[Rezension] Das Buch der Märchen/ ausgewählt und illustriert von Friedrich Hechelmann

Mit „Es war einmal…“ fangen alle Märchen an! Tatsächlich alle? Bei den in diesem Buch versammelten 22 Märchen beginnen nur 8 von ihnen mit diesem bekannten Opener, wovon 7 Geschichten aus der Feder der Brüder Grimm stammen. Ist dies nur ein Zufall und der vorliegenden Auswahl geschuldet? Ich weiß es nicht. Es ist aber auch nicht wichtig. Wichtig ist nur zu wissen, dass Friedrich Hechelmann hier eine abwechslungsreiche Auswahl an bekannten und weniger bekannten Märchen getroffen hat. Dies gilt sowohl für die Werke des schon genannten Brüderpaars (12) als auch für die Märchen von Wilhelm Hauff (3) und Ludwig Bechstein (6). Selbst Eduard Mörike ist mit seinem Märchen „Die Historie von der schönen Lau“ vertreten und bildet den krönenden Abschluss einer gelungenen Zusammenstellung, bei der sich Hechelmann auf die deutschen Märchensammler beschränkt hat.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich einen enormen Nachholbedarf an Märchen von Hauff und Bechstein hatte, und auch Mörike war mir nicht als Märchenerzähler in Erinnerung. Doch dank dieses Märchenbuches konnte ich Abhilfe leisten…!

Märchen regen die Fantasie an, verpacken ihre Botschaft in eine spannende Geschichte und spielen mit Zeit und Raum. Die Charakterisierung der Figuren erfolgt in klaren Grenzen: Menschen mit guten Tugenden werden belohnt und das Böse hart bestraft. Märchen sind in ihrer Aussage oft auch sehr plakativ. Und so gibt es nur wenige Märchenbücher, die ihre Geschichten nicht in Kombination mit Illustrationen präsentierten.

Auch hier war Friedrich Hechelmann sehr aktiv und schuf für jedes Märchen einerseits ganzseitige Illustrationen, andererseits fügte er Bilder hinzu, die durchaus passend aber nicht explizit für dieses Märchen entstanden sind. Bei den Märchenbildern spielt der Künstler teilweise sehr humorvoll mit den Regeln der Dimension, verschiebt die Proportionen der Figuren beinah ins Groteske, präsentiert aber eine kindgerechte Märchenwelt in warmen, satten Farben. Die Illustrationen, die nicht unbedingt dem Märchen zugeordnet werden können, sind deutlich „stiller“. Sie „schreien“ nicht und springen dem Betrachter nicht unbedingt sofort ins Gesicht. Dafür verströmen sie eine zarte, beinah mystische Atmosphäre und zeigen mit der meisterlichen Kombination von Licht, Schatten und Farben eine Tiefe, die einen enormen Sog entwickelt. Die ausgewählten Bilder repräsentieren eine Schaffensperiode von vierzig Jahren.

Erwähnenswert empfinde ich auch die Zeichnungen zu den Anfangsbuchstaben der Märchen: Hier zimmern und bauen zwei Männchen – zum Teil mit einer Leiter bewaffnet – die Buchstaben aus Einzelteilen zusammen. Ein wunderbarer, augenzwinkernder Spaß…!

Ich besitze schon so einige Märchenbücher, und doch kommt von Zeit zu Zeit immer gerne wieder eins dazu!

Mein liebes Cousinchen, ich danke Dir von Herzen für dieses wundervolle Geschenk! ❤


