[Rezension] Eva Woska-Nimmervoll – Heinz und sein Herrl

Kennt Ihr das auch? Ihr lest ein Buch! Es ist wahrlich nicht schlecht, aber trotzdem…!?

So erging es mir mit „Heinz und sein Herrl“, das mich während der Lektüre immer wieder etwas ratlos innehalten lies. Nun sitze ich vor dem Computer-Bildschirm, starre auf die Tatstatur und versuche, eine Begründung dafür zu finden. Mehrfach habe ich hier schon betont, dass ich Bücher, die mir nicht gefallen, nicht bis zum Ende lese und somit auch keine Rezension darüber verfasse. Diesen Roman habe ich bis zum Ende gelesen! Also muss er mir gefallen haben! Irgendwie…!

Ich habe schlicht und ergreifend etwas anderes erwartet! Anhand der Ankündigung des Verlages habe ich eine witzige, leichte, doch schwarzhumorige Geschichte erwartet, die mich immer wieder vergnügt auflachen lässt. Dass meinen Erwartungen nicht entsprochen wurden, dafür kann ich erstmal weder der Autorin noch ihrer Geschichte einen Vorwurf machen.

„Auf halber Strecke“ empfand ich die Lebensentwürfe der Protagonisten weniger erheiternd als vielmehr deprimierend. Manchmal ertappte ich mich dabei, dass die Protagonisten mich merkwürdig unbeteiligt und somit ein Mitleiden und –fühlen nicht zuließen. Ich wollte dieses Werk schon unter der Rubrik „Falscher Roman zur falschen Zeit“ verbuchen, als plötzlich der Knoten platze.

Unversehens war sie da, die von mir so erhoffte Leichtigkeit: Nachdem ich meine Erwartungen „abgehakt“ und meine Enttäuschung überwunden hatte, konnte ich mit freiem Blick diesen Roman weiterlesen.

Hund Heinz lebt mit seinem Herrchen in einem Wiener Gemeindebau. Ihr Leben läuft in für sie sicheren, monotonen Bahnen, bis der unfreundliche Nachbar, der Heinz immer mit „Scheißköter“ beschimpft, nach einem Streit stürzt und später im Krankenhaus verstirbt. Heinz Herrchen macht sich große Vorwürfe, ob er nun am Tod des unfreundlichen Nachbarn die Schuld trägt und macht sich zum Zwecke der Selbstanzeige auf den Weg zur Polizei. Dabei wäre sein geruhsames Leben schon ohne diesen Vorfall gänzlich durcheinander, hatte er doch zufällig eine wunderbare Frau kennengelernt. Zu allem Überfluss flattert auch noch ein Erpresser-Schreiben in sein Mail-Postfach…!

Eva Woska-Nimmervolls Sprache ist locker, leicht und durchaus pointiert. Ihre Personen entsprechen so ganz und gar nicht dem gängigen Mainstream: Es sind Personen mit Ecken und Kanten, mit Problemen und „Zuständen“, nicht schön aber individuell und somit gezeichnet vom Leben. Nachdem der Knoten bei mir geplatzt war, nahm die Geschichte für mich an Fahrt auf und schenkte mir „mit einem Augenzwinkern“ ein kleines, feines Happy End.

Am Schluss waren „Heinz und sein Herrl“ und ich miteinander versöhnt, so dass ich ihm und mir eine gemeinsame zweite Chance zugestehe und den Roman nach einiger Zeit nochmals lesen werde – diesmal mit realistischen Erwartungen!

erschienen bei Kremayr & Scheriau/ ISBN: 978-3218011556

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Birand Bingül – Der Hodscha und die Piepenkötter

Passend zu den anstehenden Wahlen am 26. Mai (Neben der Europawahl wird in einigen Bundesländern auch der Land- bzw. Kreistag gewählt.) habe ich einen etwas älteren Roman aus meinem Regal gekramt:

