[Rezension] Agatha Christie – Lauter reizende alte Damen: Ein Fall für Tommy und Tuppence

„Entschuldigen Sie, aber war es Ihr armes Kind?“ raunte die freundliche Mrs Lancaster Tuppence Beresford leise zu, die im Salon des Seniorenheims „Haus Sonnenhügel“ auf die Rückkehr ihres Mannes Tommy wartet, der dort seine Tante Ada besucht. Mrs Lancasters Bericht von einem toten Kind hinter dem Kamin hört sich sehr fantastisch an, zudem sie auch schon ein wenig tüttelig zu sein scheint. Doch einige Wochen später ist Tante Ada tot und Mrs Lancaster wie vom Erdboden verschwunden. Im Nachlass von Tante Ada finden die beiden ein Bild, das Mrs Lancaster ihr geschenkt hatte, und Tuppence ist sich sicher, dass sie das dort abgebildete Haus schon einmal gesehen hat…!

Mit „Partners in Crime“ gönnte sich Agatha Christie ein Protagonistenpaar, das gemeinsam mit ihrer Schöpferin altern durfte (einen Luxus, den Christie sich mit Miss Marple und Hercule Poirot selbst verwehrte). So spielen die wenigen Kriminalromane um Tommy und Tuppence auch im jeweiligen Entstehungsjahr (1922: Ein gefährlicher Gegner, 1941: N oder M?, 1968: Lauter reizende alte Damen und 1973: Alter schützt vor Scharfsinn nicht), und so lernte ich die Beiden als junge Erwachsene kennen, begleitete sie als s.g. „Best Ager“ und begrüße sie nun wieder als älteres Ehepaar…!

Anfangs war ich etwas enttäuscht: Allzu betulich plätscherte die Handlung beinah belanglos dahin, und die Dialoge wirkten auf mich ein wenig hölzern. Dabei war mir nicht klar, ob dieser Umstand der Qualität der Übersetzung geschuldet war, oder ob Christie diesen Kniff sehr bewusst und somit voller Absicht anwandte, um die unaufgeregte Routine (die durchaus einen Hang zur Monotonie annehmen kann) innerhalb einer langjährigen Beziehung zweier Menschen zu beschreiben. Genau ab Seite 50 trat die Veränderung ein: Die Dialoge wurden lebendiger, und die Handlung nahm an Fahrt auf. Zudem wirkte der Umstand, dass Christie ihre Held*innen altern lässt, und diese mit den entsprechenden Veränderungen in ihrem Leben konfrontiert werden, nur allzu menschlich und somit äußerst sympathisch auf mich.

Auch in diesem Krimi wagte sich Christie wieder an ein heikles Thema (Kindstötung) und verarbeitete dieses sehr geschmackvoll-zurückhaltend ohne Effekthascherei. Dabei zeigte sie auch hier wieder ihre Kunst, eine Vielzahl an potentiellen Täter*innen zu etablieren und eine Fülle an falschen Spuren zu legen, um so ihre Leserschaft auf unterhaltsame Weise in die Irre zu führen. Trotzdem wirkte die Handlung auf mich etwas wirrer und weniger durchdacht, als ich es sonst von Christie-Krimis gewohnt war.

Doch hier leide ich mal wieder auf sehr hohem Niveau: Verständlicherweise konnte eine so produktive Autorin wie Agatha Christie, die über Jahrzehnte schriftstellerisch aktiv war, nicht ständig auf einem gleichbleibend hohen Niveau schreiben. Doch selbst ihre „schwächeren“ Werke verfügen über die Qualität, kurzweilige Lesestunden zu garantieren.


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455010817

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

Neues Jahr, neues Glück, neue Ideen…

…wohl eher nicht! Eher ist es ein erleichtertes Aufatmen, dass das letzte Jahr nun der Vergangenheit angehört. Wobei es sich hierbei wohl eher um eine kurze Verschnaufpause handelt, da seine Auswirkungen noch weit in dieses Neue Jahr hinein reichen werden! Doch wir sind nun einen großen Schritt weiter als noch vor zwölf Monaten, die Impfungen haben begonnen, und so bin ich frohen Mutes…!

…im letzten Jahr musste ich aus bekannten Gründen auf meine geliebten Lesungen verzichten und hoffe, dass ich vielleicht zum Ende des Jahres wieder als Vor-Leser aktiv werden kann. Ebenso würde ich mir wünschen, dass der Vorlesewettbewerb weiterhin stattfindet: Ich stände als Jury-Mitglied sehr gerne wieder zur Verfügung!

…dafür stapeln sich momentan erfreulich wenige Rezensionsexemplare auf meinem SuB, und so dürfte es auch gerne bleiben. Dieser Zustand fühlt sich momentan so herrlich entspannt an: Alle anderen Bücher aus dem SuB kann ich zwecks Rezension lesen, muss es aber nicht. Doch mir ist durchaus bewusst, dass dieser Zustand nur vorübergehender Natur ist, da ich schon einen neugierigen Blick (Okay, es waren mehrere Blicke…!) in die Frühjahrsvorschauen der Verlage geworfen habe…

…und bin (natürlich!) fündig geworden: Lauter reizende alte Damen von Agatha Christie (Atlantik/ 2. Februar), Der Name seiner Mutter von Roberto Camurri (Kunstmann/ 24. Februar), Als wär das Leben so von Rainer Moritz (Oktopus/ 25. Februar), Die Tode meiner Mutter von Carla Haslbauer (NordSüd/ 18. März), Mord in Sussex von John Bude (Klett-Cotta/ 20. März), Betty von Georges Simenon (Kampa/ 15. April) und Der französische Gast von Dorothy Whipple (Kein & Aber/ 11. Mai).