erschienen bei Sanssouci/ ISBN: 978-3990560099

[Rezension] Nina Hundertschnee – Leopeule/ mit Illustrationen von Pe Grigo

Im Nest der Euleneltern liegen 5 Eier: 4 Eier sehen sich sehr ähnlich. Das 5. Ei ist goldgelb mit dunklen Punkten und lässt schon erahnen, dass hier eine besondere Eule aus dem Ei schlüpfen wird. Aber während die Geschwistereulen alle schon dem Ei entsprungen sind, lässt sich Leopeule Zeit mit dem Schlüpfen. Aber Leopeule braucht für alles mehr Zeit: Während die Geschwister ihre Umwelt erkunden, sitzt Leopeule ängstlich im Nest, denn Fliegen kann sie nicht, und hüpfen kann sie nicht, und singen kann sie auch nicht. Dabei wäre Leopeule so gerne wie alle anderen. Doch mit ihrem goldgelben Gefieder mit den dunklen Punkten fällt sie auf, und die anderen Vögel fragen „Was ist das?“. „Ich weiß nicht“, antwortet da Leopeule. „Ich glaube, das bin einfach ich.“ Und trifft mit dieser Aussage den Nagel auf den Kopf. Sie kann zwar nicht viele von den Dingen, die andere Vögel können, aber als einzige bemerkt sie den Fuchs, der sich an die Vögel anschleicht. Da offenbart sich ein Talent, das die anderen Vögel nicht besitzen: …das Talent, Füchse in die Flucht zu schlagen!

Autorin Nina Hundertschnee ist selber Mutter einer „Leopeule“: Ihre Tochter kam mit Trisomie 21 auf die Welt. Sie schuf mit der Illustratorin Pe Grigo ein reizendes Bilderbuch, das das Thema der Andersartigkeit charmant beschreibt. Dank dem ansprechenden Text und den bunten, positiv wirkenden Illustrationen können auch kleinere Kinder erfahren, dass es absolut okay ist, anders zu sein. Diese Andersartigkeit birgt sogar die Chance, mit Talenten zu glänzen, die andere Kinder vielleicht nicht haben.

Die Texte von Nina Hundertschnee sind in einer einfachen, leicht verständlichen Sprache gehalten und bieten viele Anknüpfungspunkte aus dem eigenen Erleben eines Kindes. Pe Grigos Illustrationen greifen diese Einfachheit auf, amüsieren trotzdem mit entzückenden Details (z. Bsp. die zwei einsamen Federn auf Leopeules Kopf) und schaffen für die Handlung eine wahre Bilderbuch-Kulisse.

Dieses Bilderbuch ist ein Plädoyer dafür, dass jedes Kind etwas Besonderes ist, und es auch sein darf! Dank der unterschiedlichen Persönlichkeiten, die uns tagtäglich begegnen, ist unsere Gesellschaft interessant und abwechslungsreich. So gebe auch ich gerne meinen bescheidenen Beitrag zu einer bunten Welt voller Vielfalt!

Natürlich hat es seinen Grund, dass gerade am heutigen Tag diese Rezension erscheint. Denn…

…heute ist Welt-Down-Syndrom-Tag!


erschienen bei HarperCollins Dragonfly / ISBN: 978-3748800262

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Michael Cunningham – Ein wilder Schwan/ mit Illustrationen von Yuko Shimizu

Hallo liebe Liebenden! Passend zum heutigen Valentinstag möchte ich Euch die erotischen Märchen-Adaptionen von Michael Cunningham präsentieren. Nun liegt „Erotik“ immer „im Auge des Betrachters“: Für mich persönlich waren sie weniger erotisch, aber ich attestiere der einen oder anderen Geschichte eine freche Frivolität (…oder eine frivole Frechheit: Sucht es Euch aus!).

Der Autor beleuchtet die bekannten Märchen aus anderen Blickwinkeln. So erfahren wir mehr vom Lebensweg der Knusperhexe; nehmen teil am weiteren Schicksal des 12. Bruders, der nur unvollständig vom Schwan zurückgezaubert wurde; erfahren Intimitäten aus dem Eheleben von Schneewittchen und ihrem Prinz; erschauern über ein kurioses Maskottchen, das unbedacht geäußerte Wünsche brutal detailliert erfüllt. Die Künstlerin Yuko Shimizu schuf für jedes Märchen eine kunstvolle Vignette des Anfangsbuchstabens und stimmungsvolle Illustrationen im Stil des „Art Déco“.

Cunningham gönnt einigen der geläufigen Märchen von Hans Christian Andersen („Die wilden Schwäne“, „Der standhafte Zinnsoldat“) und den Brüder Grimm („Hänsel und Gretel“, „Schneewittchen“, „Rumpelstilzchen“, „Rapunzel“) eine Neu-Deutung. Auch das französische Volksmärchen „La Belle et la Bête/ Die Schöne und das Biest“ nach Gabrielle-Suzanne de Villeneuve wird von ihm nicht verschont. Er wirft aber durchaus ebenso einen Blick auf bei uns weniger populäre Werke wie „Hans und die Bohnenranke“ von Joseph Jacobs und die Horror-Kurzgeschichte „Die Affenpfote“ von William Wymark Jacobs und schließt den Märchenreigen mit „Und sie lebten glücklich“. Da ich in dieser Geschichte kein klassisches Märchen wiedererkennen konnte, vermute ich, dass es sich hierbei um ein Eigenwerk des Autors handelt.

