[Rezension] Kate Atkinson – NACHT ÜBER SOHO

Die 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts üben überall und allerorten bei vielen von uns eine magnetisierende Faszination aus. Woran mag es liegen? Die Gründe sind vielfältig. Vielleicht liegt es daran, dass auch wir uns in den 20ern unseres Jahrhunderts befinden, uns etlichen Problemen stellen müssen und darum einen vergleichenden Blick auf das letzte Jahrhundert werfen. Wie haben die Menschen der Vergangenheit Herausforderungen gemeistert?! Auch damals war es eine unsichere Zeit: Der erste Weltkrieg war lange noch nicht vergessen und sorgte dafür, dass die Menschen ihren Lebensrhythmus neu finden mussten. Eine unbändige Lust am Leben war spürbar, die auch mit einer lockeren Moralvorstellung einherkam. Das Bild der Frauen veränderte sich, da sie in den Kriegsjahren gezeigt hatten, dass sie nicht nur zu „Kinder, Küche, Kirche“ befähigt sind. Über all dem lag der Glanz von Luxus, Reichtum, Glamour und dem Versprechen, dass alles möglich wäre – doch es war ein trügerischer Glanz…

England 1926: In einem Land, das sich noch immer vom Ersten Weltkrieg erholt, ist London zum Mittelpunkt eines neuen, ausgelassenen Nachtlebens geworden. In den Clubs von Soho tummeln sich Adelige neben Starlets, Prinzen neben Gangstern, und Mädchen verkaufen Tänze für einen Schilling. Im Zentrum dieser glitzernden Welt steht die berüchtigte Nellie Coker. Rücksichtslos und ehrgeizig kontrolliert sie die wichtigsten Clubs der Stadt. Doch der Erfolg schafft Feinde: Nellies Imperium wird von außen und von innen bedroht. Da sind ihre sechs Kinder, die alle eigene Ziele verfolgen, rivalisierende Straßengangs, ein Mafioso mit guten Manieren und schlechten Absichten Und da ist Inspektor John Frobisher. Seine Mission: herauszufinden, was mit den vielen Mädchen geschieht, die im Sohoer Nachtleben spurlos verschwinden. Mithilfe der jungen Bibliothekarin Gwendolen Kelling, die er in Nellies Clubs einschleust, beginnt er, der Königin von Soho das Leben schwer zu machen.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Kate Atkinson überzeugt in diesem Roman mit einer feinen Charakterisierung der Akteure, die niemals in ein plakatives Schwarz-Weiß-Zeichnen abdriftet, sondern die Personen sehr vielschichtig porträtiert. Selbst die unredlichsten Figuren versprühen so eine Menge Charisma, das dafür sorgte, dass ihnen meine Aufmerksamkeit stets sicher war. Aber auch die Held*innen wirken mit ihren ambivalenten Gefühlen und Gedanken nie eindimensional. Kate Atkinson gelang es, ihnen allen eine individuelle Biografie zu schenken, die durchaus als Begründung für ihr Handeln dienen konnte.

Auch die Dialoge sind bei der Autorin wohlüberlegt und genau gesetzt. Sie definieren die handelnden Personen sehr genau, offenbaren Schwächen und boten so manche Überraschung, da die Figuren Äußerungen tätigten, mit denen ich nicht gerechnet bzw. ihnen nicht zugetraut hätte. Ebenso genau fallen die Beschreibungen der Settings aus und zeugen von einer guten Beobachtungsgabe der Autorin.

Doch was nützen raffinierte Charaktere, wenn sie sich in einem luftleeren Raum aka einer spannungsarmen Handlung nicht entfalten dürfen. Dies ist bei Atkinson nicht zu befürchten: Hier ist nicht nur ein einziger großer Spannungsbogen für die Haupthandlung vorhanden. Vielmehr schuf die Autorin viele kleine Nebenhandlungen incl. eigner Spannungsbögen, die sich mal früher, mal später mit der Haupthandlung vereinen. Beinah wirkte es auf mich, als würden sich Stricke, die aus vielen unterschiedlichen Richtungen kommen, zu einem dicken Tau verweben, um dann – nach einiger Zeit – wieder in unterschiedlichen Richtungen auszufransen. Doch die einzelnen Stricke haben sich bei diesem Vorgang verändert: Manche haben sich aufgerieben, andere sind kompakter geworden. Im Falle unserer Protagonist*innen haben die Ereignisse sichtbare Spuren hinterlassen, die Einfluss auf ihre weitere Entwicklung nehmen werden.

Doch was ist dieser Roman nun schlussendlich? Gesellschaftsstudie, Sittengemälde oder Kriminalroman? Kate Atkinson schaffte es bravourös, alles miteinander zu verbinden. Genrezuweisung? Wer braucht schon eine Genrezuweise! Was ich lesen durfte, war ein ganz und gar fesselnder Roman, der mich in seiner Vielschichtigkeit vollumfänglich begeisterte.


erschienen bei Dumont / ISBN: 978-3755800156 / in der Übersetzung von Anette Grube
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Janice Hallett – DIE ENGEL VON ALPERTON. Der Teufel steckt im Detail

Autorin Janice Hallett kultivierte bei diesem Roman weiterhin ihren besonderen Stil beim Aufbau einer Geschichten, indem sie uns abermals – nach DIE AUFFÜHRUNG – aus der Fülle an modernen Kommunikationsmöglichkeiten eine bunten Strauß an Informationen band und uns diesen zur Begutachtung vorlegte. Da gab es viel zu entdecken und noch mehr zu beachten: Ausdrucke von E-Mails und Text-Nachrichten, Zeitungsausschnitte, Auszüge aus unveröffentlichten Romanen und Drehbüchern sowie Gesprächsprotokolle. Wie schnell könnte da ein wichtiges Detail überlesen werden? Denn – so sagte es schon der Untertitel – der Teufel steckte wahrlich im Detail, und gerade diese immense Menge an Details sorgte dafür, dass diese Geschichte so undurchschaubar erschien…

