[Rezension] Heinrich Spoerl – DIE FEUERZANGENBOWLE

„Ein Loblied auf die Schule – aber es ist möglich, dass die Schule es nicht merkt.“
Heinrich Spoerl

Es gibt Filme, die scheinen nie zu altern. Natürlich sieht man ihnen die Jahre an: Regie, Kameraführung sowie Erzählstil und -tempo waren damals anders. Auch die Art des Schauspiels unterschied sich durchaus gegenüber moderneren Filmen. Und trotzdem bleibt diese unbeschwerte Frisch erhalten, konserviert auf Zelluloid und – im besten Fall – für die nachfolgenden Generationen sanft remastert und digitalisiert. Als vor 80 Jahren Heinz Rühmann erstmals die Primaner-Mütze zum Gruße lupfte und keck in die Kamera lächelte, hätte wahrscheinlich niemand damit gerechnet, dass dieser Film irgendwann zu den Klassikern des deutschen Kinos zählen würde.

Dabei standen die Sterne für diesen Film anfangs wenig günstig: Der Reichserziehungsminister versuchte die Freigabe des Films zu verhindern, da er in ihm die Autorität der Schule und der Lehrer gefährdet sah. Zumal es aufgrund des 2. Weltkrieges einen massiven Lehrermangel gab. Zudem verzögerte Heinz Rühmann absichtlich immer wieder die Dreharbeiten zum Film, um so die Einberufung der jungen Darsteller zum Kriegsdienst möglichst lange hinauszuschieben.

Umso erstaunlicher ist es, dass dieser Film trotz aller widrigen Umstände eine launige Leichtigkeit ausstrahlt. Auch die Hörspielfassung aus dem Jahre 1970 mit Hans Clarin als „Pfeiffer mit drei Eff“ konnte sich diese freche Unbeschwertheit bewahren. Als ich im letzten Jahr meine Rezension zum Hörspiel verfasst, keimte in mir der Wunsch, endlich auch die literarische Vorlage kennenzulernen.

Bei einer launigen Stammtischrunde, die durch Genuss besagter Feuerzangenbowle noch angeheizt wurde, schwelgen die anwesenden Herren in Erinnerungen an ihre Schulzeit. Ja, das waren noch Zeiten, als sie jung und mit Flausen im Kopf Streiche gegen die Pauker ausheckten und sich zum ersten Mal in die Schülerinnen des benachbarten Mädchen-Gymnasiums verliebten. Einzig Dr. Johannes Pfeiffer kann keine Anekdoten beitragen, da er privat unterrichtet wurde. Seine Freunde sind entsetzt: Die beste Zeit im Leben eines jungen Mannes blieb ihm verwehrt. Dieser Umstand muss schleunigst geändert werden. Kurzerhand werden entsprechende Unterlagen fingiert, Pfeiffer passend ausgestattet und auf das Gymnasium einer Kleinstadt verfrachtet. Seine Verlobte Marion ist ganz und gar nicht entzückt. Dafür ist Pfeiffer umso entzückter von der reizenden Eva, der Tochter des Direktors seiner Penne…!

Er hatte ja so recht, der Herr Spoerl: Es ist wirklich ein Loblied auf die Schule. Da skizziert er liebevoll seine Figuren, pointiert die Handlungen der Schüler und ironisiert mit Herz die Eigenarten der Lehrer. Der Autor ergreift keine Partei: Alle sind bei ihm gleichwertig. Es wird nicht über- oder sogar gegeneinander gelacht, man lacht gemeinsam!

Damit ist DIE FEUERZANGENBOWLE der literarische Gegenentwurf zu Heinrich Manns PROFESSOR UNRAT aus dem Jahre 1905. Dort wird die Schule zu einem Kriegsschauplatz für willkürliche Bestrafungen, wo Schüler und Lehrer wie verfeindete Parteien aufeinanderprallen. Hier wirken die Schelmenstücke von Hans Pfeiffer und seinen Kameraden wie harmlose Lausbubenstreiche, die nie über die imaginäre Grenze des Anstandes hinausgehen und so vom Respekt, den die Schüler gegenüber ihren Lehrern (aber ebenso auch umgekehrt) empfinden, zeugt.

