[Oper] Giuseppe Verdi – LA TRAVIATA / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Giuseppe Verdi / Libretto vom Francesco Maria Piave / nach dem Roman Die Kameliendame von Alexandre Dumas d.J. // in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 14. März 2026 / besuchte Vorstellung: 14. März 2026

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG Katharina Kastening
BÜHNE & KOSTÜME Matthias Kronfuss
DRAMATURGIE Torben Selk
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Daniel Lang

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
MITARBEIT KOSTÜM Edin Spahic
STUDIENLEITUNG Hartmut Brüsch
MUSIKALISCHE EINSTUDIERUNG Jorrit van den Ham, Tonio Shiga
INSPIZIENZ Mahina Gallinger
REGIEHOSPITANZ & FSJ KULTUR Josefine-Alicia Ocko


Es war der 6. März 1853 als sich im Teatro La Fenice in Venedig der Vorhang zur Uraufführung von LA TRAVIATA hob. Die Begeisterung der Zuschauer*innen hielt sich in überschaubaren Grenzen. Da wagte es dieser Verdi doch tatsächlich das Leben einer Prostituierten, die zudem auch noch mitten auf der Bühne an Schwindsucht stirbt, auf die Bretter zu stellen. Die Hautevolee von Venedig war empört. Doch was waren die Gründe für diesen Aufruhr? Ich wage zu spekulieren. Wahrscheinlich hatte das auf der Bühne gezeigte viel zu viel mit der Realität der Zuschauenden zu tun: Entweder saßen im Publikum Männer, die selber sich den Luxus einer Mätresse gönnten, und deren anwesende Gattinnen sicherlich nicht an diese Schmach erinnert werden wollten, oder es waren eben jene Damen des entsprechenden Gewerbes zugegen, die zwar stillschweigend geduldet wurden, aber nun befürchteten, dass ihr Berufsstand durch die Oper zu viel Aufmerksamkeit erfährt. Denn schließlich funktionierten besagte Arrangements nur dank strikter Diskretion.

173 Jahre später und ca. 1.000 km (Luftlinie) nördlicher hob sich abermals der Vorhang zu einer Premiere von LA TRAVIATA und löste schlussendlich auch hier beim Publikum einen kleinen Tumult aus. Allerdings erzürnte sich hier niemand über das auf der Bühne Gezeigte. Bremerhaven an der Weser blickt auf eine so facettenreiche Geschichte der Seefahrt, da gehören die „leichten Mädels“ zum Flair einer anständigen Hafenstadt einfach dazu. Vielmehr wurden diesmal die künstlerischen Leistungen der beteiligten Künstler*innen mit viel Jubel gefeiert – einem Jubel, dem ich mich nur allzu gerne anschloss, auch wenn einige Fragen für mich unbeantwortet blieben.


HINWEIS: DIE OBIGE AUFNAHME STAMMTE NICHT AUS DER BESPROCHENEN INSZENIERUNG SONDERN DIENT NUR DAZU, EINEN EINDRUCK VON DER MUSIK ZU VERMITTELN.

1. AKT Violetta Valéry arbeitet in einem Edel-Escort-Club. Sie ist schwer krank, nimmt aber weiter an den berüchtigten Feiern ihrer Freundin Flora Bervoix teil. Dort gesteht der Charmeur Alfredo Germont ihr seine Liebe. Sie gibt ihm eine Kamelie und bittet ihn, zurückzukommen, sobald die Blume verblüht ist. Die Gäste verabschieden sich. Die beiden kommen sich näher. Doch Violetta spürt schon den Tod im Nacken. // 2. AKT Wenige Monate später leben die beiden zusammen. Violetta hat ihr Leben als Escort-Dame aufgegeben. Doch Alfredos Vater sieht den guten Ruf seiner Familie und die Verlobung seiner Tochter gefährdet. Die beiden sollen sich trennen. Schweren Herzens gibt Violetta nach – wissend, dass ihr sowieso nicht mehr viel Zeit bleibt. Sie schreibt Alfredo einen Brief, ihr früheres Leben wiederaufnehmen zu wollen. Alfredo findet sie auf einer Feier von Flora wieder – zusammen mit Barone Douphol, den sie schon länger kennt. Alfredo wird wütend. Zum Ärger der Gäste und seines Vaters stellt er Violetta bloß. Der Barone fordert Alfredo zum Duell. // 3. AKT Violetta liegt im Sterben. Als Escort-Dame kann sie schon lange nicht mehr arbeiten, ihren Besitz musste sie aufgeben. Alfredo hat das Duell überlebt und sucht Violetta reumütig auf, um sich zu entschuldigen. Auch sein Vater fühlt sich schuldig, den beiden so viel Leiden bereitet zu haben. Noch einmal zieht Violettas Leben an ihr vorbei. War alles nur ein Traum? 