In einer mittelgroßen Stadt unserer Republik geschehen merkwürdige Dinge: Die Oberbürgermeisterin Frau Ursel Piepenkötter kämpft mit harten Bandagen um jede Stimme im Wahlkampf zu ihrer Wiederwahl, und der neue Vorsteher der islamischen Gemeinde Nuri Hodscha kämpft mit nicht minder harten Bandagen um die Bau-Genehmigung einer adäquaten Moschee für sich und seine Glaubensbrüder und -schwestern. Und schon liegen sich diese beiden Dickköpfe, beide von ihrer Mentalität her Alpha-Tiere, kräftig in den Haaren: Mal behält sie Oberwasser, mal hat er die Trümpfe in der Hand. Ein amüsanter, verbaler Schlagabtausch beginnt und steigert sich zunehmend zur spannenden Polit-Satire.

Hierbei scheuen die beiden Streithähne nicht davor zurück, ihre Kinder in ihre Machenschaften mit hineinzuziehen. Während sich zwischen Hülya, der Tochter von Nuri Hodscha, und Patrick, dem Sohn von Ursel Piepenkötter, eine scheue Liebesbeziehung anbahnt, sind die beiden ständig hin und her gerissen zwischen Loyalität zu ihrem jeweiligen Elternteil und Verwunderung bzw. Wut über so viel Unverstand – und zeigen dabei deutlich mehr Vernunft und Reife als ihre Eltern.

Birand Bingül schafft es ganz ausgezeichnet, glaubhafte Personen zu beschreiben, die sehr menschlich agieren. Hier gibt es nicht nur SCHWARZ und WEISS – sondern er kreiert die Personen in allen Fassetten, in allen Farbtönen des Lebens und ergreift dabei nie Partei (außer in seiner Ablehnung gegenüber radikale Islamisten und Rechtsradikale). Dabei nutzt der Autor auch die Einteilung der Kapitel, um dem Leser die zunehmende Spannung zu vermitteln, werden hier doch die noch verbleibenden Tage bis zur Wahl angegeben.

Beim Lesen musste ich immer wieder schmunzelnd feststellen, wie ähnlich sich diese beiden Kontrahenten sind und als Team mit Sicherheit unschlagbar wären.

Besonders amüsierten mich auch die Zwiegespräche Nuri Hodschas mit Allah, bei denen mir bestätigt wurde, was ich immer vermutet hatte: Allah ist mächtig, Allah ist weise, und (vor allem) Allah ist sehr modern und weltoffen. Und Allah darf diesen Roman auch schließen, indem er den Leser mit einer leichten Ahnung, dass wir vom Hodscha und von der Piepenkötter noch weiteres hören bzw. lesen werden, entlässt.

Übrigens: Personen und Handlung sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist natürlich rein zufällig – NATÜRLICH!


erschienen bei Rowohlt/ ISBN: 978-3862520152

 

[Rezension] Rainer Moritz – Zum See ging man zu Fuß: Wo die Dichter wohnen. Spaziergänge von Lübeck bis Zürich/ mit Fotografien von Anna Aicher

So, nun reicht es mir! So langsam mache ich mir ernsthafte Sorgen um mich: Wie schon erwähnt, scheine ich in diesem Frühjahr ganz im Bann von Rainer Moritz zu stehen. Nachdem mein Lese-Eindrücke zu Leseparadiese: Eine Liebeserklärung an die Buchhandlung und Mein Vater, die Dinge und der Tod schon erschienen sind, halte ich nun den neusten prachtvollen Bildband aus dem Knesebeck-Verlag in den Händen, zu dem Herr Moritz wieder seine launigen Texte beigetragen hat.

Als Leser habe ich meine imaginären Wanderschuhe geschnürt, mich auf den Weg gemacht und somit auf den Spuren von 14 großen Literaten begeben: Da streift Thomas Mann durch die Gassen von Lübeck vorbei am „Buddenbrock“-Haus. Arthur Schnitzler lebt, schreibt und liebt im achtzehnten Bezirk in Wien. Franz Kafka liest sehnsuchtsvoll Gedichte im Café Louvre in Prag. Und Marcel Proust schlendert über die Pariser Champs-Elysée.