Die TrueCrimeAutorin Amanda Bailey weiß alles über den berüchtigten Fall der Engel von Alperton. Zahlreiche Bücher und Verfilmungen berichteten von der fanatischen Sekte, seit ihre Mitglieder vor achtzehn Jahren versuchten, ein Baby zu opfern, das sie für den Antichrist hielten. Mittlerweile scheint daher alles erzählt zu sein doch nun ist das „AlpertonBaby“ volljährig und könnte endlich interviewt werden. Amanda wittert ihre Chance auf einen echten Coup. Doch während sie immer tiefer in die Recherchen eintaucht, wird klar, dass in diesem Fall nichts ist, wie es scheint. Und dass die Geschichte der Engel von Alperton noch lange nicht vorbei ist.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Auch diesmal kann ich der Autorin nicht vorwerfen, dass sie mir mit dieser Lektüre keine spannenden Lese-Stunden geschenkt hätte. Es ist wahrlich erstaunlich, mit welcher Raffinesse sie mich mit jeder weiteren Mail, mit jedem weiteren Interview, mit jedem weiteren Protokoll in Richtung Wahrheit (Was ist schon Wahrheit?) lotste. Da las ich einen Auszug, der scheinbar aus einem Drehbuch stammte, fragte mich währen der Lektüre „Was soll das?“, bis dann langsam die Erkenntnis tröpfchenweise in mein Gehirn einsickerte und mich mit einem Aha-Effekt überrumpelte.

Ebenso erstaunlich war es für mich, dass sie es innerhalb des starren Korsetts der modernen Kommunikationsmöglichkeiten trotzdem schaffte, eine geheimnisvolle, beinah schon beängstigende Atmosphäre zu kreieren. Dabei traten die signifikanten Charaktereigenschaften der handelnden Personen deutlich hervor und ermöglichten es mir so, eine genaue Vorstellung der Figuren zu erhalten.

Das Ende der Geschichte überraschte durchaus, ließ mich allerdings auch sehr zwiespältig zurück. Da gab es zu viele dubiose Zufälle, zu viele nicht nachvollziehbare Wendungen. Beinah schien es mir, als müssten nun zwangsläufig für alle offenen Fragen die passenden Antworten gefunden werden – auch wenn dabei knapp an der Logik vorbeigeschrammt wurde.

Janice Hallett ist eine äußerst talentierte Autorin – das steht außer Frage. Doch leider verspüre ich nun, nachdem ich ihren dritten Roman gelesen habe, eine gewisse Sättigung in Bezug ihres Stils. Da würde ich mir wünschen, von ihr auch einmal einen Roman „im klassisch literarischen Sinne“ lesen zu dürfen. Wer weiß, vielleicht würde sie mich damit aufs Neue in Erstaunen versetzen.


erschienen bei Atrium / ISBN: 978-3855351978 / in der Übersetzung von Stefanie Kremer

ICH DANKE DER PRESSEAGENTUR POLITYCKI & PARTNER HERZLICH FÜR DAS ZUR VERFÜGUNG GESTELLTE LESEEXEMPLAR!

[Rezension] Georges Simenon – DER MÖRDER (Hörspiel)

Normalerweise bespreche ich eine Box mit Kriminalhörspiele komplett, nachdem ich mir CD für CD, Hörspiel für Hörspiel angehört habe. Da picke ich mir nicht nur ein einzelnes Hörspiel heraus und lasse die anderen Hörspiele ungehört links liegen. Normalerweise…! In diesem Fall bin ich ganz bewusst von dieser hehren Absicht abgewichen. Ich war auf der Suche nach Non-Maigret-Hörspiele und stolperte irgendwann über diese WDR PRIME CRIME-Hörspielbox mit 6 CDs – längst vergriffen und nur noch antiquarisch auf den bekannten Portalen äußerst günstig käuflich zu erwerben. Da griff ich zu.

Die Zusammenstellung der Box wirkte etwas kurios auf mich: Inmitten der anderen Autoren, die alle aus Deutschland stammten, nimmt hier Georges Simenon eine Sonderstellung ein. Er ist der Paradiesvogel, der mit der Bekanntheit seines Namens internationales Flair versprüht und somit vielleicht auch einen Kaufanreiz bei der potenziellen Kundschaft setzen sollte. Bei mir hatte diese Taktik bestens funktioniert.

Der Roman DER MÖRDER, das literarische Original zu diesem Hörspiel, hatte mir sehr gefallen. Insbesondere die Veränderungen, die der Täter wie auch sein soziales Umfeld durchlaufen, wurden von Georges Simenon anschaulich beschrieben. Der Autor erschuf eine bedrückende Atmosphäre und sorgte so für eine fesselnde Lektüre. Würde die Hörspiel-Adaption eben jene Atmosphäre ebenso wiedergeben können?

Hans Kuperus ist ein angesehener Arzt in einem niederländischen Städtchen. Was er nicht weiß, ist, dass seine Ehefrau Alice ihn betrügt, wenn er einmal wöchentlich nach Amsterdam fährt oder nachts wegen medizinischer Notfälle das gemeinsame Bett verlässt. Eines Tages erhält Kuperus einen anonymen Brief, in dem ihm davon berichtet wird. Er beschließt Alice und ihren Liebhaber, den stadtbekannten Schürzenjäger Graf de Schutter, zu ermorden. An einem Dienstag, wenn Kuperus sich normalerweise mit seinen Medizinkollegen trifft, lauert er den beiden auf, erschießt sie und versenkt die Leichen im Kanal, der anschließend zufriert. Um keinen Verdacht aufkommen zu lassen, meldet Kuperus seine Frau als vermisst, während er gleichzeitig, in sehr reueloser Manier, versucht die Position der getöteten Ehefrau Alice durch das Dienstmädchen Neel zu ersetzen. Als das Eis zu tauen beginnt, kann Kuperus sich eines Verdachts nicht mehr erwehren.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)


1 CD/ DER MÖRDER von Georges Simenon (1999)/ Hörspielbearbeitung & Regie: Walter Adler/ Übersetzung: Lothar Baier/ technische Realisierung: Thomas P. Sehringer & Matthias Fischenich/ mit Gerhard Garbers, Martin Reinke, Christiane von Poelnitz, Jele Brückner, Matthias Fuchs, Ernst August Schepmann, Susanne Barth, Hermann Lause, Herbert Schäfer, Pierre Siegenthaler u.a.