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


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Das Stadttheater Bremerhaven bietet jungen Regisseur*innen immer wieder gerne die Möglichkeit, ihre Profession zu verfeinern und sich weitere Sporen zu verdienen. Für LA TRAVIATA warf Katharina Kastening einen frischen Blick auf die bekannte Geschichte, fand einige bemerkenswerte Neuinterpretationen und versetzte die Handlung ins Heute: VIOLETTA ist auf ihrer Flucht vor dem Krieg in der Ukraine mit ihren beiden Kindern in Paris gestrandet. Der Vater ihrer Kinder ist an der Kriegsfront ums Leben gekommen. VIOLETTAs Handlungen erhielten dadurch eine gänzlich andere Motivation. Diese Hintergrundinformationen erfuhren wir in den Krankenhaus-Szenen dank der gelungenen Videoeinspielungen. Der Chor war nicht nur „schmückendes Beiwerk“, sondern wurde bei Kastening zur machtvollen Einheit, zur dunklen Bedrohung, zum nahenden Tod, der VIOLETTA stets auf den Fersen war, und dem sie nicht entkommen konnte. Als der Tod unausweichlich schien, ließ die Regisseurin die Kulissen der vorangegangenen Szenen abermals vom Schnürboden schweben, beinah so als würde sich vor VIOLETTAs inneren Augen ihr Leben wie im Film zum letzten Mal abspulen.

Katharina Kastening ließ sich von Matthias Kronfuss, der gemeinsam mit Edvin Spahic auch die stimmigen Kostüme schuf, ein Bühnenbild entwerfen, das sehr viel fürs Auge bot und mich durch seinen Realismus zum Staunen brachte: vom noblen Nachtclub im samtenen Rot und dem stylische Loft von FLORA über die sanierungsbedürftige Altbauwohnung von VIOLETTA und ALFREDO und dem sterilen Krankenhausflur. Doch leider konnten mich die Szenen im Nachtclub und im Loft wenig berühren: Hier schien die Optik den Emotionen im Weg zu stehen und diese zu überdecken bzw. zu erdrücken. Aber vielleicht war genau dies die Intention der Regisseurin, die VIOLETTA und ihre Hostessen-Kolleginnen in einem uniformierten Style auftreten ließ: Individualität überfordert die Kundschaft, gewollt ist der gefällige Einheits-Look – beinah so als würde ich mir die aufgepimpten Accounts so mancher Influencerinnen anschauen. Erst als VIOLETTA ihre helmartige Perücke abstriff, erschien ein echter Mensch unter dieser Maskerade.

Da wundert es nicht, dass mich die intimeren Szenen in der Altbauwohnung und auf dem Krankenhausflur umso mehr berührten. Hier schuf Kastening für ihre Figuren Spielräume, in denen sie ganz privat sein konnten, und wo es ihnen ein Verstecken hinter Masken und Konventionen unmöglich machte. Klug war es, dem Publikum stets eine Möglichkeit zu bieten, um hinter die Kulisse, hinter die Fassade zu blicken. Denn hier auf einer eigenen Tribüne mit bestem Blick auf das Geschehen lauerte der Tod in Form des Chores und wartete auf die Gelegenheit, um zuzuschlagen.

Die Sänger*innen des Opernchores sowie des Extra-Chores boten unter der versierten Leitung von Edward Mauritius Münch nicht nur eine gesanglich runde Leistung, sondern waren individuell schwarz gewandet und mit wächsernen Gesichtern als stets präsenter Tod sehr bedrohlich. Marc Niemann entlockte dem Philharmonischen Orchester eine detailreiche Interpretation von Verdis Kompositionen – einerseits voller Klangfülle, dann wieder sehr klar und feinnervig differenziert.

Vielleicht war dieser Bruch zwischen den beiden Lebenswelten auch der Grund, dass Timothy Edlin, Andrew Irwin, Masahiro Yamada und James Bobby als spendable Kunden auf FLORAs Partys in plakative Stereotypen verharren mussten und so in ihrer Darstellung der Figuren nur hohle Klischees bedienten. Im Gegenteil dazu stellte Paula Meyer (Neuzugang im Opernchor) als ANNINA eine Figur auf die Bühne, die atmete und so ehrliche Emotionen vermittelte. Boshana Milkov konnte bei den wenigen Phrasen, die sie als FLORA BERVOIX solistisch zu leisten hatte, leider nur wenig von ihrem Gesangstalent zeigen, glich dies mit einer immensen Bühnenpräsenz aus und bot in den sensationellen Kostümen rassig-mondäne Auftritte.

