[Schauspiel] Günter Grass – DIE BLECHTROMMEL / Stadttheater Bremerhaven

Schauspiel nach Günter Grass / für die Bühne bearbeitet von Peter Schanz

Premiere: 9. November 2019 / besuchte Vorstellung: 17. November 2019

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Inszenierung: Mark Zurmühle
Bühne: Eleonore Bircher
Kostüme: Ilka Kobs
Video: Aaron Bircher
Musikalische Einstudierung: Hartmut Brüsch

„Zugegeben: Ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, lässt mich kaum aus den Augen.“

…dies ist nicht nur der erste Satz des Romans „Die Blechtrommel“, so beginnt auch das Schauspiel. Oskar Matzerath blickt zurück sowohl auf 50 Jahre Familiengeschichte als auch auf 50 Jahre deutscher Geschichte. Der Junge, der mit drei Jahren beschließt, nicht mehr weiterzuwachsen, ist Unschuld und Verkommenheit zugleich. Scheinbar harmlos wirkend beobachtet er mit einem beinah sezierenden Blick die Entwicklungen in der Familie und der Gesellschaft und zieht an den Schicksalsfäden ganz nach seinem Gusto. Mit dem Klang seiner Trommel und der Fähigkeit, Glas mit seiner Stimme zum Zerspringen zu bringen, manipuliert er erbarmungslos seine Umwelt.

Dem Regisseur Mark Zurmühle ist mit seinem 7-köpfigen Ensemble eine stringente, aufwühlende Inszenierung gelungen, in der – außer Max Roenneberg als Oskar Matzerath – alle übrigen Schauspieler*innen mehrere Rollen verkörpern. Das Schauspiel beginnt in der besagten Heil- und Pflegeanstalt: Beinah steril wirkt das Bühnenbild mit seinem runden Pavillon und den weißen Stühlen. Oskar liegt angeschnallt auf einer Behandlungsliege und wird von Ärzten, Pflegern und Schwestern in weißer, uniformierter Kluft beobachtet. Und während Oskar mit dem Erzählen beginnt, verwandelt sich das Personal der Heil- und Pflegeanstalt mit wenigen Requisiten und Kostümteilen in die Protagonisten seiner Geschichte…!

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Ein aufwendiges Bühnenbild wird nicht benötigt: Das Können der Schauspieler*innen fesselt das Publikum. Die Kraft ihrer Darstellung macht Hilfsmittel wie ein üppiges Bühnenbild überflüssig.

Max Roenneberg gibt einen wendigen Oskar, der jungenhaft naiv und diabolisch abstoßend zugleich ist, und bildet mit seinen Kolleg*innen ein eingespieltes Ensemble, das wie Perlen auf einer Schnur die Geschehnisse vor den Augen des Publikums aufreiht. Sascha Maria Icks, Richard Lingscheidt, Julia Lindhorst-Apfelthaler, Dominik Lindhorst-Apfelthaler, Kay Krause und Henning Bäcker bilden ein so homogenes Ensembles, dass es mir schwerfällt, einzelne Künstler hervorzuheben: Jede*r zeigte eine immense Wandlungsfähigkeit und hatte große, bewegende Momente. Mark Zurmühle verzichtet wohltuend auf plakative Gesten und greller Symbolik: Der Freitod mit dem Strick wird mit Hilfe einer Krawatte und einer Kartoffel dargestellt, und auch das Hakenkreuz wird nicht benötigt, um die Atmosphäre dieser Zeit zu repräsentieren.

Wer ein 60 Jahre altes Werk modern und eindrucksvoll auf der Bühne sehen möchte, sollte den Weg nach Bremerhaven nicht scheuen!


Oskar Matzerath wird DIE BLECHTROMMEL weiterhin für einige Vorstellungen am Stadttheater Bremerhaven schlagen…!

[Operette] Emmerich Kálmán – DIE HERZOGIN VON CHICAGO / Stadttheater Bremerhaven

Operette von Emmerich Kálmán / Libretto von Julius Brammer und Alfred Grünwald

Premiere: 9. Februar 2019 / besuchte Vorstellung: 28. Februar 2019

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Hartmut Brüsch
Inszenierung: Felix Seiler
Choreographie: Andrea Danae Kingston
Bühne & Kostüme: Barbara Bloch

Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández


Wie? Sie waren noch nie in einer Operette? Dann werde ich ihnen mal eben die Handlung skizzieren,…

Sie lernen sich kennen! Sie verlieben sich! Sie trennen sich! Sie finden wieder zueinander! Sie leben glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende! ENDE!

…und diese Zusammenfassung lässt sich auf nahezu ALLE Operetten übertragen!

Aber wer eine Operette wegen der intellektuellen Herausforderung besucht, ist schlicht und ergreifend am falschen Platz. Operette ist bestenfalls ein locker-leichtes Soufflé mit herrlicher Süße und zartem Schmelz (Nährwert: Fehlanzeige, Wohlfühlfaktor: reichlich).

In diesem Fall trafen wir auf Emmerich Kálmáns lang verschollene und darum selten gespielte Operette „Die Herzogin von Chicago“. Wie der Titel es schon erahnen lässt, trifft hier die neue auf die alte Welt, die Moderne auf die Tradition und der Charleston auf den Csárdás. Kálmáns Musik ist voller ironischer Zitate: Ich saß im Publikum und amüsierte mich über die versteckten Anspielungen an seine damaligen Kollegen der E- und U-Musik.

Das Stadttheater Bremerhaven bot in der Inszenierung von Felix Seiler vieles für Auge und Ohr: die Kulissen glitzerten, die Kostüme funkelten, die Sänger*innen „gaben dem Affen Zucker“ (Hier wurde sehr zur Freude des Publikums schamlos übertrieben!), die Tänzer*innen vom Ballett tanzten famos, und das fulminant aufspielende Philharmonische Orchester unter dem Dirigat von Hartmut Brüsch schmachtete durch die wunderbaren Melodien (Schon allein die Ouvertüre hätte ich gerne ein 2. Mal gehört).

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Selten habe ich ein so komödiantisch aufgelegtes Opern-Ensemble gesehen – allen voran das Buffo-Paar mit Victoria Kunze (Prinzessin Rosemarie) und MacKenzie Gallinger (James Jonny Jacques Bondy), während das „seriöse“ Paar bestehend aus Tijana Grujic (Miss Mary Lloyd) und Christopher Busietta (Sándor Boris) sich mit Schmelz durch die Arien sang. Schauspieler John Wesley Zielmann brillierte wieder mit seinem perfekten Timing für Komik. Das Ballett-Ensemble absolvierte in der abwechslungsreichen Choreografie von Andrea Danae Kingston eine Tour de Force und meistert diese mit Bravour!

Mit einer Melodie im Ohr machten wir uns auf den Heimweg: Ob es nun ein Charleston oder ein Csárdás war, ist doch völlig egal. Denn: „…so ein Charleston ist doch gar nix anderes als amerikanischer Csárdás!“

Definitiv: „BEST OF SCHMALZ“


DIE HERZOGIN VON CHICAGO swingt noch bis zum Ende dieser Spielzeit über die Bühne des Stadttheaters Bremerhaven!