Nach ca. 50 Minuten war der „Spaß“ dann auch schon wieder vorbei. Der CD-Player war verstummt. Ich saß vor mich hin sinnierend in meinem Sessel und war mit dem, was ich gerade gehört hatte, irgendwie unzufrieden. Alle wohlwollenden Gründe zugunsten der Adaption hatte ich bereits in die Waagschale geworfen, und doch senkte sich die Negativ-Schale nur allzu deutlich. Doch was war es, das mich so unzufrieden sein ließ? Antwort: Die atmosphärische Dichte des Originals ging beim Hörspiel ebenso verloren, wie auch die psychologische Komponente außer Acht gelassen wurde.

Vielmehr erschien es mir wie ein „aufgehübschtes“ Hörbuch: Gerhard Garbers fiel als Erzähler der Hauptpart zu. Die restlichen Sprecher*innen sowie Musik und Geräusche wirkten eher wie Gimmicks, die eingefügt wurden, um die Aufnahme etwas aufzulockern. Somit hatten die Sprecher*innen auch kaum Möglichkeiten, um ein interessantes Rollenprofil zu erschaffen und so nachdrücklich auf sich aufmerksam zu machen.

Walter Adler bemühte sich in seiner Bearbeitung um einen ruhigen Erzählton, konnte aber die ambivalenten Gefühle, die sich bei den Protagonist*innen hinter der biederen Fassade der Gutbürgerlichkeit versteckten, nicht glaubhaft vermitteln. Auch ließ er oftmals eine Szene nahtlos an die vorherige Szene anknüpfen und sorgte bei mir für Verwirrung beim Zuhören, da ich (scheinbar) unwillkürlich auftauchende Stimmen nicht sofort zuordnen konnte. Erst nach einige Sekunden war ich wieder soweit orientiert, um mich dann in die Handlung wieder einzufinden. Hätte ich den Roman vorher nicht bereits gelesen, wäre mir dies deutlich schwerer gefallen.

So wirkte diese Hörspiel-Adaption eines Georges Simenon-Klassiker bedauerlicherweise sehr blutarm auf mich.


erschienen bei Random House Audio / ISBN: 978-3898302838
ebenfalls erschienen als Download bei DAV / ISBN: 978-3862316649 / als Teil der Hörspielbox Maigret & Co. Meisterhafte Fälle

[Rezension] Josephine Tey – WARTEN AUF DEN TOD

Angelehnt am Stil des klassischen „Whodunit“ gestaltete Josephine Tey dieses erste Auftreten ihres Ermittlers Inspector Alan Grant auf der literarischen Bühne. Dieser Kriminalroman, der im Jahre 1929 erschien, stand noch ganz unter dem Einfluss der rigiden Regeln des Detection Clubs. Im besagten Jahr versuchten Mitglieder des Detection Clubs mit ihren „Zehn Regeln für einen fairen Kriminalroman“, Richtlinien für den Kriminalroman aufzustellen. Diese Regeln wurden allerdings nicht von allen Mitgliedern des Clubs als seriös empfunden, teilweise wurden sie auch belächelt und für einen Scherz gehalten, und auch Tey selbst empfand sie als zu starr, zu einengend. Ihre Kriminalromane fallen dadurch auf, dass sie besagte Genreregeln bewusst brechen oder zumindest deren Grenzen ausreizen.

Ganz London, scheint es, steht vor dem Woffington-Theater Schlange. Nach zwei Jahren Spielzeit ist dies die letzte Woche von „Wussten Sie es nicht?“. Wer das legendäre Musical noch einmal sehen will, muss stundenlang vor der Theaterkasse ausharren. Als inmitten des Gedränges ein Mann ohnmächtig zusammensackt, weichen die Umstehenden erschrocken zurück: Aus seinem Rücken des Mannes ragt der Griff eines Dolchs. Der Unbekannte ist tot, heimtückisch erstochen in der Menschenmenge. Inspector Alan Grant von Scotland Yard, der mit den Ermittlungen beauftragt wird, sieht sich einer schier unlösbaren Aufgabe gegenüber: Nicht nur hat niemand der Anwesenden irgendetwas beobachtet, auch die Identität des Toten ist vollkommen unbekannt. Grant hält sich an die wenigen Indizien, die er hat – den altmodischen Typ des Dolchs, die Kleidungsstücke des Toten und die merkwürdige Mordmethode. Und er tut, was er am besten kann: Er nutzt die Kraft seiner Gedanken.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Schon in ihrem ersten Alan Grant-Roman zeigte sie alle Ingredienzien, die ich an ihrem Schreibstil so sehr schätze und lieben gelernt habe. Wieder staunte ich über den stringenten Aufbau der Geschichte, die intelligenten Dialogen und die schlüssigen Entwicklungen. Sehr detailreich lässt sie uns am inneren Monolog unseres Helden teilnehmen. Dabei schlägt sie bereits mit diesem Roman den „Zehn Regeln für einen fairen Kriminalroman“ ein Schnippchen: Der Verdächtige ist gefasst, und die Beweise sprechen deutlich dafür, dass nur er der Schuldige sein kann. Nun dürfte der Roman doch zufriedenstellend enden, oder?

Doch nein, denn da warteten locker noch weitere 70 Seiten auf mich als Leser. Verwundert blickte ich auf diese Menge an Papier, und mir schwante, dass das Ende nicht wie erhofft vorhersehbar sein würde. Da hatte ich durchaus so eine Ahnung, wer der wahre Täter (oder vielleicht auch: die wahre Täterin) sein könnte, und dann schlägt Tey auch mir ein Schnippchen, indem sie ein überraschendes aber alle Ungereimtheiten aufschlüsselndes Ende präsentiert. Grandios!