Aber nicht nur die großen Metropolen findet in diesem „Wanderführer“ Erwähnung: Auch die Hass-Liebe zwischen Ingeborg Bachmann und ihrer Geburtsstadt Klagenfurt wird ebenso genannt, wie Gerhard Hauptmanns Schwärmerei zu Hiddensee und Gerhard Meiers Verbundenheit zu Niederbipp.

Alle diese Orte haben die Literaten nicht nur als Person geprägt, – Nein! – sie flossen ebenso in ihr literarisches Œuvre ein und inspirierten sie zu ihren herausragenden Werken, entweder indem sie der Fiktion Pate standen oder den äußerst realen Rahmen für ihre Geschichten bildeten. Umgekehrt nahmen auch die Literaten Einfluss auf die jeweiligen Orte, werden dort verehrt und gehegt als bedeutendes Detail im kulturellen Erbe und sind nicht selten Teil der dortigen Tourismusindustrie.

Einige Literaten sind zudem untrennbar mit dem jeweiligen Ort verbunden, wie beispielsweise Hans Christian Andersen mit Kopenhagen: Bei einem Spaziergang durch die dänische Hauptstadt wird der Besucher zwangsläufig über Andersen stolpern. Andersen galt als ein schwieriger Zeitgenosse und war nicht unbedingt ein angenehmer Gast, wie Freunde und Weggefährten bestätigen konnten…

„Hans Andersen schlief fünf Wochen in diesem Zimmer. Der Familie kam es vor wie eine Ewigkeit.“ Charles Dickens

Was wäre ein Bildband ohne Bilder? Genau! – Nur ein Lesebuch! Im vorliegenden Fall liefert Anna Aicher hervorragende Fotos zum Text: Sie fängt die Stimmungen in den Refugien und Treffpunkten der Literaten ebenso kunstvoll ein, wie sie die noch erhaltenden Arbeitsplätze in Szene setzt und die inspirierende Schönheit der Natur auf „Celluloid bannt“.

So, und nun werde ich versuchen, den Moritzschen Bann zu durchbrechen und mich anderen Autoren zuzuwenden: Drückt mir bitte die Daumen, damit Herr Moritz nicht doch noch ein weiteres Buch in diesem Jahr veröffentlicht. Ich wüsste nicht, ob ich stark genug wäre…!!!


erschienen bei Knesebeck/ ISBN: 978-3957280565

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Regina Scheer – Gott wohnt im Wedding

Das alte Haus im Wedding knackt…
…und lauscht den Geschichten der Menschen, die in seinen Wänden nun wohnen, und erinnert sich an seine eigene Geschichte mit all den Menschen mit ihren Schicksalen, die in seinen Wänden gewohnt, gelebt und geliebt haben. Es ist erstaunt, wie eng diese Schicksale miteinander verknüpft sind – für die Menschen manchmal nicht begreifbar…

Das alte Haus im Wedding knarrt…
…und blickt auf Laila Fidler, einer jungen Sintiza, die in sein Hinterhaus gezogen ist, nichtsahnend, dass ihre Vorfahren ebenfalls hier einmal Zuflucht gefunden haben. Laila, die mit ihrer Familie als Spätaussiedler aus Polen nach Deutschland gekommen ist, fühlt sich zerrissen: Ist sie eine Deutsche? Ist sie eine „Zigeunerin“? Wohin gehört sie? Sie hadert mit ihrer Herkunft und verschweigt sie lieber aus Angst, geächtet zu werden. Sie ist eine Vertriebene in der eigenen Heimat…