Weilian Wang zeigte optisch einen markigen ALFREDO GERMONT und sang die Partie mit tenoraler Kraft, dann wieder zart und mit fein-nuancierter Phrasierung. Leider konnte (evtl. auch: sollte) er mit seiner Interpretation nicht gänzlich meine Sympathie gewinnen. Auf mich wirkte er wie ein verwöhnter Schnösel, bei dem ich mir seiner Beweggründe nie völlig sicher war: Litt er wahrhaftig mit VIOLETTA, oder war es eher Selbstmitleid gepaart mit gekränkter Eitelkeit? Umso sicherer galt meine Sympathie dem GIORGIO GERMONT von Marcin Hutek, der weniger als der alles beherrschende Patriarch auftrat, als vielmehr der liebende Vater, der um das Wohl seiner Familie besorgt war und dem es das Herz bricht, dass er zum Wohle seiner Tochter einer anderen jungen Frau das Glück verwehrte. Seinen warmen, noblen Bariton paarte Hutek mit einem gefühlvollen und nuancenreichen Spiel und war so für Victoria Kunzes VIOLETTA ein viel intimerer Gegenpart als ALFREDO. Vielleicht hatte die Regisseurin aber auch hier bewusst die tradierten Rollenbilder von Vater und Sohn umgekehrt, um neue Blickwinkel auf die Partien zu ermöglichen.

Hatte ich am Abend der ERÖFFNUNGSGALA nach dem Vortrag der Arie „Libiamo, ne´lieti calici“ noch die Befürchtung, dass bei dieser LA TRAVIATA der eher lyrische Sopran von Victoria Kunze durch den potenten Tenor von Weilian Wang überdeckt werden würde, so zeigte sie nun mit einer bewundernswerten Sicherheit die Fülle ihrer Stimme, ohne an Flexibilität und lyrischer Ausdruckskraft einzubüßen. Da stimmten die großen Gesangslinien ebenso wie die anspruchsvollen Koloraturen. Kompromisslos schlüpfte sie in die Haut von VIOLETTA VALÉRY. Auch sie ließ ihre Figur atmen und verschaffte ihr so Substanz und emotionale Tiefe. Manchmal genügte nur eine kleine Geste oder auch ein Blick, um die Tragik zu offenbaren. Und gerade diese kleinen Gesten und Blicke, die auf der großen Bühne allzu oft übersehen werden, waren es, die umso mehr mein Herz rührten und mich mit dieser starken Frau mitleiden ließen. Victoria Kunzes Rollendebüt als VIOLETTA VALÉRY war absolut grandios! BRAVISSIMO!

Ja, durchaus, bei dieser Inszenierung blieben einige Fragen für mich unbeantwortet. Tja, dann muss ich mich wohl oder übel ein weiteres Mal auf den Weg nach Bremerhaven machen, um Antworten auf diese unbeantworteten Fragen zu erhalten. Nicht nur VIOLETTA ist zu einem Opfer bereit! 😉


Selten wird auf der Bühne so herzzerreißend gelitten wie in der beliebten Verdi-Oper: Insgesamt nur 8 Mal steht LA TRAVIATA auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven. Also: hurtig Karten ordern!

[Oper] Giuseppe Verdi – MACBETH / Stadttheater Bremerhaven

Melodramma in vier Akten von Giuseppe Verdi / Libretto von Francesco Maria Piave / mit Ergänzungen von Andrea Maffei / nach The Tragedy of Macbeth von William Shakespeare / in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 17. September 2022 / besuchte Vorstellung: 23. November 2022
Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus

Musikalische Leitung: Marc Niemann
Inszenierung & Bühne: Philipp Westerbarkei
Kostüme: Tassilo Tesche
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández

„Süßer die Glocken nie klingen“ und „Have yourself a merry little christmas“ tönten abwechselnd mit ihren musikalischen Geschwistern um die Wette aus den Lautsprecherboxen, während ich mich der häuslichen Weihnachtsdekoration widmete. Mein Gatte lag derweil grippal lädiert im Bett – nicht besorgniserregend, doch eingeschränkt. Nachdem ich stundenlang an all dem lieblichen Adventszuckerguss in vielfacher Form genascht hatte, stand mir nun der Sinn nach etwas deftigeren. Und so sprang ich zuerst unter die Dusche, dann in die Klamotten und wenig später ins Auto, um mich auf den Weg nach Bremerhaven zu begeben. Im dortigen Stadttheater wartete Verdis Schlachtplatte auf den Verzehr…!