Val McDermid bezeichnete die Kriminalromane von Josephine Tey als das „Bindeglied zwischen den klassischen Detektivgeschichten des Golden Age und der Kriminalliteratur von heute.“. Indem sie immer wieder unkonventionelle Themen ansprach und mit festgefahrenen Lesegewohnheiten brach, hat sie ihren Kolleginnen wie z. Bsp. P.D. James und Patricia Highsmith den Teppich für deren kreative Schaffenskraft ausgerollt und den Weg geebnet, auch ungewöhnliche wie unbequeme Plots zu wagen.


erschienen bei OKTOPUS by Kampa / ISBN: 978-3311300557 / in der Übersetzung von Jochen Schimmang

[Rezension] Isabelle Bottier (nach Agatha Christie) – TOD AUF DEM NIL/ mit Illustrationen von Callixte

Voller Ungeduld hatte ich schon auf das Erscheinen dieser Graphic Novel gewartet: Nachdem mich das Team „Bottier & Callixte“ mit HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN bereits restlos überzeugen konnte, hatte ich meine Erwartungen entsprechend hoch angesetzt und wurde nicht enttäuscht.

Abermals war Isabelle Bottier so klug und orientierte sich bei ihrer Konzeption der Handlung nah am Original – so nah, dass mir die Kürzungen zwar auffielen, diese allerdings den Fluss der Geschichte nie behinderten bzw. aufgrund Unklarheiten bei mir Fragen aufwarfen. So blieben zwar die Beweggründe einiger Charaktere etwas nebulös im Verborgenen, doch diese Reduzierungen mit dem Fokus auf die Hauptcharaktere ist dem Umfang einer Graphic Novel geschuldet. Auch die Übersetzung durch Thomas Schöner möchte ich als gelungen bezeichnen. Die Dialoge, die er den Protagonist*innen in die Sprechblasen zauberte, wirkten auf mich nie sperrig oder unnatürlich. Und doch sind mir da ein paar kleine Fehler aufgefallen (siehe: „Backbord“ bzw. „Steuerbord“), die mich anfangs ein wenig irritierten. Ob die besagten Fehler nun bei der Übertragung ins Deutsche entstanden oder bereits im Original zu finden waren und unbedacht übernommen wurden, kann ich natürlich nicht beurteilen. Ihr Vorhandensein schmälerte nicht meine Freude an dieser spannenden Story.

Die schöne Millionenerbin Linnet Ridgeway heiratet den ehemaligen Verlobten ihrer Freundin Jacqueline de Bellefort, Simon Doyle. Während ihrer Hochzeitsreise in Ägypten werden sie beständig von Jacqueline verfolgt, die sich so an dem Paar rächen will. Linnet Doyle bittet Hercule Poirot um Hilfe, doch dieser fühlt sich außerstande die Situation zu entspannen. Selbst als das junge Ehepaar sich heimlich auf den Nildampfer Karnak begibt, ist Jacqueline de Bellefort bereits an Bord. Eines späten Abends – Linnet ist bereits zu Bett gegangen – zückt Jacqueline im betrunkenen Zustand und voller Eifersucht ihre Waffe und schießt Simon eine Kugel ins Bein, der bewegungsunfähig zusammenbricht. Er bittet die beiden Augenzeugen Mr. Fanthorp und Miss Robson darum, Jacqueline in ihrem hysterischen Zustand nicht allein zu lassen, da er befürchtet, sie könne sich etwas antun. Er selbst wird wenige Minuten später von dem mitreisenden Arzt Dr. Bessner in dessen Kabine versorgt. Am Morgen darauf wird Linnet Doyle erschossen in ihrer Kabine aufgefunden. Doch Jacqueline ist während der möglichen Tatzeit von einer Krankenschwester bewacht worden und kann den Mord somit nicht begangen haben. Und es soll nicht bei diesem einen Mord bleiben: Poirots Ermittlungskünste sind mehr denn je gefragt…!


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Auch Illustrator Callixte (alias Damien Schmitz) überzeugte mich mit seiner Kunst: Abermals schuf er für das Ensemble in dieser Geschichte höchst individuelle wie detailreiche Physiognomien, die es gar vortrefflich charakterisierten. Bei den älteren Damen ist er mir allerdings etwas über das Ziel hinausgeschossen und lässt sie beinah wie Karikaturen erscheinen. Voller prägnanter Details sind ebenso seine Settings: Er taucht diese gerne in die orange-rot-braune Farbpalette, die gelungen das Erdig-urwüchsige der ägyptischen Wüste wiederspiegelte.

Wann der Carlsen-Verlag weitere Christie-Klassiker im Gewand einer Graphic Novel veröffentlicht, das steht noch in den berühmt-berüchtigten Sternen. Doch eins ist sicher: Es bleibt spannend!


erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551805829 / in der Übersetzung von Thomas Schöner
ebenfalls erschienen als Roman bei Atlantik / ISBN: 978-3455650020 und als Hörbuch bei DER HÖRVERLAG / ISBN: 978-3899407969 

[Rezension] Alan Bradley – FLAVIA DE LUCE. DES HENKERS LETZTE MAHLZEIT

Es war für mich wie ein Nachhausekommen: Nach längerer (in diesem Fall: unfreiwilliger) Abwesenheit öffnete ich die Tür, und eine Woge der Behaglichkeit stürzte über mich herein. Das Licht, die Gerüche, der Ton – alles war mir so vertraut, dass ich mich bedingungslos und ohne Angst fallen lassen konnte. Sanft gleitete ich in ein für mich bereitetes Bett, und luftige Kissen und Decken fingen mich weich auf.

Genauso fühlte ich mich, als ich dieses Buch aufschlug und endlich wieder in Flavias Welt eintauchen durfte. Fünf lange Jahre hatte sich Alan Bradley Zeit genommen, um Flavias Geschichte weiterzuspinnen. Fünf lange Jahre musste ich (und mit mir natürlich auch alle anderen Flavia-Groupies weltweit) ohne ein Lebenszeichen von ihr ausharren, und in mir keimte schon die Angst, dass es evtl. keine weitere Geschichte geben würde. Doch nun ist sie wieder da und hat für uns allerlei Überraschungen im Gepäck…