In diesen, sehr erwachsenen Fassungen erfahren die Märchen allerdings auch eine brutale Entzauberung. Während meiner Lektüre stellte ich mir wiederholt die Frage, ob es wirklich nötig war, diese Einzelheiten zu erfahren, oder ob nicht vielmehr das Nichtwissen um sie den besonderen Reiz eines klassischen Märchens ausmacht. Zudem hat er allen Adaptionen das liebgewonnene „…und sie leben glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende!“ verweigert.

Obwohl ich mich in der Märchenwelt recht gut auskenne, erschlossen sich mir die Adaptionen häufig nicht von vornherein. Leser*innen, die über kein entsprechendes Hintergrundwissen verfügen, dürften da noch deutlichere Schwierigkeiten haben. Interessanterweise gefiel mir die Geschichte, die ich nicht zu den klassischen Märchen zählen würde, am besten und war atmosphärisch am eindringlichsten.

Auch nahm ich die einzelnen Texte in ihrer Ausführung als mal mehr und mal weniger gelungen wahr. Michael Cunningham bemüht sich, für jede Geschichte einen eigenen Ton, einen individuellen „Aufhänger“ zu finden. Dies gelingt ihm eher durchwachsen: Mal traf er mit seiner Neu-Interpretation auf den Punkt und lockte ein Schmunzeln auf mein Gesicht, mal schoss er für mein Empfinden über das Ziel hinaus und löste ein unverständliches Kopfschütteln bei mir aus. Doch Cunningham ist ein talentierter Autor, der Sätze zu formulieren weiß und die Hoffnung beim Leser schürt, dass die nächste Geschichte sich anders (besser?) präsentiert.

So empfand ich sowohl Cunninghams Idee als auch seine Umsetzung als durchaus interessant und größtenteils kurzweilig zu lesen, würde aber immer den Zauber und die Poesie der Original-Märchen vorziehen!


erschienen bei btb/ ISBN: 978-3442718276

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Brüder Grimm – DIE BREMER STADTMUSIKANTEN/ mit Illustrationen von Gabriel Pacheco

Alt sind sie geworden, diese vier selbsternannten Musiker. Obwohl: Wenn wir dem Originaltext der Brüder Grimm folgen, dann waren sie nie etwas anderes gewesen und schon immer sehr weit entfernt von den possierlich-kindlichen Helden oder dem dynamischen Quartett, wie sie gerne von einigen Illustratoren der Vergangenheit porträtiert wurden.

Bei Illustrator Gabriel Pacheco sind sie vom Leben gezeichnete Kreaturen, alt und verbraucht: Die wunden Beine des Esels sind bandagiert, der Hund leidet an einer Ohrenentzündung, der Katze tanzen die Mäuse auf dem (Regenschirm-)Dach, und der Hahn findet ohne seine Brille den Weg nicht mehr. Trotz ihrer Gebrechen formen diese heruntergekommenen Barden ein Team, in dem jede*r seinen Platz ein- und seine Aufgabe wahrnimmt. Und so wirken diese vier „Ritter der traurigen Gestalt“ auf mich nicht hoffnungslos – Nein! – sie wirken eher positiv in ihrem Vertrauen auf eine bessere Zukunft: „Etwas Besseres als den Tod findest du überall.“

Auch den Räubern versagt Pacheco ihren gewohnten Look: Nicht der zauselige und haarige Wegelagerer à la „Räuber Hotzenplotz“ haust dort im finsteren Wald und muss sich aus seinem Haus vertreiben lassen. Hier treten Ringel-bestrumpfte und weiß-gewandete Gestalten mit Masken der Commedia dell’arte auf, die mit ihrer schablonenhaften Mimik nicht weniger furchteinflößend wirken.

Auch das Umfeld, in der Pacheco seine Protagonisten agieren lässt, wirkt beinah wie ein Bühnenbild: In einem reduzierten Setting zwischen Abstraktion und Realismus lässt er blattlose Bäume wachsen, schnörkellose Behausungen entstehen und einen Theater-Mond leuchten.