Das alte Haus im Wedding stöhnt…
…und erkennt in dem alten Mann, der seit einigen Tagen unter seinem Torbogen steht, Leo Lehmann wieder, der in den Jahren des Nationalsozialismus als Jude untertauchen musste und mit seinem besten Freund Manfred Neumann im Untergrund operierte. Mit dem Mut und der Kraft der Verzweifelten kämpften sie ums Überleben, bis Manfred hier in der Wohnung von Gertrud Romberg verhaftet wurde. Leo überlebte und wanderte nach Israel aus. Nun ist er nach Jahrzehnten wieder in Berlin in Begleitung seiner Enkelin, die in dieser Stadt ihre Zukunft sieht…

Das alte Haus im Wedding knarzt…
…und schaut voller Sorge auf Gertrud Romberg, die seit ihrer Geburt hier lebt. Sogar die traumatischen Geschehnisse rund um die Verhaftung von ihrem geliebten Manfred konnten sie nicht zum Wegzug bewegen. Wo sollte sie auch hin? Jetzt ist es zu spät: Sie ist alt! Doch die neuen Investoren des Hauses möchten sie gerne loswerten, aber sie wird sich nicht vertreiben lassen. Wenn sie stirbt, dann hier in diesem Haus im Wedding…

Das alte Haus im Wedding brennt…
…und muss so dem Fortschritt weichen. Aber ist Fortschritt nicht auch nur eine andere Form von Vertreibung?

Die Figuren in Regina Scheers Roman sind allesamt Flüchtende: Sie fliehen vor Bedrohungen wie Krieg und Verfolgung. Sie fliehen vor Armut und Unterdrückung. Sie fliehen aber auch vor der eigenen Geschichte.

Und doch suchen sie alle eine Identität und ein kleines Stückchen Heimat, eine Ahnung von „zuhause sein“. Diese Sehnsucht nach Heimat und das Gefühl der ständigen Entwurzelung formen die Seelen dieser Menschen.

Sehnsucht: Endlich angekommen sein! Regina Scheer packte mich als Leser emotional am Schlafittchen und rüttelte am Fundament meiner Existenz. Eine spürbare Trauer durchzieht diesen Roman und lässt mich nachdenklich zurück. Bei der Lektüre schwirrten mir immer wieder Fragen durch meinen Kopf: „Was bedeutet Heimat für mich?“ und „Was wäre ich, wenn ich plötzlich heimatlos wäre?“. Ich musste dann die Lektüre unterbrechen, Luft holen, Gedanken ordnen…! Trauer…!

…und doch verlässt uns der Roman auch wieder mit dem Funken der Hoffnung nach einem Neubeginn: Das alte Haus im Wedding ist nun Geschichte! Aber eine neue Geschichte beginnt…!


erschienen bei Penguin/ ISBN: 978-3328600169

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Georges Simenon – Der Mörder

„Hochverehrter Herr Doktor, es tut weh, mit anzusehen, wenn ein Mann wie Sie insgeheim der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Jemand, der Sie schätzt, teilt Ihnen mit, dass Frau Kuperus Sie betrügt, jedes Mal wenn Sie unterwegs sind. Sie trifft sich mit einem Ihrer Freunde, Herrn de Schutter, in dessen Bungalow am See und verbringt dort manchmal auch die Nacht.“

…einige wenige Zeilen auf das Papier geworfen und die wohlgeordnete Welt von Doktor Kuperus gerät aus den Fugen. Diese wohlgeordnete Welt hat er sich über Jahre aufgebaut: respektabler Haushalt in einer Kleinstadt mit Frau und Dienstmädchen, eine gutgehenden Arztpraxis, Mitglied im Billard-Club…

…und einmal im Monat nimmt er an einem Ärztetreffen in Amsterdam teil: Monat für Monat und Jahr für Jahr. Nur zwei Mal bleibt er diesem Treffen fern: Beim ersten Mal versichert er sich, ob die Behauptungen des anonymen Schreibens den Tatsachen entsprechen. Beim zweiten Mal erschießt er seine Frau und ihren Liebhaber und versenkt die Leichen im nahen Kanal. Dann wartet er auf seine Verhaftung. Doch nichts passiert, und er lebt weiter…! Leben…?