Major Greyleigh, ein ehemaliger Henker, wird tot aufgefunden. Todesursache: der Verzehr giftiger Pilze. Schnell gerät die Köchin Mrs Mullet ins Visier der Polizei. Doch ganz so einfach ist die Lösung nicht – Flavia ermittelt auf eigene Faust. Auf der Suche nach dem Mörder wird sie auf einige Familien aufmerksam, die durch den Henker Angehörige verloren und damit alle ein Motiv haben. Oder hat etwa ihre unerträgliche Cousine Undine etwas mit dem Tod des Henkers zu tun? Am Ende ihrer Nachforschungen kommt Unvorstellbares ans Licht: Flavia erfährt, was wirklich mit ihrem toten Vater geschah – das wohl größte Rätsel ihres Lebens.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

„Wenn irgendwo Pilze schmoren,
wird der Kriminalist unwillkürlich hellhörig.“

…äußerte sich schon Agatha Christie über diese äußerst beliebte Mordmethode in Kriminalromanen. Und hier werde auch ich als geneigter Leser natürlich sofort hellhörig. Wobei: Die herzensgute Mrs Mullet und ein heimtückischer Mord sind für mich nur schwerlich in Einklang zu bringen. Aber gerade meine durch die Lektüre der zehn Vorgänger-Bände gefestigte Vorstellung der handelnden Personen nutzt der Autor schändlich aus, um mich auf das sprichwörtliche Glatteis zu führen. Sind die Personen wirklich so, wie ich bisher meinte, dass sie es sind? In diesem Roman wird so vieles in Frage gestellt, dass ich ein wenig Zeit benötigte, um meinen kleinen Flavia-Kosmos neu aus- bzw. einzurichten.

Wie eingangs schon erwähnt, schenkt uns der Autor eine wohlige Sicherheit, indem er die bekannten Rahmenbedingungen nur wenig verändert. Und doch setzt Alan Bradley raffiniert neue Akzente, da er einige Personen in den Mittelpunkt schiebt, während andere Personen eher in den Hintergrund rücken. Dabei verändert sich zwangsläufig der Fokus: Bisher unerwähnte und darum umso überraschendere Eigenarten treten zutage und lassen die Figuren in einem neuen Licht erstrahlen. Der Autor gönnt seinen Figuren eine Weiterentwicklung, eine Wandlung, die sie wohltuend aus ihrer bisherigen Schablone (er)lösen.

Dies trifft auch auf unsere geliebte Heroin zu: Sie wird nun zu einer jungen Frau. Eine Wandlung, die auch sie selbst verwirrt, die sie aber umso menschlicher erscheinen lässt. Ähnlich wie der Titelheld der Harry Potter-Serie darf auch hier unsere Heldin einen Reifungsprozess durchleben, der ihr äußerst gut bekommt und aus der anfangs neumalklugen und nervigen Göre eine interessante und gereifte Persönlichkeit macht.

Die abermals abwechslungsreiche und packende Story würzt Bradley zusätzlich mit einem gerissenen Twist, der die Handlung urplötzlich in eine andere Richtung lenkt und so das Interesse der Leserschaft auf kommende Romane weckt. Und weitere Romane sind wahrlich vonnöten: Da sind noch so viele Fragen unbeantwortet geblieben, so viele lose Enden müssen noch miteinander verknüpft werden.

Zudem würde ich es mir so sehr wünschen, dass Alan Bradley angesichts seines reiferen Alters die Möglichkeit hätte, diese äußerst unterhaltsame Krimi-Reihe zu einem runden und somit gelungenen Abschluss zu führen. Flavia, Dogger, Mrs Mullet, Inspektor Hewitt, Undine und all die anderen wunderbaren Figuren hätten es wahrlich mehr als verdient.


erschienen bei Penhaligon / ISBN: 978-3764533168 / in der Übersetzung von Gerald Jung und Katharina Orgaß
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] José-Louis Bocquet (nach Georges Simenon) – DER PASSAGIER DER POLARLYS/ mit Illustrationen von Christian Cailleaux

Nachdem der Carlsen-Verlag schon einige Werke von Dame Agatha Mary Clarissa Christie, Lady Mallowan, DBE (kurz: Agatha Christie 😉) in Form der Graphic Novel ins Rennen um die Gunst der Krimi-Fans geschickt hatte, hielt mit Georges Simenon nun ein weiteres Schwergewicht der Kriminalliteratur Einzug ins Portfolio des Verlages. Nun sind Simenons Romane nicht so gefällig wie die seiner britischen Kollegin, nehmen aber völlig berechtigt einen wichtigen Platz auf dem Krimi-Olymp ein. Zudem wählte der Verlag für Simenons Einstand nicht etwa eine Geschichte mit dem weltberühmten Kommissar Maigret, vielmehr fiel die mutige Wahl mit DER PASSAGIER DER POLARLYS auf einen der weniger bekannten Romane.

Schon bevor die Polarlys den in frostigen Nebel getauchten Hamburger Hafen Richtung Norwegen verlässt, beschleicht Kapitän Petersen ein ungutes Gefühl. Er spürt etwas, was die Seemänner den »bösen Blick« nennen, und ahnt, dass diese Fahrt keine gewöhnliche wird. Auch der inkompetente, ihm von seinem Arbeitgeber als Dritter Offizier zugeteilte junge Niederländer gefällt ihm nicht. Noch weniger der gerade aus dem Gefängnis entlassene Rumtreiber, den der Maschinist als Ersatz für den erkrankten Heizer an Bord genommen hat. Tatsächlich lässt das Unheil nicht lange auf sich warten, denn schon einen Tag nach Lichten des Ankers wird an Bord einer der fünf Passagiere, der Polizeirat Sternberg, ermordet aufgefunden – und an Verdächtigen mangelt es nicht…

(Inhaltsangabe der Verlagsseite des Romans entnommen!)

Sowohl Agatha Christie wie auch viele ihrer Kolleg*innen, die das goldene Zeitalter der britischen Krimis prägten, siedelten die Handlungen ihrer Werke gerne in der gehobenen Mittelschicht bis hinauf zum Adel an und präsentierten so kauzige Typen in einem gediegenen Ambiente voller Luxus aber auch mit mehr Schein als Sein.

Simenon hingegen porträtierte Typen der Unterschicht: Hier ging es immer etwas direkter, schnörkelloser und handfester zu. Auch Sex und Erotik wurden da nicht nur schamhaft angedeutet. Zudem wurde nicht auf edlen Landsitzen sondern in räudigen Hinterhöfen gemordet. Der Umgangston der Straße war deftig und manches Mal deutlich ordinärer als vergleichsweise in einem malerischen englischen Cottage. 