Vielleicht gerade weil er in diesem Bilderbuch den Bremer Stadtmusikanten die Niedlichkeit verwehrt, entwickeln sie ein eindrucksvolles Eigenleben und somit ihre unverwechselbare Charakterisierung, die mich, den Betrachter sehr berührte: Im Mut, ein mögliches Scheitern zu akzeptieren, verbirgt sich die größte Stärke.

Dieses Märchen der Brüder Grimm feierte im letzten Jahr seinen 200. Geburtstag und wurde u.a. mit einer umfangreichen Ausstellung in der Bremer Kunsthalle geehrt.


erschienen bei Bohem/ ISBN: 978-3855815784

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] George Saunders – Fuchs 8

Fuchs 8 schreibt einen Brief, vielmehr ist es ein Appell an uns Menschen. Fuchs 8 hat seine eigenen, besonderen Erfahrungen mit uns Menschen gemacht: Unsere Sprache findet er so wunderschön, dass er sie sich „per Hören“ aneignet. So ist sein Brief auch in „Menschisch“ geschrieben, bzw. in das, was der Fuchs für die menschliche Sprache hält. Da er die Sprache nur durch Zuhören gelernt hat, fehlen ihm natürlich alle Regeln der Rechtschreibung, und auch von Interpunktion hat er noch nie etwas gehört. Dafür ist seine Nachricht mehr als deutlich: Er musste miterleben, wie Menschen seinen natürlichen Lebensraum einnahmen und veränderten und darum seine Sippe (ver-)hungern musste. Er musste miterleben, wie sein Freund Fuchs 7 von Menschen getötet und mit seinem toten Körper würde- und respektlos umgegangen wurde. Fuchs 8 flüchtet aus seiner Heimat, aus seinem Revier und findet traumatisiert ein neues Zuhause mit einer neuen Familie. Doch die Erinnerungen an das Erlebte lassen ihn nicht los, und so schreibt er diesen Brief an uns Menschen mit seinem Appell zum Umdenken…!

Ich muss es leider gestehen: Diese Geschichte hat mich sehr wenig berührt!

Fand ich anfangs die individuelle Schreibweise und Formulierungen des Fuchses noch sehr originell, so störte mich dies im Laufe meiner weiteren Lektüre, bremste meinen Lesefluss und schuf so eine Distanz zwischen mir und dem Gelesenen. Zwangsläufig fühlte ich mich an den Fuchs aus „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry erinnert. Doch wo dort die Poesie aufblüht und sich zart in mein Herz gestohlen hat, ist hier bedauerlicherweise – für mich – wenig Atmosphäre spürbar. Auch die Illustrationen von Chelsea Cardinal konnten da wenig beitragen. Vielmehr ließen sie mich in ihrer reduzierten Ästhetik eher an die TV-Werbung eines Energie-Drinks denken.

Natürlich verstehe ich die Intension des Autors hinter dieser Fabel und finde diese gut, richtig und wichtig. Vielleicht war – nach der Lektüre einiger positiver Rezensionen – meine Erwartungshaltung auch schlicht und ergreifend zu groß.

Ich fühlte mich emotional zu wenig „eingefangen“. Schade…!!!

Lust auf weitere Meinungen? Dann empfehle ich Euch die Rezensionen meiner Blogger-Kolleg*innen Andrea Schuster von „Lesen… in vollen Zügen“ und Frank Wolf vom „reisswolfblog“.


erschienen bei Luchterhand/ ISBN: 978-3630876207

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Nichts als Weihnachten im Kopf/ herausgegeben von Céleste Blum / mit Illustrationen von Nikolaus Heidelbach

Weihnachtsbücher gibt es wie Sand am Meer: Jahr für Jahr kommen neue hinzu, die – bei näherer Betrachtung – gar nicht so neu sind. Gerne wärmen einige Verlage ältere Auflagen wieder auf, verpassen ihnen ein zeitgemäßes Outfit und einen frischen Titel, um so die Leserschaft zum Kauf zu animieren. Oder es werden die allseits bekannten Geschichten neu gemischt und erscheinen so in einer aktuellen Weihnachts-Anthologie. Wobei diese Geschichten nicht die schlechtesten sind, nur eben leider schon x-mal veröffentlicht.