…hier auf meinem Blog wird es vorerst in gewohnter Manier weitergehen, d.h. die bekannten und (hoffentlich) beliebten Kategorien werden Euch auch weiterhin durch die Monate begleiten. Auch die im letzten Jahr eingeführte Rubrik „Literaten im Fokus“ wird weitergeführt. Wie versprochen hole ich im April meine kleine Retrospektive über den britischen Autor Christopher Isherwood nach, bevor wir im August gemeinsam einen Blick auf Leben und Werk der legendären Dorothy Parker werfen (Alle Angaben erfolgen ohne Gewähr! 😉)

…wie es kulturell weitergeht? Ich habe keine Ahnung – geschweige denn, dass ich es wagen würde, eine Prognose abzugeben. Keine einzige Eintrittskarte ziert momentan unsere Pin-Wand: Das gab es so noch nie! Ich würde es mir so sehr wünschen, dass Theater, Museen, Kinos etc. endlich aus ihrem erzwungenen Winterschlaf erwachen dürften. Die Kultur fehlt mir so sehr!!!

…und nach wie vor freue ich mich sehr auf die vielfältigen Begegnungen auf unterschiedlichen Wegen mit lieben Menschen – natürlich alles im Rahmen der Corona-Vorgaben! Diese Begegnungen sind mir immens wichtig: Ohne den Halt dieser besonderen Menschen hätte ich das vergangene Jahr bedeutend trüber empfunden! Herzlichen Dank!

Bleibt bitte ALLE gesund!

F R O H E S   N E U E S   J A H R

Liebe Grüße
Andreas

[Rezension] Agatha Christie – N oder M?: Ein Fall für Tommy und Tuppence

Miss Marple ist bekannt! Hercule Poirot ist bekannt! Wer von Euch nun Thomas und Prudence Beresford kennt, hebe bitte die Hand! Ahja, das dachte ich mir schon, dass sich nur wenige Hände in die Höhe strecken werden. Dabei handelt es sich hierbei um ein äußerst gewieftes Ermittler-Duo, dass gerne für besonders heikle Fälle vom Geheimdienst rekrutiert wird.

Agatha Christie hatte es häufig bereut, dass sie sowohl Miss Marple als auch Hercule Poirot schon zu Beginn deren jeweiligen literarischen Karrieren ein so hohes Alter hat angedeihen lassen. So war sie bzgl. des zeitlichen Rahmens äußerst eingeschränkt und konnte wenig aktuelles Zeitgeschehen in die Geschichten einflechten. Bei den vier Romanen und der Sammlung mit Kurzgeschichten rund um die „Partners in Crime“ Tommy und Tuppence – wie Thomas und Prudence Beresford von Familie und Freunden gerne genannt werden – konnte Christie dafür aus den Vollen schöpfen. Sehr bewusst hat sie Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte zwischen den Erscheinungsdaten der Romane verstreichen lassen. Die Handlung spielte immer im jeweiligen Veröffentlichungsjahr des Romans: Während der 1. Fall im Jahre 1922 spielt, in dem Tommy und Tuppence sich als junge Menschen kennenlernen und unversehens in Spionagegeschäfte verstrickt werden, ist die Handlung des 2. Falls im Jahre 1941 fixiert…

Der 2. Weltkrieg tobt! Großbritannien erwartet die Angriffe der Deutschen, und Tommy und Tuppence sitzen in ihrem Heim und fühlen sich völlig unnütz. Das Leben spielt sich woanders und vor allem mit deutlich jüngeren Leuten ab: Ihre Zwillinge Derek und Deborah sind beide schon erwachsen und arbeiten für die Regierung. So fühlen sich Tommy und Tuppence mit Mitte 40 zum alten Eisen gehörend. Doch nicht nur der äußere Feind stellt eine Bedrohung dar: Auch im Inneren der Regierung gibt es feindliche Subjekte, die aus Gründen der Staatssicherheit eliminiert werden müssen. Da die eigenen Agenten zu bekannt sind, erinnert man sich an Tommy und Tuppence. Sie reisen inkognito an die britische Küste, um in der Pension „Sans Souci“ als unscheinbare Gäste unter den Anwesenden den Kopf der Spionagebande auszuspähen. Kein leichtes Unterfangen mit den wenigen vorhandenen Informationen, dass es sich hierbei um einen Mann und eine Frau handelt, bei denen nur die Code-Namen bekannt sind: Jeder – vom Dorfbewohner bis zum Pensionsgast – könnte somit „N oder M“ sein…!

Agatha Christie ist wieder eine kurzweilige und spannende Spionage-Geschichte gelungen, die deutlich mit ihrer Entstehungszeit verankert ist. Dabei versteht sie es famos, nicht allzu klischeehaft die jeweiligen Parteien (böse Deutsche/ gute Engländer) zu porträtieren. Trotzdem spiegeln sich in den Dialogen deutlich die Ansichten der damaligen Zeit wieder: Christie weiß aber durchaus zu differenzieren. Als Meisterin ihres Fachs lockt sie die Leser in klassischer „Whodunit“-Manier seitenlang in die Irre, um dann endgültig „die Katze aus dem Sack“ zu lassen.

Wie schön, dass die Werke von Agatha Christie nun im Atlantik-Verlag ihre Heimat gefunden haben. So werden auch weiterhin die weniger bekannten aber ebenso erstklassigen Krimis der „Queen of Crime“ wieder neu aufgelegt, um so eine größere Leserschaft zu finden. Sie hätten es mehr als verdient!


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455004830

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!