Die Feldherren Macbeth und Banquo kehren von einer siegreichen Schlacht zurück. Hexen weissagen, dass Macbeth Than von Cawdor und König, Banquo aber Vater von Königen sein werde. Boten verkünden, der König habe Macbeth zum Than von Cawdor erhoben. Beide Feldherren ergreift ein Schauder. Lady Macbeth liest einen Brief ihres Gatten, in dem dieser die Ereignisse und die Ankunft des Königs mitteilt. Macbeth selbst trifft ein, er ist dem König, der heute bei ihm übernachten will, vorausgeeilt. Die machthungrige Lady kann ihren Mann überreden, den König in der Nacht zu ermorden. Macbeth wird König, doch die Prophezeiung, dass sein Thron Banquos Erben zufallen wird, lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Er beschließt, Banquo und dessen Sohn ermorden zu lassen. Der Anschlag gelingt nur unvollständig. Während die Mörder Banquo töten, kann sein Sohn entkommen. Banquos Tod durch einen Mörder wird dem König gemeldet, der heuchlerisch sein Fehlen bedauert. Da erscheint ihm der Geist des Toten. Der entsetzte König ist fassungslos und muss durch seine Gattin beruhigt werden. Macbeth befragt noch einmal die Hexen nach der Zukunft und seinem Schicksal. Diese warnen ihn vor Macduff, doch der König beruhigt sich schnell, als er erfährt, dass ihn niemand überwinde, den ein Weib geboren hat. Lady Macbeth kann den König leicht dazu überreden, Macduff, seine Familie und andere Feinde zu vernichten. Macduff kann entkommen und hat sich an der Grenze von Schottland mit Malcolms Truppen vereinigt. Er schwört Macbeth, der seine Kinder töten ließ, bittere Rache. Arzt und Kammerfrau warten spät in der Nacht auf die Königin, die ihr böses Gewissen wahnsinnig werden ließ. Auch an diesem Abend erscheint sie irre redend, gesteht den entsetzten Lauschern ihre Taten und stirbt. Macbeth lässt der Tod seiner Frau gleichgültig, er gerät aber außer sich, als gemeldet wird, dass Truppen gegen ihn anrücken. Auf dem Schlachtfeld begegnet der König Macduff und erfährt, dass dieser nicht geboren, sondern aus dem Mutterleib geschnitten wurde. Macbeths Schicksal erfüllt sich, er fällt im Zweikampf. Macduff und die Krieger grüßen Malcolm, den neuen König.

Zimperlich waren die Beiden wahrlich nicht – weder William Shakespeare, aus dessen Feder die literarische Vorlage stammte, noch der Maestro Giuseppe Verdi bei seiner musikalischen Umsetzung. Blutrünstig geht es zu in diesem Melodramma. Doch wie heißt es so schön:

In der Oper wird mit einem Messer im Rücken zuerst gesungen und dann gestorben!

Und in diesem Fall wird viel gesungen und viel gestorben. Verdi brach mit den damalig vorherrschenden Gewohnheiten und verzichtete auf Heldentenor, Koloratur zwitschernden Sopran, Liebesgeschichte und sonstigem süßlichen Opern-Kitsch. Stattdessen beleuchtete er die psychologische Motivation der Figuren und etablierte den Opernchor als eigenständigen Protagonisten.


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Mein spontaner Blick auf den Saalplan offenbarte Überraschendes: Auch so kurzfristig war es durchaus noch möglich, in jeder Preiskategorie gute Sitzplätze zu ergattern. So saß ich (dem Sujet angemessen) königlich in der Mitte der vierten Reihe im Parkett. Links von mir war die restliche Reihe 4 ebenso frei, wie die komplette erste Reihe, und auch hinter mir klafften einige Lücken in den Sitzreihen. Was könnten die Gründe sein, dass das Publikum diese Inszenierung nicht stürmte? Waren es schon die Auswirkungen der Inflation, wo das Geld nicht mehr so locker sitzt, und jede*r von uns sich genau überlegt, wofür er es ausgibt? Lag es an der Stückauswahl mit den Themen Machtmissbrauch, Krieg und Gewalt? Rückte somit das Geschehen auf der Bühne zu nah an unsere eigene Realität? Wer weiß…?!