Aber mit Weihnachtsbüchern lässt sich Umsatz machen: Was bleibt somit einem jungen, aufstrebenden Verlag anderes übrig, als auf diesen lukrativen Zug aufzuspringen. Der Kampa-Verlag besteht seit gut einem Jahr, überzeugt als Heimstätte von Simenons Kommissar Maigret und verlegt die frisch gebackene Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. In diesem Jahr legt der Verlag nun sein erstes Weihnachtsbuch vor.

Dieses Weihnachtsbuch ist wohltuend traditionell und gleichzeitig erfrischend anders. „Hä?“ werden sich jetzt der eine oder die andere Leser*in fragen „Ist dies nicht ein Widerspruch?!“ So antworte ich voller Überzeugung „Nein, ist es nicht!“

Auf der traditionellen Seite finden sich die klassischen Gedichte von Rainer Maria Rilke, Theodor Storm und August Heinrich Hoffmann von Fallersleben sowie die Geschichten „Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu“ von Joachim Ringelnatz, Thomas Manns „Weihnachten bei den Buddenbrooks“ und „Eine Weihnachtsgeschichte“ von Ludwig Thoma. Gleichwertig stehen ihnen die moderneren Werke gegenüber, seien es Gedichte u.a. von Jan Weiler oder Geschichten von Gerhard Henschel („Adventskalender und Adventskranz“), Axel Hacke („Zeit der Rituale“) und der prämierten Olga Tokarczuk („Bardo. Die Weihnachtskrippe“).

Nikolaus Heidelbach schafft mit seinen Illustrationen einen humorvollen Rahmen: Seine Grafiken wirken scheinbar klassisch gefällig und lassen mit ihrer klaren Formgebung erst auf dem zweiten Blick die versteckte Ironie erkennen.

Der Herausgeberin Céleste Blum ist das Kunststück gelungen, dass Sentimentalität, Ironie, Schwermut und Witz sich in dieser Zusammenstellung gekonnt die Waage halten. Als Leser bemerkte ich mit Freude, dass die Beiträge mit Bedacht ausgewählt wurden: So beziehen sich die Geschichten durchaus aufeinander, sei es, dass sie aus der Feder eines Autoren stammen (Hans Fallada) oder der Phantasie zweier Köpfe (Salomon Friedländer/ Kurt Tucholsky) entsprungen sind. So befruchten sich diese Geschichten gegenseitig und lassen einen roten Faden innerhalb dieser Anthologie erkennen.

Die „Gebrauchsanweisung für das familienfreundliche Absingen der wichtigsten Weihnachtslieder“ von Daniel Glattauer habe ich persönlich stimmstark erprobt. Bei „Das Weihnachtsfest des alten Schauspielers Nesselgrün“ von Salomon Friedländer schaufelte sich der Vor-Leser (die alte Rampensau) in mir an die Oberfläche: Ich konnte der Versuchung nicht wiederstehen, dieses kleine humoristische Kabinettsstückchen laut vorzutragen.

Der Sammlung „Nichts als Weihnachten im Kopf“ ist es gelungen, mir neue Impulse für zukünftige Lesungen zu schenken. Somit kann ich nur attestieren: Alles richtig gemacht, Kampa-Verlag!


erschienen bei Kampa/ ISBN: 978-3311250074

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Weihnachten mit Astrid Lindgren/ herausgegeben von Anne-Kristin zur Brügge

Dies war eines dieser Bücher, um das ich in den Buchhandlungen Jahr für Jahr drum rum geschlichen bin, immer mit dem Satz im Kopf „Du brauchst es nicht wirklich: Du findest die Geschichten sicherlich in all den Lindgren-Büchern, die Du schon besitzt!“ Dann war die Saison vorbei, und meine Gedanken an dieses Buch verblassten. Doch in der nächsten Saison drehte ich wieder meine Runden und hinterließ eine Spurrille im Parkett so mancher Buchhandlung. Doch nun habe ich es mir selbst zu meinem 50. Geburtstag geschenkt (Glückwünsche nehme ich nach wie vor gerne huldvoll entgegen!), da es einfach nur wunderbar ist, die zauberhaften Winter- und Weihnachtsgeschichten von Astrid Lindgren gesammelt zwischen zwei Buchdeckel zu besitzen.