Georges Simenon entwirft das Psychogramm eines gebrochenen Mannes, dessen Fassade der Gutbürgerlichkeit durch diese Tat ins Wanken gerät. Der anfängliche Taumel des Unerhörten wird abgelöst durch Ängste des Überführtwerdens, um sich dann in manischen Verhaltensweisen zu manifestieren. Eine solch schändliche Tat hinterlässt tiefe Spuren in der Psyche und in der Seele des Täters, spiegelt sich ebenso in seiner Physiognomie wieder und offenbart sich in seinem Verhalten gegenüber seiner Umwelt.

Georges Simenon entwirft ebenso ein Soziogramm und beschreibt anschaulich, wie diese Tat Einfluss auf das Verhalten der Menschen in dieser Kleinstadt nimmt: Der Mörder ist unter ihnen. Sie vermuten es, sie befürchten es und können doch nichts beweisen. Das soziale Gefüge kommt ins Straucheln, wirkt verletzlich und angreifbar und sehnt sich nach dem schützenden Mantel der Gutbürgerlichkeit.

Als Krimi kann und möchte ich „Der Mörder“ nicht bezeichnen: Simenon lässt von Anfang an keinen Zweifel an den Täter aufkommen: Somit bleibt die klassische Aufklärung aus,…

…und doch liest sich dieser fesselnde Roman so spannend wie ein Krimi und beweist anschaulich, warum Simenon als der „meistgelesene, meistübersetzte, meistverfilmte, in einem Wort: der erfolgreichste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts“ (Die Zeit) gilt!!!

erschienen bei Hoffmann & Campe/ ISBN: 978-3455005240

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Anne Cathrine Bomann – Agathe

„Wenn ich mit zweiundsiebzig in den Ruhestand ging, hatte ich noch fünf Monate zu arbeiten. Das entsprach zweiundzwanzig Wochen oder, falls alle Patienten kamen, genau achthundert Gesprächen. War jemand verhindert oder wurde krank, verringerte sich die Zahl natürlich. Darin lag, trotz allem, ein gewisser Trost.“

Das Leben des alternden Psychiaters hat Struktur. Das Leben des alternden Psychiaters läuft in gewohnten Bahnen. Das Leben des alternden Psychiaters birgt aber auch keine Überraschungen mehr. „Zum Glück!“, meint der alternde Psychiater. Doch überraschend taucht eine junge Patientin in seiner Praxis auf und verlangt nach Behandlung, und plötzlich bekommt seine Struktur Risse und die gewohnten Bahnen verwandeln sich in eine Achterbahn der Gefühle. Doch nicht nur diese junge Patientin mit Namen Agathe reißt ihn aus seiner Lethargie, in der er es sich so schön bequem gemacht hat, auch die anderen Menschen seiner Umgebung versagen ihm ihre gewohnten Reaktionen: Da ist seine korrekte Sekretärin Madame Surrugue, die urplötzlich der Arbeit fern bleibt, oder sein Nachbar, den er seit Jahren durch die Wand zwar hört, aber mit dem er noch nie auch nur ein einziges Wort gesprochen hat,…

…und immer wieder Agathe, die nach Äpfel und Zimt duftet: Ein Duft, der ihn an seine Kindheit erinnert!

Mit „Agathe“ legt Anne Cathrine Bomann ihren ersten Roman vor und beweist mit diesem kleinen, 155-Seiten-schmalen Büchlein, dass große Literatur auch mit wenigen Worten auskommt, auch auskommen kann. Dabei beschreibt sie die Situationen mit einer Klarheit, einer atmosphärischen Dichte und gleichzeitig voller Leichtigkeit. Der Roman mutet an wie eine dieser wunderbaren französischen Komödien, die trotz der spürbaren Melancholie den Zuschauer/ Leser mit einem wohligen Gefühl zurücklassen und die Augen zum Leuchten und das Herz zum Strahlen bringen.

