sich nie plakativ in den Vordergrund drängt.

Vielmehr gab sie mir als Leser den Impuls, sich meiner eigenen Phantasie bewusst zu werden und sich ihr hinzugeben. Als ich diese reizende Geschichte las, startete der Projektor meines Kopfkinos und löste eine Flut an Bildern aus. So entstanden z. Bsp. beim Lesen der Szenen, die bei den Schneefrauen und den Herren der wilden Fröste spielten, vor meinem inneren Auge ein detailreiches Szenario wie aus einem der wundervollen tschechischen Märchenfilme.

Waltraut Ferrari schickt mit ihrem Roman einen Appell an die Leser*innen, dass wir in unserem lauten und hektischen Alltag auch Platz für die leisen Momente schaffen, in denen wir eine heilsame Stille zulassen, wahrnehmen und genießen können. So ist der Autorin eine wahrlich phantasievolle Geschichte gelungen, die mit einer wunderbar wohltuenden Ruhe erzählt wird.


erschienen bei leykam / ISBN: 978-3701181643
Ich danke der Autorin herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!