An der Qualität der Aufführung kann es nicht gelegen haben: Hier bot das Stadttheater wieder Erlesenes. Eingangs betrat Dramaturg Markus Tatzig die Bühne und ließ besonderes erahnen: Ein Ensemblemitglied war leider erkrankt. Aufgrund der Kurzfristigkeit kam es zu einer Rollenteilung: Tenor Michael Müller-Kasztelan von der Oper Kiel würde dankenswerter Weise die Partie des Malcom vom Bühnenrand singen, während Regieassistentin und Abendspielleitung Annika Ellen Osenberg die Rolle auf der Bühne verkörperte. Das ist eben Theater: Nichts ist vorhersehbar! Nichts ist wiederholbar! Alles ist live!

Regisseur Philipp Westerbarkei hat sich das Libretto sehr genau angeschaut und entwickelte aus ihm die Motivation des Handlungspersonals. Jede Reaktion scheint begründet, und jede Emotion ist nachvollziehbar. Gemeinsam mit seinem Ensemble erarbeitete er schlüssige Psychogramme der Personen und gönnte niemanden auf der Bühne eine Verschnaufpause. Alle waren hochkonzentriert präsent und boten somit nicht nur gesanglich sondern auch schauspielerisch hervorragende Leistungen. Sein Bühnenbild vermittelt Endzeitstimmung und lässt die Fiktion mit der Realität verschmelzen: Das Schloss von Macbeth wirkt wie der ausgebrannte bzw. zerbombte Theatersaal des Stadttheaters. Die Kostüme von Tassilo Tesche unterstreichen dieses Konzept.

In Verdis Oper ist der Chor nicht nur schmückendes Beiwerk oder dekorative Menschenmasse. Hier ist er eine eigenständige Hauptperson, die wesentlicher Bestandteil der Handlung ist, und dank der versierten Führung durch den Regisseur auch in den Charakteren Individualität zeigte. Für den grandiosen Klang zeichnete wieder Chorleiter Mario Orlando El Fakih Hernández verantwortlich, der es wunderbar verstand, den Opernchor mit dem Extrachor zu verschmelzen und aus beiden eine homogene Einheit zu formen.

In kleineren Häusern ist es nicht ungewöhnlich, dass kleinere Partien auch von Solisten aus dem Opernensemble verkörpert werden und somit zur Qualität der Aufführung beitragen: Boshana Milkov als Kammerfrau und Marcin Hutek als Arzt überzeugten so auch in ihren wenigen Auftritten. Konstantinos Klironomos gab mit potentem Tenor und dramatischem Spiel einen starken Macduff. Ulrich Burdack vermittelte als Banquo glaubhaft dessen Verzweiflung im Angesicht der unvermeidlichen Ereignisse.

Marion Pop brillierte gesanglich wie darstellerisch in seiner Rollen-Charakterisierung. Einerseits war sein Macbeth ein schmieriger Emporkömmling, der nach Macht dürstet, andererseits fehlten ihm „die Eier in der Hose“, um die Konsequenzen für sein Handeln zu tragen. Bemerkenswert, wie Pop die Zerrissenheit innerhalb dieser Figur Ausdruck verlieh. „Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau!“ In diesem Fall war es ein wahres Monster-Weib, das manipulativ, machthungrig und sexbesessen über Leichen ging. Signe Heiberg gab als Lady Macbeth ihr Rollendebüt: Mal gurrte sie verführerisch, dann scheute sie auch nicht die weniger schönen Töne, um die Ambivalenz ihrer Figur zu verdeutlichen, um im nächsten Moment ihre Stimme mit emotionaler Kraft über das Orchester hinweg in den Zuschauerraum zu schleudern. Grandios!

Ebenso grandios hat GMD Marc Niemann „seine“ Philharmoniker im Griff: Beginnend mit der düsteren Ouvertüre, zu dessen Takte die Lampen im Saal unheilvoll flackerten, um dann gänzlich zu erlöschen; über die mystischen Klänge der Holzbläser, die Unheil erahnen lassen; aufgelockert durch Passagen, die eine unbeschwerte Leichtigkeit vorgaukeln; nur um dann wieder in den dunklen Tonfarben zu verfallen, die die seelischen Abgründe der Protagonisten wiederspiegeln.

Hach, wie schön, dass ich mich nur mal eben auf den Weg nach „nebenan“ machen muss, um begeisterndes und aufwühlendes Theater erleben zu dürfen – auch ganz spontan…!


Studierende der Hochschule Bremerhaven begleiteten im Rahmen eines Seminars des Studiengangs „Digitale Medienproduktion“ einige Proben am Stadttheater und entwickelten hieraus einen äußerst sehenswerten Trailer:


Leider gibt es nur noch eine einzige Gelegenheit, diesen düsteren Opern-Krimi MACBETH auf der Bühne des Stadttheaters Bremerhaven erleben zu können…!