[Rezension] Astrid Lindgren – Steine auf dem Küchenbord & Jubiläumsedition

Das Buch „Steine auf dem Küchenbord“ wäre ein wunderbares Geschenk für alle Lindgren-Fans aber ebenso für alle, die bisher eher wenig von ihr gelesen haben (Gibt es das?). Dieses feine Büchlein beinhaltet Zitate, Interwies und Tagebuchaufzeichnungen und lässt die Welt dieser wunderbaren Erzählerin lebendig werden.

Im Mittelpunkt spürt der Leser den humanitären Gedanken, ihre Liebe zu Kinder, ihr Aufruf zu Toleranz und gewaltfreier Erziehung – aber auch ihren Humor und ihre Ernsthaftigkeit. Bei ihrer Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels formulierte sie so treffend: „Vielleicht wäre es gut, wenn wir alle einen kleinen Stein auf das Küchenbord legten als Mahnung für uns und für die Kinder: Niemals Gewalt!“

Zum 100. Geburtstag erschien die wunderbare Jubiläumsedition in 12 Bänden im Schuber und bescherte uns ein Wiederlesen mit allen ihren wunderbaren, außergewöhnlichen Heldinnen und Helden: Michel, Matilda, Kalle oder Ronja.

Dabei überschritt Astrid Lindgren in der Charakterisierung ihrer Heldinnen und Helden die Grenzen der gewohnten Geschlechter-Rollen: Pippi darf stark und frech sein, Jonathan darf nachdenklich und sensibel sein.

Ihr Schreibstil durchzieht eine zarte Poesie, und selbst ihre Beschreibungen von „schlimmen“ Ereignissen erhalten dadurch eine Leichtigkeit, regen zum Nachdenken und Auseinandersetzen an – ohne die Seele eines Kindes zu schaden. Nicht umsonst ist sie mit ihrer abwechslungsreichen und phantasievollen Erzählkunst eine der erfolgreichsten Kinder- und Jugendbuchautorinnen.

Ihr größtes Geschenk an Generationen von Kindern war ihr Aufruf „Du darfst so sein, wie Du sein willst und bist es wert, geliebt zu werden!“

„Steine auf dem Küchenbord“ erschienen bei Oetinger/ ISBN: 978-3789141362

„Astrid Lindgren Jubiläumsedition“ erschienen bei Oetinger/ ISBN: 978-3789140884

[Rezension] Alan Bradley – Flavia de Luce

…auf dem Sofa sitzen,

…den Kaffeebecher in greifbarer Nähe,

…den Kater kraulend auf dem Schoß,

…und versinken in Flavias Welt.

Nach zwei Lesungen aus ihrem 1. Fall „Mord im Gurkenbeet“, ist sie inzwischen schon „eine alte Bekannte“ für mich geworden,…

…diese kleine, vorlaute und altkluge Göre mit dem Hang zur Chemie, die gleichzeitig nervig und witzig sein kann,…

…im England der 50er Jahre lebt, eine kuriose Familie ihr Eigen nennt und mit einer großen Portion gesunden Selbstbewusstseins ihre Fälle löst,…

Alan Bradley sorgte in Krimi-Kreisen für eine Sensation als er 2007 mit dem „Dagger Award“ für sein unveröffentlichtes Debüt „Mord im Gurkenbeet“ ausgezeichnet wurde. Nach seinem Erscheinen auf dem Buchmarkt sollten im Jahr 2010 noch viele weitere Auszeichnungen für „den besten Debütroman“ folgen („Arthur Ellis Award“, „Agatha Award“, „Dilys Award“, „Spotted Owl Award“ und „Macavity Award“).

…und natürlich stehen auch die Bände 2-8 schon lange in meinem Bücherregal und bescherten mir  immer eine vergnügliche Lektüre,…

…und werden bald Gesellschaft von Band 9 „Der Tod sitzt mit im Boot“ erhalten, der gerade druckfrisch erschienen ist.

Also: Flavia-Entzug wird sich bei mir nicht so schnell einstellen,…

…und mein Kater liebt es glücklicherweise, gekrault zu werden!!!


erschienen bei Penhaligon/ ISBN:978-3764530273 & 978-3764531140

[Rezension] Ulla Lachauer – Der Akazienkavalier

Ich schlenderte durch meine Stamm-Buchhandlung, nahm mal hier ein Buch aus dem Regal, las mal dort einen Klappentext und stand irgendwann vor dem Tisch mit den Neuerscheinungen. Mein Blick schweifte über die dort präsentierten Bücher und blieb plötzlich bei einem Titel hängen: Der Akazienkavalier.

Für mich klang der Titel nach einer kitschigen Liebes-Schmonzette. Vor meinem geistigen Auge sah ich ein adliges Fräulein (natürlich mit mind. 2 „Tie-äitsch“ im Namen) beim morgendlichen Ausritt vom Ross stürzen, sich von dem wie zufällig in der Nähe befindlichen Gärtner, der selbstverständlich der einzige aber uneheliche Sohn des Grafen von „Was-auch-immer“ ist, aus dem Matsch helfen, der sie natürlich auf seinen starken Armen tragend ins Schloss geleitet.

Das Foto der Autorin, das ich auf dem Umschlag entdeckte, entsprach allerdings nicht meiner Vorstellung von einer Verfasserin von Groschenromanen: kein „Barbara-Cartland-look-alike“ war auf dem Foto zu sehen, sondern eine Frau mit einem intelligenten Gesicht, lächelnd mit Fältchen um die Augen.