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Die literarische Vorlage zur Graphic Novel DER PASSAGIER DER POLARLYS ist mir leider nicht bekannt. Doch mit dem Wissen um die Attribute Simenons Werke, gestatte ich mir die Einschätzung, dass es José-Louis Bocquet gelungen ist, ein stimmiges Szenario zu kreieren, in dem der raue, wortkarge Umgangston, der an Bord eines Passagier- und Frachtschiffes vorherrscht, gut getroffen wurde.

Georges Simenon ist für mich ein Meister im Erschaffen von Atmosphäre. Er beherrschte die seltene Kunst, mit nur wenigen Sätzen punktgenau ein Milieu zu schildern. Wenige Sätze, manchmal nur Wörter genügen mir, und vor meinem inneren Auge entsteht das entsprechende Setting der Geschichte. Die Umsetzung besagter Atmosphäre in Bilder ist Christian Cailleaux mit seinen Illustrationen ganz und gar wunderbar gelungen. Mit der Wahl der jeweiligen Physiognomien zum Handlungspersonal skizziert er gestrauchelte und somit vom Leben gezeichnete Charaktere. Er verweigert uns „Schönmalerei“ und entwirft ambivalente Figuren mit Ecken und Kanten. Auch sein Setting, sozusagen das Bühnenbild entspricht diesem Konzept: Er verwehrt Simenons Welt eine allzu lebensbejahende Farbigkeit. Alles wirkt gedämpft, dumpf, trostlos – und gleichzeitig beängstigend, so als würde hinter jeder Kabinentür eine Gefahr lauern. 

„Ist es so, dass das Genre der Graphic Novel mir nicht zu liegen scheint?“ zweifelte ich vor einiger Zeit selbst an mir. Dank der Lektüre von DER PASSAGIER DER POLARLYS zweifle ich nun sehr viel weniger. Was hier geschaffen wurde, ist nicht nur ein schnöder Unterhaltungs-Comic, vielmehr wurde ein Klassiker der Kriminalliteratur als eine äußerst gelungene Graphic Novel wiedergeboren.


erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551804204 / in der Übersetzung von Christoph Haas
ebenfalls erschienen als Roman bei Hoffmann und Campe / ISBN: 978-3455006315 und als Taschenbuch bei Atlantik / ISBN: 978-3455008050 
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Margery Allingham – CAMPION. TÖDLICHES ERBE

Das goldene Zeitalter der Kriminalroman scheint sehr fruchtbar gewesen zu sein. Wie sonst ließe es sich erklären, dass die Verlage immer wieder in den Archiven fündig werden, so manche Wiederentdeckungen entstauben und deren Schöpfer*innen gerne vollmundig auf eine Stufe mit der „Queen of Crime“ stellen. In diesem Falle wird sogar werbewirksam auf dem Einband ein Zitat von Agatha Christie „herself“ bemüht:

„Margery Allingham sticht aus der Masse heraus
wie ein helles Licht in der Dunkelheit.“

Nach so viel Lobhudelei war meine Erwartungshaltung natürlich hoch, und mit der entsprechenden Vorfreude ausgestattet begann ich mit der Lektüre…

Die Familie Gyrth ist im Besitz eines legendären Kelches. Seine Schönheit und die Legenden, die sich um ihn ranken, machen ihn unersetzlich. In einer fensterlosen Kapelle aufbewahrt, sollte er vor Diebstahl sicher sein. Aber als Percival, der derzeitige Erbe der Familie, Opfer eines verpfuschten Entführungsversuchs wird, ahnt er, dass der Schatz in Gefahr ist. Kurzentschlossen wendet er sich an Albert Campion, einen der besten Detektiv, die England je kannte. Und so beginnt Campion zu ermitteln…

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

„Margery Allingham? Margery Allingham? Woher kenne ich diesen Namen?“ grübelte ich vor mich hin, doch der erhoffte zündende Einfall entpuppte sich als Rohrkrepierer. Erst als ich mich (dank Suchmaschine) mit der Vita der Autorin beschäftigte und mein Blick auf eine Liste vorhandener Verfilmungen haften blieb, schimmerte endlich ein Hauch von Erkenntnis durch den trüben Nebel der Unwissenheit. Ende der 80er Jahre wurden von der BBC acht Romane für das englische Fernsehen verfilmt. In den Hauptrollen standen Peter Davison in der Titelrolle und Brian Glover als Magersfontein Lugg vor der Kamera. Und eben genau diese Serie befindet sich schon seit geraumer Zeit im Bestand meiner umfangreichen DVD-Sammlung. Da ich mich nicht mehr ausreichend an sie erinnern konnte, schob ich flugs die erste DVD in den Player. Etliche Minuten später wusste ich, warum mir so wenig im Gedächtnis haften geblieben war: Die Verfilmung dieses Romans wirkte auf mich ermüdend langatmig und spannungsarm.

Dabei hält sich zumindest diese Folge nah am literarischen Original: Doch im Vergleich zur visuellen Umsetzung schaffte es die Autorin in ihrer Vorlage wenigstens eine gewisse Spannung aufzubauen und die Szenen flott abzuspulen. Ich könnte nicht behaupten, dass ich mich bei der Lektüre dieses Krimis gelangweilt hätte. Doch leider ist unser Held von einer enttäuschenden Farblosigkeit. Da werten ihn auch seine klugen Gedanken und raffinierten Schachzüge nicht auf. Sein hünenhafter Assistent Magersfontein Lugg zeigt da deutlich mehr Profil mit seiner kriminellen Vergangenheit, dem flotten Mundwerk und einer ordentlichen Portion gesundem Menschenverstand. Selbst viele der Nebenrollen haben deutlich mehr Ecken und Kanten als unser kriminalistischer Hero.

Auch wirkte die Handlung auf mich wie ein Mosaik aus nur allzu bekannten Einzelteilen und ließ mich an Werke von Edgar Allen Poe (geheimnisvolle verschlossene Räume) und Arthur Conan Doyle (geisterhafte Untier) denken. So war es dem Roman bedauerlicherweise nicht vergönnt, in Würde altern zu können, da ihm sowohl die Originalität der schon eingangs erwähnten Agatha Christie wie auch die Intelligenz einer Josephine Tey fehlen.