Spoerls Sprache ist schnörkellos, unprätentiös, beinah unpathetisch. Klar, schlank und ohne viel Firlefanz gönnt er der Geschichte den nötigen Raum, um zu atmen, um sich zu entfalten. Übermäßige Beschreibungen sucht man hier vergebens: Was sollte er auch detailreich beschreiben, das der damaligen Leserschaft nicht schon mehr als zur Genüge aus eigenem Erleben bekannt war. Lieber skizzierte er mit sicherem Strich die prägnanten Charaktere seiner Figuren. Dabei beherrschte er die Kunst, die schmale Grenze zur Karikatur nicht zu überschreiten. Nur so stellte er sicher, dass seine Figuren so wunderbar menschlich blieben.

Ja, Herr Spoerl, es ist wahrhaftig ein Loblied auf die Schule:
…charmant, herzerwärmend und sooo lustig!


erschienen bei Droste / ISBN: 978-3770021383

[Rezension] P.D. James – EIN SPIEL ZUVIEL

Es war das Jahr 1962 als ein neuer Kommissar auf der literarischen Bühne der Kriminalromane erstmals in Erscheinung treten sollte. Seine geistige Mutter schuf mit ihm einen Ermittler, der einerseits noch geprägt war von den Traditionen der goldenen Ära des Genres, jedoch gleichzeitig seinen Blick ebenfalls Richtung Modernität wandte. Erst spät folgte P.D. James dem Drang zu schreiben. Vielleicht liegt in dem Umstand begründet, dass die Autorin schon einiges an Lebenserfahrung mitbrachte, warum auch der von ihr erdachte Held so erwachsen, so reif, so in sich ruhend erscheint.

Beinah stoisch geht Adam Dalgliesh in seinem Job vor, den er gewissenhaft, konzentriert und durchaus mit Empathie erledigt. Gleichzeitig umgibt ihn eine Aura des Geheimnisvollen: Vieles gibt die Autorin von ihm nicht preis. Da wird mal hier in einem Nebensatz ein Detail verraten, da fällt mal dort innerhalb eines Dialoges eine Bemerkung. Und doch hatte ich als Leser ein recht klares Bild von ihm vor meinem inneren Auge: Dank seiner Handlungen und Kommentare konnte ich Rückschlusse auf seinen Charakter ableiten. Wobei er sich nie in den Vordergrund drängte. Während bei Agatha Christie und Dorothy L. Sayers die ermittelnden Personen im Fokus der Geschichte stehen, hält P.D. James es ganz mit ihrer Kollegin Josephine Tey und widmet ihrer Aufmerksamkeit dem begangenen Verbrechen.

Auf Martingale Manor, dem Herrenhaus der Maxies, wird das traditionelle Sommerfest gefeiert. Als wäre dies nicht genug Aufregung, muss sich Mrs. Maxie an diesem milden Julitag auch noch mit der Nachricht herumschlagen, dass sich ihr Sohn mit dem neuen Hausmädchen verlobt hat, der ledigen Mutter Sally Jupp. Hinter ihrer Maske aus Tüchtigkeit und Ergebenheit versteckt Sally Gefühle der Verachtung – was den meisten auf Martingale verborgen bleibt. Am nächsten Morgen jedoch wird Sally ermordet aufgefunden. Ein komplizierter Fall für Kommissar Adam Dalgliesh, denn unter der Oberfläche des ländlichen Idylls brodelt es vor Hass und Eifersucht…

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

So legt P.D. James ihren Schwerpunkt auf das Verbrechen und sorgt dafür, dass ich als Leser alle Informationen erhalte, um den Fall (zumindest theoretisch) lösen zu können. Denn selbstverständlich werde ich diesen verzwickten Fall nicht lösen können – ich möchte ihn auch gar nicht lösen. Vielmehr entblätterte sich vor meinen Augen Seite für Seite das komplette Drama, und ich lernte so die beteiligten Protagonist*innen deutlich besser kennen als den Ermittler. Äußerst akribisch – ohne langatmig zu sein – rollt die Autorin die Geschehnisse an den Tagen vor der Tat auf und bietet Einblicke in die Gefühlswelten der Figuren. Peu à peu offenbart sich der wahre Charakter der handelnden Personen hinter ihren so sorgsam inszenierten Fassaden. Äußerst klug und in bester „Whodunit“-Manier präsentiert uns James eine erlauchte Auswahl an Verdächtigen, aus der wir – ähnlich einer Süßigkeit aus einer Pralinenschachtel – unseren Favoriten/unsere Favoritin wählen dürfen.