Bowmann ist ein ungewöhnliches Plädoyer für die Lebensfreude, die Spontanität und die Menschlichkeit gelungen. Ebenso wie die verkrusteten Strukturen ihres Hauptdarstellers bröckeln, so schenkt sie auch ihrem Leser die Möglichkeit, den eigenen Lebensentwurf ohne Zwang zu hinterfragen und zu überdenken,…

…damit er somit die Motivation nicht verliert, weiterhin auf das Leben mit all seinen Facetten und vielfältigen Möglichkeiten neugierig zu sein!


erschienen bei hanserblau/ ISBN: 978-3446261914

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Leo Timmers – Ein Haus für Harry

Ohjemine! Das ist ja sooo entzückend…!

Kater Harry möchte gerne mit Schmetterling Vera spielen, war aber noch nie draußen. Trotzdem tollt er dem Schmetterling hinterher, verläuft sich und findet sein Haus nicht mehr wieder. Nun macht er sich auf die Suche, ein passendes Haus für sich zu finden. Dabei macht er die Erfahrung, dass es eine ganze Menge andersartige Häuser für die unterschiedlichsten Bewohner gibt. Zum Glück findet Harry Freunde, die ihm helfen zuerst Vera und dann den Weg nach Hause wieder zu finden.

Leo Timmers erschafft in Wort & Bild eine kleine, charmante Geschichte, die das Andersartig-Sein thematisiert ohne die pädagogische Keule aus dem Sack zu lassen. Seine cartoonhaften Illustrationen bereiten dem Betrachter eine Menge Freude, amüsieren auch in den Details (So gibt es an einer Litfaßsäule die Plakate von „Cats“ und „Madame Butterfly“ zu entdecken! 😍) und zaubern ein Lächeln auf die Lippen des Betrachters.

Ein amüsant-charmantes Bilderbuch für die Kleinen zum Vorlesen und gemeinsamen Betrachten…! 🐱

erschienen bei aracari/ ISBN: 978-3907114063

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] J. Jefferson Farjeon – Dreizehn Gäste

Ein junger Mann namens John Foss springt aus einem anfahrenden Zug, landet unsanft auf dem Bahnsteig und verstaucht sich den Knöchel: Schon findet er sich mit Unterstützung der reizenden, jungen Witwe Nadine Leveridge im alt-ehrwürdigen Anwesen Braggley Court von Lord und Lady Aveling wieder – inmitten einer illustren Wochenendgesellschaft von sehr einzig- sowie eigenartigen Typen. Durch diesen tragischen Unfall hat sich die Zahl der Anwesenden auf die berüchtigte Zahl 13 erhöht: Einem schlechten Omen gleich zollt diese Unglückszahl ihren Tribut unter den Anwesenden…!

„Dreizehn Gäste“ erschien erstmals 1936 im Goldenen Zeitalter der britischen Kriminalliteratur und liegt nun endlich in der deutschen Übersetzung vor. Doch warum ist Joseph Jefferson Farjeon (1883–1955) bei uns so wenig bekannt? Dabei hat er mehr als sechzig Krimis und Thriller verfasst, und seine – auch bei uns populäre – Krimi-Kollegin Dorothy L. Sayers schwärmte von ihm als „unübertroffen in der gruseligen Darstellung mysteriöser Abenteuer“. Darum geht mein Dank an den Klett-Cotta Verlag, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, diese verschollenen Krimi-Perlen wieder ans Licht der Öffentlichkeit und somit vor die Augen der Leser*innen zu befördern.

Ich LIEBE alte, englische Krimis! Ich LIEBE sie einfach! Einerseits reizt mich die Zeit, in der sie spielen: Eine Zeit, die geprägt war durch Stil und Etikette. Eine Zeit, die nicht besser als die heutige war aber manchmal besser erschien. Andererseits verstanden die damaligen Kriminalautorinnen und –autoren einfach ihr Handwerk…!