Fazit: Es ist durchaus ein netter, flott zu lesender Krimi. Doch leider ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass er ebenso kurz in meiner Erinnerung haften bleiben wird, wie schon zuvor die TV-Serie von der BBC.


erschienen bei Klett-Cotta / ISBN: 978-3608966756 / in der Übersetzung von Edith Walter
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Janice Hallett – DIE AUFFÜHRUNG

Ein Mord. Fünfzehn Verdächtige. Finden Sie die Wahrheit heraus?

werde ich durch den Untertitel auf dem Cover dieses Romans herausgefordert. Und eine Herausforderung war es allemal für mich – eine äußerst kurzweilige und fesselnde Herausforderung. Mit ihrem Erstlingswerk schuf Autorin Janice Hallett einen typischen „Whodunit“, der allerdings völlig untypisch erzählt wird…

Die lokale Theatergruppe „The Fairway Players“ steckt mitten in den Proben zu ihrem neuen Stück, als die Familie des Regisseurs Martin Hayward von einer Tragödie heimgesucht wird: Bei seiner kleinen Enkelin wurde eine seltene Krankheit diagnostiziert. Um die notwendigen 250.000 Pfund für die Behandlung aufzutreiben, sammeln die Mitspieler eine Menge Geld. Doch dann wird alles gestohlen, und am Tag nach der Generalprobe wird eine Leiche gefunden. Der Schuldige hält sich im Verborgenen – aber zwischen den Zeilen der innerhalb der Theatergruppe rege ausgetauschten E-Mails hat sich jemand verraten …

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Kronanwalt Roderick Tanner stellt seinen beiden Praktikanten Olufemi Hassan und Charlotte Holroyd eine herausfordernde Aufgabe: Er übergibt ihnen einen grob chronologisch geordneten Stapel mit Ausdrucken von E-Mails und Text-Nachrichten, denen er Zeitungsausschnitte und Informationen aus sozialen Medien beigelegt hat. Völlig unvoreingenommen sollen die Beiden mit einem frischen Blick auf die Korrespondenz der beteiligten Personen schauen, in der Hoffnung, dass sie Hinweise „zwischen den Zeilen“ entdecken, die so den Täter, die Täterin oder auch mehrere Täter entlarven.

Und genau diese Korrespondenz (in Form dieses Buches) liegt auch mir nun als Leser vor – zusätzlich mit den schriftlichen Anweisungen von Tanner und den WhatsApp-Nachrichten, die zwischen Hassan und Holroyd ausgetauscht wurden.

Dabei spielt die Autorin raffiniert mit dem Hang zum Voyeurismus der Leserschaft: Es scheint beinah, als werfe ich einen verbotenen Blick hinter die bürgerliche Fassade meiner Nachbarn, der mir höchst intime Details offenbart. So legen die Mails gnadenlos die menschlichen Schwächen der Absender bloß – manches Mal offensichtlicher als es der Verfasser*in lieb wäre. Da wird vorne gelächelt und hinten getreten. Das soziale Gefüge bzw. die Rangordnung (oder sollte ich lieber sagen: die Hackordnung) innerhalb dieser verschworenen Gemeinschaft tritt sehr deutlich zu Tage. Da der direkte Kontakt von Angesicht zu Angesicht fehlt, fallen die Masken der Höflichkeit, und die Hemmschwelle, offen die Meinung zu äußern, ist somit niedriger. So werden Charakterzüge präsentiert, die nicht immer konform sind mit dem Bild, das die besagte Person ihrer Umgebung gerne von sich vermitteln möchte.

Interessanterweise gibt es von zwei wichtigen Personen keine Aufzeichnungen, d.h. sie äußern sich nie selbst sondern werden stets nur aus dem jeweiligen, höchst individuellen Blickwinkel ihrer Mitmenschen beschrieben. Dieser Umstand führte dazu, dass diese Personen beinah eine Aura des Geheimnisvollen umgab, sie für mich deutlich schwerer einzuschätzen waren und somit einen unberechenbaren Faktor darstellten.

Anfangs befürchtete ich auch, dass ich bei dieser Flut an Mails den Faden verlieren und durch die Zuordnung der Personen verwirrt werden würde. Diese Befürchtung war völlig unbegründet, da die Autorin mir durch Hassan und Holroyd Hilfsmittel an die Hand gab. Unsere beiden eifrigen Praktikanten fertigten u.a. eine Liste der beteiligten Personen an, die natürlich auch mir bei der Lektüre zugutekam und mich beim Einordnen der Charaktere in den Ablauf der Geschehnisse unterstützte. Ebenso war die von ihnen erstellte Zusammenfassung der Ereignisse gegen Ende des Buches äußerst hilfreich.

Trotz dieser immensen Menge an Informationen schien auch vieles ungesagt zu bleiben, schimmerte unterschwellig zwischen den Zeilen hervor und irritierte mich. Ich konnte es anfangs nicht konkret benennen: Es war ein Gefühl, eine Ahnung…! Doch ich hegte den Verdacht, dass so die Autorin sehr bewusst – mit einer entsprechenden Formulierung oder einer scheinbar belanglosen Bemerkung – eine angespannte Atmosphäre kreieren wollte. Sollte dies ihre Beweggrund gewesen sein, darf ich ihr attestieren, dass es ihr gelungen ist.