Doch auch das Opfer wird eingehend beleuchtet: Ist sie denn wirklich das unschuldige Opfer? Oder hat diese durch und durch berechnende Person nicht vielmehr ihren eigenen Beitrag geleistet, mit dem sie sich selbst in die Rolle des Opfers manövriert hat? Vielleicht hat sie wirklich „Ein Spiel zuviel“ gespielt? Bei der Autorin ist das Opfer aufgrund ihres ambivalenten Auftretens nicht zwangsläufig ein Sympathieträger. Vielmehr erzeugt sie mit ihrem Verhalten (manchmal unbewusst, manchmal kalkuliert) bei ihrem Gegenüber eine entsprechende Gegenreaktion und ist so die Projektionsfläche für die jeweiligen Emotionen.

Doch abermals zurück zum Helden: Ich fand es sehr erstaunlich, dass ein Protagonist, von dem ich so wenige Details kenne, eine umso größere Anziehungskraft auf mich ausübte. Und natürlich stellte ich mir selbst die Frage nach den Gründen. Die noble Zurückhaltung gepaart mit einem respektvollen und freundlichen Auftreten sind wesentliche Merkmale seines Charmes. Ja, vielleicht macht genau diese Paarung den besonderen Reiz aus, der mich veranlassen wird, mehr von ihm in Erfahrung zu bringen.

Adam Dalgliesh! Wir sehen uns wieder!


erschienen bei droemer / ISBN: 978-3426306727 / in der Übersetzung von Wolfdietrich Müller

VORLESEWETTBEWERB 2023/24: And the winner is…

Wenn ich jetzt – wie in den vergangenen Jahren – meinen Bericht zum Vorlesewettbewerb wieder mit dem bekannten Zitat aus „Dinner for One!“ eröffne, dann könntet Ihr mir durchaus mangelnde Originalität vorwerfen. Zwar beschreibt dieses „The same procedure as every year!“ durchaus die Situation des Abends: Der offizielle Ablauf der Veranstaltung ist Jahr für Jahr identisch. Doch: Irgendwie ist es jedes Jahr auch immer wieder ganz anders…!


Die Kids müssen 2 Runden absolvieren. In der ersten Runde stellen sie innerhalb von 3 Minuten einen Auszug aus ihrem Wahlbuch incl. einer erklärenden Einleitung vor. Die Jury entscheidet dann über Lesetechnik, Textgestaltung und Textverständnis. Bei der zweiten Runde erhalten die Kids einen ihnen unbekannten Text und werden von der Jury in Lesetechnik und Textgestaltung bewertet. Dann zieht sich die Jury zur Beratung zurück, zählt die jeweils vergebenen Punkte zusammen und diskutiert manchmal durchaus kontrovers, bis dann endlich die/der Sieger*in feststeht und bekanntgegeben werden kann.


Soviel zum offiziellen Teil der Veranstaltung, der recht wenig Raum für Abweichungen bietet, nicht bieten darf, da sonst eine Vergleichbarkeit mit den Entscheiden in anderen Landkreisen nicht gewährleistet ist. Und doch sitze ich jedes Jahr voller Freude in der ersten Reihe, mein Klemmbrett mit dem Bewertungsbogen auf dem Schoß, und lausche gespannt den Vorträgen der Kids. Denn genau sie machen jeden Vorlesewettbewerb zu einem einzigartigen Erlebnis.

Da nahm uns Elias mit auf MEIN ABENTEUER ALS SCHUL-NINJA (von Marcus Emerson). Clara erlebte mit DER KLEINE HOBBIT (von J.R.R. Tolkien) viele Abenteuer. Trotz UNTER NULL GRAD (von Ele Fountain) brauchten wir bei Nelle nicht zu frieren. Michelle hatte sich für MEIN LEBEN IN SMILEYS (von Anne Kalicky) entschieden. Luca suchte EIN ZUHAUSE FÜR BRUNHILDE (von Mirjam Müntefering). Luna Marie vergoss WEISSE TRÄNEN (von Kathrin Schrocke). Clemence ging mit GANGSTA-OMA (von David Walliams) auf Diebeszug. Und Juna berichtete uns von CHARLY, MEINE CHAOSFAMILIE & ICH (von Tamsyn Murray).