Zudem beherrschte Farjeon die Kunst, wunderbar zu formulieren, glaubhafte Charaktere zu formen und die Dialoge klug einzusetzen. Gleichzeitig streute er Witz und Ironie in die Handlung und scheute auch keine Anspielungen auf prominente Kollegen: So beschreibt er den ermittelnden Inspektor Kendall als einen der wenigen Kriminalisten, die nicht Geige spielen.

Wie ein Spinnennetz verwebt Farjeon die Schicksale seiner Protagonisten miteinander, verknüpft einige enger, um andere zu lockern oder gar gänzlich zu zerreißen. Handlungsstränge werden verfolgt, dann wieder fallengelassen, nur um beim Finale anhand eines detaillierten Zeitplans das Geschehen miteinander zu verknüpfen, die Täter*innen zu entlarven und somit die Verbrechen aufzulösen. Lese-Genuss pur!

Ich freue mich schon sehr auf die nächste kriminalistische Wieder-Entdeckung im Klett-Cotta Verlag!


erschienen bei Klett-Cotta/ ISBN: 978-3608963922

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Robert Louis Stevenson – Doktor Jekyll & Mister Hyde/ mit Illustrationen von Sébastien Mourrain

Mit Schaudern erzählt Mister Utterson die merkwürdigen Umstände eines gar außergewöhnlichen Falls: Sein langjähriger Freund, der kultivierte Dr. Henry Jekyll scheint unter dem seltsamen Einfluss eines gewissen Mister Hyde zu stehen. Mister Hyde repräsentiert das genaue Gegenteil von dem destingierten Arzt. Während Dr. Jekyll von einnehmendem Wesen und ansehnlicher Gestalt ist, wirkt Mister Hyde merkwürdig gedrungen in seinem Äußeren und strahlt eine animalische Brutalität aus. Was verbindet diese beiden grundverschiedenen Männer miteinander? Mister Utterson erinnert sich mit Grauen…!

Robert Louis Stevensons im Jahre 1886 veröffentlichte Geschichte um Doktor Jekyll & Mister Hyde hat seinen Weg schon in vielen Gestalten in die Öffentlichkeit gefunden, sei es filmisch oder als Hörspiel, als Schauspiel oder Musical, als Graphic Novel oder – wie in diesem vorliegendem Fall – als  Nacherzählung für junge Leser. Dabei wurde die Stimmung der Vorlage bewahrt: Das viktorianische London erscheint weiterhin düster und geheimnisvolle. Das mysteriöse Verhalten von Dr. Henry Jekyll gibt dem Leser Rätsel auf, und Mister Hydes schändliche Taten werden nicht verschwiegen aber für die jüngere Leserschaft entsprechend „bearbeitet“. Alles in allem ist Nils Aulike eine gelungene Übersetzung und kluge Kürzung des Original-Textes gelungen.

Hinzu kommen die atmosphärisch-dichten Illustrationen von Sébastien Mourrain, die – in schwarz-weiß gehalten – einen großen Anteil am Gelingen dieser Roman-Bearbeitung haben. Sehr sparsam, dafür umso überlegter setzt Mourrain die Farbe Gelb ein, um den Blick des Lesers/ Betrachters bewusst auf etwas zu fokussieren oder ihn auf kleine Details in der Zeichnung zu lenken.

Es fällt mir schwer, dieses Werk als Bilderbuch zu bezeichnen: Für mich ist es eher ein illustrierter Roman! Aber schlussendlich ist es auch völlig egal, wie wir es nennen. Fakt bleibt, dass hier eine gelungene Adaption dieses Klassikers entstanden ist!

erschienen bei Bohem/ ISBN: 978-3959390415

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Agatha Christie – Miss Marple-Krimis

Miss Jane Marple erblickte – dank ihrer Schöpferin Agatha Christie – im Jahre 1930 mit „Mord im Pfarrhaus“ das Licht der literarischen Welt und sollte es 36 Jahre, 12 Romane und etliche Kurzgeschichten später erst wieder verlassen. Dabei kann sie auf eine sehr erfolgreiche Kariere – auch in Film, Fernsehen und Rundfunk – zurückblicken.