Janice Hallett hat das Kunststück vollbracht, eine Geschichte gänzlich ohne einen klassischen Handlungsaufbau zu erzählen. Trotzdem büßte dieser gelungene Krimi nichts von seiner Spannung ein. Meine bisherige, langjährig angeeignete Lesegewohnheit geriet dabei höchst unterhaltsam durcheinander…!


erschienen bei Atrium / ISBN: 978-3855352180 / in der Übersetzung von Sabine Schilasky
Ich danke dem Literatur- und Pressebüro Politycki & Partner herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Agatha Christie – UND DANN GAB’S KEINES MEHR

Das in unserer heutigen verrückten Welt, wo Worte plötzlich eine neue Bedeutung erhalten und von Menschen für ihre niederen Zwecke missbraucht werden, literarische Werke neu überdacht werden, finde ich wichtig und richtig. Doch ich möchte auch auf folgendes hinweisen: Ich habe VOM WINDE VERWEHT gelesen und bin kein Rassist geworden. Ich habe mich als Kind über Pippi Langstrumpf und ihrem Vater, dem Negerkönig in Taka-Tuka-Land amüsiert und bin kein Rassist geworden. Ich habe auch Agatha Christies Krimi UND DANN GAB’S KEINES MEHR, in dem der alte Kindereim „Zehn kleine Negerlein“ eine entscheidende Rolle spielt, mit Freude gelesen und bin kein Rassist geworden. Kein Mensch wird ein Rassist, weil er diese Bücher gelesen hat. Ein Mensch wird ein Rassist, weil er in seinem gestörten Weltbild eine verabscheuungswürdige Ideologie verinnerlicht hat und somit zu großmütigen Gesten wie Toleranz und Menschlichkeit, die wichtige Säulen unserer Gesellschaft sind, nicht fähig ist.

So bin ich der Meinung, dass Bücher immer vor dem Kontext ihrer zeitlichen Entstehung gelesen werden sollten. Vor 96 Jahren, als dieser Roman entstand, galt ein anderes Gesellschaftsbild: Auch Agatha Christie war ein Kind ihrer Zeit und spiegelte in ihren Romanen das wieder, was die frühere Gesellschaft ihr präsentierte. Autor*innen, die ihre Werke unter dem Einfluss der damaligen Zeit verfassten, aus heutiger Sicht Antisemitismus bzw. Rassismus vorzuwerfen, halte ich für unangebracht. Ich verstehe mich als mündigen Leser und glaube einen Text auch dementsprechend einordnen zu können.

Schon häufig habe ich Rezensionen gelesen, in denen mit einem Aufschrei der Empörung darauf hingewiesen wurde, dass gewisse Formulierungen in der heutigen Zeit so nicht mehr „politically correct“ sind. Und ich gebe den Verfasser*innen dieser Rezensionen Recht – wenn es sich dabei um aktuelle Werke lebender Autor*innen handelt.

Doch auch bei älteren Werken spricht nichts gegen eine Neuübersetzung, wenn diese nicht mit einer sprachlichen Glättung bzw. inhaltlichen Verfälschung einhergeht. Und damit bin ich (endlich) beim Grund dieser Rezension angekommen: Bei der brillanten Kriminalgeschichte aus der Feder einer ebenso brillanten Autorin…

Zehn Männer und Frauen aus ganz unterschiedlichen Kreisen bekommen eine Einladung, die sie auf eine abgeschiedene Insel vor der Küste Devons lockt. Der Gastgeber, ein gewisser U.N. Owen, bleibt unsichtbar. Erst als die Gesellschaft beim Dinner zusammensitzt, ertönt seine Stimme aus einem alten Grammophon und verheißt Unheil. Ein Gast nach dem anderen kommt zu Tode, während die Verbleibenden verzweifelt versuchen, den Mörder zu enttarnen…

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Was soll/kann ich über diesen absoluten Klassiker der Kriminalliteratur noch sagen, was nicht schon tausendfach publiziert wurde? Natürlich könnte auch ich zeilenlang über den raffinierten Aufbau der Geschichte, die gelungene Charakterisierung der Figuren und die geschliffenen Dialogen schwadronieren. Zudem könnte ich mich huldvoll äußern, dass ich es durchaus nachvollziehbar finde, dass dieses Werk zu den meistverkauften Kriminalromanen aller Zeiten zählt. Dies alles (und noch viel mehr) könnte ich schreiben. Doch wozu? Vielmehr möchte ich mein Augenmerk den beiden mir vorliegenden Übersetzungen schenken.

Bei der früheren Fassung des Romans in der Übersetzung von Sabine Deitmer, die im Fischer-Verlag erschien, war folgende Anmerkung des Verlages zu lesen: Leider ließen sich im Text dieses Buches Bezeichnungen wie „Nigger Island“ und „Zehn kleine Negerlein“ nicht vermeiden, da Agatha Christie den ganzen Roman auf dem Kinderreim von Frank Green aus dem Jahre 1869 aufgebaut hat […]. Diese Bezeichnungen zu ändern würde bedeuten, das Buch völlig unverständlich zu machen. Wir bitten daher um Verständnis für Bezeichnungen, die heute diskriminierend wirken, was weder von der Autorin noch vom Verlag beabsichtigt war. Und so war ich sehr neugierig, wie Eva Bonné dieses „Problem“ in ihrer Neuübersetzung lösen würde.

Wie gekonnt Eva Bonné die bereits erwähnten Bezeichnungen entschärft, ohne den Ablauf der Geschichte zu verfälschen, verdient meinen Respekt. Aus „Nigger Island“ wird „Soldier Island“, und der bekannte Kinderreim wird so raffiniert zu „Zehn kleine Kriegerlein“ umgedichtet, dass er sich passgenau an den Ablauf der Handlung anschmiegt. Zudem passt dieser Kniff auch in die damalige Zeit, in der die Geschichte spielt: Der Roman erschien im Jahre 1939, und der Beginn des zweiten Weltkrieges warf schon dunkle Schatten.

Sowohl Sabine Deitmer wie auch Eva Bonné haben vorzügliche Arbeit geleistet. Ihre Übersetzungen befinden sich auf einem ähnlich hohen Niveau. Alle, die ein altes Exemplar aus dem Fischer-Verlag ihr Eigen nennen, müssten somit nicht zwingend die Neu-Auflage aus dem Atlantik-Verlag erwerben.

Doch für mich ist es immer eine Freude, zwei Versionen einer Geschichte zu besitzen und sie so miteinander vergleichen zu dürfen – vor allem, wenn ich spüre, dass (wie im vorliegenden Fall) ein wunderbarer Klassiker der Kriminalliteratur liebevoll behandelt und mit Respekt bedacht wurde.


erschienen bei Atlantik / ISBN: 978-3455016949 / in der Übersetzung von Eva Bonné