Auch das Themen-Spektrum hat sich bei den Kinder- und Jugendbüchern im Laufe der Jahre stark erweitert: Neben den allzeit bekannten und beliebten Abenteuer- und Fantasy-Geschichten werden in der Kinder- und Jugendliteratur nun auch der Umgang mit modernen Medien, der Klimawandel und Rassismus thematisiert. Zudem freut es mich immer außerordentlich, wenn auch die Klassiker der Jugendliteratur sich hin und wieder mal blicken lassen und signalisieren: „Hallo! Wir sind noch da!“.

In der Jury war ich in diesem Jahr von zwei „Grünschnäbel“ umrahmt, d.h. meine beiden Mitstreiterinnen waren zum ersten Mal Teil der Jury des Vorlesewettbewerbs. An meiner rechten Seite saß Barbara Arzenscheg, langjährige Leiterin der Gemeindebücherei in Ritterhude, und mir natürlich bekannt, da besagte Bücherei für mich als Kind über Jahre mein literarischer Zufluchtsort war. Auf meiner Linken saß Jule Gogolin, diesjährige Praktikantin in der Buchhandlung „die schatulle“. Ute und Sabine Gartmann hatten schon im vergangenen Jahr die wunderbare Idee, ihre*n jeweilige*n Praktikant*in zu bitten, dieses Amt zu übernehmen. Denn schließlich sind die jungen Leute sowohl bezüglich der Erlebniswelt wie auch altersmäßig näher an den Vorlesenden – als so’n alter Knacker wie ich. 😄

Auch war die Entscheidung der Gartmann-Schwestern gut und richtig, alle Teilnehmenden direkt nach den Vorträgen mit Urkunde, Buch und einem großen Applaus zu beschenken. Erst danach zog sich die Jury zur Beratung zurück, und bei der anschließenden Verkündung gehörte dieser besondere Moment ganz und gar der Siegerin.

Ja, in diesem Jahr gab es eine Siegerin: Clara von Lingen hatte nicht nur ihr Wahl-Buch mit einer tollen Einleitung präsentiert und den ihr bekannten Text abwechslungsreich vorgetragen, auch der Fremd-Text wurde von ihr souverän gemeistert (Stichwort: regenbogenfarbener Wollflusen). Nun darf sie sich verdientermaßen auf Bezirksebene messen.

HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH! 


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[Rezension] Erich Kästner – DAS MÄRCHEN VON DER VERNUNFT/ mit Illustrationen von Ulrike Möltgen

Noch bevor ich auch nur ein einziges Wort von der Hauptgeschichte lesen konnte, fiel mein Blick auf diesen Zusatz im vorderen Teil des Buches:

„Erich Kästners Werke erscheinen im Atrium Verlag in ihrer originalen Textgestalt. Die Sprache hat sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt, manche Begriffe werden nicht mehr oder anders verwendet. Aus urheberrechtlichen Gründen wurde darauf verzichtet, Kästners Sprache – die eines aufgeklärten Moralisten und Satirikers – dem heutigen Sprachgebrauch anzupassen.“

Ich las und jubelte innerlich! Der Atrium Verlag ist nicht dem momentanen Trend verfallen, die Texte deutscher Autor*innen zu modernisieren und dem momentanen Sprachgusto anzupassen. Ich gewinne eh den Eindruck, dass diese Unsitte vornehmlich hier in unserem Land praktiziert wird – oder kann sich irgendjemand ernsthaft vorstellen, dass die Engländer ihren Shakespeare oder die Franzosen die Texte von Molière dem heutigen Sprachgebrauch angleichen? Natürlich ist die Sprache immer Veränderungen unterworfen, und das ist auch gut und schön und richtig. Doch für mich als Leser und vor allem als Vor-Leser ist es immer wieder eine freudige Herausforderung, mich der Sprachmelodik vergangener Zeiten zu stellen, um mich an ihrer Schönheit zu erfreuen. Sprache zu entdecken – sei es die Muttersprache oder die Sprache eines anderen Landes – stellt eine ganz besondere, beinah sinnliche Erfahrung dar. So danke ich dem Atrium Verlag von ganzem Herzen für ihre klare Haltung, die von gesundem Menschenverstand und Vernunft zeugt.