Miss Marple ist eine ältere, altjüngferliche Dame aus der fiktiven kleinen Ortschaft St. Mary Mead, die dank ihres reinen Menschenverstands und einem unverstellten Blick auf die menschliche Natur die rätselhaftesten Geheimnisse lüftet. Dabei wird sie – aufgrund ihres harmlos wirkenden, provinziellen Auftretens – von der Polizei wie vom Täter häufig unterschätzt.


Mord im Pfarrhaus

Ausgerechnet im Pfarrhaus ereignet sich ein kaltblütiger Mord. Der Pfarrer und seine Gemeindemitglieder sind entsetzt. Wer könnte in dem bisher beschaulichen St. Mary Mead eine solch grauenhafte Tat begehen. Es wird spekuliert, gemutmaßt und verdächtigt – nur Miss Marple behält einen klaren Kopf…

Agatha Christie versteht es sehr gekonnt, die Geschehnisse aus Sicht des Dorfpfarrers zu schildern, der obwohl sehr gottesfürchtig trotzdem äußerst menschlich denkt und agiert, und mit seiner ungewohnten Familienkonstellation (junge, hübsche Ehefrau, jugendlicher Neffe) selbst für wilde Spekulationen im Dorf sorgt. Ich habe mich köstlich über Agatha Christies Beschreibungen der Dorfbewohner amüsiert: In diesem Mikro-Kosmos herrschen statt Friede & Freude eher handfester Klatsch & Tratsch. Zudem fällt Miss Marples erste Erwähnung im Roman so gar nicht vorteilhaft für sie aus:

„Sie ist die schlimmste Katze im Dorf. Und weiß immer alles, was passiert – und zieht daraus die schlimmsten Schlüsse.“

Zum Glück sind es aber gerade diese – wenig schmeichelhaften – Eigenschaften, die Miss Marple helfen, den verzwickten Fall zu lösen und sie in einem vorteilhafteren Licht erscheinen zu lassen.

Ein wunderbar spannender Krimi mit prallen Charakteren und witzigen Dialogen…

erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455650075


16 Uhr 50 ab Paddington

Zwei Züge rasen mit hoher Geschwindigkeit in dieselbe Richtung. Während die Züge einander überholen geschieht in dem einen Zug ein Mord, in dem anderen Zug sitzt eine entsetzte Zeugin: Elspeth McGillicuddy. Doch niemand will ihr Glauben schenken, zudem auch keine Leiche aufzufinden ist. So wendet sie sich vertrauensvoll an ihre liebe Freundin Jane Marple, die unverzüglich die Fährte aufnimmt…

Interessanterweise ermittelt Miss Marple in dieser Geschichte nicht selbst, sondern bleibt – die Fäden in der Hand behaltend – im Hintergrund und überlässt das Feld ihrer jugendlichen Freundin Lucy Eyelesbarrow, die als Miss Marples verlängerter Arm agiert. Dies tut sie so geschickt und  sympathisch, dass ich mir als Leser wünsche, es gebe weitere Krimis des Gespanns Marple/ Eyelesbarrow.

Auch 27 Jahre nach Miss Marples ersten Auftritt beweist Agatha Christie, dass sie ihr Handwerk nach wie vor versteht…

erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455650068


Das große Miss-Marple-Buch

…versammelt auf satte 400 Seiten die schönsten Kurzgeschichten mit der liebenswerten alten Lady. Zudem macht der Leser die Bekanntschaft mit den Mitgliedern des „Dienstagabend-Klubs“, eine illustre Runde unterschiedlicher Charaktere, die Miss Marple vielfältige Gelegenheit bieten, ihren kriminalistischen Spürsinn einzusetzen.

Eine absolut kurzweilige Lektüre…!

erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455600315