Zudem entzünden wir morgen die erste Kerze auf dem Adventskranz, die besinnliche Zeit beginnt, und so könnte kein anderes Buch passender sein, um meine kleine Reihe „Lektüre zum Fest“ zu eröffnen.

Hallo! Da seid ihr ja wieder: ihr Rotzlöffel und Abenteurer, ihr Angsthasen und Weltenerkunder, ihr Naseweise und Frechdachse. Und wie sehr liebe ich Euch alle!

Da ist Pelle, der vor der Ungerechtigkeit der Welt in Form seines Papas flieht und demonstrativ in das kleine Gartenhäuschen zieht. Da ist Johann, der um seine geliebte Kuh trauert und dem wie aus heiterem Himmel ein Kälbchen vor die Füße fällt. Da ist Tomte Tummetott, der Jahr für Jahr über seinen Hof, seine Tiere und seine Menschen wacht. Da ist Pippi, die außer- und ungewöhnlich aber nicht weniger stimmungsvoll Weihnachten feiert. Da ist Michel, der nach einem turbulenten Weihnachtsfest seinen letzten Willen aufschreibt. Und natürlich feiern die Kinder aus Bullerbü das Weihnachtsfest gemeinsam und tanzen fröhlich um den festlich geschmückten Weihnachtsbaum.

Allein die Geschichten von Astrid Lindgren rühren das Herz, lassen Kindheitserinnerungen an vergangene Weihnachten aufleben und pflanzen ihre Botschaft ganz sachte in die Seele.

Veredelt wird diese Anthologie durch die Talente der Illustrator*innen Björn Berg, Katrin Engelking, Lars Klinting, Rolf Rettich, Jutta Timm, Harald Wiberg und Ilon Wikland. Sie schaffen mit ihren Bildern für die jeweilige Geschichte eine stimmige Atmosphäre: schelmisch-drollig, rührend-poetisch, bunt-humorvoll, modern-verspielt oder klassisch-dezent. Jede und jeder überzeugt mit einem individuellen Stil.

Dieses Buch werde ich zur Advents- und Weihnachtszeit sicherlich sehr häufig zur Hand nehmen, in ihm blättern und mich in die Geschichten meiner kleinen Held*innen vertiefen,…

…und dazu benötige ich nicht unbedingt das liebste Patenkind der Welt als Alibi: Wobei das Vorlesen der Geschichten und das gemeinsame Betrachten der Illustrationen uns beiden ein großes Vergnügen bereiten werden.


erschienen bei Oetinger/ ISBN: 978-3789141843

[Rezension] Daan Remmerts de Vries – Kaninchentango/ mit Illustrationen von Ingrid & Dieter Schubert

Zwei Kaninchen – ein Junge und ein Mädchen – treffen sich: Sie necken sich. Sie küssen sich. Sie tanzen und spielen. Sie umarmen sich. Sie fangen sich. Sie schweben und lachen. Sie hüpfen vergnügt am Ufer eines Sees – mal zum Licht der Sonne, mal zum Schein des Mondes. Dann nehmen sie Abschied, nur um – nach einer Drehung des Buches – sich abermals zu begegnen und die Freude an dieser Begegnung von Neuen ausgelassen zu genießen. Sie zeigen uns ihre Zuneigung: „Wir gehören zusammen!“

Ein Bilderbuch im wahrsten Sinne des „Wortes“…! Aber gänzlich ohne Worte…! Wortlos…!

Ein Umkehrbuch mit reizenden Illustrationen voller Farben und Wärme, das eine unbeschwerte Heiterkeit verströmt und seine Betrachter mit einem simplen Zauber belegt: …nur ein Blick und schon erscheint ein Lächeln! Magisch!

Die Geschichte dieser beiden putzigen Gesellen kann jede und jeder immer wieder selbst neu erfinden, immer wieder selbst neu erzählen…

…oder die Bilder still betrachten: ohne Worte!

Denn so manches Mal kann ein einzelnes Wort schon ein Zuviel sein!

Weniger ist manchmal so viel mehr!


erschienen bei aracari/ ISBN: 978-3907114070

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

 

[Rezension] Rachel Williams – Magische Welten. Entdecke verborgene Lebensräume mit der Zauberlupe!/ mit Illustrationen von Carnovsky

Das liebste Patenkind der Welt war wieder begeistert und hielt mich für den mega-coolste Patenonkel…!