Womit wir direkt beim Thema wären: Aus Kästners scheinbar unerschöpflicher Wundertüte DER TÄGLICHE KRAM. CHANSONS UND PROSA 1945-1948 wählte der Verlag als illustrierte Neu-Auflage zu seinem Geburtstag eben genau DAS MÄRCHEN VON DER VERNUNFT aus.

Ein alter Mann, reich und angesehen, hat leider diese dumme Angewohnheit, sich vernünftige Dinge auszudenken und seine Gedanken auch noch öffentlich kundzutun. Die Staatshäupter und Staatsoberhäupter hören sich Zähne knirschend immer wieder seine in ihren Augen wirren Vorschläge an. Nun sitzt der alte Mann abermals mit einer seiner vernünftigen Ideen vor ihnen und behauptet, er wüsste, wie sie langfristig Zufriedenheit für alle Menschen auf der Erde schaffen könnten. Es würde nur die lächerliche Summe von einer Billion Dollar kosten, genau die Summe, die auch der letzte Krieg gekostet hätte. Die Staatshäupter und Staatsoberhäupter sind empört über diesen irrsinnigen Vorschlag. Doch der alte Mann lässt sich nicht beirren: Warum darf ein langer Friede nicht ebenso viel wert sein wie ein langer Krieg?


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Und wieder kleidete Ulrike Möltgen Kästners Geschichte in ihren kollagenartigen Illustrationen ein. In atmosphärischen Bildern, die einer Theater-Inszenierung würdig wären, versieht sie den namenlosen Helden mit dem Konterfei Kästners. Auch lässt sie bei den Staatshäupter und Staatsoberhäupter so manches bekannte Gesicht auf der Bühne erscheinen. Dabei arbeitet sie mit einer deutlichen Symbolik: Da umgibt die hohen Herren eine Art Blase, die wohl verdeutlichen soll, dass alles, was sich außerhalb befindet, nicht für die Herrschaften von Interesse ist. Ähnliches drücken die identischen Masken mit ihrer neutralen bis desinteressierten Mimik aus, die die Staatsmänner sich vor ihre Gesichter halten. Auch sitzt der alte Mann, der in einem Harlekin’eskem Sakko gekleidet ist, bei seinen Gesprächen mit den hohen Tieren an einem Tisch, der eine frappierende Ähnlichkeit mit dem bekannten Tisch von Vladimir Putin aufweist.

Abermals zeigte Kästner mit dieser Geschichte sein herausragendes Können, mit schlichten Mitteln hinter die Fassaden des gesellschaftlichen Konformismus zu blicken, um beinah lapidar-harmlos auf vorhandene Missstände hinzuweisen. Einerseits ist Kästners Geschichte fest mit seiner Entstehungszeit und den noch sehr frischen Eindrücken des 2. Weltkrieges verhaftet, andererseits hat sie bedauerlicherweise nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Denn die beinah kindlich-naive Frage des alten Mannes „Warum darf ein langer Friede nicht ebenso viel wert sein wie ein langer Krieg?“ hat leider auch noch heute seine gültige Berechtigung. Kästner stellte eine scheinbar einfache Frage, auf die er wohl nie eine vernünftige Antwort erhalten hat. Wie auch? Sie blieb bis heute unbeantwortet. Doch seine Frage implementiert den Gedanken zu einer weiteren, viel wichtigeren Frage:

„Sollte der Friede nicht mehr wert sein als ein Krieg?“


erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3855350704

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Noch ein Gedicht…] Erich Kästner – DER FEBRUAR

Nordwind bläst. Und Südwind weht.
Und es schneit. Und taut. Und schneit.
Und indes die Zeit vergeht
bleibt ja doch nur eins: die Zeit.

Pünktlich holt sie aus der Truhe
falschen Bart und goldnen Kram.
Pünktlich sperrt sie in die Truhe
Sorgenkleid und falsche Scham.

In Brokat und seidnen Resten,
eine Maske vorm Gesicht,
kommt sie dann zu unsren Festen.
Wir erkennen sie nur nicht.

Bei Trompeten und Gitarren
drehn wir uns im Labyrinth
und sind aufgeputzte Narren
um zu scheinen, was wir sind.

Unsre Orden sind Attrappe.
Bunter Schnee ist aus Papier.
Unsre Nasen sind aus Pappe.
Und aus welchem Stoff sind wir?

Bleich, als sähe er Gespenster,
mustert uns Prinz Karneval.
Aschermittwoch starrt durchs Fenster.
Und die Zeit verläßt den Saal.