Von Menschen und Gärten“ lautete der Untertitel. Ich lächelte! Hatte ich doch selbst vor wenigen Stunden noch auf Knien in den Rabatten gehockt, über das störrische Unkraut geschimpft aber dabei dem frischen Grün und den ersten Knospen kaum Beachtung geschenkt.

Ulla Lachauer hat 18 Kurzgeschichten in ihrem Buch vereint. Lange und weniger lange Geschichten über Menschen und ihre Liebe zu Gärten, ihre Abhängigkeit zu Gärten, Gärten als Spiegelbild der Seele, ihre Gärten im Wandel der Zeit und ihre Erinnerung an längst vergangene Gärten. Wobei der Begriff „Garten“ großzügig verwendet wird: der alles überwuchernde „Ficus benjamini“ in der Küche der Familie Lachauer findet hier ebenso seinen Platz wie die Kakteen-Wüste auf der Fensterbank eines bekannten Schauspielers.

Vielmehr geht es Frau Lachauer um die Symbiose des Menschen zur Natur: wir nehmen sie als selbstverständlich hin, sie ist einfach da und beschenkt uns Tag für Tag mit Farben und Düfte. Erst, wenn sie verloren scheint, sehnen wir uns nach ihrem Schutz und Trost. Und dieses Sehnen hat Frau Lachauer in ihren Geschichten sensibel, manchmal melancholisch aufgezeichnet.

Beim Lesen schweiften meine Gedanken hin und wieder ab, und ich dachte an den Garten meiner Kindheit: kaum 4-jährig saß ich auf der kleinen Mauer des Frühbeetes und beobachtete meinen Opa beim Kartoffelpflanzen. In mehreren Reihen warteten kleine Mulden in der dunklen Erde, die vorgekeimten Knollen aufzunehmen. Und während mein Opa Mulde für Mulde füllte und schloss, schlich ich mich mit einer Kartoffel in der Hand zur letzten Mulde in der Reihe, legte sie dort heimlich ab und freute mich königlich, wenn Opa scheinbar überrascht über dieses „Wunder“ staunte.

Zukünftig werde ich meinem Unkraut mit Gelassenheit begegnen und lieber häufiger meine Nase in die Lavendelblüten tauchen, zwischen meinen Fingern die Blätter der Minze zerreiben und mich über die Farben der Clematisblüte freuen.

erschienen bei Rowohlt/ ISBN: 978-3498039271

[Rezension] Fanny Müller – Keks, Frau K. und Katastrophen

Vor langer, langer Zeit lief auf WDR die unterhaltsame Sendung „Was liest Du?“, in der Jürgen von der Lippe zusammen mit prominenten Gästen Bücher vorstellte. Im Jahr 2005 war der wunderbare Dirk Bach zu Gast, und die Beiden lasen aus „Keks, Frau K. und Katastrophen“ von Funny Müller.

Ich hatte mich köstlich darüber amüsiert und bin am nächsten Tag hyperaktiv losgerannt, um mir dieses Buch zu besorgen.

Und nun sitze ich hier und schreibe meine eigene kleine Kolumne – `tschuldigung REZENSION…

Vorweg: Fanny Müller, wer ist das? Diese Frage werden sich außer mir sicher einige der WDR-Zuschauer gestellt haben. Wo hat sich diese Frau versteckt? Wieso ist sie mir als einigermaßen (ein)gebildeter Leser bisher nicht in die Finger und somit nicht vor`s Auge gekommen?

Die Antwort ist eigentlich sehr einfach: die Frau schreibt Kolumnen für div. Zeitschriften. Und da ich ein Leser und kein Blätterer bin, weder häufig im Wartezimmer eines Gynäkologen (wozu auch), noch in sogenannten Intellektuellenkneipen (dafür sind meine Haare zu ordentlich gekämmt) `rumsitze, hatte ich diese Frau bisher nicht wahrgenommen.

Das änderte sich nun schlagartig…………(Jürgen & Dirk, ich danke euch!!!)

Frau Müller schreibt kleine, feine, freche Alltagsgeschichten und schaut dabei ihren Mitmenschen sehr genau auf`s Maul und in`s Herz. Sie macht dies auf einer herrlich schnodderigen Art und schert sich nicht die Bohne darum, ob dies nun „political correct“ ist.

Und somit geht sie uns allen (incl. sich selbst) an den Kragen, ist entwaffnend ehrlich aber nie gemein.

Ihre Geschichten sind dabei kleine Lichtblicke im trüben Einerlei, ein Augenblinzeln und schon ist die Geschichte zu Ende. Aber gerade die alltäglichen Kleinigkeiten beinhalten oft eine besondere Komik. Jeder und jedes bekommt genüsslich von ihr das Fett weg: die Lust, das Laster & die Literatur, Politiker & Punks, Chefs & Handwerker, die liebe Familie & die nervigen Nachbarn, ihre Verflossenen & Männer im Allgemeinen. Absolute Highlights setzt sie mit den Anekdoten ihrer Nachbarin Frau K.: Diese kluge, alte Frau bringt häufig mit einem Satz, manchmal nur mit einem Wort die Absurditäten ihrer Umwelt so treffend auf den Punkt, dass ich beim Lesen in spontanes Gegackere ausgebrochen bin und völlig begeistert war (Frau K., ich will ein Kind von dir!).

Frau M.: „Ich nehme an, Sie haben in Ihrem Leben schon alles gesehen?“ Frau K.: „Zweimal.“

Nach vielen (580) Seiten war der Spaß dann leider vorbei. Einigen Tagen später war ich auf Entzug und brauchte dringend Nachschub,…

…aber niemand wollte mir den Weg zum nächsten Gynäkologen weisen!

erschienen bei Zweitausendeins/ ISBN: 978-3861505358