10 magische Welten – vom Kongo-Regenwald über das Anden-Gebirge bis zur Serengeti-Ebene – verbergen sich in diesem Riesen-Bilder-Sach-Buch, und dank der Zauberlupe öffnen sich diese Welten dem Betrachter erst auf dem zweiten oder dritten Blick. Je nachdem durch welche der drei Farb-Lupen der Blick fällt, geben sich entweder die tagaktiven Tiere (rot), die nachtaktiven Tiere (blau) oder die Flora (grün) des jeweiligen Lebensraums zu erkennen. Auf 3 Doppelseiten pro Reiseziel erfährt der interessierte Beobachter etwas über den jeweiligen Lebensraum, erspäht auf der Aussichtsplattform dank Lupe die Tiere und Pflanzen und erfährt im Artenführer weiteres Wissenswertes über die einzelnen Tierarten. Texterin Rachel Williams versorgt uns mit dem nötigen Background-Wissen.

Die Illustrationen von Carnovsky wirken wie ein einziges unüberschaubares Durcheinander: Erst der Blick durch die jeweilige Lupe lässt die Artenvielfalt sehr detailreich erkennen. Flora und Fauna werden sehr naturalistisch, beinah wissenschaftlich dargestellt. Das Werk ist weit davon entfernt, als anspruchslose Kinderlektüre nur „putzig“ sein zu wollen. Hier haben wir es mit einem hochwertigen Sachbuch für Kinder zu tun, dass sich – auch dank des Gimmicks der Farbzauberlupe – lange das Interesse der Kids sicher sein kann.

Das liebste Patenkind der Welt hat nach dem Betrachten des Buches den Inhalt einer großen Spielzeugkiste auf dem Teppich entleert, um zu überprüfen, welche der abgebildeten Tiere er als Spielfigur besitzt. („Junger Mann, das räumst du aber schön alleine wieder auf!“)


erschienen bei Prestel/ ISBN: 978-3791372822

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Cruschiform – COLORAMA: Das Buch der Farben

Farben über Farben: Doch Blau ist nicht gleich Blau, Rot ist nicht gleich Rot, Grün ist nicht gleich Grün, und selbst Weiß überrascht mit einer immensen Vielfalt,…

…das ist uns allen sicherlich bewusst, aber nehmen wir die Farben auch so intensiv in ihren unterschiedlichen Schattierungen wahr? Ich glaube eher weniger! Und doch verbinden wir etliche Pflanzen, Tiere und Gegenstände mit einem bestimmten Farbton. Oftmals wird beides in einem Atemzug genannt: Kornblumenblau, Feuerwehrrot, Sonnenblumengelb, Eierschalenweiß… – Ich könnte meine Aufzählung unendlich fortführen!

Das Pariser Kreativstudio „Cruschiform“ von Marie-Laure Cruschi widmet sich mit einem kleinen Wälzer diesem Phänomen und zaubert auf 133 Farbtafeln eine „kleine“ Auswahl aus der kunterbunten Welt der Farbtöne und -nuancen. So habe ich nicht gewusst, dass es einen kleinen aber feinen Unterschied gibt zwischen Kurkuma (051) und Indischgelb (052): Auf dem oberflächlichen Blick scheinen beide Farbnuancen identisch, erst der direkte Vergleich offenbart den Unterschied.

Während auf der rechten Buchseite sich ganzseitig der jeweilige Farbton „breitmacht“, erfahre ich auf der linken Buchseite den nötigen Background. Das vermittelte Wissen reicht von „wissenschaftlich-wertvoll“ bis „kurios-unnütz“ (…oder habt Ihr gewusst, dass es ein spezielles Tiffany-Blau gibt, und auch Grünspan ein eigener Farbton ist?). Aber gerade diese bunte Vielfalt macht diesen Wälzer so abwechslungsreich-unterhaltsam.

Dies ist keine Publikation, die ich von Farbtafel 001 (Schneeweiß) bis Farbtafel 133 (Mondlicht) konsequent chronologisch durcharbeiten werde, – Nein! – dieses Buch wird griffbereit in der Nähe meines Lieblingsleseplatzes liegen, damit ich es immer mal wieder zur Hand nehme und darin blättere, um mich an der bunten, lustigen Vielfalt der Farben zu erfreuen.


erschienen bei Prestel/ ISBN: 978-3791373270

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!