Pünktlich legt sie in die Truhe
das Vorüber und Vorbei.
Pünktlich holt sie aus der Truhe
Sorgenkleid und Einerlei.

Nordwind bläst. Und Südwind weht.
Und es schneit. Und taut. Und schneit.
Und indes die Zeit vergeht,
bleibt uns doch nur eins: die Zeit.

Erich Kästner

[Rezension] Erich Kästner – DAS MÄRCHEN VOM GLÜCK/ mit Illustrationen von Ulrike Möltgen

Es ist das Jahr 1945: Deutschland kämpft mit den Folgen des 2. Weltkrieges, und Erich Kästner übernimmt die Leitung des Feuilletons der „Neuen Zeitung“ in München. Nun, wo die Nazis nicht mehr an der Macht sind, darf er auch wieder schreiben. Dies tut er auf seine eigene, unnachahmliche Art. Es entstehen brillante Satiren und feinfühlige Reportagen, er schreibt für Kabarett und Rundfunk. Mit DER TÄGLICHE KRAM. CHANSONS UND PROSA 1945-1948 (aus dem auch die vorliegende Geschichte stammte) schenkt er den nachfolgenden Generationen einzigartige Einblicke in das Leben in einem Land nach dem Zusammenbruch.

„Es handelt sich um eine bunte, um keine willkürliche Sammlung. Sie könnte, im Abglanz, widerspiegeln, was uns in den drei Jahren nach Deutschlands Zusammenbruch bewegte. Worüber man nachdachte. Worüber man lächelte. Was uns erschütterte. Was uns zerstreute.“ Erich Kästner

Als hellwacher Chronist deutscher Nachkriegsgeschichte kleidete er seine Glossen oder Kritiken gerne in einen märchenhaften Mantel:

Das sitzt ein junger Mann unglücklich und mit sich und der Welt hadernd auf einer Bank. Plötzlich und gänzlich ohne Vorwarnung taucht ein alter Mann neben ihm auf und gewährt ihm drei Wünsche, damit er endlich ein glücklicher Mensch werde. Der junge Mann ist so verbittert und verbiestert, dass er äußerst leichtsinnig seinen ersten Wunsch verschleudert, nur um den alten Mann loszuwerden. Sein Wunsch wird erfüllt. Nun kommen dem jungen Mann Zweifel, und sein schlechtes Gewissen rührt sich. Denn schließlich kann er den alten Mann dort nicht lassen, wo er ihn hingewünscht hat. Und so opfert er seinen zweiten Wunsch…!


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Glück: Was ist das schon? Können wir Glück erzwingen? Oder ist es nicht vielmehr ein flüchtiges Empfinden, dass genau so schnell wieder verschwindet, wie es erschienen ist? Und wann bin ich glücklich, muss ich glücklich sein, wird erwartet, dass ich glücklich bin. Und warum bin ich nicht glücklich, obwohl das Schicksal, der Zufall oder der liebe Gott es so gut mit mir meinte?

Ulrike Möltgen schuf Illustrationen zwischen Realität und Fantasie. Sie wählte strenge Formen und brach diese durch märchenhafte Komponenten auf. Selbst scheinbar Alltägliches wie fliegende Vögel am Firmament entpuppen sich bei näherer Betrachtung als Origami-Schwäne. Ihr kollagenartiger Stil lässt genügend Freiraum für eigene Interpretationen und bietet doch viele Details für das Auge.

Glück: Was wollte Kästner mit dieser kleinen Parabel ausdrücken? Wer weiß es schon genau? Doch ich könnte mir denken, dass er uns ermutigen wollte, das Glück nicht voller krampfhafter Verzweiflung für sich einzufordern. Besonders das GROSSE Glück klopft äußerst selten an die Tür. Vielmehr gibt er uns einen Fingerzeig, das Glück im Kleinen zu suchen. Denn gerade das kleine Glück lässt sich recht häufig blicken. Und er lehrt uns, nicht allzu verschwenderisch oder unbedarft mit der persönlichen Portion Glück – unabhängig ob sie nun in Gramm, Sekunden oder Wünsche gemessen wird – umzugehen, denn…

„Das Glück ist schließlich keine Dauerwurst, von der man
sich täglich seine Scheibe herunterschneiden kann!“


erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3855351299